13. November 2023 Armut, Hunger und Ungleichheit weltweit wirksam bekämpfen – leave no one behind

Rede von Entwicklungsministerin Svenja Schulze bei der 4. Veranstaltung mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Dialogreihe „Forum Globale Politik und Entwicklung“ zum Schwerpunkt Armut, Hunger und Ungleichheit

Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrter Herr Wolpold-Bosien,
Sehr geehrte Frau Bähr,
liebe Gäste,

wieviel Kilo Gemüse brauchen Sie, um Ihre Familie eine Woche lang zu ernähren?

Ich wusste auf diese Frage erst einmal keine Antwort. Aber Curlstar Karegi, die mir die Frage gestellt hatte, wusste es genau: Sechs Kilo. So viel Gemüse braucht eine Familie in Kenia im Durchschnitt.

Karegi ist Gründerin des Youth Agripreneurs Netzwerks in Vihiga im Westen Kenias. Sie können sie im Foyer auf einer unserer Fotowände sehen. Ihr Netzwerk bringt junge Klein- und Kleinstunternehmende in der Landwirtschaft zusammen.

In Karegis Netzwerk lernen sie innovative Anbaumethoden, zum Beispiel das vertikale Gärtnern. So können diese jungen Menschen auf kleinstem Raum pro Woche mindestens sechs Kilo Gemüse produzieren. Und sicherstellen, dass ihre Familienmitglieder abends nicht hungrig zu Bett gehen müssen.

Das ist Karegis Beitrag, um den Hunger zu bekämpfen. Und sie ist nur eine von vielen anderen. Unzählige Frauen und Männer engagieren sich weltweit im Kampf gegen Hunger und Armut.

Die Ausstellung im Foyer zeigt ihre beeindruckenden Geschichten und ihre ganz unterschiedlichen Ansätze. Einige verbessern Anbaumethoden in Kenia und Ecuador. Andere erleichtern Frauen in Jordanien und Tansania den Zugang zu Mikrokrediten. Und wieder andere setzen sich für bessere Arbeitsbedingungen und auskömmliche Löhne in der Landwirtschaft in Ruanda und Senegal ein.

Ihr Engagement ist wichtig, gerade jetzt. Denn Hunger, Armut und Ungleichheit steigen weltweit wieder an. Großer Reichtum und bittere Armut treffen an vielen Orten unserer Welt direkt aufeinander. Die Bilder hier an den Wänden geben uns einen Eindruck davon.

Weltweit leidet fast jeder Zehnte an Hunger. Das sind 735 Millionen Menschen, fast doppelt so viele Menschen wie in der EU leben.

Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie nimmt auch die Armut wieder zu. Und das, obwohl sie über 20 Jahre lang abgenommen hatte. Gleichzeitig sind die Vermögen der Reichsten gewachsen. Es gibt heute mehr Dollarmillionäre als noch vor der Covid-19-Pandemie. Und auch die Gewinne einzelner großer Lebensmittel- und Energiekonzerne sind im letzten Jahr in die Höhe geschossen.

Das alles widerspricht unserem Sinn von sozialer Gerechtigkeit.

Als Weltgemeinschaft haben wir uns mit der Agenda 2030 verpflichtet, niemanden zurückzulassen. Gerade weil es so viel Wohlstand und Reichtum in der Welt gibt, ist es skandalös, dass immer noch Kinder an Hunger sterben. Dass immer noch so viele Menschen nicht das Nötigste für ein Leben in Würde haben.

Armut, Hunger und Ungleichheit sind eng miteinander verwoben. Wer arm ist, kann sich Essen oft nicht leisten. Und ebenso wenig für die eigene Gesundheit sorgen oder in die Bildung der Kinder investieren.

Frauen trifft das meist besonders. Aus diesem Zirkel auszubrechen, sich aus der Armut zu befreien, ist dort am schwersten, wo die Gesellschaften von hoher Ungleichheit geprägt sind.

Und obwohl Armut, Hunger und Ungleichheit so eng verknüpft sind, braucht es verschiedene Politikansätze, um sie zu bekämpfen:

Um den Hunger zu beenden, gilt es zunächst einmal, akute Ernährungskrisen zu bekämpfen. Wenn die verwundbarsten Menschen etwa aufgrund der Dürren in Äthiopien, der Fluten in Pakistan oder des Konflikts im Jemen nicht mehr genug zu essen haben, gilt es schnell zu unterstützen. Zum Beispiel mit Lebensmitteln oder Bargeld. Aber auch wenn Hunger akut ist, darf die Entwicklungspolitik nicht bei der Bekämpfung von Symptomen stehen bleiben.

