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Fallstudie Kenia: Ernährungssicherung

Mitunguu – Wohlstand durch Wasser


"In den frühen 1980er Jahren haben wir Frauen sehr hart arbeiten müssen. Nach dem ersten Regen im April kam keine von uns vor Sonnen­unter­gang nach Hause. Auch unsere Kinder waren mehr auf dem Feld als in der Schule," erzählt Miriam Kenodu, die mit ihren 85 Jahren zu den ältesten Siedlern in Mitun­guu gehört. "Es war eine harte Zeit, weil wir Frauen die meiste Arbeit leisten mussten. Aber das größte Pro­blem war nicht die harte Arbeit. Das war, wenn der Regen ausblieb. Das kam alle drei bis vier Jahre vor. Dann kam der Regen zu spät, und der Mais wuchs nur sehr spärlich. Oder der Regen hörte plötz­lich nach ein paar Tagen wieder auf, die Aus­saat ver­trocknete, und wir konnten gar nichts ernten. Das waren die ka­tas­trophalen Jahre."

Die hagere Bäuerin erin­nert sich noch gut an die alten Zeiten: "Es gab drei Mög­lich­keiten, diese Jahre zu über­stehen: Erstens, weniger essen. Zweitens, sich als Wander­arbeiter ver­dingen, das taten viele Männer. Drittens, Mitun­guu mit der Familie ver­lassen."

Heute wohnt die alte Dame mit Mann, Kindern und Enkeln in einem hübschen Haus aus vulka­ni­schem Tuff­stein, der beim Aus­bruch des Mount Kenias vor Millio­nen von Jahren ent­stand. Mehrere Ge­bäude grup­pieren sich um den Hof der Groß­familie, der im Zen­trum des fünf Hektar großen Besitzes liegt. Zwei Hektar des Landes werden be­wässert. Und mit der Be­wässe­rung be­gann auch der Auf­stieg der ehe­mals armen Fa­milie.

Das erste deutsch-kenianische Be­wässerungs­projekt funktio­niert seit 1985

Bäuerin bei der Arbeit auf einer Bananenplantage in Kenia mit Bewässerungssystem. Urheberrecht: photothekFast dreißig Jahre ist es her, da wurde in Mitun­guu am Fuße des Mount Kenia das erste deutsch-kenia­ni­sche Be­wässerungs­pro­jekt be­gon­nen. Die KfW finan­zierte damals im Auf­trag des BMZ eine Klein­be­wässerungs­an­lage. Sie versorgte 300 Klein­bauern, die maxi­mal zwei Hek­tar bereg­nen durften. Statt einer, meist mageren Ernte konnten zwei üppige Ernten im Jahr ein­ge­fahren werden. Der große Auf­schwung aber kam 1990, als die Bauern an­fingen, Ba­nanen an­zu­pflanzen, die auf den Märk­ten reißen­den Ab­satz fanden.

"Unter der Be­wässe­rung wach­sen die Ba­nanen wie Gras. Die Auf­käufer haben sich ge­stritten um die Ernte", erzählt Mi­riam weiter. "Unser gan­zes Leben hat sich geän­dert. Vor allem, weil die Ba­nanen­kul­turen nicht so arbeits­auf­wän­dig für uns Frauen sind, und die Män­ner ihren Teil bei­tragen. Neben­bei waren wir noch in der Lage, einen Ge­müse­garten an­zu­legen und die Über­schüsse auf dem Markt zu ver­kaufen. Damit hatten wir Frauen zum ersten Mal ein eigenes Ein­kom­men."

Eine blühende Kultur­landschaft

Fast dreißig Jahre später hat die KfW eine Bestands­auf­nah­me der sozio­ökono­mi­schen Aus­wir­kun­gen des Pro­jektes durch­geführt. Josef Grimm, der leitende Ingenieur des Pro­jektes, kam dazu 2012 zurück nach Mutun­guu. In den letzten Jahr­zehn­ten sei die pros­perieren­de Klein­stadt von 2.000 auf 8.000 Ein­wohner ange­wachsen, durch die hohe Ge­burten­rate und viele Zu­zügler, die der land­wirt­schaft­liche Boom ange­lockt habe, beginnt er die Schil­derung seiner Ein­drücke: "Eine so große Ent­wick­lung habe ich nicht erwartet. Ich erinnere mich, als wir mit der Kon­struk­tion des Be­wässerungs­peri­meters be­gan­nen, bestand das Zentrum von Mitun­guu nur aus einer Hand­voll kleiner Läden. Heute gibt es hier mehr als 450 Ge­schäfte, einige staat­liche Behör­den, mehrere Ban­ken und sogar eine asphal­tierte Straße. Damals war die Land­schaft noch im späten Früh­jahr braun und von der Sonne ver­brannt, und es gab nur ein paar grüne Bäume ent­lang der Wasser­läufe. Die Regen­saison hat jetzt noch nicht be­gon­nen, aber über­all sieht man grüne Felder und tausende von Ba­nanen­stauden und Obst­bäumen."

