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Ländliche Entwicklung

Landrechte verbindlich regeln

Ein Bauer in den bolivianischen Anden bei Cochabamba legt einen Erosionsschutzwall an.

Fruchtbarer Boden und Wasser sind die wichtigsten Grundlagen für die Landwirtschaft. Nur wenn der Zugang zu diesen natürlichen Ressourcen gewährleistet ist, kann es Ernährungssicherheit geben. In vielen Entwicklungsländern sind die Zugangs- und Besitzverhältnisse für Land und Wasser jedoch weder eindeutig noch verbindlich geregelt.

Die Folgen dieser Situation sind weitreichend: Sind die Besitzverhältnisse ungeklärt, entstehen schnell Konflikte. Und wenn nicht klar ist, wem das Land gehört, ist niemand zu größeren Investitionen bereit und niemand übernimmt Verantwortung für eine nachhaltige Bewirtschaftung. Dadurch werden die Ressourcen dann in vielen Fällen zu stark ausgebeutet und geschädigt.

Hintergrund

Wer darf das Land nutzen?

Etwa 1,75 Milliarden Menschen im ländlichen Raum leben von der Landwirtschaft, ohne Zugang zu staatlich anerkannten Landregistrierungssystemen zu haben. Viele Kleinbauernfamilien haben keine Besitzurkunde für ihr Land. Auch wenn sie den Boden schon seit vielen Generationen bewirtschaften, wurde ihr Landrecht nie schriftlich festgehalten. In vielen Dörfern existiert zwar ein traditionelles, mündliches Nutzungsrecht – doch das wird im Streitfall vor Gericht nicht akzeptiert.

Fehlende oder unklare Landrechte können die Existenz von Bauernfamilien gefährden. Sei es, dass ein Investor große Agrarflächen erwerben möchte, sei es, dass korrupte Mitarbeiter der Verwaltung sich durch Landverkäufe bereichern wollen – ohne ein rechtlich geregeltes und schriftlich beglaubigtes Landrecht droht Kleinbäuerinnen und -bauern die Vertreibung von ihrem Boden.

Besonders betroffen sind davon indigene Gemeinschaften, die häufig über keine politische Interessenvertretung verfügen. Wird ihr Land verkauft, haben sie kaum eine Möglichkeit zur Gegenwehr. Vor allem in Ländern mit schlechter Regierungsführung und schwachen Verwaltungsstrukturen können Vertreibungen oder Umsiedlungen und schließlich gewaltsame Konflikte, Armut und Hunger die Folge sein. Auch der Wald- und Klimaschutz leidet unter ungesicherten Landrechten. Nachweislich schützt die Absicherung indigener Waldnutzung am besten vor Entwaldung.

Nomadin in Kenia

Nachfrage nach Boden steigt

Das Problem droht sich zuzuspitzen, da durch die wachsende Weltbevölkerung und wiederholte Preiskrisen bei Lebensmitteln die Nachfrage nach fruchtbarem Boden steigt. Einheimische oder ausländische Investoren kaufen oder pachten riesige Flächen, um darauf Nahrungs- und Futtermittel anzubauen. Auch für die Produktion von Bio-Treibstoffen und anderen organischen Rohstoffen wie Baumwolle werden große Agrarflächen benötigt.

Nach Angaben von Land Matrix, einer vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) geförderten Initiative zur Transparenzförderung bei Landverkäufen, wurden seit dem Jahr 2000 weltweit rund 50 Millionen Hektar Land erworben. (Das entspricht ungefähr der Fläche Spaniens.)

Landwirtschaftliche Flächen mit einem terrassierten Bewässerungssystem in Alaga, Äthiopien

Frauen sind besonders benachteiligt

Den schlechtesten Zugang zu sicheren Landrechten haben Frauen. Weltweit sind 90 Prozent der Anbauflächen im Besitz von Männern – obwohl der größte Teil der landwirtschaftlichen Arbeit von Frauen verrichtet wird. Sie produzieren in vielen Entwicklungsländern 60 bis 80 Prozent der Nahrungsmittel. Traditionelle Regeln zu Erbschaft und Landbesitz begünstigen jedoch nach wie vor die Männer.

