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Fallstudie Tunesien: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung

Ressourcen nicht verschwenden - auch Klärschlamm kann man nutzen!


Feldarbeit Tunesien

Der Beitrag des Programms "Klär­schlamm­be­hand­lung und -ent­sor­gung in Tunesien" zum Millen­ni­ums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 7

Tunesien muss als wasserarmes Land jeden Tropfen Wasser nutzen. Denn das nörd­lich­ste Land in Afrika hat ein arides Klima, mit mediter­ranen Ein­flüs­sen in der Küsten­re­gion. Verglichen mit Deutsch­land fällt hier nur ein knap­pes Drit­tel der Nie­der­schlä­ge. Die auf 10 Mil­lionen an­ge­wach­sene Be­völ­ke­rung, mehr Indu­strie­be­triebe und ein immer größerer Be­darf in der Land­wirt­schaft üben einen star­ken Druck auf die be­grenz­ten Wasser­vor­räte des Schwellen­lan­des aus. Mit dem ge­stie­genen Wasser­ver­brauch in Haus­halten und Indu­strie steigt auch die Ab­wasser­menge an, die in Klär­an­lagen ge­reinigt wer­den muss. Im Reini­gungs­pro­zess fällt neben ge­reinig­tem Ab­wasser auch Klär­schlamm als "Ab­fall­pro­dukt" an. Wohin damit? Um die Lö­sung dieser Frage dreht sich das Programm.

Die Land­wirt­schaft braucht Wasser…

Die Bewässerungslandwirtschaft ist mit einem Anteil von cir­ca 80 Prozent der mit Ab­stand größte Wasser­konsu­ment in Tunesien. Die Ernte­er­träge auf künst­lich be­wässer­ten Böden sind um das Fünf­fache höher als im Regen­feld­bau; auf nur 8 Prozent der land­wirt­schaft­lichen Nutz­fläche wer­den circa 70 Prozent aller Agrar­expor­te er­zeugt. Da Tunesien aber nur über be­grenz­te Wasser­vor­kommen ver­fügt, lässt sich der An­teil be­wässer­ter Äcker nicht er­hö­hen. Es gilt daher, auch nicht-kon­ven­tionelle Wasser­ressourcen nutz­bar zu machen, wie zum Beispiel ge­reinig­tes Ab­wasser.

…und gute Böden!

Auch das Abfallprodukt der Abwasserreinigung, der Klär­schlamm, kann frucht­bringend genutzt werden: Mit dem organ­ischem Mate­rial lassen sich die Äcker düngen. Das ist not­wen­dig, denn die inten­sive Nut­zung hat die Böden in Tunesien aus­ge­laugt. Die Land­wirt­schaft ist von zen­tra­ler Bedeu­tung für die Ent­wick­lung des Landes: Getreide, Gemüse, Zitrus­früchte, Oliven und Datteln werden an­ge­baut. Der land­wirt­schaft­liche Sektor trägt mit rund 12 Prozent zum Brutto­in­lands­pro­dukt bei und ist mit 22 Prozent am Be­schäf­ti­gungs­sektor be­tei­ligt. Es ist also wich­tig, die Erträge aus der Land­wirt­schaft zu sichern und zu stei­gern. Damit erhöhen sich auch die Ein­kommen der Klein­bauern und Land­ar­bei­ter, und die Lebens­ver­hält­nisse im armen länd­lichen Raum können ver­bessert werden.

