26. März 2026 Impulsrede der Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan bei zivilgesellschaftlicher Veranstaltung zum Weltwassertag
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren,
in der jordanischen Hauptstadt Amman habe ich letztes Jahr die Quelle Ras Al Ein besucht. Sie ist eine der letzten verbliebenen Grundwasserquellen der Stadt. Dort wird sichtbar, was Wasserknappheit wirklich bedeutet.
Wenn das Grundwasser sinkt, wenn Leitungen veraltet sind, wenn die Stadt – und damit der Wasserbedarf – wächst, dann wird Wasser zu einer politischen Herausforderung. Zu einer Frage gesellschaftlicher Stabilität. Zu einer Frage des Überlebens.
Jordanien gehört zu den trockensten Ländern der Welt. Und der Klimawandel macht die Lage noch schlimmer.
Deshalb unterstützen wir Jordanien mit der deutschen Entwicklungspolitik dabei, Wasserverluste zu reduzieren, den Verbrauch zu senken und das Grundwasser zu schützen. Also zum Beispiel dabei, Meerwasser zu entsalzen oder geklärtes Abwasser für die Landwirtschaft zu nutzen.
Viele Menschen, darunter viele Geflüchtete, haben dadurch Zugang zu sicherem Trinkwasser und Sanitärversorgung erhalten.
Als ich dort in Amman an der Quelle stand, habe ich Dr. Jihad Mahameed, den jordanischen Staatssekretär aus dem Wasserministerium gefragt, was passieren würde, wenn Deutschland seine Unterstützung einstellt.
Seine Antwort war sehr direkt – und ich zitiere:
„Wir würden alle sterben. Es gäbe kein Wasser mehr in Jordanien – wir würden alle sterben.“
Diese Worte zeigen, wie dramatisch die Lage ist. Und die militärische Eskalation im Nahen Osten in den letzten Tagen und Wochen hat die Situation noch einmal verschärft.
Der Großteil der Menschen im gesamten Nahen Osten ist abhängig davon, dass Meerwasserentsalzungsanlagen an den Küsten sie mit Trinkwasser versorgen. Und ganz aktuell werden genau diese Anlagen zunehmend zum Ziel von Angriffen.
Damit wird Wasser eine Waffe im Krieg. Wasser wird zum geopolitischen Druckmittel.
Diese Entwicklung unterstreicht: Wasser ist die strategische Ressource des 21. Jahrhunderts. Nicht nur als Umwelt- oder Infrastrukturthema, sondern als Frage von Geopolitik, Sicherheit, Stabilität und wirtschaftlicher Zukunft.
Wenn wir über die großen geopolitischen Fragen dieses Jahrhunderts sprechen, denken wir meistens an Energieversorgung, an Rohstoffe, an Technologie.
Der entscheidende Faktor Wasser wird dabei oft übersehen.
Und wenn wir ehrlich sind: Die Welt ist auf diese Realität nicht vorbereitet.
Die Weltbevölkerung wächst. Der Klimawandel verstärkt Dürren, Überschwemmungen und Extremwetter. Flüsse, Seen und Grundwasser geraten in vielen Regionen aus dem Gleichgewicht.
Die Folgen sehen wir längst:
Wo Wasser fehlt, gehen die Ernten ein und Menschen fehlt es an Nahrung. Wo Wasser fehlt, steht vielerorts die Energieproduktion still. Wo Wasser fehlt, geraten Gesellschaften unter Druck.
Das heißt: Wo Wasser fehlt, wachsen Konflikte!
Ungefähr 60 Prozent der globalen Süßwasserressourcen liegen in grenzüberschreitenden Flusssystemen, wie zum Beispiel am Nil. Wenn diese Ressourcen nicht gemeinsam gemanagt werden, steigt das Konfliktpotenzial zwischen den Anrainerstaaten.
Darum sage ich ganz bewusst: Wasserpolitik ist Friedenspolitik.
Wer in Wasser investiert, investiert in Stabilität und Sicherheit.
Während wir hier in Deutschland selbstverständlich den Wasserhahn aufdrehen, haben weltweit Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberer Wasser- und Sanitärversorgung.
Für viele Menschen bestimmt kilometerweites Wasserholen den Alltag. Für viele Mädchen bedeutet Wasserholen: kein Schulunterricht. Und für viele Frauen bedeutet Wasserholen: Harte körperliche Arbeit, jeden Tag.
Frauen und Mädchen tragen weltweit die Hauptlast der Wasserversorgung im Alltag. Gleichzeitig fehlt Millionen Frauen und Mädchen der Zugang zu sicheren Sanitäranlagen, besonders in Schulen.
In vielen Regionen hat das dramatische Folgen: Mädchen bleiben dem Unterricht fern. Frauen verlieren wirtschaftliche Chancen. Ungleichheit verfestigt sich.
