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Fallstudie Guatemala: Bildung

Junge Leute lernen lassen – für eine friedliche Gesellschaft


Zwei Schüler schauen sich ein Buch über Vogelkunde an.

Die Bevölkerung Guatemalas ist sehr jung und wächst rasch – Kinder und Jugendliche stellen fast die Hälfte der 16 Millionen Einwohner. Doch drei Viertel aller Jungen und Mädchen haben keine Chance auf einen Bildungsweg, der über die Grundschule hinausführt. Wenn sie arm sind, auf dem Land leben und dem Volk der Maya angehören, sieht ihre Situation besonders schlecht aus. Deutschland unterstützt daher die Regierung des zentralamerikanischen Landes durch finanzielle Hilfen beim Schulbau und durch Beratung bei einer Bildungsreform. An Modellschulen wird jetzt Wissen vermittelt, das den Jugendlichen persönliche und berufliche Perspektiven eröffnet. Über das Internet verbreiten sich Lehrmethoden, die auf demokratische Werte setzen. Denn der von Gewalt beherrschte, fragile Staat braucht eine friedfertige junge Generation.

"Es passiert etwas"

Der Kampf gegen die Drogenkartelle, der Terror von Jugendbanden ("Maras") in den Städten, Korruption bis in die Spitze des Staates und Kinder, die sich zu Tausenden auf den Weg durch die mexikanische Wüste machen, um die USA zu erreichen – die Probleme Guatemalas sind groß. Und doch gebe es gute Nachrichten, sagt Luis Enrique López-Hurtado, Leiter des GIZ-Bildungsprogramms EDUVIDA (siehe unten: "Auf einen Blick"): "Das Volk, das bisher alles resigniert hingenommen hat, erhebt seine Stimme. Bürgerproteste sind ein gutes Zeichen! An die 30.000 Menschen haben im April 2015 friedlich protestiert und unter dem Motto 'justicia ya! – Gerechtigkeit jetzt!' den Präsidenten zur Abdankung gezwungen. Allein in den vergangenen Wochen sind 30 private Unternehmer wegen Korruption angeklagt worden. Das zeigt doch: Es passiert etwas."


Keine Ausbildung, keine Arbeit, keine Perspektive

Schülerinnen einer Modellschule in Guatemala beim Ernten der Rüben, die während des Kurses "Produktion und Entwicklung" gesät wurden

Auch im Bildungsministerium ist der Wille zur Veränderung groß. Nicht zuletzt, weil die Öffentlichkeit über eine Generation von "Ninis" beunruhigt ist. So nennt man in Guatemala die jungen Leute zwischen 19 und 29 Jahren, die nicht studieren und nicht arbeiten ("ni estudia ni trabaja"). Dass es in dem kleinen Land mehr als eine Million "Ninis" gibt, ist auch das Ergebnis einer Bildungspolitik, die sich im vergangenen Jahrzehnt nur um die Primarschulen gekümmert hat.

Besonders im ländlichen Raum gibt es nur wenige, heruntergekommene Sekundarschulen, an denen schlecht ausgebildete Lehrer nach veralteten Lehrplänen unterrichten. Doch ohne gute Sekundarbildung sind viele junge Menschen gezwungen, harte oder gefährliche Jobs zu ausbeuterischen Bedingungen anzunehmen. So wächst die Verlockung auszuwandern oder in kriminelle Geschäfte einzusteigen. Und mit der wachsenden Frustration der arbeitslosen Jugend steigt auch das Gewaltpotenzial.

"Unsere Beratung zur Bildungsreform der Sekundarschulen konzentriert sich daher auf zwei Fragen. Erstens: Wie kann Bürgerkunde vermittelt werden, damit demokratisches Verhalten eingeübt wird, die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung aufhört und das gesellschaftliche Engagement der jungen Menschen steigt?", zählt Programmleiter López-Hurtado auf. "Zweitens: Wie kann das Jungunternehmertum gefördert werden? Gerade auf dem Land gibt es kaum Arbeitsplätze, daher ist Unternehmergeist gefragt. Die jungen Leute brauchen eine Lebensperspektive!"


Viele Kinder müssen ihre Familien unterstützen

Um die Sekundarbildung zu reformieren, müssen neue Lehrpläne entwickelt, die Schulverwaltung modernisiert und die Lehrerausbildung erneuert werden. Das sind auch die drei Schwerpunkte des Programms EDUVIDA, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Guatemala durchführt. Es berät hierzu das nationale Bildungsministerium und drei regionale Schulbehörden. Außerdem unterstützt es die Fortbildung von Verwaltungsbeamten, Universitätsdozenten und Lehrern.

