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Fallstudie Nepal: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

Gegen Ausgrenzung: Arbeit für Arme und Landlose

Genossenschaftsmitglieder an einer handbetriebenen Mühle zur traditionellen Ölgewinnung aus der Butternuss

Millionen junge Nepalesinnen und Nepalesen verlassen Jahr für Jahr ihr Land, um der Armut und Perspektivlosigkeit dort zu entkommen. Deutschland unterstützt daher die nepalesische Regierung dabei, neue Verdienstmöglichkeiten zu erschließen – insbesondere für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Bienenzucht und die Produktion von Stofftaschen sind Beispiele dafür, wie man auch ohne Landbesitz seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Das hier vorgestellte Entwicklungsprogramm "INCLUDE – Förderung einer sozial ausgewogenen Wirtschaftsentwicklung" berät die Regierung, Verbände, Genossenschaften und Unternehmen beim Aufbau nachhaltiger Wertschöpfungsketten. Rund 10.400 Menschen haben an Modellprojekten teilgenommen und können sich nun von selbstständiger Arbeit ernähren. Damit wird der Migrationsdruck in Nepal verringert und die friedliche Entwicklung eines fragilen Staats gefördert.

Nepals Weg in die Demokratie ist schwierig

Politische Konflikte, eine überforderte Verwaltung und Korruption verhindern seit Jahren die wirtschaftliche Entwicklung Nepals – zu erkennen ist das unter anderem am schleppenden Wiederaufbau nach dem schweren Erdbeben vom 25. April 2015.

Nepal hat 2008 die Monarchie abgeschafft und mit dem Aufbau einer föderalen Republik begonnen. Doch der Streit um die Verfassung hält an: Es geht dabei auch um eine gerechtere Landverteilung zwischen den höheren, landbesitzenden und den niederen, landlosen Kasten. Denn obwohl das Kastensystem offiziell aufgehoben wurde, bestehen die alten Privilegien und diskriminierenden Denkmuster fort.

Besonders benachteiligt sind Frauen, indigene Volksgruppen und die kastenlosen Dalits, die etwa 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Noch immer werden sie als "Unberührbare" ausgegrenzt. Die Unterprivilegierten Nepals leben meist in großer Armut. Fehlende wirtschaftliche und soziale Perspektiven in dem Vielvölkerstaat sind der Zündstoff für neue politische Konflikte.


Fehlende Arbeit zwingt zur Migration

Der kleine Himalayastaat ist das ärmste Land in Südasien, das jährliche Bruttonationaleinkommen liegt bei umgerechnet nur rund 650 Euro pro Kopf (2015). Nepal ist landwirtschaftlich geprägt, es gibt kaum Industrie. Das einheimische Handwerk kann gegen Billigimporte aus den Nachbarländern Indien und China nicht konkurrieren. Der Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle, ist nach dem Erdbeben von 2015 stark zurückgegangen. Die schlechte Energieversorgung, bürokratische Hürden und die weitverbreitete Korruption schrecken ausländische Investoren ab.

Millionen von Nepalesinnen und Nepalesen bleibt daher nur die Arbeitsemigration in die Golfstaaten, nach Malaysia oder Indien. Über die Hälfte aller Familien in Nepal decken ihren Lebensunterhalt mithilfe eines im Ausland lebenden Angehörigen. Die Geldtransfers der Wanderarbeiter machten 2014 etwa 30 Prozent des nepalesischen Bruttosozialprodukts aus.


Rund 4,5 Millionen Nepalesen arbeiten offiziell im Ausland

Diese Zahl nannte der Leiter des nepalesischen Amtes für Auslandsbeschäftigung, Madhabilas Pandix, 2016 in einem Fernsehinterview des deutschen Südwestrundfunks. Inoffiziell seien es wahrscheinlich doppelt so viele, fügte er hinzu. Vor seinem Amt in Kathmandu drängen sich täglich Hunderte junge Männer, die für eine Arbeitserlaubnis im Ausland anstehen. Viele verschulden sich bei privaten Arbeitsvermittlern und enden in ausbeuterischen Verhältnissen. Allein auf den Baustellen von Katar arbeiten eine halbe Million Nepalesen unter Bedingungen, die von Nichtregierungsorganisationen als "moderne Sklaverei" bezeichnet werden.

