28. Mai 2026 Rede der Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan anlässlich des Auftakts der Entwicklungspolitischen Veranstaltungsreihe in den Bundesländern „Globale Solidarität – Starkes Engagement“ in Mecklenburg-Vorpommern
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich fange auch musikalisch an, keine Sorge, ich werde nicht singen. Es gibt eine Liedzeile von Thees Uhlmann, an die ich in diesen Zeiten oft denken muss:
„Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant.“
Ich glaube, genau darin liegt etwas Bedeutsames. Denn wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass die Welt, dass ihre eigene Zukunft aus den Fugen gerät.
Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht mehr so viele bewaffnete Konflikte wie heute. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatten rechtsextreme Parteien in Deutschland und weltweit noch nie so viel Zulauf wie heute. Gewissheiten, die uns in den letzten Jahrzehnten getragen haben, scheinen nicht mehr zu gelten.
Wir erleben eine wachsende Verunsicherung und eine Härte auch im gesellschaftlichen Klima, die viele Menschen beschäftigt.
Und das alles wirkt manchmal überwältigend. Beängstigend. Für uns alle.
Und es bringt viele Menschen weltweit an den Rand ihrer Existenz.
Und trotzdem weiß ich: Die Zukunft lässt sich gestalten.
Diese Krisen, diese Kriege, diese politischen Narrative, sie sind nicht einfach so vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Sie sind das Ergebnis ganz konkreter politischer Entscheidungen.
Und genau darin liegt auch meine Hoffnung.
Denn wenn Menschen diese Welt verändern können, dann können Menschen sie auch verbessern.
Wir können den Lauf der Dinge verändern. Wir können Vertrauen stärken. Wir können – und ehrlich gesagt wir müssen – Zukunft gestalten.
Oder wie Thees Uhlmann sagt: Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Wir schreiben sie. Gemeinsam.
Darum geht es heute Abend.
Es geht um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Und um die Frage, welchen Beitrag Deutschland dabei leisten will. Um die Rolle Deutschlands in der Welt der Zukunft.
Viele Menschen fragen sich: Warum internationales Engagement, wenn auch hier große Herausforderungen bestehen? Die Antwort lautet: Weil unsere Zukunft längst global miteinander verbunden ist.
Klimakrisen, Pandemien, wirtschaftliche Instabilität, Hunger, Konflikte und Fluchtbewegungen betreffen am Ende auch uns hier in Mecklenburg-Vorpommern. Sie machen nicht an Grenzen halt. Wenn wir heute in globale Stabilität investieren, investieren wir auch immer in unsere eigene Sicherheit, in Frieden und in unsere wirtschaftliche Stärke als eine der größten Exportnationen der Welt.
In der global vernetzten Welt von heute brauchen unsere Unternehmen Verlässlichkeit, Planbarkeit und belastbare internationale Partnerschaften. Genau deshalb setzen wir mit dem BMZ-Aktionsplan für Wirtschaft bewusst auf eine engere Zusammenarbeit zwischen Entwicklungspolitik und Wirtschaft.
Wir wollen Partnerschaften schaffen, von denen alle Seiten profitieren: die Menschen in unseren Partnerländern ebenso wie die Menschen und die Wirtschaft hier in Deutschland. Dafür bauen wir strukturelle Hemmnisse ab. Wir unterstützen Unternehmen bei ihrem Engagement im Globalen Süden. Und fördern nachhaltige Investitionen.
Und deshalb freue ich mich besonders, dass wir heute hier bei der IHK Schwerin zu Gast sind. Genau solche Begegnungen brauchen wir: den direkten Austausch zwischen Wirtschaft, Kommunen, Zivilgesellschaft und Entwicklungspolitik.
Eine weltoffene Gesellschaft ist dabei auch ein wichtiger Standortfaktor. Internationale Partnerschaften schaffen Netzwerke, Vertrauen und Kontakte, die auch für die regionale Wirtschaft wertvoll sind.
Ein besonders gutes Beispiel hier aus Mecklenburg-Vorpommern ist die Zusammenarbeit des BMZ mit dem Bildungswerk der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam unterstützen wir die Arbeitgeberverbände in Zentralasien dabei, Sozialpartnerschaften zu stärken und die Rahmenbedingungen für Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern.
Entwicklungszusammenarbeit ist also moderne Zukunftspolitik. Sie stärkt Stabilität, schafft Vertrauen und eröffnet wirtschaftliche Chancen auf beiden Seiten.
Und Entwicklungspolitik findet nicht nur in internationalen Konferenzsälen statt. Sie beginnt ganz konkret vor Ort: in Kommunen, Unternehmen, Schulen, Vereinen und Initiativen.
