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Fallstudie Laos: Ländliche Infrastruktur

Wege für die Entwicklung ebnen


Neue Elektrizitätsleitung entlang einer Projektstraße, Laos.

Der Beitrag des Programms "Ländliche Infra­struk­tur in Laos" zum Mil­len­ni­ums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 1

Wer den Sinn und die Wirkung von Projekten im Verkehrssektor beurteilen will, landet bald bei dem volkswirtschaft­lichen Grundsatz, dass wirt­schaft­liche Ent­wick­lung eine an­ge­mes­se­ne Trans­port­infra­struk­tur benötigt. Genau daran, an Straßen und Wegen, fehlt es in Laos, einem der ärmsten Länder Asiens. Mit Hilfe der Weltbank und der Asiatischen Ent­wick­lungs­bank wurden in den letzten Jahren Über­land­straßen aus­ge­baut. Sie ver­bin­den das land­um­schlos­se­ne Laos mit seinen Nach­bar­ländern Thailand, Kam­bod­scha, Vietnam und China. Auf ihnen rollt nun der Verkehr; die nationalen Routen machen Handels­beziehungen erst möglich, und sie öffnen das Land für den Tourismus. Doch abseits der National­straßen, in den nörd­lichen Bergen oder im armen Süden von Laos, sind weite Land­striche in der Regen­zeit von der Außen­welt abgeschlossen.

Viele Dörfer sind nur über unbefestigte Wege zu erreichen

Während der Monsunzeit, wenn der Regen von Mai bis Oktober fällt, werden diese Wege unpassierbar. Fahrzeuge kommen die Berge nicht mehr hoch, rutschen die steilen Abhänge hinunter, oder bleiben bis zu den Achsen im Schlamm stecken. Liegen­gebliebene Last­wagen blockieren manchmal tage­lang die Straße, bis sie mit Hacke und Schaufel wieder ausgegraben sind und die Sonne die Fahrspur getrocknet hat. Furten werden nach einem Stark­regen zu reißenden Strom­schnellen und können nicht mehr überquert werden; die Fluten kippen auch schon mal einen Bus um.

Während der Regenzeit, fast ein halbes Jahr lang, haben die Bauern Schwie­rig­keiten, zum nächsten Markt oder Ver­wal­tungs­zentrum zu kommen. Die Wirtschaft wird fast lahm gelegt. Kinder können oft nicht zur Schule gehen; Frauen, die lieber im Kranken­haus entbinden würden, müssen ihr Kind zuhause gebären. Und gehen das Risiko ein, dabei ihr Leben oder das ihres Kindes zu verlieren. So sieht es in der Realität aus, wenn es keine "an­ge­mes­se­ne Trans­port­infra­struktur" gibt. Und das sind die Gründe, warum Deutsch­land sich im länd­lichen Straßen­bau engagiert, auf aus­drück­lichen Wunsch der laotischen Regierung und des Ministry of Public Works and Transport. Die Projekte finden in entlegenen Gebieten statt und sind nicht prestige­trächtig, wie der Bau einer wichtigen Über­land­straße. Aber sie ver­bes­sern die Lebens­be­din­gungen der Bergvölker direkt und substanziell.

820 Kilometer Straße dienen 140.000 Menschen

Seit 2003 finanziert die KfW im Auftrag des BMZ den ländlichen Wegebau in den nörd­lichen Provinzen Bokeo, Luang Namtha und Oudomxay und seit 2010 in Sayaboury; im gleichen Jahr startete auch der Ausbau der Straßen in der südlichen Provinz Attapeu, seit 2013 auch in Sekong. Ausgewählt wurden die ärmsten Distrikte mit den schlech­tes­ten Straßen und dem größten Be­darf. Die Er­schließung im Norden fand in enger Ab­stim­mung mit dem parallel laufenden Programm statt, das die GIZ für das BMZ durchführt. Um so viele Synergien wie möglich zu erzielen, wurden viele der Dörfer, in denen die GIZ Maßnahmen der tech­ni­schen Zu­sam­men­ar­beit durchführte, kom­ple­men­tär auch im KfW-Programm der fi­nan­ziel­len Zu­sam­men­ar­beit berücksichtigt.

