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Fallstudie Malawi: Grundbildung

Schule für Schulabbrecher


Grundschüler in ihrem Klassenzimmer.

Der Beitrag des Programms "Förderung der Grundbildung in Malawi" zum Mil­len­ni­ums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 2

"Ich habe ein Jahr lang als Fährmann gearbeitet. Als ich endlich das Geld zusammen hatte, um wieder die Schule zu besuchen, sagte mein Vater: 'Wir schicken Deine kleine Schwester zur Schule.​'" Diese Geschichte des 14-jäh­ri­gen Schul­ab­brechers Timothy beschreibt die afrikanische Realität der Armen. Man bekommt sie zu hören, in vielen Variationen, wenn man die einfachen Leute vom Land nach ihrer Ausbildung fragt. Viel zu wenige haben eine ab­ge­schlos­se­ne Schulbildung: Weil dazu das Geld fehlte, weil sie zuhause auf dem Feld mithelfen mussten, oder weil sie als junge Mädchen schwanger geworden waren, haben sie die Schule verlassen müssen.

In Afrika südlich der Sahara leben mehr als die Hälfte aller Kinder weltweit, die keine Schule besuchen. Im Jahr 2010 waren das 33 Millionen Kinder oder ein Viertel aller Kinder im Grundschulalter, berichteten die Vereinten Nationen 2012. Betrachtet man Malawi, so werden fast alle Kinder eingeschult, im afrikanischen Durchschnitt ist das sehr gut. Aber nur die Hälfte aller Schul­an­fän­ger schafft nach acht Jahren den Grund­schul­ab­schluss. Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit unterstützt daher Malawi dabei, die Abschlusszahlen zu verbessern.

Der Bildungsnotstand ist nur eines von Malawis Problemen

Malawi zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Das kleine Agrarland am Malawi-See, etwa ein Drittel so groß wie Deutsch­land, hat große Probleme: Nach einer mehrjährigen Wachstumsphase stürzte das Land 2011 in eine wirt­schaft­liche und politische Krise. Nach dem Tode des Präsidenten Mutharika im April 2012 versucht seine Nachfolgerin Joyce Banda, das Vertrauen des Volkes und der in­ter­na­ti­o­nalen Geber wieder zu gewinnen und das Land aus der Krise zu führen.

Doch die He­raus­for­de­run­gen für die ehemalige Menschen­rechts­ak­ti­vis­tin Banda sind groß: Die chronische Devisen­knapp­heit des Landes und der starke Rückgang der ohnehin geringen Exporte können nicht über Nacht über­wun­den werden. Über die Hälfte der etwa 15 Millionen Einwohner des Landes leben unterhalb der Armuts­grenze von 1,25 US-Dollar täglich. Das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum von jährlich fast drei Prozent ist hoch - Malawi gehört zu den am dichtesten besiedelten afrikanischen Staaten. Der damit einhergehende wachsende Bedarf an Schulen, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen oder Arbeits­plätzen kann schon heute nicht gedeckt werden. Für einen großen Teil der Bevölkerung fehlt es außerhalb der Sub­sis­tenz­wirtschaft an Ein­kom­mens­pers­pek­tiven. Und mehr als ein Drittel der Menschen im Land können weder lesen noch schreiben.

Masse statt Klasse in Malawis Schulen

Im Jahr 2004 waren aber noch mehr als die Hälfte aller Malawier An­al­pha­be­ten. Tatsächlich hat sich die malawische Regierung, unterstützt von in­ter­na­ti­o­nalen Gebern wie Deutsch­land, schon in der Ver­gan­gen­heit sehr um eine Anhebung des Bildungs­niveaus bemüht. Bereits 1994 wurde in Malawi der Grund­schul­besuch für alle Kinder gebühren­frei. Dies führte zu einem ex­plo­sions­ar­ti­gen Anstieg der Schüler­zahlen. Wie auch in anderen Ländern des Kontinents, war das Bildungs­wesen nicht in der Lage, diesen Ansturm aufzunehmen: Es fehlten Schul­gebäude, Lehrer und Bücher, aber auch die Schul­ver­wal­tung konnte den An­for­de­run­gen des schnellen Wachs­tums nicht gerecht werden. In den letzten zehn Jahren haben sich die Ein­schu­lungs­rate und der Anteil der Kinder, die die Grund­schule abschließen, zwar verdoppelt - allerdings um den Preis größerer Klassen und eines sinkenden Niveaus.

Ein schlecht ausgebildeter Lehrer, der sich um 80 bis 90 bis Kinder kümmern muss, und manchmal auch vor 200 Schülern steht: So sieht es nicht selten in Malawis Dorfschulen aus. Kein Wunder also, wenn 14 von 100 Kindern die Grundschule schon in der ersten Klasse abbrechen.

Kein Kind zurücklassen!

