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Januar

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim AGCO Berlin Summit "Feeding the World - The Future for Protein"


am 17. Januar 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich hoffe, Sie haben lecker, ausreichend und vor allem ausgewogen zu Mittag gegessen – Kohlenhydrate, Fette, Ballast- und Mineralstoffe, Vitamine und natürlich Eiweiß. Proteine: Das ist Ihr Thema heute. Und es ist ein wichtiges Thema! Viele Wissenschaftler meinen: Erst die Proteine – insbesondere im Fleisch – haben aus dem Affen den Menschen gemacht.

Die Ernährungsgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte großer Innovationen: Pflug, künstliche Bewässerung, Drei-Felder-Wirtschaft, Mechanisierung, Kunstdünger, verbessertes Saatgut, und heute gibt es die IT-gestützte Präzisionslandwirtschaft.

Immer mehr Menschen konnten ernährt werden von immer weniger Land und Bauern. In den 1970er Jahren hatten zweieinhalb Milliarden Menschen ausreichend zu essen. Heute sind es über sechs Milliarden. Das ist auch ein Erfolg der Mechanisierung. Ihr Unternehmen leistet dazu einen wichtigen Beitrag, lieber Herr Richenhagen. Ihre Produkte gibt es in 140 Ländern der Welt.

Aber seit 2015 steigen die Hungerzahlen wieder. Nach neuesten Schätzungen auf über 820 Millionen Menschen. Und die Fortschritte sind ungleich verteilt. So hat zum Beispiel China so viele Menschen in so kurzer Zeit vom Hunger befreit wie kein anderes Land. China ernährt heute mit zehn Prozent der globalen Ackerfläche zwanzig Prozent der Weltbevölkerung. In den Ländern Subsahara-Afrikas dagegen hungert beinahe jeder Vierte, Tendenz steigend.

Hinzu kommt noch: Satt sein allein reicht nicht. Es muss eine Welt ohne Mangelernährung geben! Denn zwei Milliarden Menschen bekommen zwar genug Kalorien, aber zu wenig Nährstoffe. In Subsahara-Afrika leidet jedes dritte Kind unter Wachstumsverzögerungen als Folge von Mangelernährung. Gleichzeitig sind zwei Milliarden Menschen weltweit übergewichtig. Jeder zweite davon lebt in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Gerade in Afrika sind die Herausforderungen groß. Noch ist jeder Fünfte in Afrika unterernährt. Aber es gibt auch immer mehr Übergewichtige. Die Bevölkerung wächst schneller als Einkommen und Erträge. In Afrika wird sie sich bis zur Mitte des Jahrhunderts verdoppeln. Und weil wir heute beim Thema "Proteine" sind: Wir Deutschen essen fast 60 Kilo Fleisch pro Jahr, drei Mal so viel wie gesund wäre. In Afrika südlich der Sahara sind es nur elf Kilo pro Kopf und Jahr.

Was muss in Afrika passieren, damit die Menschen sich ausreichend und vielfältig ernähren können? Ich will fünf Punkte nennen:

1. Es braucht mehr Produktivität:
Hier in Deutschland, in Europa schafft ein Landwirt im Schnitt acht Tonnen Getreide pro Hektar. In Afrika gerade mal 1,5 Tonnen. Mehr Produktivität entsteht durch Innovation, durch Wissenstransfer, Zugang zu Landrechten, Krediten, Maschinen, Märkten.

Wegweisend sind unsere 15 Innovationszentren. Sie setzen bei den Kleinbauern an. Sie konnten ihre Produktivität im Schnitt um 54 Prozent steigern. Das muss jetzt in die Fläche. Und wir entwickeln die Zentren weiter, für eine bessere Markteinbindung der Bauern, für Weiterverarbeitung vor Ort. Die Zentren werden zu Innovationsclustern für Mechanisierung, Digitalisierung, Ausbildung und mehr Jobs. Für all das brauchen wir auch Ihr Know-how!

2. Es braucht mehr Vielfalt – für den Magen und für den Boden:
Es braucht Vielfalt für den Magen: mehr Proteine, auch durch mehr Anbau von Hülsenfrüchten. Wir fördern gesündere Ernährung insbesondere durch Schulungen für Schwangere und Mütter und über Ernährungsberatung.