15 Modellschulzentren dienen dem Programm als Testplattformen für die neuen Lerninhalte und Lehrmethoden. Sie liegen in den Verwaltungsbezirken Alta Verapaz, Quiché und Chiquimula – in Gemeinden, wo Angehörige der Maya-Volksgruppen die Bevölkerungsmehrheit bilden. 90 Prozent der Indigenen leben in extremer Armut. Bisher schaffen es nur 10 bis 20 Prozent der Jugendlichen bis in die höheren Klassen der Sekundarschule.

Viele Kinder brechen schon die Primarschule ab, ohne richtig lesen, schreiben und rechnen zu können, weil sie zuhause mithelfen müssen, die Existenz der Familie zu erhalten: Die Mädchen werden im Haushalt und in der Kinderbetreuung gebraucht. Die Jungen müssen auf dem Feld mitarbeiten oder durch Hilfsarbeiterdienste versuchen, ein paar Quetzal zum Familieneinkommen beizutragen.


Modellschulen lehren Existenzsicherung

Schüler einer Modellschule in Guatemala beim Füttern der Hühner auf dem Lehrhof des Landwirtschaftskurses

Genau hier setzen die Modellschulen mit Erfolg an: Die jungen Leute erwerben praktische Fähigkeiten, die ihnen helfen, das Einkommen ihrer Familien aufzubessern. Jedes Mädchen, jeder Junge wird dazu angeleitet, ein kleines, einkommenschaffendes Projekt zu entwickeln, zum Beispiel Hühner oder Tilapiafische zu züchten (siehe: "Erweitere deinen Horizont, dann kommst du überall hin.")​.

"Unsere Jugendlichen tragen das Erlernte in ihre Familien, die davon profitieren, und das macht sie stolz", berichtet Programmleiter López-Hurtado. "Es zahlt sich nicht nur finanziell für sie aus, es ist zugleich ein Beitrag zur Ernährungssicherheit in den Dörfern, weil nun mehr proteinreiche Nahrung zur Verfügung steht. In einem Land, in dem 49 Prozent der Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind, ist das wichtig!" Weitere Beispiele für das Angebot, praktische Fähigkeiten zu erwerben, sind Kurse im Kunsthandwerk des Webens oder in der Moped- und Fahrradreparatur​.


Schülerparlamente stärken das Selbstbewusstsein

Mitglieder der Schülerregierung von Alta Verapaz (Guatemala) im Austausch mit Schülerinnen der "Telesekundaria"

Demokratie muss in der Schule beginnen. Darum wurde an den Modellschulen Schülermitbestimmung eingeführt. Über die sozialen Medien verbreitete sich die Idee und regte zur Nachahmung an: "Wir zeigen euch, wie man die Lehrer kontrollieren kann! Wir haben eigene Ideen!" Das ist der Tenor der mehr als 400 YouTube-Videos, die Schülerparlamente im ganzen Land ins Netz gestellt haben.

"Die Filme beweisen auch, dass die indigenen Jugendlichen sich aktiv in den Schülerparlamenten beteiligen. Sie teilen ihre Meinung offen mit, sie geben uns eine Vorstellung von ihren Gedanken und zeigen ihr gewachsenes Selbstbewusstsein! Die Indigena schämen sich nicht mehr ihrer Herkunft", erklärt Bildungsexperte López-Hurtado. "Selbstachtung ist eine Voraussetzung dafür, dass sich Lernwillen entwickeln kann und die Bereitschaft, sich zu engagieren – in der Familie, in der Gemeinde, in der Region."


Antidiskriminierung muss in den Köpfen der Lehrer beginnen

"Wir zeigen hier am Institut die historische Perspektive auf, wie der Rassismus in Guatemala zustande gekommen ist, und öffnen einfach den Blick dafür, warum es heute so ist, wie es ist! Dann beginnt der Dialog", beschreibt Sara Schmidt ihre Arbeit. Die Entwicklungshelferin unterstützt das Internationale Bildungsinstitut für die gesellschaftliche Aussöhnung (Instituto Internacional de Aprendizaje para la Reconciliación Social, IIARS) bei der Entwicklung und Erprobung von neuen Kursen zur Lehrerfortbildung, dem dritten Schwerpunkt des EDUVIDA-Programms.