Wie kann man die "drop-outs" auffangen, den Schul­ab­brechern eine zweite Chance geben? Diese Frage führte zur Ent­wick­lung einer in­no­va­ti­ven Programm­kom­po­nen­te der deutsch-malawischen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit. Seit 2005 finanziert das BMZ gemeinsam mit dem mala­wi­schen Bil­dungs­mi­nis­te­rium ein Pilot­programm zur nach­ho­len­den Grund­bildung, welches die GIZ im Rahmen des Förder­schwer­punktes "Grund­bildung in Malawi" durch­führt. Ziel ist die Wieder­ein­glie­de­rung der Schul­ab­brecher in das normale Schul­system. Das ist keine leichte Aufgabe, häufiges Fern­bleiben der Kinder vom Unter­richt ist ein großes Problem. Dennoch belegen die Zahlen, dass die Wieder­ein­glie­de­rung ins Schul­system gelingen kann, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Drei statt fünf Jahre in kleinen Klassen:
    Das nationale Curriculum der ersten fünf Klassen der Primar­schule wurde auf drei Jahre komprimiert. Die Klassen sind mit rund 30 Kindern klein, die Kinder werden besser als in den staat­lichen Schulen gefördert.
  • Engagierte Lehrer:
    Die Lehrkräfte erhalten eine einführende Ausbildung, regel­mäßige Fort­bil­dun­gen und eine wöchent­liche Betreuung, um einen interessanten und ab­wechs­lungs­reichen Unter­richt gestalten zu können.
  • Interessanter Unterrichtsstoff:
    Die Themen aus dem nationalen Curriculum werden neu kombiniert und in einer Weise behandelt, die sich an der Lebenswirklichkeit der Kinder orientiert; so können sie einen praktischen Nutzen aus dem Gelernten ziehen. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wird auch Land­wirt­schaft und Umwelt, Gesundes Leben, Staatsbürgerkunde und Lebensunterhalt unterrichtet.

Bis 2010 haben bereits 10.000 benachteiligte Kinder und Jugendliche an der außer­schu­li­schen Grund­bildung teil­ge­nom­men. Die erworbenen Kenntnisse und Fähig­keiten sind Grund­lage für weiteres Lernen – und die Wieder­ein­glie­de­rung in die Regel­schule. In einigen Jahren wird sich erst zeigen, wie viele der ehemaligen Schul­ab­brecher auch tatsächlich einen Schul­abschluss erreichen, und damit eine Grundlage für einen Beruf legen können. Dann wird sich zeigen, ob das Pilot­programm auch einen indirekten Beitrag zum ersten Millenniums­ent­wick­lungs­ziel, die extreme Armut und den Hunger zu beseitigen, leisten konnte.

Wie geht es weiter?

Die Regierung Malawis hat das Programm in den nationalen Bildungsplan integriert und weitet es nun selbstständig und mit eigenen Mitteln aus. Seit Ende 2012 werden 18.000 Kinder in 600 staatlichen Lernzentren ausgebildet.

Die Aufgabe, diese Kinder anschließend bis zum erfolgreichen Schulabschluss zu bringen, bleibt jedoch bestehen. Deutsch­land unterstützt das malawische Bildungs­ministerium darum auch weiterhin bei der Erreichung des Mil­len­ni­ums­ent­wick­lungs­zieles Nr. 2, die all­ge­mei­ne Grund­bildung zu ver­wirk­li­chen. Im Mittel­punkt stehen gemäß der nationalen Bildungs­stra­te­gie bis 2018 unter anderem der weitere Ausbau und die De­zen­tra­li­sie­rung des Bildungs­wesens sowie der Ver­bes­se­rung der Lehrerbildung.

Die landesweite Ausweitung der nach­ho­len­den Grund­bildung wird noch bis Mitte 2014 gefördert: Unter anderem wird eine Testphase zur Übertragung des Ansatzes vom ländlichen auf den urbanen Raum unterstützt. Besonderer Wert wird dabei auf die Nach­hal­tig­keit der nachholenden Grundbildung gelegt: Die Wieder­ein­glie­de­rung der Schul­ab­brecher in die Regel­schule ist schließlich nur der erste Schritt. Entscheidend ist, dass die Schülerinnen und Schüler die Grundschule auch tatsächlich erfolgreich abschließen.

Rund 600.000 Kinder und Jugendliche in Malawi besuchen derzeit noch überhaupt keine Schule. Das Millenniumsziel, ihnen allen bis 2015 elementare Bildung angedeihen zu lassen, ist eine große He­raus­for­de­rung. Diese Erkenntnis macht dennoch nicht mutlos. Im Gegenteil, sie motiviert: Weil doch jedes einzelne Kind zählt!

Auf einen Blick

Land: Malawi
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Grundbildung
Bezeichnung des Programms: Förderung der Grundbildung in Malawi
Projektträger: Malawisches Bildungsministerium
Durchführungsorganisation: GIZ
Budget: 9,1 Millionen Euro
Laufzeit: 07/2010 bis 06/2014

Lexikon der Entwicklungspolitik

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