5. Oktober 2026 Rede der Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan auf der Tiergartenkonferenz 2026 der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Wer hält die Welt zusammen?“
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren,
ob unsere Gesellschaft in Zukunft immer weiter auseinanderdriften wird, entscheidet sich an einem Gefühl. An dem Gefühl, Einfluss auf das zu haben, was das eigene Leben bestimmt.
Und an Zuversicht. An dem Vertrauen, einer guten Zukunft entgegenblicken zu können.
Viele Menschen empfinden gerade das Gegenteil. Was weit weg entschieden wird, betrifft die Menschen ganz unmittelbar in ihrem Leben.
Die Straße von Hormus ist blockiert, und an der Zapfsäule steigen die Preise. Der eigene Arbeitsplatz steht auf dem Spiel, weil ein Konzern nun stärker auf KI als auf menschliche Arbeit setzt. Und wenn ein US-Präsident über Nacht Zölle verhängt, geraten Unternehmen auch bei uns unter Druck. Weltpolitik wird so zu einer ganz persönlichen Frage: Wie sicher ist meine Zukunft?
Nationalisten nutzen diese Verunsicherung. Sie machen daraus ein politisches Angebot. Sie versprechen Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Durch Abschottung und Rückzug ins Nationale.
Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer sich aus einer vernetzten Welt zurückzieht, verliert Einfluss auf die Entscheidungen, die dort getroffen werden. Und unsere Aufgabe als Demokratinnen und Demokraten ist es, Menschen wieder erleben zu lassen, dass demokratische Politik für sie etwas zum Guten verändert. Dass sie wieder das Gefühl haben, dass die Zukunft wirklich uns allen gehört.
Dafür müssen wir international noch mehr, noch stärker, noch besser zusammenarbeiten.
Der Titel heute ist: Können Partnerschaften die Weltordnung retten? Ja, wenn sie auf drei Dingen ruhen:
Regeln, die Macht einhegen.
Mitsprache, die Macht teilt.
Und Partner, die auch dann verlässlich bleiben, wenn es schwierig wird.
Fangen wir bei den Regeln an. Die Welt ist und bleibt zutiefst vernetzt. Kapital bewegt sich in Sekunden. Informationen verbreiten sich rasend schnell um die Welt. Tech-Giganten setzen sich über alle Grenzen hinweg. Und manche Staaten setzen sich über das Recht hinweg.
Klar ist deshalb: Wenn Macht über Grenzen hinweg greift, müssen auch Regeln über Grenzen hinweg greifen. Sonst entscheiden diejenigen, die wirtschaftlich oder militärisch am stärksten sind. Und genau deshalb ist das Völkerrecht so entscheidend.
Es ist die Grenze, die wir der Macht setzen. Und diese Grenze muss für alle gelten. Unabhängig davon, wie groß, reich oder mächtig ein Staat ist.
Doch wer weltweit auf die Geltung des Völkerrechts pocht, muss sich selbst an diesem Anspruch messen lassen. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Dieselben Maßstäbe gelten in der Ukraine, im Sudan und in Gaza. Im Nahostkonflikt haben wir zu lange geglaubt, unsere Bekenntnisse könnten die Lücke zwischen unserem Anspruch und unserem Handeln schließen. Diese Lücke – und so ehrlich müssen wir sein – hat Vertrauen gekostet.
Glaubwürdig werden wir, wenn wir für die Sicherheit Israels und für die Würde der Palästinenserinnen und Palästinenser mit gleicher Entschiedenheit einstehen. Wo das Völkerrecht verletzt wird, müssen auch Konsequenzen folgen. Diese Klarheit brauchen wir.
Vor knapp zwei Wochen war ich in New York, als die Staaten der Welt bei den Vereinten Nationen zusammengekommen sind. Und dabei wurde deutlich: Die Welt ist längst multipolar. Bei uns gilt das oft als Bedrohung und Machtverlust. Doch viele Länder des Globalen Südens sehen darin die Chance, endlich mitzuentscheiden über eine Welt, deren Entscheidungen ihr Leben längst bestimmen.
Darin liegt auch für uns eine Chance. Die meisten Staaten der Welt sind keine Großmächte, auch wir sind es nicht. Wir haben mit ihnen ein gemeinsames Interesse an einer Welt, in der Regeln mehr zählen als Macht.
Für Europa und Deutschland stellt sich die Frage, wo wir in dieser Welt bleiben.
Unsere Antwort muss sein: Partnerschaften mit den Ländern, deren Gewicht wächst.
Für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist diese Auseinandersetzung vertraut: Als internationalistische Partei kämpfen wir seit Generationen für eine Weltordnung, in der alle Menschen in Frieden, Freiheit und Würde leben und über ihre Lebensbedingungen mitbestimmen können.