Genau deshalb freue ich mich sehr über diese Veranstaltungsreihe, das soll heute auch ein Kickoff sein, wir gehen damit auch in andere Bundesländer. Denn sie macht sichtbar, wie viel internationales Engagement bereits in unseren Bundesländern entsteht.
Hier in Mecklenburg-Vorpommern engagieren sich viele Menschen mit großer Leidenschaft. Sie bauen Schulpartnerschaften auf, sie informieren über Entwicklungspolitik und schaffen damit Akzeptanz und Verständnis für Entwicklungszusammenarbeit und Demokratie. Sie stärken kommunale Kooperationen, vernetzen Unternehmen international und fördern den Austausch zwischen Menschen.
Ich finde das Beispiel der Gemeinde Lohmen besonders beeindruckend, lieber Bürgermeister Dikau, schön, dass Sie heute hier sind. Eine Gemeinde mit rund 800 Einwohnerinnen und Einwohnern und einer Vielzahl von Partnerschaften, zum Beispiel mit Vietnam, Gabun und der Ukraine.
Das zeigt: Internationale Verantwortung beginnt nicht erst in den Metropolen. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, aufeinander zuzugehen und Zukunft zusammen global zu gestalten.
Gerade die Partnerschaften mit der Ukraine zeigen, wie internationale Zusammenarbeit konkret wirkt. Und auch hier haben wir in Mecklenburg-Vorpommern viele Kommunen die sich gerade in der Zusammenarbeit mit der Ukraine engagieren. Sie unterstützen beim Wiederaufbau, liefern Generatoren, helfen Krankenhäusern und stehen den Menschen in der Ukraine in diesen schwierigen Zeiten zur Seite. So tragen sie dazu bei, die Widerstandskraft der Ukrainerinnen und Ukrainer zu stärken und dass die Ukraine sich in diesem Krieg behaupten kann.
Und gleichzeitig – und das ist mir auch total wichtig – lernen auch wir viel aus der Zusammenarbeit mit der Ukraine. Über gesellschaftlichen Zusammenhalt, über Resilienz, über Krisenfestigkeit und über den Schutz kritischer Infrastruktur. Ukrainerinnen und Ukrainer trainieren beispielweise gerade die Bundeswehr im Umgang mit Drohnen. Es geht um ein gegenseitiges Lernen.
Entwicklungspolitik gehört heute fest zu unserer Sicherheitsarchitektur.
Denn Frieden entsteht nicht von allein. Frieden entsteht dort, wo Menschen Perspektiven haben, wo Vertrauen wächst und wo Zusammenarbeit gelingt.
Dafür brauchen wir starke Kommunen, engagierte Unternehmen und Zivilgesellschaft, und junge Menschen, die aktiv Zukunft mitgestalten wollen.
Genau das habe ich bei meinem Austausch mit Schülerinnen und Schülern hier in Schwerin erlebt. Wir haben es gerade auch von der Rostocker Schulband gehört. Da ging es um Ideen, um Verantwortung und um die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen. Und ich habe gespürt: Diese Generation möchte gestalten.
Junge Menschen wollen – genauso wie alte – keine Dauerkrise die zu einem Normalzustand wird. Sie suchen Lösungen und die Möglichkeit, selbst etwas zu bewegen.
Das ist ein wichtiger Auftrag an die Politik.
Denn politische Verantwortung bedeutet, Vertrauen in Gestaltungskraft zu stärken. Zuversicht ist kein naiver Optimismus. Zuversicht entsteht dort, wo Menschen erleben, dass Zusammenarbeit wirkt und Veränderungen möglich sind.
Und genau dafür steht Entwicklungszusammenarbeit. Sie zeigt, dass gemeinsames Handeln Fortschritt schaffen kann. Sowohl hier bei uns in Deutschland als auch in unseren Partnerländern.
Entwicklungszusammenarbeit zeigt, dass internationale Partnerschaften konkret etwas verändern. Und dass Demokratie auch davon lebt, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Ich freue mich deshalb sehr, dass wir hier heute in den Austausch kommen, über die großen und kleinen Themen unserer Zeit.
Deshalb danke ich Ihnen allen sehr herzlich für Ihr Engagement. Danke für Ihre Arbeit in Unternehmen, Kommunen, Vereinen, Schulen und Initiativen. Danke dafür, dass Sie Brücken bauen, Menschen zusammenbringen und internationale Zusammenarbeit mit Leben füllen.
Lassen Sie uns mutig bleiben. Lassen Sie uns zuversichtlich bleiben. Und gemeinsam Zukunft gestalten.
Vielen Dank.