Die deutsche Entwicklungspolitik fordert und fördert einen besseren Zugang zu Landrechten für Frauen. Denn die wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen wirkt sich nicht nur positiv auf ihre eigene Situation aus. Sie ist eine grundlegende Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung und Ernährungssicherung.

Frauengruppe in Äthiopien bei einem Kochkurs für ausgewogene Ernährung in der Schwangerschaft und für Kleinkinder
Mähdrescher bei der Ernte von Sojabohnen
Deutsches Engagement

Programm "Verantwortungsvolle Landpolitik"

Im Rahmen der Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" unterstützt das BMZ mit seinem Programm "Verantwortungsvolle Landpolitik" die Partnerländer Benin, Peru, Uganda, Laos, Madagaskar, Äthiopien und (bis Ende März 2018) Paraguay bei der Förderung einer verantwortungsvollen Landpolitik. Ziel ist es, auch Gewohnheitsrechte bei der Nutzung von Land zu schützen, nicht nur Eigentums- und Nutzungsrechte, die formell niedergeschrieben sind.

Die Grundlage dazu bilden die Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern und die Prinzipien für verantwortungsvolle Agrarinvestitionen des UN-Welternährungsausschusses. Diese Leitlinien setzen international vereinbarte Mindeststandards, um die Landrechte der lokalen Bevölkerung zu achten, Korruption zu bekämpfen und verantwortungsvolle Investitionen in Land zu fördern.

Zaun in der Mongolei
Deutsches Engagement

Transparenz und Partizipation fördern

Für das BMZ hat die Sicherung der Landrechte der lokalen Bevölkerung, insbesondere von indigenen Gruppen und Frauen, oberste Priorität. Um Korruption und Vetternwirtschaft zu verhindern, sind Transparenz und Partizipation von großer Bedeutung.

Investitionen sollen sozial und umweltverträglich getätigt werden. Das heißt unter anderem, dass die Bevölkerung in die Planung und Durchführung der Investitionen einbezogen und bei Landverlusten angemessen entschädigt wird. Dabei werden staatliche und nicht staatliche Akteure eingebunden – zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, die über Landrechte informieren. Zielgruppen des Programms "Verantwortungsvolle Landpolitik" sind insbesondere Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Hirten, die in Regionen leben, in denen die Landnutzungs- oder -besitzrechte kaum oder gar nicht gesichert sind.

Für das Programm steht ein Budget von 41,2 Millionen Euro zur Verfügung, davon vier Millionen Euro von der Europäischen Union. Hinzu kommen Beiträge der Partnerregierungen. Geplant ist eine Laufzeit bis Oktober 2021.

  • Katasterkarten und Luftbilder, die bei der Umsetzung der Landreform verwendet werden
    Landreform in Namibia

    Ein neuer Anfang auf sicherem Grund

    Als Namibia 1990 unabhängig wurde, befand sich fast das gesamte kommerzielle Farmland im Besitz der weißen Minderheit. Nur 2,7 Prozent gehörten den schwarzen Bauern.

  •  Nomaden in Teremukus, Kenia
    Exzellenznetzwerk NELGA

    Fachkräfte ausbilden und nachhaltige Landpolitik fördern

    In Afrika sind unsichere Landrechte und eine unklare Bodenordnung noch immer ein zentrales Entwicklungshindernis. Wer keinen sicheren Zugang zu Boden und anderen natürlichen Ressourcen hat, läuft eher Gefahr zu hungern oder zu verarmen.

  • Landschaft bei Danane im westlichen Côte d’Ivoire
    Afrika

    Landkorruption bekämpfen

    Korruption im Landsektor ist ein weitverbreitetes und ernstzunehmendes Problem. Untersuchungen zeigen, dass etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung bereits mindestens einmal in einen Fall von Korruption im Landbereich verwickelt gewesen sind.

Katasterkarten und Luftbilder, die bei der Umsetzung der Landreform verwendet werden
Landreform in Namibia

Ein neuer Anfang auf sicherem Grund

Gesicherter Zugang zu Land ist ein wichtiges Thema in Namibia. Dies gilt sowohl für den ländlichen als auch für den städtischen Raum.

Als das Land 1990 unabhängig wurde, befand sich fast das gesamte kommerzielle Farmland im Besitz der weißen Minderheit. Nur 2,7 Prozent gehörten den schwarzen Bauern.

