14. Juni 2022 Biologische Vielfalt – Unsere gemeinsame Verantwortung

Rede von Bundes­ent­wick­lungs­mi­nis­terin Svenja Schulze bei der Dialogveranstaltung von Bundesentwicklungsministerium und Bundesumweltministerium zum weltweiten Erhalt der Biodiversität in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Mrema,
liebe Steffi Lemke,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich hier bei uns im deutschen Entwicklungsministerium. Ich freue mich sehr, heute gemeinsam mit Ihnen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit zu diskutieren: unsere gemeinsame Verantwortung für den Erhalt der biologischen Vielfalt.

Es ist absolut alarmierend, dass überall auf der Welt der Artenreichtum in einem noch nie dagewesenen Ausmaß schwindet. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnt, dass von geschätzten acht Millionen Arten etwa eine Million vom Aussterben bedroht ist. Das Weltwirtschaftsforum nennt den Biodiversitätsverlust eines der größten Risiken unserer Zeit. Und der Weltklimarat IPCC macht uns immer wieder auf die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Naturzerstörung aufmerksam.

Dass der fortschreitende Verlust unserer biologischen Vielfalt eng mit den größten Herausforderungen unserer Zeit zusammenhängt, wird uns durch die aktuellen Krisen nur allzu deutlich gemacht. Allen voran der Klimawandel: Die Menschheit zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt und feuert dadurch den Klimawandel spürbar an. Denn gerodete Wälder und entwässerte Moore können kein CO2 mehr binden. Der Klimawandel wiederum stellt ebenfalls eine Bedrohung für die Biodiversität dar.

Dies zeigt sich auch in der Ernährungskrise, die uns weltweit droht. Für uns Menschen ist Biodiversität lebenswichtig: Wir brauchen fruchtbare Böden, robuste Pflanzensorten und artenreiche Meere für die Sicherung unserer Ernährung. Vielfalt hilft, die Risiken von Ertragsausfällen zu reduzieren. Die Übernutzung unserer natürlichen Ressourcen – insbesondere in der Landwirtschaft – und zerstörerische Landnutzung vernichten aber zunehmend die Grundlagen, die wir für weltweite Ernährungssicherheit brauchen. Investitionen in nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme sind deshalb auch Investitionen in den Schutz von Klima und Biodiversität.

Der Verlust natürlicher Lebensräume erhöht außerdem das Risiko für zukünftige Gesundheitskrisen. Durch den engen Kontakt zwischen Tieren und Menschen steigt die Gefahr zoonotischer Infektionsausbrüche – die Covid-Pandemie hat uns dies nur allzu deutlich vor Augen geführt. Deswegen stehe ich als Entwicklungsministerin hinter dem One-Health-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt ganzheitlich betrachtet.

Unter den Folgen dieser Krisen und des Biodiversitätsverlusts leiden die ärmsten Menschen und Länder am meisten. Der Verlust unserer Biodiversität gefährdet rund 80 Prozent der Ziele für nachhaltige Entwicklung, die sich die Weltgemeinschaft mit der Agenda 2030 gesetzt hat.

Aktuell verhandeln die 196 Vertragsstaaten des VN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt eine neue globale Vereinbarung zum weltweiten Schutz der Natur. Wir müssen uns als Weltgemeinschaft  auf ehrgeizige Ziele einigen, um den Biodiversitätsverlust aufzuhalten. Die bevorstehende Weltnaturkonferenz – die noch dieses Jahr stattfinden muss – soll und muss hier den entscheidenden Durchbruch bringen.

Als Entwicklungsministerin setze ich mich dafür ein, dass die Wiederherstellung von Ökosystemen hierbei Priorität genießt. Denn die Wiederherstellung und Renaturierung von degradierten Böden, Flüssen, Wäldern und Mooren ist ein Schlüssel, um eine Trendwende im Einsatz gegen das Artensterben zu schaffen und zugleich nachhaltige Entwicklung und Ernährungssicherheit zu ermöglichen.

Deshalb fördert mein Ministerium auch eine ökologisch, sozial und ökonomisch verträgliche Landwirtschaft und nachhaltige Lieferketten. Eine vielfältige, lokale, angepasste und biodiversitätsfreundlich betriebene Landwirtschaft erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen Schocks – sowohl klimabedingter als auch ökonomischer. Dafür habe ich als G7-Präsidentschaft das Bündnis für globale Ernährungssicherheit auf den Weg gebracht. Dabei gilt es, Zielkonflikte in der Landnutzung einzudämmen – hierzu gehört beispielsweise auch, dass wir Getreide auf den Teller statt in den Tank oder die Futtertröge bringen!

Ein besonderes Anliegen der Bundesregierung ist es außerdem, geschützte Flächen effektiv und gerecht zu managen und auszuweiten, sowohl an Land als auch im Meer. Wilderei, illegale Fischerei und Abholzung sowie den Handel mit Wildtieren und ihren Produkten zu bekämpfen, ist Voraussetzung für den Erhalt von Lebensräumen und bedrohten Arten.

Bei all diesen Zielen sind die Wahrung und Stärkung der Rechte der indigenen Bevölkerung und lokalen Gemeinden Kernelemente. Die aktive Beteiligung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften ist nicht nur ein Menschenrecht, ihr traditionelles Wissen kann einen enormen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten.

Meine Damen und Herren, 

die Erreichung dieser ambitionierten Ziele kostet Geld. Investitionen in Biodiversität mögen manche teuer finden – nicht zu investieren, ist aber unbezahlbar. Denn ohne Artenvielfalt in intakten Ökosystemen können wir nicht angemessen auf Ernährungskrisen, Klimawandel und Krankheitserreger reagieren.

Deshalb setzt sich mein Ministerium – gemeinsam mit dem Umweltministerium – dafür ein, dass die Investitionen in den Schutz unserer Lebensgrundlagen deutlich steigen. Im vergangenen Jahr haben unsere Ministerien den Erhalt und die nachhaltige Nutzung von Biodiversität mit über 1,1 Milliarden Euro gefördert. Die deutsche Bundesregierung zählt mit ihrem Engagement zu den größten bilateralen Gebern weltweit; und sie will und muss ihrer Vorreiterrolle auch weiterhin gerecht werden.

Dies hat Deutschland erst kürzlich beim Treffen der G7- Entwicklungsministerinnen und -minister bekräftigt und sich gemeinsam mit den anderen G7-Staaten zu einer ambitionierten globalen Vereinbarung für Biodiversität mit erhöhten Finanzierungsbeiträgen bis 2025 bekannt. Wir sind uns einig, dass hier mögliche Zielkonflikte mitgedacht werden müssen, denn man darf gesunde Ökosysteme nicht gegen Ernährungssicherheit ausspielen. Vielmehr kann das eine nicht ohne das andere erreicht werden!

Deshalb appelliere ich an Sie: Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass unseren Forderungen für ehrgeizige Ziele Taten folgen. Dafür setze ich auf Ihre Unterstützung.

Ich freue mich auf anregende Diskussionen und inspirierende Lösungsansätze bei der heutigen Veranstaltung und übergebe das Wort an meine Kollegin Steffi Lemke.

Herzlichen Dank!