02. November 2026 Rede der Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan beim COP31-Briefing der Bundesregierung „Gemeinsam handeln für Klimaresilienz und eine Zukunft unter 1,5 Grad“
Es gilt das gesprochene Wort
“Sehr geehrte Exzellenzen,
lieber Carsten Schneider,
sehr geehrte Damen und Herren,
die Klimakrise ist die globale Gerechtigkeitsfrage unserer Zeit.
Auf der einen Seite betrifft der Klimawandel uns alle. Auch hier in Deutschland spüren wir ihre Folgen – wie extreme Hitze und Niedrigwasser in unseren Flüssen – immer deutlicher.
Gleichzeitig ist die Klimakrise hochgradig ungerecht. Die Klimafolgen treffen nämlich die Menschen im Globalen Süden am härtesten, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben. Bei ihnen geht es nicht um vereinzelte Ernteausfälle, sondern ums Überleben.
Und genau diesen Ländern, die so heftig vom Klimawandel betroffen sind, fehlen häufig die Mechanismen und Mittel, um sich wirksam gegen ihn zu schützen.
Hochindustrialisierte Länder die USA und natürlich auch wie wir in Deutschland gehören historisch zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Wir tragen deshalb die Verantwortung, ihn entschlossen zu bekämpfen – und die Betroffenen zu unterstützen.
Und das tun wir seit Jahrzehnten mit der deutschen Entwicklungspolitik.
Dabei geht es auch um Solidarität und globale Gerechtigkeit.
Und es geht um unsere gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten.
Wenn wir über die Klimakrise sprechen, müssen wir auch über die strategische Ressource des 21. Jahrhunderts sprechen: nämlich über Wasser.
Wasser ist längst zu einer geostrategischen Schlüsselfrage geworden.
Weltweit haben mehr als zwei Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und die Weltbevölkerung wächst. Klimawandel verstärkt Dürren und Überschwemmungen. Flüsse, Seen und Grundwasser geraten in vielen Regionen aus dem Gleichgewicht.
Die Folgen sehen wir längst:
Wo Wasser fehlt, gehen die Ernten ein. Wo Wasser fehlt, steht vielerorts die Energieproduktion still. Wo Wasser fehlt, entstehen auch bewaffnete Konflikte.
Deshalb sage ich ganz deutlich: Wasserpolitik ist Friedenspolitik.
Wer in Wasser investiert, investiert in Stabilität, in Wohlstand und in Frieden.
Wer in Wasser investiert, investiert auch in Gerechtigkeit. Sauberes Wasser muss für alle erreichbar und bezahlbar sein.
Und wer in Wasser investiert, investiert auch in die Wirtschaftskraft. Denn Industrie und Landwirtschaft sind auf ausreichend sauberes Wasser angewiesen. Studien der Vereinten Nationen zeigen, dass jeder investierte Dollar in Wasser- und Sanitärversorgung bis zu 4 Dollar wirtschaftlichen Ertrag erzeugen kann.
Und um der Wasserkrise zu begegnen, ist jetzt politische Führung gefragt.
Es braucht entschlossenes Handeln für das Menschenrecht auf Wasser. Es braucht konsequenten Klimaschutz. Und es braucht eine enge internationale Zusammenarbeit.
Das Jahr 2026 ist dafür entscheidend: Nach den Weltkonferenzen zu Böden, Natur und Klima wird die UN-Wasserkonferenz im Dezember ein zentraler Meilenstein. Deutschland wird dabei treibende Kraft für globale Wassersicherheit sein. Nicht nur mit Worten. Sondern mit konkreten Initiativen. Und mit starken Partnerschaften.
Dass Wassersicherheit, Geopolitik und die Klimakrise längst untrennbar miteinander verbunden sind, zeigt auch ein Blick auf die aktuellen Krisenherde, vor allem im Nahen Osten.
Die gezielten Angriffe des Iran auf Meerwasserentsalzungsanlagen in seinen Nachbarländern haben deutlich gemacht: Wasser wird zunehmend als Druckmittel und als Waffe eingesetzt.
Und seit Monaten bedroht der Konflikt mit dem Iran auch die globale Energieversorgung. Die Preise an den Tankstellen und an den Supermarktkassen sind stark gestiegen. In Deutschland und weltweit.
Der Konflikt um die Straße von Hormus zeigt uns: Die Abhängigkeit von fossiler Energie macht uns alle verwundbar.