Um diesen Kampf auch auf internationaler Ebene zu gewinnen, braucht es den Multilateralismus! Verbindliche Regeln und gemeinsames Handeln für geteilte Interessen.
Nicht mit der Macht des Stärkeren zu handeln. Sondern mit der Macht der Gemeinschaft.
Als Exportnation ist Deutschland besonders eng mit der Welt verbunden. Verlässliche Partner und gemeinsame Regeln stärken unsere Fähigkeit, über den eigenen Weg zu entscheiden. Zusammenarbeit gehört zum Kern unserer Souveränität.
Das Zweite ist Mitsprache. Eine internationale Ordnung gewinnt dann an Rückhalt, wenn Menschen von ihr profitieren. Viele Menschen, nicht einige wenige.
Deshalb müssen wir ehrlich fragen: Wem hat diese Ordnung bisher gedient? Wer hat Chancen gewonnen, wer seinen Arbeitsplatz verloren? Und wer entscheidet über die Regeln?
Macht und Mitsprache sind international bis heute höchst ungleich verteilt. Die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas müssen die Regeln mitgestalten können, die ihre Zukunft prägen.
Und weiterhin ist der wichtigste Ort dafür die Vereinten Nationen. Dort sitzen alle am Tisch, große wie kleine Staaten. Deshalb müssen wir sie stärken und reformieren, damit sie die Welt von heute abbilden.
Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sind dafür unser Kompass.
Ja, die Frist läuft 2030 ab. Wie es danach weitergeht, entscheiden wir gemeinsam, von Anfang an mit den Ländern des Globalen Südens.
Dafür müssen wir aber bereit sein, Macht zu teilen. Zum Beispiel bei den Stimmrechten in internationalen Finanzinstitutionen.
Wie Macht gerechter verteilt und der Multilateralismus gestärkt werden kann, daran arbeitet die neue Nord-Süd-Kommission, die wir mit vereinter Kraft ins Leben gerufen haben. Ihre Vorschläge sollen mutig sein und sich umsetzen lassen.
Das Dritte: Wir brauchen progressive Partner über Grenzen hinweg. Und wir brauchen Ehrlichkeit: Deutschland verfolgt Interessen, unsere Partner auch. Sie stimmen nicht immer überein.
Tragfähige Lösungen entstehen, wenn wir diese Unterschiede offen benennen und gemeinsam nach Wegen suchen.
Hier liegt eine Stärke deutscher Entwicklungspolitik. Über die letzten 65 Jahre sind belastbare Verbindungen und Vertrauen gewachsen. Wer über Jahre verlässlich ist, findet auch in schwierigen Momenten verlässliche Gesprächspartner.
Dieses Vertrauen brauchen wir, um in einer multipolaren Welt gerechtere Regeln auszuhandeln. Es lässt sich nicht kurzfristig bestellen, wenn wir es gerade benötigen. Deshalb können wir es uns nicht leisten, die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit zusammenzustreichen.
Wir brauchen eine starke Entwicklungspolitik, um die internationale Ordnung mitzugestalten.
Und es gibt einen zweiten Grund, der ohne jede Rechnung auskommt: Solidarität.
Bis 2030 wollte die Welt den Hunger beenden. Im Sudan leiden heute rund 20 Millionen Menschen akut Hunger, es ist die größte Hungerkrise der Welt. Das Welternährungsprogramm muss seine Hilfe bald kürzen, weil das Geld fehlt.
Wenn Eltern ihre Kinder hungrig in den Schlaf bringen müssen, wenn Familien vor Krieg fliehen, dann geht es um Menschen, deren Leben ebenso viel zählt wie unseres. Ihnen beizustehen ist ein Grundwert an sich.
Mein Maßstab ist deshalb klar: Ich verteidige Entwicklungspolitik, die Menschen schützt, auch wenn Deutschland daran nichts verdient. Zugleich dient sie den Interessen unseres Landes und sie übernimmt Verantwortung für eine gerechtere Welt. Glaubwürdig sind wir, wenn wir beides offen aussprechen und danach handeln.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wer hält die Welt zusammen?
Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Die bereit sind, Macht einzuhegen und Macht zu teilen. Die auch dann verlässlich bleiben, wenn es schwierig wird.
Daran entscheidet sich auch, ob Menschen wieder Vertrauen in demokratische Politik gewinnen: ob wir gemeinsam Einfluss auf das nehmen, was ihr Leben bestimmt.
Die Zukunft gehört uns allen, das ist ein Anspruch, an dem wir uns messen lassen müssen. Unser Geburtsort darf nicht darüber entscheiden, wie viel unsere Stimme zählt.
Die Zukunft ist offen. Gestalten wir sie so, dass alle mitreden können. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Vielen Dank.