Ein weiteres Problem ist der Menschenhandel: Laut Schätzungen werden jedes Jahr Tausende nepalesische Mädchen und Frauen zu Opfern von Menschenhändlern. In armen und ausweglosen Verhältnissen aufgewachsen, glauben sie falschen Versprechungen und werden nach Indien in die Zwangsprostitution verkauft.


Einkommensmöglichkeiten im Land schaffen

Die Flussbetten in der Provinz Dang sind nur in der Monsunzeit mit Wasser gefüllt. In der Trockenzeit kann dieses „Niemandsland“ von Landlosen für den Anbau von Gemüse genutzt werden.

Vor diesem Hintergrund ist das deutsche Engagement in Nepal zu sehen: Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) unterstützt die nepalesische Regierung dabei, neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen und den Migrationsdruck für die Bevölkerung zu senken. Folgende Wertschöpfungsketten wurden im Rahmen des Programms INCLUDE ausgebaut und verbessert:

  • ​Honig
  • ​Heil- und Gewürzpflanzen, darunter Butternuss und Ingwer
  • ​Milchprodukte
  • Anbau von Gemüse und Früchten in Flussbetten
  • Sozial und ökologisch verantwortlicher Tourismus

Wie kann das aber gelingen, wenn die Zielgruppe – benachteiligte Menschen – kein Land, kein Geld und keine Ausbildung besitzt? Am Beispiel der Wertschöpfungskette Honig lässt sich das gut erklären.


"Für die Bienenzucht braucht es kein eigenes Land!"

"Die Bienenstöcke werden an Feldhainen aufgestellt", erklärt Roshan Shresta, ein Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag des BMZ das Vorhaben INCLUDE ausführt: "Ein Bienenkasten mit einem Bienenvolk ist erschwinglich: Er kostet umgerechnet rund 50 Euro und wird meist noch subventioniert, damit auch arme Familien sich die Anschaffung leisten können. Die Bienenzucht ist nicht schwer, die Grundlagen lassen sich in sieben Tagen vermitteln. Und da die Honigproduktion keine Vollzeitarbeit ist, eignet sie sich gut für Frauen, die in Nepal traditionell an den Haushalt gebunden sind." (Siehe: "Die Bienenzucht hat mich weit gebracht. Wir haben jetzt einen anderen Status.")


Bienenzucht in Nepal hat Tradition – und großes Potenzial

Kontrolle der Bienenkästen: Berater der Genossenschaft unterstützen die Bienenzüchter in Chitwan (Nepal), damit sie Honig von hoher Qualität produzieren können.

Seit Jahrhunderten wird in Nepal Honig gewonnen und als Nahrungsmittel sowie zu heilkundlichen und rituellen Zwecken genutzt. Nepalesischer Honig ist eine wertvolle Spezialität. Denn das Land mit den drei verschiedenen Naturräumen – tropisches Tiefland, subtropische Gebirgslandschaften bis zu einer Höhe von 2.500 Metern und die Hochgebirgsregion des Himalaya – verfügt über eine seltene Flora, die den verschiedenen Honigsorten ein besonderes Aroma verleiht. Schätzungen gehen davon aus, dass Nepal jährlich mindestens 10.000 Tonnen Honig produzieren könnte – derzeit sind es nur 2.000 Tonnen. Noch nicht einmal die inländische Nachfrage kann bisher bedient werden.

In den von Deutschland geförderten Projekten werden daher Bienenzüchterinnen und -züchter ausgebildet, um die Honigmenge zu steigern und seine Qualität zu verbessern, erläutert der Projektleiter: "Wir arbeiten daran, Bio-Honig in die Europäische Union exportieren zu können. Dazu müssen jedoch strenge Importnormen erfüllt werden."

Das ist nicht einfach. Auf Seiten der Produzenten werden transportable Minilaboratorien eingesetzt, um sicherzustellen, dass nur hygienisch einwandfreier und pestizidfreier Honig abgeliefert wird. Auf staatlicher Seite werden Labore in die Lage versetzt, das Lebensmittel zu kontrollieren und den Qualitätsnachweis zu erbringen. Dabei arbeitet das Vorhaben eng mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt zusammen: Im Auftrag des BMZ berät diese das nepalesische Amt für Qualitätssicherung beim Aufbau einer Qualitätsinfrastruktur, rüstet Labore aus und unterstützt die Fortbildung der Laborangestellten. Damit wird die Grundlage geschaffen, künftig nicht nur Honig, sondern auch zahlreiche weitere Produkte international vermarkten zu können.