Die junge Gymnasiallehrerin hat den ersten Durchgang der Fortbildung begleitet und war erstaunt, wie leicht sich die Vorurteile aufbrechen lassen, die in den Köpfen der Lehrerinnen und Lehrer stecken. "Die rassistische Einstellung beruht auf der puren Tatsache, dass man nie in Kontakt mit anderen Sichtweisen kommt, sondern Vorurteile immer wieder ohne nachzudenken reproduziert." Von offizieller Seite werde die hohe kulturelle Bedeutung der indigenen Völker zwar immer betont, sagt Schmidt: "Aber wohl eher, weil die Mayakultur gut für die Folklore ist, die die Touristen anzieht. Man ist noch nicht so weit, sie als wirkliche Bereicherung anzunehmen."


Erziehung zu Konfliktbewältigung

Im Mittelpunkt der Arbeit des Bildungsinstituts steht die Erziehung zur Konfliktbewältigung. "Ich bin mitten im Bürgerkrieg in den siebziger Jahren aufgewachsen und bin dankbar, dass ich hier mitarbeiten kann. Mit kleinen Schritten schaffen wir die Gesellschaft, die wir uns alle wünschen", sagt die Institutsdirektorin Vivian Salazar Monzón.

Aufgabe von Sara Schmidt ist es, den "problembasierten Ansatz" als Lehrmethode einzuführen: Konflikte, die in der Gesellschaft – und damit auch unter den Jugendlichen – diskutiert werden, sollen in den Unterricht einfließen. Davor schrecke die Lehrerschaft bisher zurück. "Es ist diese typische Haltung: Besser nicht über Konflikte sprechen, weil das neue erzeugen könnte", so die Entwicklungshelferin.

In einem Pilotkurs hätten sie kürzlich die "Talkshow" als Methode erprobt, verschiedene Standpunkte im Klassenzimmer zu diskutieren und Meinung auszudrücken. "Das ist hierzulande eine neue Erfahrung für die Schüler. Es stärkt ihr Selbstbewusstsein, wenn sie merken: Oh, hat ja geklappt – ich kann meine Ansichten verbal vertreten!" Die Lehrer bräuchten nur einen methodischen Anstoß und Lehrmaterialien, fasst Schmidt zusammen. "Nach dem Workshop bekamen meine Kollegen und ich Fotos von den Lehrern zugeschickt. Sie zeigten Talkshowrunden im Klassenzimmer – das sind dann die Highlights unserer Arbeit!"


E-Learning-Plattform soll zukünftig 120.000 Lehrkräfte erreichen

Die Kurse zur Lehrerfortbildung werden als E-Learning-Module für das Internet konzipiert, ergänzt durch kurze Präsenzphasen. So erreicht man auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer in abgelegenen Regionen. Nicht alle haben einen Computer – das monatliche Lehrergehalt ist mit umgerechnet rund 250 Euro sehr bescheiden – aber Internetcafés gibt es überall.

Derzeit werden über die Plattform des Programms etwa 15 Prozent der Lehrerkräfte Guatemalas erreicht. Wenn die Kurse nach Abschluss der Pilotphase im Bildungsinstitut ausgereift sind, sollen sie auf der Lernplattform des Bildungsministeriums angeboten werden. Dann könnten bis zu 120.000 Lehrerinnen und Lehrer an der Fortbildung teilnehmen.


Bau von Schulen nach einheitlichen Normen

Auch die besten Unterrichtsinhalte lassen sich nicht vermitteln, solange es an Grundsätzlichem mangelt: Schulen brauchen ein regendichtes Dach, Glasscheiben in den Fenstern, funktionierende Toiletten, Rollstuhlrampen. Und Küchen, in denen der Rauch des offenen Herdfeuers abziehen kann und nicht beißend in der Luft hängt.

"Man darf nicht vergessen, dass die kostenlose Mahlzeit ein starker Anreiz für viele arme Eltern ist, ihre Kinder zur Schule zu schicken", betont Projektmanagerin Kathrin Gütschow. Die promovierte Ernährungswissenschaftlerin betreut das vom BMZ beauftragte KfW-Programm PROEDUC (siehe unten: "Auf einen Blick"). Es unterstützt das guatemaltekische Bildungsministerium beim Neubau sowie der Instandsetzung und Ausstattung von Schulen in sechs benachteiligten Regionen.

2017 soll mit dem Neubau beziehungsweise der baulichen Erweiterung von acht Schulnetzwerken begonnen werden. Diese bestehen jeweils aus einer Zentrumsschule und mehreren angeschlossenen Einrichtungen. Das Bildungsministerium wurde bereits hinsichtlich neuer Baunormen für Schulen beraten. Denn fast die Hälfte aller Schulbauten in Guatemala erfüllen nicht die baulichen Mindestanforderungen: "Oft wird einfach drauflosgebaut, wenn Geld da ist. Wenn die Zahl der Schüler wächst, wird mal eben ein Stockwerk aufgesetzt. Ohne die Statik zu prüfen – und das in einem Land mit hohem Erdbebenrisiko!", sagt die Projektmanagerin.

