Grundsätze Warum brauchen wir Entwicklungspolitik?

Jeden Tag sterben Tausende Klein­kinder – an Hunger, an ver­meidbaren Krankheiten, durch Gewalt und Kriege. Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen, besonders betroffen sind davon Mädchen. Rund 700 Millionen Menschen leben in extremer Armut, mehr als zwei Mil­li­arden haben keinen Zugang zu einer angemessenen Sanitärversorgung.

Lehrer mit Schülern vor einer Schultafel im Flüchtlingscamps Nguenyyiel, Äthiopien

Lehrer mit Schülern vor einer Schultafel im Flüchtlingscamps Nguenyyiel, Äthiopien

Lehrer mit Schülern vor einer Schultafel im Flüchtlingscamps Nguenyyiel, Äthiopien

Der Klimawandel schreitet voran – dennoch wird jedes Jahr eine Waldfläche von 10 Millionen Hektar zerstört, das entspricht der Fläche der Bundes­länder Branden­burg und Bayern. Welt­weit leiden 75 Millionen Mädchen und Jungen unter ausbeuterischer Kinderarbeit und viele Millionen Menschen in "Billiglohnländern" erhalten Löhne, mit denen sie ihre Existenz nicht sichern können. Die Corona-Pan­demie hat diese Situation weiter verschärft.

Auf den ersten Blick haben all diese Probleme nur wenig mit dem Alltag der Menschen in Europa zu tun. Ist das wirklich so?

Entwicklungs­zu­sammen­arbeit – weil Wohlstand verpflichtet

Gerechtigkeit und Solidarität sind Grundwerte des menschlichen Lebens: Niemand darf weg­sehen, wenn in einem anderen Land un­mensch­liche Ver­hält­nisse herrschen. Wir sind nicht nur für das ver­ant­wortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Unsere Kultur basiert auf dem Ideal, dass die Starken die Schwachen unter­stützen. Und im deutschen Grund­gesetz steht: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der All­ge­mein­heit dienen."

Die Allgemeinheit, das sind in der globalisierten Welt nicht nur die Menschen in Deutsch­land und Europa, sondern auch die Menschen auf anderen Kontinenten. Der Groß­teil der Mensch­heit lebt in Ent­wick­lungs­ländern (Lexikon-Eintrag zum Begriff aufrufen). Der Reichtum der Welt konzentriert sich jedoch in den In­dus­trie­staaten – sie tragen dadurch Mit­ver­ant­wortung dafür, die Armut auf der Welt zu beseitigen.

Moderne Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit hat nichts mit den früheren Vor­stellungen von "Ent­wick­lungs­hilfe" und dem Verteilen von Almosen zu tun. Sie basiert auf einer partner­schaft­lichen Ko­operation mit gegen­seitigem Lernen, fördert die Selbst­hilfe und trägt dazu bei, dass Menschen sich aus eigener Kraft aus ihrer Armut be­freien können.

Die heutige Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit widmet sich neben den wirt­schaft­lichen auch den sozialen und öko­lo­gischen Problemen der Partner­länder. Sie können nicht nur auf Re­gierungs­ebene gelöst werden: In der wel­tweit ver­netzten Welt sind alle ge­sell­schaft­lichen Kräfte – Bürgerinnen und Bürger, Wirt­schaft, staatliche und zivil­ge­sell­schaft­liche Organisationen – gefordert, sich den Heraus­forderungen der Gegen­wart zu stellen, Ver­ant­wortung zu über­nehmen und konstruktiv zu­sam­men­zu­arbeiten.

Entwick­lungs­zu­sam­men­arbeit – weil sie uns allen hilft

Die Probleme der Gegenwart machen nicht an nationalen Grenzen halt. Klimawandel und Pandemien sind globale Phänomene und auch Terrorismus, Kriege und Bürgerkriege wirken grenz­über­schreitend.

Wenn wir unseren Lebensstandard in Europa erhalten wollen, müssen wir die Umwelt schonen, das Klima schützen und uns für welt­weiten Frieden einsetzen. Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit hilft, diese Heraus­forderungen zu bewältigen.

Durch die enge Verflechtung des Welt­wirt­schafts­systems wird unsere Volks­wirt­schaft von Krisen in anderen Ländern und Regionen stark be­ein­flusst. Vor allem das für Deutsch­land wichtige Export­ge­schäft hängt von einer stabilen Welt­wirt­schaft ab. Ge­walt­same Konflikte oder Finanz- und Wirt­schafts­krisen in Afrika, Asien oder Süd­amerika führen da­durch auch in Deutsch­land zum Ver­lust von Arbeits­plätzen. Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit, die darauf aus­ge­richtet ist, die Sicher­heit und die Volks­wirt­schaften in den Ko­opera­tions­ländern zu stabilisieren, stärkt auch die Wirt­schaft in Deutschland und in den anderen Geberländern.

Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hilft also nicht nur den Nehmern, sondern auch den Gebern. Durch sie ent­stehen kulturelle Be­ziehungen und wirt­schaft­liche Partner­schaften, die allen Seiten Gewinn bringen.

Deutschland war selbst einmal Empfänger­land inter­na­tio­naler Hilfs­pro­gramme. Unser im Zweiten Welt­krieg stark zer­störtes Land erhielt zum Bei­spiel durch den Marshall­plan Unter­stützung in Milliarden­höhe aus den USA. Die Deutschen er­lebten damals, wie wichtig und er­folg­reich Hilfe sein kann. Den Wohl­stand und die Werte­ordnung, die unser Land heute kenn­zeichnen, ver­danken wir auch dieser vor­aus­schauen­den Nach­kriegs­politik, die lang­fristige Ent­wicklung und Partner­schaft zur Grund­lage hatte. Nicht zuletzt diese Erfahrung bewog die Bundes­regierung, selbst in der Ent­wick­lungs­politik aktiv zu werden und 1961 als erstes Land in Europa ein Ent­wick­lungs­ministerium einzurichten.