Bisher wurden über 720 km ländliche Wege erneuert und ausgebaut, bis 2015 sollen weitere 100 km hin­zu­kommen. Dazu gehört auch der Bau von Brücken, Fähr­anlegern und Bus­halte­stellen. In die neue Programm­phase werden nun auch länd­liche Märkte mit­ein­be­zo­gen, die über­dachte Hallen und öffent­liche Toi­let­ten bekommen. Von dem Programm profitieren insgesamt rund 140.000 Menschen, die im Ein­zugs­gebiet der Straßen leben.

Die Berge mit landschafts- und klima­an­ge­pass­tem Know-how erschließen

Mit den Bauarbeiten wurden, im Rahmen einer öffent­lichen Aus­schrei­bung, aus­schließ­lich örtliche Bau­unter­nehmen beauftragt. Diese wurden durch deutsche Tief­bau­experten beraten und überwacht. Auf diese Weise wird sicher­gestellt, dass Standards eingehalten und das neueste Wissen in Sachen Straßen­bau­technik angewandt werden. Das dient der Halt­bar­keit der Wege: Denn die bergige Land­schaft und vor allem das Klima stellen besondere He­raus­for­de­run­gen an die Straßenbauer.

​Mit Blick auf den befürchteten Klima­wandel, der sich schon mit häufigen und lang anhaltenden Stark­regen ankündigt, werden jetzt steile Strecken­ab­schnitte mit einer doppelten Schicht aus Bitumen vor der Erosion geschützt; normaler­weise sind die Straßen nur geschottert. Das Neigungs­verhältnis der Straße und die Dimensionen der Kanäle und Gräben werden so ausgelegt, dass das Wasser optimal ablaufen kann.

Bei allen Vorhaben im Transport­sektor überall auf der Welt stellt die anschließende Straßen­unter­haltung immer eine He­raus­for­de­rung dar. Die muss gut organisiert sein, damit die In­ves­ti­tion sich nach­hal­tig bezahlt macht. In Laos hat man Dorf-Komitees gebildet, die für die leichten Arbeiten zuständig sind. Jede Familie muss mit anpacken, Schlaglöcher stopfen, Gräben von Unrat säubern und den Wild­wuchs entlang der Straße unter Kontrolle bringen. Das funktioniert gut in Ortsnähe, und weniger gut bei entfernten Streckenabschnitten, zu denen die Dorfbewohner weit laufen müssen.

Die technische Unterhaltung wird meist von den Bau­unter­nehmen über­nom­men, die die Wege auch gebaut und sich das dies­bezügliche Know-how erworben haben. Die Kosten dieser Arbeiten trägt in Laos ein dafür eingerichteter Fonds. Der "Road Maintainance Fund" speist sich aus Steuern auf Treibstoff. Er verfügt noch nicht über genug Mittel, wächst aber stetig. Die Regierung weiß um die wichtige Aufgabe der Straßen­unter­haltung. Um Qua­li­fi­ka­tio­nen in den technischen und betriebs­wirt­schaft­lichen Aspekten des Straßen­baus aufzubauen, unter­stützt Deutsch­land Laos beim Bau eines nationalen Aus­bil­dungs­zentrums "Public Works and Transport Training Centre" in Vientiane.