Bei den Baunormen geht es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um pädagogische Gesichtspunkte und um Umweltschutzaspekte. Wichtig ist auch der barrierefreie Zugang, damit die Inklusion von Kindern mit Behinderungen möglich ist. Alle Normen sind in einem Handbuch des Bildungsministeriums erfasst worden, das für alle Gemeinden und Geberorganisationen verpflichtend ist.


Wartung und Reparatur in Elternhand

Im Dorf La Campana (Guatemala) zeigt die Schuldirektorin die “Transparenzwand” mit Informationen zur Verwendung der finanziellen Mittel.

Neben dem Neubau von Schulen werden von der KfW kleine Maßnahmen zur Sanierung finanziert: Zahlreiche Reparaturen wurden bereits in Eigenregie der Gemeinden und Schulen und unter Mithilfe der Eltern ausgeführt. Das Bildungsministerium schickt einen Architekten oder Ingenieur, der die Mängel an den Schulen beurteilt und den finanziellen Bedarf für die Reparaturen berechnet, die Pläne anfertigt und die Maßnahmen überwacht. Ferner werden die Elternvereine angeleitet, das erhaltene Geld genau abzurechnen.

"Das läuft erstaunlich transparent und mit sehr großem Erfolg", berichtet Projektmanagerin Gütschow. Ziel der Elternbeteiligung ist, dass sie sich für ihre Schule verantwortlich fühlen und ihre Kinder dort hinschicken. Gütschow hat festgestellt: "Sobald die Schulen repariert sind und wieder einen ordentlichen Eindruck machen, steigt die Zahl der eingeschriebenen Schülerinnen und Schüler!"


Bücher auch in indigenen Sprachen

Schulkinder in Guatemala schauen gespannt in eine Bücherkiste

Mit finanzieller Unterstützung Deutschlands hat das Bildungsministerium 2012 und 2015 im ganzen Land insgesamt rund 8,5 Millionen Bücher an 27.000 Schulen verteilt. Die nach pädagogischen und literarischen Gesichtspunkten zusammengestellten "Minibibliotheken" sollen Lust aufs Lesen machen und das unterentwickelte Leseverständnis der Grundschulkinder fördern. An Guatemalas Schulen beginnt nun jeder Schultag mit einer Lesestunde.

Einige Bücher sind zweisprachig, denn einen Unterricht in der indigenen Muttersprache zu ermöglichen, ist ein weiteres Ziel des Vorhabens. Indigene Kinder sind von Anfang an in der Schule benachteiligt, weil dort ausschließlich Spanisch gesprochen wird, sie aber meist nur eine der Maya-Sprachen beherrschen. Ehe sie die Chance bekommen, die spanische Sprache zu erlernen, sind sie schon durchgefallen und müssen die Klasse wiederholen.

"Dabei muss alles dafür getan werden, damit Kinder nicht schon früh in der Schule versagen. Und je länger wir die Jugendlichen in der Sekundarschule halten können, je mehr sie dort lernen, desto geringer ist das Risiko, dass sie auf die schiefe Bahn geraten", sagt Projektmanagerin Kathrin Gütschow. Sie hält den Schulbesuch für die beste Gewaltprävention. "Wenn die jungen Leute aber die Schule verlassen, ohne richtig schreiben, lesen und rechnen gelernt zu haben, dann reicht es nur für Hilfsarbeiterdienste. Bildung allein eröffnet die Perspektive, aus der Armut auszusteigen."


Auf einen Blick

Programm der technischen Zusammenarbeit:

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Bezeichnung des Programms: EDUVIDA
Politischer Partner: Guatemaltekisches Ministerium für Erziehung
Durchführung: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
Budget: 6,25 Millionen Euro
Laufzeit: 2013 bis 2017

Programm der finanziellen Zusammenarbeit:

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Bezeichnung des Programms: PROEDUC IV
Politischer Partner: Guatemaltekisches Ministerium für Erziehung
Durchführung: KfW Entwicklungsbank
Budget: 16,25 Millionen Euro
Laufzeit: 2013 bis 2018


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Weitere Informationen

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Szene aus dem Film "Ixcanul"

Lexikon der Entwicklungspolitik

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