Sicherheitslage Konflikte in vielen Landes­teilen

Große soziale Ungleichheiten und mangelnde Zukunftsperspektiven sorgen für Spannungen innerhalb der nigerianischen Gesellschaft und tragen dazu bei, dass das Land immer wieder von gewalttätigen Auseinandersetzungen erschüttert wird.

Binnenvertriebene in der ostnigerianischen Stadt Yola, die vor Boko Haram geflohen sind

Binnenvertriebene in der ostnigerianischen Stadt Yola, die vor Boko Haram geflohen sind

Binnenvertriebene in der ostnigerianischen Stadt Yola, die vor Boko Haram geflohen sind

Häufig werden soziale und wirtschaftliche Konflikte ethnisch oder religiös instrumentalisiert. In Nigeria leben mehr als 250 ethnische Gruppen, der Norden des Landes ist vorwiegend muslimisch, der Süden stärker christlich geprägt.

Die Sicherheitslage und die humanitäre Situation im Nordosten des Landes verschlechtern sich seit 2018 kontinuierlich. Im Grenzgebiet von Nigeria, Kamerun, Niger und Tschad verüben die islamistischen Gruppierungen „Boko Haram“ und „Islamischer Staat Provinz Westafrika“ (Islamic State's West Africa Province, ISWAP) immer wieder Terroranschläge. Das Militär ist bisher nicht in der Lage, die Sicherheit in der Region zu garantieren und die Bevölkerung vor Angriffen zu schützen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bezifferte die Zahl der nigerianischen Binnenvertriebenen Ende Oktober 2021 auf knapp 2,2 Millionen Menschen. Mehr als 320.000 Nigerianerinnen und Nigerianer haben in den Nachbarländern Schutz gesucht. Nach Angaben des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) waren im Oktober 2021 in den nordöstlichen Bundesstaaten Borno, Adamawa und Yobe 8,7 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Lage hat sich im Zuge der Corona-Pandemie weiter verschlechtert, da Lieferketten unterbrochen sind und die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr sichergestellt werden kann.

Kampf um Ressourcen

Regional ausgeweitet haben sich Konflikte zwischen Hirten und Bauern in Zentralnigeria. Die Wanderhirten ziehen traditionell vom Norden des Landes in Richtung Süden, um ihre Rinder weiden zu lassen und Fleisch in die Schlachthöfe des Südens zu bringen. Die früheren Weidekorridore gibt es jedoch nicht mehr – das Land ist inzwischen entweder bebaut oder wird landwirtschaftlich genutzt.

Der Streit um Land und Ressourcen könnte zu einer ethno-religiösen Spaltung der Gesellschaft führen, da muslimische Hirten vorwiegend christlichen Farmern gegenüberstehen. Die fortschreitende Wüstenbildung in Nordnigeria, das starke Bevölkerungswachstum und die angespannte wirtschaftliche Lage tragen zur Verschärfung des Konflikts bei.

Hohes Eskalationspotenzial

Als kritisch für die allgemeine Sicherheitslage bewerten Experten die Bandenkriminalität (Viehdiebstähle, Überfälle, Entführungen) im Nordwesten des Landes. Die Banden werden zunehmend von islamistischen Organisationen unterwandert, so dass die Grenzen zwischen Kriminalität und Terrorismus immer stärker verschwimmen.

Angespannt bleibt die Lage auch in den Ölfördergebieten des Niger-Deltas. Dort kämpfen Milizen für mehr Teilhabe der Bevölkerung am Rohstoffreichtum des Landes. Eine sicherheitspolitische Herausforderung stellt außerdem die Piraterie im Golf von Guinea dar. Die nigerianische Marine ist nur begrenzt in der Lage, Schiffe und ihre Besatzungen vor Überfällen und Entführungen zu schützen.

Ein weiterer Konfliktherd schwelt im Südosten des Landes, wo sich separatistische Gruppen für die Unabhängigkeit der Provinz Biafra einsetzen. Ähnliche Bestrebungen hatten Ende der 1960er Jahre zu einem fast drei Jahre andauernden Bürgerkrieg geführt.