Ohne Bienen keine Pflanzenvielfalt

Die Bienenzucht fördert auch einen anderen Schlüsselsektor der nepalesischen Wirtschaft: die Gewinnung von Heil- und Gewürzpflanzen. "Bienen sind der wichtigste Ökosystemdienstleister, den es gibt", betont Experte Roshan Shresta. "Durch die Bestäubung der Blüten sichern sie die biologische Vielfalt Nepals. Ohne die Bienen gäbe es die nicht." Als Beispiel führt er die Butternuss-Wertschöpfungskette an, die ebenfalls vom Vorhaben gefördert wird: Wenn die Bienenkästen zwischen den Butternuss-Bäumen aufgestellt werden, bekommt der Honig ein wohlschmeckendes Aroma. Und die Bäume tragen reiche Früchte.


Genossenschaften stärken – für ein friedliches Wirtschaften

Zwei Frauen des Tharu Women Network flechten kunstvolle Körbe, die bei Touristen sehr beliebt sind.

Die nationale Strategie zur Förderung der Honigproduktion Nepals, die mithilfe des INCLUDE-Vorhabens vom Ministerium für Industrie entwickelt wurde, wird nun in einem zweiten Schritt auf die regionale und lokale Ebene übertragen.

Wichtig ist der nepalesischen Regierung dabei die Förderung von Genossenschaften als Orte gemeinsamen Wirtschaftens. 2012 wurde dafür ein eigenes "Ministerium für Genossenschaften und Armutsbekämpfung" gegründet. Es wurde 2016 zum neuen politischen Partner des Vorhabens – nicht nur für die Wertschöpfungskette Honig, sondern auch für alle anderen Handlungsfelder von INCLUDE.

"Man darf nicht vergessen, dass wir uns nach Ende des Bürgerkriegs in einer schwierigen Situation befinden: Die nepalesische Gesellschaft ist nach wie vor stark gespalten. Vertrauen besteht innerhalb der Familien, aber nicht innerhalb von Sozialgemeinschaften. Gemeinsames Wirtschaften wird noch von Misstrauen begleitet. Das macht es so schwer", erläutert Victor Linden, ein Experte des Vorhabens mit langjähriger Landeskenntnis. "Die Genossenschaften haben noch einen weiten Weg zu gehen. Sie sind aber ein wichtiger Hebel, um das friedliche Miteinander zu stärken."

Beispielsweise lässt sich Honig, der von Dalits produziert wurde, nur anonym auf den Markt bringen. Denn nach dem Glauben konservativer Hindus ist er "unrein" und wird darum von ihnen nicht gekauft. Dieses Problem lässt sich durch die gemeinsame Vermarktung in einer Genossenschaft lösen. "In bescheidenem Maße können wir mit unseren Projekten dazu beitragen, dass neben der Armut auch die Diskriminierung abgebaut wird", so Linden. "Gemeinsames Wirtschaften in Genossenschaften ist auch ein guter Weg, die ehemaligen Bürgerkriegsgegner in diesem Land miteinander zu versöhnen."


Wie viele Menschen profitieren vom INCLUDE-Vorhaben?

Neben der Regierungsberatung auf nationaler und regionaler Ebene konzentriert sich das Vorhaben auf sechs arme Distrikte im Westen Nepals (Banke, Bardia, Dang, Kailali, Pyuthan und Surkhet) sowie auf die Hauptstadt Kathmandu. Rund 10.400 benachteiligte Menschen profitieren von den verschiedenen Modellprojekten. 3.250 Personen aus den Zielgruppen haben bislang ein zusätzliches Einkommen von umgerechnet mehr als 200 Euro pro Jahr und Haushalt erzielt, weitere 3.060 ein zusätzliches Einkommen von knapp unter 200 Euro. Ein beachtlicher Erfolg angesichts der Tatsache, dass das Einkommen dieser Zielgruppen noch weit unter dem Landesdurchschnitt liegt.