Klärschlamm kann aber auch giftig sein

Viele Nährstoffe sind im Klärschlamm; er kann aber auch durch Schwer­metalle aus der Indu­strie und andere Schad­stoffe belastet sein.
Die über 100 Kläranlagen des Landes produzieren je 1000 Kubik­meter Ab­wasser etwa einen Kubik­meter Klär­schlamm. Ins­ge­samt sind das jähr­lich rund 240.000 Kubik­meter Klär­schlamm; über die Hälfte davon ent­steht im Groß­raum Tunis. Der Klär­schlamm - die jähr­lich an­fallende Menge bedeckt 29 Fuß­ball­felder einen Meter hoch - wird derzeit über­wiegend auf dem Gelände der Klär­an­lagen zwischen­ge­lagert. Oder er wird auf nicht ordnungs­gemäßen Deponien entsorgt, in Flüsse oder das offene Meer geleitet. Daraus ergeben sich Risiken für die Umwelt und die Ge­sund­heit der Men­schen. Fisch­be­stände können bedroht und Trink­wasser­ressourcen ver­schmutzt werden. Die un­kon­trol­lierte Schlamm­de­po­nie­rung erhöht außer­dem den Aus­stoß von klima­schäd­lichen Gasen: Beim Faul­prozess entsteht Methan, ein Gas, welches die Ozon­sphäre der Erde 21-mal mehr schädigt als Kohlen­dioxid.

Klärschlamm muss verwertet oder sicher entsorgt werden

Kläranlage

Tunesien steht also vor der He­raus­for­de­rung, eine geeignete Ver­wer­tung oder sichere Wege für die Ent­sor­gung der an­fallen­den Klär­schlämme zu fin­den. Ge­mein­sam mit der tunesischen Re­gie­rung hat das BMZ des­halb ver­ein­bart, den Wasser­sek­tor zum Schwer­punkt der deutsch-tunesischen Ent­wick­lungs­zu­sammen­ar­beit zu machen und durch das Pro­gramm "Klär­schlamm­be­hand­lung und -ent­sor­gung" einen wich­tigen Bei­trag zur öko­lo­gischen Nach­hal­tig­keit im Wasser­sek­tor zu leisten. Als erster Schritt wurde 2006 die natio­nale Ab­wasser­be­hörde dabei unter­stützt, einen Ver­wer­tungs- und Ent­sor­gungs­plan auf­zu­stellen. Dieser sieht drei Wege vor: die land­wirt­schaft­liche Nut­zung, die Ver­bren­nung und die De­ponie­rung. Folgende Pro­jekte helfen bei der Umsetzung des nationalen Plans:

  1. Behandlung und Entsorgung von Klärschlamm
    Welche Klär­an­lage in Tunesien pro­du­ziert welche Quali­tät von Klär­schlamm für welche Ver­wen­dung? Diese Frage wird in dem vom BMZ be­auf­trag­ten Pro­jekt der finan­ziellen Zu­sammen­arbeit über die KfW zu­nächst landes­weit für die über 100 Klär­an­lagen in Tunesien unter­sucht. 25 bis 30 Prozent der an­fallen­den Menge ist für eine Ver­wen­dung in der Land­wirt­schaft geeignet. Aber nicht immer liegen die land­wirt­schaft­lichen Nutz­flächen in der Nähe der Klär­an­lagen, und wenn der Trans­port zu teuer wird, lohnt sich eine Ver­wer­tung in der Land­wirt­schaft nicht mehr.

    Daneben ist auch die Verbrennung interessant. Denn trockener Klär­schlamm hat einen hohen Energie­wert, er brennt wie Zunder. Eine Ver­bren­nung in Zement­fabriken, die viel Energie be­nö­tigen, ist eine Mög­lich­keit, die in Be­tracht kommt. Sie kann aber wegen ver­fahrens- und um­welt­tech­nischer sowie wirt­schaft­licher Fragen nur lang­fri­stig um­ge­setzt werden.

    Kurzfristig kann die ordnungsgemäße Behand­lung und Ent­sor­gung von Klär­schlämmen ge­leistet werden. Eine De­po­nie­rung be­hindert die spätere Nut­zung des Klär­schlamms nicht, weil man ihn auch später noch ver­brennen oder als Dünger ein­setzen kann. Darum unter­stützt die KfW den Bau von Zwischen­deponien. Außer­dem werden Fahr­zeuge für den Trans­port von Klär­schlamm finanziert.

