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Mai

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim 100. Geburtstag von Save the Children 


am 16. Mai 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

danke für die eindrucksvolle Erinnerung – man vergisst ja allzu leicht die eigene Geschichte: Es waren unsere Kinder, denen Save the Children zuerst half – 1920, gegen den Hunger: Mit "Kakaostuben" und Schulspeisungen in Berlin und anderen deutschen Großstädten. Und auch in Österreich, Frankreich, Ungarn.

Feuertaufe für Save the Children war 1921 während der verheerenden Hungersnot an der Wolga. In 1.450 Suppenküchen versorgte Save the Children damals täglich 300.000 Kinder: Eine humanitäre Meisterleistung!

Heute – ich war gerade dort – ist die Region wieder eine der Kornkammern der Welt. Und Europa ist zwar in Unruhe, aber doch ein Raum des Friedens und der Rechte. Auch für Kinder. Das macht Hoffnung: Es gibt Fortschritt! Not kann überwunden werden.

Aber an vielen Orten – auch in oder nahe Europa – leiden die Kleinsten noch immer die größte Not: In Syrien ist der Krieg im neunten Jahr. 2,6 Millionen Kinder sind dort binnenvertrieben. 2,5 Millionen Minderjährige flüchteten in Nachbarstaaten. Neunjährige, die nichts als Krieg kennen!

Der Krieg im Jemen dauert schon vier Jahre. Elf Millionen Kinder brauchen humanitäre Hilfe. Und kaum jemand nimmt das hier wahr. Danke an Frau Rados für Ihre erschütternde Dokumentation "Jemens langsamer Tod".

In unserer Nachbarschaft, in der Ostukraine sind 700.000 Kinder durch Kämpfe betroffen. Weil ihre Schulen zerstört wurden. Oder ihre Familien ihre wirtschaftliche Existenz verloren. In der Zentralafrikanischen Republik sind sogar zwei von drei Kindern hilfsbedürftig. Unvorstellbar!

"Alle Kriege sind Kriege gegen Kinder." Dieser Satz Ihrer Gründerin ist heute aktueller denn je. Mehr als 400 Millionen Kinder leben weltweit in Kriegs- und Konfliktgebieten. Tendenz steigend. Fast jedes vierte Kind ist betroffen!

Eine viertel Million Kinder werden von Armeen und bewaffneten Gruppen missbraucht. Save the Children arbeitet an allen Fronten: In Syrien, im Jemen, in Somalia, bei den Rohingyas in Bangladesch, entlang der Fluchtrouten. In 120 Ländern sind heute Menschen für Save the Children aktiv – darunter auch viele Kinder und Jugendliche.

Und Ihre Arbeit ist wichtiger denn je. Denn noch nie gab es so viele junge Menschen auf der Welt: Über drei Milliarden sind jünger als 25 Jahre; also fast die Hälfte Menschheit. In Afrika sind es sogar zwei Drittel. Neun von zehn Kindern und Jugendlichen wachsen heute in Entwicklungsländern auf.

Manchmal erscheint die Vision von Save the Children utopisch und schwer vorstellbar: Eine Welt, in der alle Kinder gesund und sicher leben und selbstbestimmt aufwachsen können und in der jedes Kind das Recht auf Zukunft hat – egal, wo es geboren wurde.

Ihre Gründerin Eglantyne Jebb hat schon damals das Nötige dazu gesagt: "Save the Children wird oft vorgeworfen, dass wir unrealistische Ziele verfolgen. Und dass es immer leidende Kinder gab. Und immer geben wird. [...] Dinge sind aber nur unmöglich, wenn wir sie als unmöglich betrachten. Und wenn wir uns weigern, es dennoch zu versuchen".

Save the Children hat bis heute nicht aufgehört, seine Vision zu verfolgen. Und hat so Millionen von Kindern geholfen, ein Leben in Würde zu führen. 

Vor allem haben Sie mit Ihrer Arbeit die Standards gesetzt, die bis heute gültig sind. Ich nenne vier:

Erstens: Politische Neutralität und Unabhängigkeit. Standardvorwurf der Gründerjahre war: "Save the Children füttert die Kinder der Feinde".  Sie konterten mit einem Shaw-Zitat: "Ich habe keine Feinde in der Altersgruppe unter sieben".

Bis heute helfen Sie ohne Ansehen von ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder politischer Zugehörigkeit. Allein nach dem Maß der Not. Deshalb sind Sie für uns als Partner so wichtig!

Zweitens: Mut, Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft: Ihre Gründerin Eglantyne Jebb demonstrierte gegen die Hungerblockade und wurde verhaftet. Man nannte sie "Verräterin" und bewarf sie bei der Gründung in London mit faulen Äpfeln. Doch Jebb konfrontierte das feindselige Publikum. Und bekam die Spenden.

Drittens: Moderne Öffentlichkeitsarbeit: Sie haben früh verstanden: Wer etwas bewegen will, braucht die Medien, die Öffentlichkeit! So schickten Ihre Vorgänger 1921 ein Kamerateam in die südrussischen Hungergebiete. Das schuf Öffentlichkeit. Und große Solidarität.

Bis heute sorgen Sie geschickt für Unterstützung durch prominente Persönlichkeiten und Medien. Stellvertretend nenne ich Anne Sophie Mutter: Sie wird nachher sprechen – und gibt übermorgen in Hamburg ein Konzert für Save the Children Jemen.

Ihre Gründerin sagte damals weitsichtig: "Wir müssen Mittel und Wege finden, um die Tatsachen so aufzubereiten, dass sie die Phantasie der Welt ansprechen". Heute ist zum Beispiel die BRIGITTE-Aktion "Ein Schal fürs Leben" ein großartiges aktuelles Beispiel, liebe Frau Huber.