Die Mehrheit der teilnehmenden Personen gehört den indigenen Völkern Nepals an, 40 Prozent sind Frauen. Knapp acht Prozent sind Dalits und drei Prozent Bürgerkriegsopfer, ferner wurden Menschen mit Behinderungen und Angehörige religiöser Minderheiten wie Muslime vorrangig in die Projekte aufgenommen.


Das Ende der Plastiktüte

Eine Schneiderin des Sozialunternehmens „Hamri Bahini“ fertigt eine umweltfreundliche Einkaufstasche – und kann vom Erlös ihrer Arbeit leben.

Eine weitere spannende Aufgabe des Vorhabens ist die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze in der "grünen" Wirtschaft. Dafür werden Unternehmer unterstützt, die soziale Verantwortung zeigen und sich für den Schutz der Umwelt einsetzen. Unter anderem trägt INCLUDE dazu bei, dass die Hauptstadt Kathmandu frei von Plastiktüten wird – und hoffentlich bald das ganze Land. Ein entsprechendes Gesetz zum Verbot von Tüten aus Polyethylen und Polypropylen wurde 2015 erlassen.

Vorausgegangen war eine Kampagne der Himalayan Climate Initiative, der sich Tausende von Jugendlichen anschlossen. Sie protestierten dagegen, dass die rund fünf Millionen Plastiktüten, die täglich allein im Kathmandu-Tal verbraucht werden, die einzigartige Landschaft und die Tempelanlagen vermüllen, die Kanalisation verstopfen und Tiere verenden lassen.

"Wir unterstützen diese Initiative erstens, weil das zukunftsweisende wirtschaftliche Potenzial Nepals in der Green Economy liegt – und dafür muss es mehr Umweltbewusstsein in unserer Bevölkerung geben", sagt INCLUDE-Mitarbeiterin Jannu Chudal. "Zweitens, weil wir auch mit Jugendorganisationen zusammenarbeiten wollen, wenn es um die Schaffung von Arbeitsplätzen geht. In diesem Fall ist es die Produktion von Baumwolltaschen, die von jungen, ehemals nach Indien verschleppten Frauen genäht werden. Sie haben auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance mehr." (Siehe: "Ich wünschte, dieses Unternehmen könnte es ewig geben.")

Das Vorhaben beriet das Sozialunternehmen "Hamri Bahini – The Green Angels" dabei, ein Geschäftskonzept zu entwickeln und finanzierte die Grundausstattung der Nähwerkstatt. Parallel dazu wurde die Regierung zu den verschiedenen Möglichkeiten beraten, den Verbrauch von Plastiktüten zu minimieren oder sie gänzlich durch ökologische Alternativen zu ersetzen. Und schließlich konnten lokale Supermärkte als Unterstützer gewonnen werden: Im Vorlauf zum Verbot verlangten sie Geld für die Plastiktüten und subventionierten damit die Stoffbeutel.


Für Mensch und Natur

"No thanks, I carry my own bag! – Nein danke, ich habe meine eigene Tasche!": Unter diesem Motto lief die Klimaschutz-Kampagne in Kathmandu so erfolgreich, dass das Unternehmen Hamri Bahini inzwischen 40 Frauen als Näherinnen beschäftigen kann. In den ersten sieben Monaten nach Gründung des Unternehmens wurden 60.000 Stofftaschen verkauft. Nun kommt es darauf an, ob das Plastiktütenverbot im ganzen Land strikt umgesetzt wird. Das Vorhaben berät hierzu weiter die zuständigen Behörden.

Unternehmensgründerin Shilshila Acharya, die sich nach ihrem Master-Abschluss in Umweltmanagement in Norwegen nun in ihrem Heimatland engagiert, will das Unternehmen weiter ausbauen: In den nächsten drei Jahren sollen weitere Arbeitsplätze für tausend Frauen entstehen, die Stofftaschen produzieren – für ein Nepal ohne Plastiktüten.


Auf einen Blick

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Bezeichnung des Programms: INCLUDE - Förderung einer sozial ausgewogenen Wirtschaftsentwicklung

Politischer Partner: Ministerium für Genossenschaften und Armutsminderung

Durchführung: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Budget: 18 Millionen Euro

Laufzeit: 2008 bis 2019


Stimmen aus dem Projekt


Weitere Informationen

Lexikon der Entwicklungspolitik

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