Für die rasant wachsenden namibischen Städte besteht die Herausforderung darin, genügend Bauland bereitzustellen. Bisher ist Wohnraum dort noch sehr knapp. Es wird geschätzt, dass landesweit rund 600.000 Menschen (etwa ein Viertel der Bevölkerung) in den mehr als 230 informellen Siedlungen leben.

Die namibische Regierung setzt mit deutscher Unterstützung eine Landreform um. Landlose, Frauen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen sollen Land erhalten und Landrechte sollen gesichert werden. Dies geschieht durch die Umverteilung von Farmland und die Sicherung von kommunalen Landrechten in den ländlichen Gebieten. In den Städten wird ein neues flexibles Landbesitzsystem eingesetzt, um informellen Siedlungen einen offiziellen Status zu verleihen (Flexible Land Tenure System, FLTS).

Das BMZ finanziert Projekte zur Unterstützung der Landreform und berät die namibische Regierung bei der technischen Umsetzung des FLTS, bei der Durchführung von Pilotprojeten sowie bei der Ausbildung von Neufarmern.

Ein Mentoren-Programm, das vom BMZ gefördert wird, unterstützt die namibische Regierung bei der Umsetzung der  Landreform.

Städtische Grundstücke für arme Siedler

Ludwina Shipanga kam vor elf Jahren nach Gobabis, eine Stadt im Osten Namibias. Es gab keinen Wohnraum für sie und ihre Familie, da sie sich die teuren Häuser in der Stadt nicht leisten konnte. Daher ließ sie sich, wie mehrere tausend andere, am Stadtrand nieder und baute eine provisorische Hütte aus Wellblech. Es gab keinen Strom oder Toiletten, Wasser musste von einer Sammelwasserstelle geholt werden.

Im Februar 2016 entschloss sich die Stadtverwaltung, das Gebiet in Zusammenarbeit mit den Anwohnern neu zu planen und jedem Anwohner ein markiertes Grundstück zuzuweisen. Hintergrund war die Einführung des "Flexible Land Tenure Systems". Die neue Rechtsgrundlage ermöglicht es armen informellen Siedlern, Landrechte für Grundstücke zu erhalten.

”Mit diesem Titel werden meine Rechte gesichert. Die Stadt kann uns nicht mehr vertreiben und ich habe ein Stück Land, auf dem ich mir eine Existenz aufbauen kann und das ich an meine Kinder vererben kann", so Ludwina Shipanga. "Nun kann ich ein festes Haus bauen. Während wir darauf warten, nehmen wir an einem Training teil, in dem wir lernen, wie Abwasserrohre gelegt werden."

Durch Fortbildung zum Erfolg

Maria Haingura betreibt die Farm Ruhupwa in Kavango-Ost, 100 Kilometer südlich der Grenze zu Angola, die ihr im Rahmen der namibischen Landreform zugesprochen wurde. Seit 2014 wird sie durch das Projekt zur Entwicklung von Kommunalgebieten (Communal Land Development Project, CLDP) in verschiedenen Fragen des landwirtschaftlichen Managements beraten. Dabei kann sie auf eine ganze Reihe verschiedener Trainingsangebote zurückgreifen, beispielsweise Abendkurse, Exkursionen und ein personalisiertes Mentorenprogramm.

Was sie lernt, hilft Maria Haingura dabei, ihre Farm erfolgreich im Vollerwerb zu führen. Sie hat ihre Einkommensbasis ausgeweitet und ist jetzt weniger abhängig von einzelnen Produkten. Neben Rindern hält sie nun auch Schafe und Ziegen, außerdem hat sie eine kleine Obstbaumplantage und einen Forstbetrieb aufgebaut. Darüber hinaus ist Maria Haingura eine in der Region gefragte Hühnerzüchterin. Neben Hühnern der traditionellen lokalen Rassen bietet sie auch Tiere aus exotischen und leistungsfähigeren Zuchtlinien zum Verkauf an.