Deshalb ist der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien die richtige und dringend notwendige Antwort. Um geopolitische Abhängigkeiten zu minimieren – und um die Klimakrise einzudämmen.
Die 1,5-Grad-Grenze wird bereits jetzt zeitweise überschritten. Jedes Zehntel Grad zählt. Wir müssen die Treibhausgase drastisch reduzieren.
Erschwerend hinzu kommt – und das muss ich jetzt auch erwähnen – in diesem Jahr das Wetterphänomen El Niño.
Es ist zwar kein Produkt des Klimawandels, wird jedoch durch die Erderwärmung und den Naturverlust massiv verstärkt. Die Folge sind extreme Dürren, Hitze und Fluten in den verwundbarsten Regionen der Welt. Millionen Menschen droht der Hunger und der Verlust ihrer Lebensgrundlagen.
Und um die am stärksten betroffenen Länder zu schützen, setzen wir in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf ein starkes Klima- und Katastrophenrisikomanagement. Es geht darum, Vorsorge zu treffen und im Katastrophenfall schnell handlungsfähig zu sein.
Auf der COP31 werden wir uns deshalb für flächendeckende Anpassungspläne, Frühwarnsysteme und Klimarisikofinanzierung stark machen. Über Instrumente wie den „Fonds zum Umgang mit Verlusten und Schäden“ und den „Globalen Schutzschirm gegen Klimarisiken“ unterstützen wir gezielt risikogefährdete Regionen.
Unser Ziel ist es, dass die betroffenen Staaten auf die Klimafolgen vorbereitet sind. Und dass sie vorausschauende Resilienz- und Reaktionsmechanismen in ihre nationalen Gesetze, Haushalte und Institutionen integrieren.
All diese Mechanismen brauchen eine zukunftsfeste Finanzierung. Deutschland bleibt ein verlässlicher Partner und wird auch weiterhin seinen fairen Beitrag zum neuen internationalen Klimafinanzierungsziel NCQG leisten.
Gleichzeitig steht die Weltgemeinschaft an einem Scheideweg: Öffentliche Mittel stehen überall unter großem Druck – und sie allein werden niemals ausreichen, um die globalen Klimaziele zu erreichen. Wir müssen deshalb die Kräfte bündeln.
Ich sehe vier zentrale Ansatzpunkte:
Erstens müssen wir mehr private Mittel mobilisieren. Klimafinanzierung ist eine lukrative Investition in die Zukunft. Deshalb unterstützen wir Initiativen wie die „Tropical Forest Forever Facility“. Sie bietet Tropenländern finanzielle Anreize für den nachgewiesenen Erhalt ihrer Wälder – und ermöglicht gleichzeitig verzinste Rückzahlungen an private und öffentliche Investoren. Der TFFF zeigt also wie wir beides gut miteinander kombinieren können – öffentliche und private Mittel.
Zweitens gilt es, die Klimaambition in multilateralen Entwicklungsbanken hochzuhalten. Sie müssen ihr Ziel erreichen, bis 2030 jährlich 120 Milliarden US-Dollar Klimafinanzierung bereitzustellen. Wir werden uns allen Kräften entschieden entgegenstellen, die diese Klimaziele verwässern wollen.
Drittens müssen sich auch finanzstarke Schwellenländer an den multilateralen Klimafonds beteiligen.
Und viertens müssen die Gelder aus den Fonds auch dann schneller fließen. Nicht zuletzt durch deutschen Einsatz konnten im Grünen Klimafonds die Wartezeiten zwischen Antragstellung und Bewilligung bereits von mehreren Jahren auf durchschnittlich 9 Monate verkürzt werden. Das ist ein wichtiger Erfolg, an den wir anknüpfen müssen. Denn die Klimakrise wartet nicht, bis Anträge bewilligt sind.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
die Präsidentschaften der COP31 wollen die Konferenz zu einem “Wendepunkt für den Klimaschutz„ machen. Deutschland und Team Europe unterstützen dieses Ziel voll und ganz, natürlich auch mit dem BMZ weiterhin.
Denn die Klimakrise ist die globale Gerechtigkeitsfrage unserer Zeit.
Lassen Sie uns weiter entschlossen und kraftvoll für Klimaschutz und globale Gerechtigkeit kämpfen. Denn es geht um das Wertvollste, das wir haben: unsere gemeinsame Zukunft.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“