Das zeigt: Wasser entscheidet über Chancen. Denn wenn Wasser fehlt, betrifft das vor allem Frauen und Mädchen unmittelbar. Wenn Wasser fehlt, wächst Ungleichheit.
Deshalb ist es gut, dass der diesjährige Weltwassertag am 22. März unter dem Motto „Wasser und Geschlechtergerechtigkeit“ steht.
Denn: Wer in Wasser investiert, investiert in Gleichberechtigung.
Jedes Jahr sterben etwa eine Million Menschen an Krankheiten, die mit mangelnder Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung zusammenhängen.
Eine Million Menschen, viele davon Kinder. Das sind vermeidbare Todesfälle.
Sie alle wissen es – das zeigt ja auch der Titel der Veranstaltung: Investitionen in Wasser und Sanitärversorgung gehören zu den wirksamsten Gesundheitsmaßnahmen weltweit.
Sauberes Wasser bedeutet: Weniger Menschen, die sich mit Keimen infizieren. Weniger Kinder, die sterben. Weniger Risiko, dass Pandemien sich verbreiten.
Daher gilt: Wer in Wasser investiert, investiert in die Gesundheit der Menschen.
Und Wasser ist eben auch ein harter wirtschaftlicher Faktor.
Ohne Wasser gibt es keine Landwirtschaft. Keine Industrie. Und keine stabile Wirtschaft.
Studien zeigen, dass jeder investierte Dollar in Wasser- und Sanitärversorgung bis zu 21 Dollar gesamtgesellschaftlichen Nutzen erzeugen kann.
Wer in Wasser investiert, investiert in Wirtschaftswachstum.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch:
Die Welt ist beim SDG 6, also dem Nachhaltigkeitsziel, Wasser und Sanitärversorgung für alle sicherzustellen, nicht auf Kurs.
Um das zu ändern, braucht es Mittel. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es eine Billion US-Dollar pro Jahr bräuchte, um SDG 6 zu erreichen. Gleichzeitig ziehen sich einige Geber zurück, insbesondere die USA.
Und genau deshalb ist jetzt politische Führung gefragt. Das BMZ übernimmt hier Verantwortung. Wir investieren nicht nur in Wasser-Infrastruktur. Wir investieren auch in funktionierende Institutionen, in kommunale Wasserbetriebe und in nachhaltige Wasserwirtschaft.
Ein Beispiel dafür ist die von uns gegründete internationale Urban Water Catalyst Initiative. Sie unterstützt weltweit kommunale Wasser- und Abwasserunternehmen dabei, wirtschaftlich leistungsfähiger zu werden und Zugang zu Finanzierung zu erhalten. Damit diese langfristig selbst in die Wasserversorgung ihrer Gemeinden investieren können.
Denn nachhaltige Entwicklung bedeutet immer auch: Partner und lokale Strukturen stärken. Keine Abhängigkeiten schaffen.
Gleichzeitig brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit. Unsere Entwicklungspolitik allein wird die globale Wasserkrise nicht lösen können. Wir brauchen einen Schulterschluss: zwischen Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und internationalen Organisationen.
Deutschland bringt dafür gute Voraussetzungen mit. Unser Modell der kommunalen Wasserwirtschaft gilt weltweit als Vorbild. Wir haben eine starke Wasserwirtschaft und eine engagierte Zivilgesellschaft.
Und genau diese Kräfte wollen wir stärker zusammenbringen.
Das Jahr 2026 ist dafür ein entscheidendes Jahr.
Heute setzt die Zivilgesellschaft mit dieser Veranstaltung in Deutschland den Auftakt für das internationale Wasserjahr. Im Dezember wird die UN-Wasserkonferenz der internationale Höhepunkt sein. Dort werden wichtige Weichen gestellt – für die Zukunft der globalen Wasserpolitik.
Deutschland will dabei treibende Kraft sein.
Nicht nur mit Worten. Sondern mit konkreten Initiativen. Und mit Partnerschaften. Mir ist wichtig, dass auch die Zivilgesellschaft hier stark eingebunden ist.
Meine Damen und Herren,
Wasser ist keine Selbstverständlichkeit. Wasser entscheidet: Über Gleichberechtigung. Über Gesundheit. Über wirtschaftliche Entwicklung. Über Frieden.
Wenn wir im 21. Jahrhundert über globale Stabilität sprechen, dann müssen wir über Wasser sprechen. Denn Wasser ist die Ressource der Zukunft.
Darum ist mein politischer Anspruch klar: Wir machen Wasser zu einer strategischen Priorität der deutschen Entwicklungspolitik.
Denn eine gerechte Welt beginnt mit etwas sehr Einfachem: Dass jeder Mensch Zugang zu sauberem Wasser hat.
Vielen Dank.