Es braucht Vielfalt für den Boden, statt Monokultur. In Sambia, wo ich gerade war, gibt es zum Beispiel nicht genug Wissen zu Bodenschutz durch Fruchtfolgen. Hier setzen wir an.

3. Es braucht angepasste Mechanisierung:
75 Prozent des Landes in Subsahara-Afrika wird noch·von Hand gepflügt. Ein Ochsenpflug ist dort Luxus. Angepasste Mechanisierung kann helfen, Erträge zu steigern, wettbewerbsfähig zu werden. Über unsere Grünen Zentren schulen wir Lohnunternehmer darin, wie sie diese Flächen günstig und effizient maschinell bearbeiten können. Angepasste Mechanisierung in Entwicklungsländern muss Jobs schaffen, statt sie zu vernichten. Sie muss an Klima, Größe der Felder, Art der Feldfrüchte angepasst sein.

In Äthiopien schaffen wir jetzt gemeinsam mit der Regierung die Voraussetzungen dafür, Mechanisierung zu verbreiten. Die Privatwirtschaft ist da ein wichtiger Partner für uns, lieber Herr Richenhagen. AGCO bietet auf Afrika angepasste Lösungen an. Der "Farm in the box"-Ansatz ist auf kleinbäuerliche Strukturen angelegt. Dieser Weg ist klug und richtig!

Gerade war ich in Sambia. Ihre Landmaschinen gibt es dort seit 60 Jahren. Mit Ihrer "Zukunftsfarm" setzen Sie neue Standards: moderne Bildungszentren mit Ausbildungsplätzen für Getreide- und Geflügelwirtschaft und für Mechanisierung.

4. Es braucht mehr Tiergesundheit:
300 Millionen Afrikaner leben von Tierhaltung. Aber ihnen fehlt häufig Wissen, wie sie ihre Tierhaltung an den Klimawandel anpassen, Futtergrundlagen nachhaltig nutzen oder etwa Tierseuchen verhindern können. Wir machen Tiergesundheit deshalb zu einem neuen Themenschwerpunkt.

In Kamerun zum Beispiel fördern wir die Zwei-Nutzungshaltung, so dass Hühner sowohl Eier- als auch Fleischlieferanten sind.

5. Wir brauchen auch Alternativen zum Fleisch!
Denn der weltweite Fleischkonsum hat sich seit 1980 verdoppelt. Ein Zeichen für Entwicklung. Aber auch eine Gefahr – für Gesundheit und Umwelt. Viehzucht produziert auf 80 Prozent der Nutzfläche nur 20 Prozent der Kalorien. Für einen weltweiten Fleischkonsum wie in den USA oder in Brasilien würde die Ackerfläche der Erde gar nicht ausreichen. Und allein der Fleisch- und Milchsektor erzeugt 14 Prozent der klimaschädlichen Emissionen.

Deshalb müssen wir Ernährungs-Innovationen in die Breite bringen. Zum Beispiel Algen: Das sind hochwertige Eiweiße und sie sind vitaminreich. Oder Insekten: Sie sind Super-Food, mit ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen. Und sie bringen 50 Gramm Protein auf 100 Gramm Trockengewicht!

Morgen beginnt hier in Berlin die Grüne Woche. Dort können Sie in der Halle des BMZ nicht nur Insekten probieren. Sondern Sie können auch unsere gesamte Strategie für Eine Welt ohne Hunger erfahren.

Die Ernährung der Welt muss von den Regierungen endlich als das anerkannt werden, was sie ist: Eine der Überlebensfragen der Menschheit. Und als Frage der globalen Gerechtigkeit.

Denn eine Welt ohne Hunger ist möglich! Sie muss auch eine Welt mit genügend Proteinen für alle sein. Erzeugt von einem Ernährungssystem, das nicht seine eigenen Grundlagen zerstört.

Dafür handeln wir mit unserer Entwicklungspolitik. Und dafür brauchen wir starke Mitstreiter!  


Lexikon der Entwicklungspolitik

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