Viertens: Verankerung von Kinderrechten – das ist wohl das wichtigste Vermächtnis überhaupt: Ihre Gründerin sah sich nicht als "Philanthropin" und Kinder nicht als Objekt von Wohltätigkeit, sondern als Träger unveräußerlicher Rechte. Das war damals noch unerhört, revolutionär.

So warb sie in den 1920er Jahren unermüdlich beim Völkerbund für ein internationales Werte- und Rechtssystem zum Schutz von Kindern. 1924 schrieb die Genfer Erklärung für Kinderrechte erstmals spezifische Rechte fest. So wurde Save the Children zum Wegbereiter der UN-Kinderrechtskonvention von 1989. Das 30. Jubiläum der Kinderrechtskonvention im November dieses Jahres werden wir mit einer internationalen Konferenz begehen. Denn bis auf einen einzigen (USA) haben alle Staaten der UN zwar die Konvention ratifiziert, aber die Wirklichkeit ist von der Umsetzung weit entfernt.

152 Millionen Kinder weltweit müssen arbeiten. Fast die Hälfte – 73 Millionen – unter ausbeuterischen, gefährlichen Bedingungen. Allein etwa eine Million in Minen – die Rohstoffe landen zum Beispiel in unseren Handys und Computern. Im Kongo etwa suchen Kinder täglich bis zu zwölf Stunden in Bergwerken nach seltenen Erden. In Peru schürfen tausende Kinder Gold – mit zum Teil lebensgefährlichen Chemikalien. In Indien klopfen tausende Kinder in Steinbrüchen jeden Tag bis zur Erschöpfung Steine. Über 100 Millionen Kinder arbeiten auf dem Feld: für unseren Kakao, Kaffee, Baumwolle.

Die Kakaobauern-Familie aus der Elfenbeinküste zum Beispiel verdient nur 50 Cent am Tag. Und die Kinder müssen mit auf die Plantage. Bananen zum Beispiel kosten bei uns 99 Cent das Kilo. Der Handel und wir Verbraucher profitieren. Den wahren Preis bezahlen oft Kinder. Der Hauptgrund für Kinderarbeit ist Armut. 385 Millionen Kinder und Jugendliche leben weltweit in extremer Armut: Jeder fünfte unter 18 ist extrem arm. Sie müssen zum Familieneinkommen beitragen – auf dem Feld der Familie, oft aber auch als Opfer von ausbeuterischen Strukturen.

Gerade in Flucht-Situationen werden Mädchen und junge Frauen besonders leicht zu Opfern. Sie müssen etwa ihren Körper verkaufen – mit verheerenden Folgen für ihre Seele, ihre Gesundheit, ihre ganze Zukunft. In Afrika muss jedes fünfte Kind arbeiten – Tendenz steigend! Mehr als zwei Drittel von ihnen in der Landwirtschaft. Oft fehlt soziale Sicherung: Krankheit, Unfall – und das Kind kann nicht mehr zur Schule gehen. Oft profitieren lokale Mächtige von den minderjährigen Billig-Arbeitern. Und auch wir Verbraucher am Ende der Lieferkette. Das ist Diebstahl an der Zukunft dieser Kinder! Und am Ende auch an unser aller Zukunft. In den globalen Lieferketten dürfen Kinder nicht das schwächste Glied sein! Dazu wir müssen die Ursache von Kinderarbeit – Armut – erfolgreich weiter bekämpfen, vor Ort. Wir müssen hierzulande das Bewusstsein schärfen: Wir Verbraucher entscheiden mit, ob ein Kind zur Schule geht – oder aufs Feld. Wir müssen Unternehmen in die Pflicht nehmen. Eine gesetzliche Pflicht, Kinderarbeit bei der Herstellung von in Deutschland verkauften Waren und Gütern zu verhindern, besteht bisher nicht. Einige Länder wie Frankreich, Großbritannien, die USA und Australien haben bereits nationale Regelungen erlassen, Andere Länder bereiten sie vor.

Deutschland sollte sich an diesen Maßstäben orientieren und auf nationaler Ebene die unternehmerische Sorgfaltspflicht stärken! Dafür stehe ich, dafür brauche ich aber auch Ihre Unterstützung. Wir müssen laut werden!

Darum werden wir eine Kampagne starten, mit Nichtregierungsorganisationen (NRO) und weiteren Akteuren (UN-Organisationen). Wir wollen aufrütteln, aufklären, die Diskussion über faire Lieferketten befeuern und so Handlungsdruck in Richtung Unternehmen, andere Ressorts und Bundestag aufbauen. Darum werden wir im Juni Fachleute zum Thema im Bundeministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zusammenholen und im Herbst mit gemeinsamen Aktionen und Maßnahmen starten!

Wir wollen zum Beispiel in die Schulen gehen und auch Eltern informieren, die Kräfte bündeln und echte Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit erzielen.

Hierbei zählen wir auch auf Ihre Unterstützung. Mit Save the Children hat das BMZ seit 2013 einen starken und innovativen Kooperationspartner.

Wir werden nicht zulassen, dass es weitere 100 Jahre dauern, bis Kinderrechte durchgesetzt sind. Denn es gibt keine friedliche Zukunft, solange nicht jedes Kind ein Leben in Würde führen kann.

Ich schließe mit einem Satz Ihrer Gründerin: "Jede Generation von Kindern eröffnet der Menschheit die Chance, ihre in Trümmern liegende Welt neu zu errichten".

Wir haben die Pflicht, diese Chance zu nutzen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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