  2. Verwertung von Klärschlamm und Ab­wasser in der Land­wirt­schaft
    Das im tunesischen Mini­sterium für Land­wirt­schaft an­ge­siedelte Projekt der tech­nischen Zu­sammen­arbeit des BMZ er­gänzt das oben ge­nannte Pro­jekt. Exper­ten der dafür be­auf­trag­ten GIZ ver­mitteln Fach­wissen zur Er­stellung einer Analyse, welche land­wirt­schaft­lichen Flächen für eine Be­wässe­rung mit ge­reinig­tem Ab­wasser be­ziehungs­weise für eine Dün­gung mit Klär­schlamm ge­eignet sind. Es geht dabei also um die Frage, wo, was und in welchen Mengen auf die Böden aufgebracht werden kann, damit die Er­träge steigen, die Umwelt und Ge­sund­heit aber nicht gefährdet wird. Und wie das mit einem geeigneten Moni­toring-System staat­lich überwacht werden kann: Dieses System wurde gemeinsam mit dem Mini­sterium für Ge­sund­heit und Umwelt entwickelt

    Denn der Schutz des Verbrauchers ist ebenso wichtig wie die Ab­siche­rung des Erzeugers: Der Kon­su­ment muss darauf ver­trauen dürfen, gesunde Lebens­mittel zu be­kommen. Der Pro­du­zent wieder­um braucht die Sicher­heit, dass seine Er­zeug­nisse den Richt­linien des inter­natio­nalen Marktes ent­sprechen.

    Das Projekt dient damit nicht nur der Errei­chung des öko­lo­gischen Millenniums­ziels Nummer 7. Es dient auch dem öko­no­mischen Ent­wicklungs­ziel Nummer 1, die pro­duk­tive Be­schäf­tigung zu steigern: Land­wirte können Klär­schlamm als Er­satz für teuren Kunst­dünger ein­setzen, höhere Er­träge er­zie­len und so ihr Ein­kommen steigern. Damit ver­bessern sich die Lebens­be­dingungen in ärmeren länd­lichen Gebie­ten. In der Pilot­region profi­tieren bereits circa 60 klein­bäuer­liche Betriebe in 15 Gouver­noraten von der um­welt­ver­träg­lichen Ver­wertung von Klär­schlamm auf einer Fläche von rund 600 Hektar.

Faulung von Klärschlamm zur Energiegewinnung

In weiteren Projekten des BMZ in Tunesien, die über die KfW realisiert wer­den, geht es auch dar­um, die Energie­kosten auf Klär­an­lagen zu senken. Dazu wird das im Faul­pro­zess frei­wer­dende Methan­gas gesammelt und in Strom und Wärme um­ge­wandelt. Methan­gas wird so nicht mehr un­kon­trol­liert frei­ge­setzt - ein wichtiger Beitrag zum Klima­schutz!

Auf einen Blick

Land: Tunesien
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Wasser­ver­sorgung und Abwasser- /Abfallentsorgung
Bezeichnung des Vorhabens: 1. "Klärschlammbehandlung und -entsorgung in Tunesien" und "Klär­schlamm­ent­sorgung in 10 Klär­an­lagen"
Politischer Partner: Nationale Abwasserbehörde Office National de l'Assainisse­ment
Durchführungsorganisationen: KfW
Budget des BMZ: 9,4 Millionen Euro
Mittel der KfW: 17,6 Millionen Euro
Laufzeit: 2011 bis 2018
Bezeichnung des Vorhabens: 2. "Landwirtschaftliche Nutzung von Klärschlamm und Ab­wasser in Tunesien"
Politischer Partner: Ministerium für Land­wirt­schaft
Durchführungsorganisationen: GIZ
Budget: 2 Millionen Euro
Laufzeit: 2011 bis 2014

Lexikon der Entwicklungspolitik

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