Mir geht es darum, die strukturellen Ursachen für Hunger anzugehen. Und das geht nur langfristig. Die globalen Agrar- und Ernährungssysteme müssen grundlegend verändert werden. Ziel muss sein, eine wachsende Weltbevölkerung ausreichend und gesund ernähren zu können. Dazu gehört, dass Länder einseitige Abhängigkeiten von Nahrungsmittelimporten vermeiden. Dass Agrarmärkte wieder verstärkt lokale und regionale Bedarfe decken. Dass Menschen in der Landwirtschaft ihre Erträge sichern können und fair entlohnt werden. Und dass dabei die Umwelt und das Klima geschützt werden.

Deshalb habe ich gemeinsam mit der Weltbank das Bündnis für Globale Ernährungssicherheit ins Leben gerufen. Es liefert schnelle Hilfe bei akuten Krisen. Gleichzeitig setzt es sich aber auch für eine strukturelle Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme ein. Die Zivilgesellschaft ist eine wichtige Partnerin im Bündnis, sowohl bei der Umsetzung gemeinsamer Programme als auch in der Bereitstellung von Wissen und Informationen zur weltweiten Ernährungslage.

Parallel stärkt die deutsche Entwicklungspolitik soziale Sicherungssysteme weltweit. Denn Menschen müssen sich Nahrung auch leisten können. Und Hunger ist eben meist in Armut begründet.

Mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und der Weltbank hat das BMZ die neue Initiative ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, soziale Sicherungssysteme in unseren Partnerländern auszuweiten und so zu gestalten, dass sie auf Krisen reagieren können. So müssen Sozialleistungen etwa nach einer Naturkatastrophe oder während einer Pandemie schnell ausgeweitet werden können, um Menschen in und vor Armut zu schützen.

Eines der Pilotländer ist Senegal. Die Menschen im Senegal leiden sehr unter den Preissteigerungen für Nahrungsmittel infolge des russischen Angriffskriegs. Die Regierung hat daher ihre Sozialleistungen für die ärmsten Teile der Bevölkerung ausgeweitet und ihnen zusätzliche Cash Transfers ausgezahlt. Diese schnelle Reaktion und Ausweitung der Unterstützung war möglich, weil bedürftige Haushalte bereits im nationalen Sozialregister erfasst waren.

Um Armut effektiv zu bekämpfen, braucht es zudem Gute Arbeit. Die neue BMZ „Agenda für Gute Arbeit weltweit“ legt die Leitplanken hierfür fest. Es geht um menschenwürdige Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne und sichere Arbeitsplätze. Um das gemeinsam mit unseren Partnerländern zu verwirklichen, setzt das BMZ zum Beispiel bei den globalen Lieferketten an.

Wir wollen dafür sorgen, dass bei allen Zulieferern und in allen Produktionsschritten gute Bedingungen herrschen. Deshalb unterstützen wir die Umsetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Und wir setzen uns für eine ambitionierte europäische Richtlinie hierzu ein.

Diese Ansätze leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Armut wirkungsvoll zu bekämpfen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie gleichzeitig auch Ungleichheit zurückdrängen.

Um die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich in dieser Welt zu verringern, genügt es nicht, nur auf das eine Ende der Verteilung, auf die Armut, zu blicken. Die Politik muss auch dafür sorgen, dass die Reichen – und vor allem die Superreichen – einen angemessenen Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwohls leisten. Deshalb unterstützt das BMZ Partnerländer wie beispielsweise Ghana dabei, ihre Steuerpolitik solidarisch auszugestalten.

Mit der Feministischen Entwicklungspolitik fördern wir zudem gleiche Rechte, einen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen, und eine gleichberechtigte politische Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen. Sie verringert die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und stärkt somit die Chancengleichheit.

Meine Damen und Herren,

das sind nur einige von vielen Ansätzen, die die deutsche Entwicklungspolitik verfolgt, um Armut, Hunger und Ungleichheit weltweit zu bekämpfen.

Mein Anliegen für heute Abend ist es aber, mit Ihnen in den Dialog zu treten. Denn Sie als Zivilgesellschaft sind eine unserer wichtigsten Partnerinnen: Mit Ihrer Arbeit, Ihrer Expertise und Ihrem Engagement tragen Sie dazu bei, dass Armut und Hunger gelindert und Wohlstand gerechter verteilt wird. Ihre Nähe zur Bevölkerung und Ihre Netzwerke machen die Umsetzung vieler entwicklungspolitischen Maßnahmen erst möglich. Und deshalb interessieren mich heute vor allem Ihre Gedanken und Anregungen:

Was sind aus Ihrer Sicht die richtigen Stellschrauben, um die Ziele der Agenda 2030 voranzubringen?

Wo hat die Politik vielleicht noch blinde Flecken?

Wo sollte sich das BMZ Ihrer Meinung nach noch stärker engagieren?

Das heutige Forum ist bereits das vierte in unserer Dialogreihe „Forum Globale Politik und Entwicklung“. Und gerade weil wir im BMZ so viel aus diesem Dialog mit Ihnen lernen, möchten wir diese Reihe auch im nächsten Jahr mit neuen Themen fortsetzen. Für den heutigen Abend haben wir aber sicher mehr als genug Diskussionsstoff.