Der Inge­nieur inspi­zierte die Anlage und war auch er­staunt da­rüber, wie gut sie nach 27 Jahren noch funktio­niert. Das System ist so robust, dass es auch mangel­hafte Wartung und illegales An­zapfen über­standen hat: "Die An­lage hat sogar eine Er­weiterung ver­kraftet, die in dieser Größe nie ge­plant war!" Heute ver­sorgt das System, wenn auch nicht immer zu­verlässig 24 Stun­den am Tag, statt ur­sprünglich 300 Betrieben jetzt 1.200 Be­triebe mit zu­sam­men 800 Hektar.

Aufstieg der Kleinbauern in die kenianische Mittelklasse

Es zeigte sich 2012, dass die meisten be­teilig­ten klein­bäuer­lichen Fa­milien den Auf­stieg in die schma­le kenia­nische Mittel­klasse ge­schafft haben, sicht­bar an ihren Häusern aus Stein und den Sa­tel­liten­an­tennen auf dem Dach. Sie haben eine solide bäuer­liche Wirt­schaft eta­bliert, be­sitzen Kühe zur Milch­ver­sor­gung und halten Schafe und Hühner. Sie bauen Mais, Bohnen oder Cassava tra­ditionell im Regen­feld­bau an und kulti­vieren ein­träg­liche Frucht­sorten wie Bananen und neuer­dings Papayas unter Be­wässerung. Die Familie von Miriam hat sogar drei Kokos­nuss­pal­men ange­pflanzt.

Finanzielle Unabhängigkeit eröffnet den Frauen mehr Freiheit

Einen großen Anteil am wirt­schaft­lichen Auf­schwung haben die Frauen. Aus Inter­views lässt sich der Schluss ziehen, dass sie auch zu den Ge­winnern gehören. Viele Bäuerin­nen in Mitunguu ver­fügen über ein eigenes Stück­chen Land, er­wirt­schaftet aus ihren Markt­ver­käu­fen. Einige haben ein eige­nes Geschäft auf­gebaut, andere erle­digen die Buch­führung der Farm. Sie haben ihr eigenes Ein­kom­men und erheben selbst­bewusst ihre Stimme in der Ge­sell­schaft, so wie Miriams Nach­barin Charlotta, eine Mutter von vier Kindern im Tee­nager-Alter: "Wenn Frauen Geld in ihren Hän­den haben, dann machen sie damit mehr Profit als Männer. Ich denke, zur­zeit kaufen mehr Frauen Land als Männer."

Nirgendwo anders besuchen so viele Kinder die Schule

Eine Lehrerin unterrichtet Grundschüler in Kenia. Urheberrecht: KfW / auslöser photographie"Alle Kinder in Mitunguu be­suchen die Schule, Mäd­chen wie Jungen! Und wir haben nur wenige Kinder, die die Schule ab­brechen", sagt der Schul­direktor einer Primar­schule. 1985 gab es nur zwei Grund­schulen in der Klein­stadt, heute neun, und sogar eine weiter­führende Schule. Schul­ge­bühren be­zahlen, das sei kein Pro­blem mehr für die meisten Leute, meint der Direktor und führt weiter aus: "Die Bananen, die zur Zeit über­wiegend ange­baut werden, werden von den Männern kulti­viert. Die Familien müssen ihre Kinder nicht mehr zwingen, bei der Feld­arbeit zu helfen."

David, der Enkel­sohn von Miriam, besucht schon die letzte Klasse der Sekundar­schule. Er ist stolz darauf, neben­bei schon sein eigenes Feld zu bewirt­schaften, das ihm sein Vater über­tragen hat. Wenn man mit dem Neun­zehn­jährigen und seinen Mit­schülern und Mit­schülerin­nen spricht, dann be­kommt man den Ein­druck: Hier wächst eine Gene­ration heran, die selbst­bewusst ihren Platz in der Ge­sell­schaft ein­neh­men wird: "Viel­leicht bleibe ich nach meinem Schul­ab­schluss erst mal hier und ver­diene mein Geld als Bauer. Aber eigent­lich will ich eine Aus­bil­dung in der Land­wirt­schaft machen. Dann kom­me ich als quali­fi­zierter Farm­manager zurück. Oder ich nehme meine Er­sparnisse und stu­diere an der Uni­versi­tät, " über­legt David, und fährt fort: "Wenn sie mich oder meinen Vater fragen: Was ist der größte Nutzen der Be­wässerungs­an­lage? – werden wir antworten: Es ist die gute Schul­bil­dung für uns jungen Leute!"

Lexikon der Entwicklungspolitik

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