 Nomaden in Teremukus, Kenia
NELGA – Exzellenznetzwerk Land Governance in Afrika

Fachkräfte ausbilden und nachhaltige Landpolitik fördern

In Afrika sind unsichere Landrechte und eine unklare Bodenordnung noch immer ein zentrales Entwicklungshindernis. Wer keinen sicheren Zugang zu Boden und anderen natürlichen Ressourcen hat, läuft eher Gefahr zu hungern oder zu verarmen.

Die Afrikanische Union (AU) hat erkannt, wie dringend die Landpolitik verbessert werden muss. Sie gründete daher 2006 die Initiative für Landpolitik (Land Policy Initiative, inzwischen African Land Policy Centre, ALPC). ALPC soll über die verbindliche Regelung von Landeigentums- und -nutzungsrechten dabei helfen, dass Kleinbauernfamilien aus eigener Kraft ihre Armut überwinden und für die eigene Ernährung sorgen können.

Fachwissen erforderlich

Um Entscheidungen zur Verteilung von Land zu treffen, unrechtmäßigen Landerwerb ("Land Grabbing") zu verhindern und vor allem Kleinbäuerinnen und -bauern den Zugang zu Land zu erleichtern, werden fundiertes Wissen und Daten über die räumlichen Gegebenheiten benötigt. In vielen afrikanischen Ländern fehlt es jedoch bisher an Fachkräften, die die verantwortlichen Stellen bei der Planung und Umsetzung von Landreformen beraten können. Know-how in Bereichen wie Vermessung, Landnutzungsplanung, Landtitelregistrierung und Katasterwesen muss erst aufgebaut werden. Ebenso ist es notwendig, die Aus- und Weiterbildungsangebote an Hochschulen zu verbessern.

Kompetenzen fördern und vernetzen

Mit dem Projekt "Stärkung der Beratungskapazitäten für Landpolitik in Afrika" unterstützt das BMZ das ALPC unter anderem dabei, ein Exzellenznetzwerk zu Landpolitik in Afrika (Network of Excellence on Land Governance in Africa, NELGA) aufzubauen.

Das Netzwerk umfasst mehr als 50 afrikanische Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie weitere afrikanische und internationale Expertinnen und Experten. Es trägt dazu bei, dass eine nachhaltige, entwicklungsorientierte Landpolitik entwickelt und durch entsprechende Richtlinien umgesetzt wird. Um die Forschung auf diesem Gebiet weiter zu verbessern, wird unter anderem eine Datenbank aufgebaut, die landrelevante Daten für den gesamten Kontinent zur Verfügung stellen soll.

Universitäten und andere Aus- oder Weiterbildungseinrichtungen werden dabei unterstützt, ihre Bildungsprogramme fachlich zu verbessern und stärker an der Nachfrage auszurichten. Um einen internationalen Wissenstransfer zu ermöglichen, unterstützt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) NELGA mit einem umfassenden Stipendien- und Begleitprogramm, das jungen Forscherinnen und Forschern aus ganz Afrika offensteht.

Landschaft bei Danane im westlichen Côte d’Ivoire
Afrika

Landkorruption bekämpfen

Korruption im Landsektor ist ein weitverbreitetes und ernstzunehmendes Problem. Untersuchungen zeigen, dass etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung bereits mindestens einmal in einen Fall von Korruption im Landbereich verwickelt gewesen sind. Vor allem aus Afrika gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass sowohl kleine als auch großflächige Landtransaktionen – und damit verbundene Umsiedlungen – auf Korruption basierten.

Das Projekt Land and Corruption in Africa der Nichtregierungsorganisation Transparency International hat das Ziel, Landkorruption zu bekämpfen und zur Sicherung der Landrechte von Frauen und Männern in Afrika beizutragen.

In neun Ländern Afrikas werden die Ursachen und Auswirkungen von Landkorruption erforscht und die Ergebnisse an Politiker und andere Entscheidungsträger vermittelt. Auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene werden Netzwerke mit zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie mit internationalen und staatlichen Institutionen, Wissenschaftlern und der privaten Wirtschaft aufgebaut, um gemeinsam Landkorruption zu bekämpfen und Lösungen dagegen zu entwickeln.

Das Projekt läuft von Juni 2015 bis Ende 2019 und wird vom BMZ mit drei Millionen Euro unterstützt.

Dokumente und Links

Lexikon der Entwicklungspolitik

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