Drei Fragen an ...
Anna Rainer, Director Multilateral Affairs & Global Development der Bayer AG
„In sich geopolitisch veränderten Zeiten muss auch Entwicklungspolitik neu gedacht werden.“
BMZ-Online-Redaktion: Sie haben den Appell für Internationale Zusammenarbeit des BMZ gemeinsam mit Unternehmen und Verbänden unterzeichnet. Was wünschen Sie sich von der Entwicklungspolitik für Ihre Arbeit?
Anna Rainer: Von der Entwicklungspolitik wünsche ich mir vor allem verlässliche, langfristige und partnerschaftliche Rahmenbedingungen. In sich geopolitisch veränderten Zeiten muss auch Entwicklungspolitik neu gedacht werden. Der Partnerschaft mit Unternehmen kommt dabei eine größere Rolle zu. Dafür müssen Unternehmen frühzeitig in den Dialog mit Partnerregierungen und in die Konzeption von Vorhaben einbezogen werden, damit entwicklungspolitische Ziele und privatwirtschaftliche Expertise von Beginn an zusammengedacht werden. Entscheidend sind zudem einfache, schnelle und transparente Verfahren sowie Instrumente, die Risiken angemessen teilen und private Investitionen mobilisieren.
Vor diesem Hintergrund sehen wir Potenzial darin, wirtschaftliche und entwicklungspolitische Perspektiven stärker miteinander zu verbinden: Bayer bringt wissenschaftliche Kompetenz, Innovationen, Produkte und Markterfahrung ein; die GIZ ergänzt Entwicklungsexpertise, lokale Netzwerke und Umsetzungskompetenz. Ein gutes Beispiel dafür, wie Partner gemeinsam an lokalen Gesundheitsfragen arbeiten können, ist Ghana. Ein Schwerpunkt unserer dortigen Engagement liegt auf Fortbildung und Wissensaustausch im Gesundheitsbereich. Diesen Ansatz möchten wir auf weitere Bereiche und Länder übertragen. Dafür braucht es insbesondere einen offenen Dialog darüber, wie Lösungen nach erfolgreichen Pilotphasen nachhaltig skaliert werden können.
BMZ-Online-Redaktion: Wo sehen Sie besondere Chancen für die Bayer AG in Entwicklungs- und Schwellenländern?
Anna Rainer: Ich sehe die größten Chancen dort, wo dringende gesellschaftliche Herausforderungen auf wachsende Märkte und lokale Innovationskraft treffen. Dafür reicht es nicht, einzelne Produkte bereitzustellen. Entscheidend sind tragfähige Ökosysteme, die Zugang, Aufklärung, Finanzierung, Lieferketten und lokale Kompetenzen verbinden. Partnerschaften mit BMZ und GIZ können helfen, erfolgreiche Ansätze gemeinsam mit Regierungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu erproben und zu skalieren. Beispiele sind neben der Weiterentwicklung unserer schon erwähnten Arbeit in Ghana auch die gemeinsame Initiative zu klimaresilienter Landwirtschaft in Indien. Unser Anspruch ist es, gesellschaftliche und wirtschaftliche Perspektiven gemeinsam in den Blick zu nehmen.
BMZ-Online-Redaktion: Welches sind aus Ihrer Sicht heute die größten Hindernisse mit Blick auf Investitionen in und Handel mit Entwicklungs- und Schwellenländern?
Anna Rainer: Die größten Hindernisse sind aus meiner Sicht fehlende Planungssicherheit, regulatorische Fragmentierung, schwache Infrastruktur und begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten. Hinzu kommen Wechselkursrisiken, hohe Kapitalkosten, politische Unsicherheit sowie langwierige Zulassungs- und Zollprozesse. Gerade in Gesundheit und Landwirtschaft erschweren zudem kleinteilige Märkte, eingeschränkte Datenverfügbarkeit und fehlende lokale Fachkräfte den Aufbau tragfähiger Geschäftsmodelle.
Entwicklungspolitik kann hier wirksam ansetzen: durch Reformdialoge mit Partnerregierungen, Investitionen in Infrastruktur und Qualifizierung sowie besser verzahnte Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit, Außenwirtschaftsförderung und Risikoabsicherung. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen der EZ zeigt, wie wichtig lokale Präsenz und vertrauensvolle Regierungsbeziehungen sind, um Projekte kontextgerecht umzusetzen. Gleichzeitig müssen Förderinstrumente einfacher, schneller und für größere Investitionen skalierbar werden. Entscheidend ist ein Wechsel von kurzfristigen Einzelprojekten zu strategischen Partnerschaften, die lokale Wertschöpfung stärken und Unternehmen langfristig tragfähige Perspektiven eröffnen.