Neue Straßen werden zur Lebensader einer Region

Frauen verkaufen ihre Produkte auf einem neu ausgebautem Markt im Khob Distrikt in der Sayaboury Provinz. Urheberrecht: KfWDer Ausbau der Wege in den Provinzen Bokeo, Luang Namtha und Oudomxay steigerte das dortige Verkehrs­auf­kom­men um das Vier- bis Fünffache. Die Straßen sind nun ganzjährig zu­ver­läs­sig befahrbar. Die Trans­port­zeiten konnten erheblich reduziert werden (um 41 Prozent); dadurch reduzierten sich auch die Transport­kosten (um 39 Prozent); und damit sind auch die Preise für Produkte und Dienstleistun­gen gesunken. Im Einzugs­bereich der neuen Straßen sind jetzt zum Beispiel gutes Saatgut, Pestizide und Insektizide verfügbar und viel billiger als zuvor. Dadurch konnten die Ernteerträge um das Doppelte bis Dreifache gesteigert werden; und die Reis­knapp­heit ist in allen Dörfern um mehr als ein Viertel gesunken. Das heißt konkret, dass mehr geerntet wird und weniger Menschen hungern müssen.

Auf der anderen Seite liegen jetzt auch die Absatzmärkte in erreichbarer Nähe. Die landwirtschaftliche Produktion ist im Projektgebiet unter anderem auch so stark gestiegen, weil Bauern nun die Möglichkeit haben, ihre Überschüsse zu vermarkten. Damit hat das Vorhaben einen elementaren Beitrag zum Millenniumsziel Nr. 1 geleistet: Die Einkommen sind gestiegen und die Armut hat abgenommen, weil neue Erwerbsquellen erschlossen werden konnten.

Von den neuen Vermarktungs­möglichkeiten profitieren ins­be­son­dere Frauen. Denn sie sind es, die traditionell auf den ländlichen Märkten verkaufen. Sie können nun ihre Handelswaren einfacher, preiswerter und schneller transportieren: "Es ist auffällig, dass immer mehr Frauen zu den Märkten kommen, um ihre Produkte anzubieten", beobachtete der Projektmanager Ouphong Sompasack. Das Programm unterstützt damit die im Millenniumsziel Nr. 3 geforderte Gleichberechtigung der Frauen.

Transport ist ein Werkzeug, um Entwicklungshemmnisse zu beseitigen: Die Stromleitungen, die entlang der neuen Straßen gezogen werden, sind ein weiteres Beispiel dafür. Wo ein Weg geebnet ist, steigen die Chancen für eine Versorgung mit Elektrizität – und die bringt Licht zum Leben und Wirtschaften in die Dörfer.

Der Schulbesuch steigt, Gesundheitszentren haben mehr Zulauf

Das Transportprojekt dient aber nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen Ent­wick­lung: Weil der Zugang zu Bildung, Gesundheitsdiensten und politischer Mitbestimmung erleichtert wurde. Seit die Wege ausgebaut sind, ist zum Beispiel der Schulbesuch im Projektgebiet um 12 Prozent gestiegen. Das ist ein Beitrag zum Millenniumsziel Nr. 2, Ver­bes­se­rung der Grundbildung.

Entscheidend für die Bergvölker ist aber sicherlich, dass sich die medizinische Versorgung verbessert hat, als ein Schritt hin zu den Millenniumszielen Nr. 4 und 5, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken. Es gibt dazu noch keine belastbaren Statistiken, aber Gesundheitshelfer kommen nun öfter in die Dörfer, und schwangere Frauen können im Gesundheitszentrum gebären.

Dass man Krankheiten nicht mehr so hilflos ausgesetzt ist, dass menschliches Leid gemildert wird, das ist wohl der größte Gewinn für die Menschen, wenn ihr Dorf plötzlich eine Straßenanbindung hat. Der Bürgermeister eines bis dahin abgelegenen Dorfes drückte es einmal so aus: "Wenn unsere Kinder krank sind, können wir sie jetzt ins Krankenhaus bringen. Sogar in der Nacht."

Auf einen Blick

Land: Laos
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Ländliche Ent­wick­lung
Bezeichnung der Programme: Ländlicher Wegebau in der Provinz Bokeo (RRB) und Ländliche Infra­struk­tur in Laos Phasen I-V
Politischer Partner: Ministry of Public Works and Transport
Durchführungsorganisation: KfW
FZ-Zuschuss: rund 32 Millionen Euro
Laufzeit: 2002 bis 2015 (geplanter Abschluss der Phase V)

Lexikon der Entwicklungspolitik

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