Hauptinhalt

Oktober

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn


zum Start des Förderprogramms "InsuResilience Solutions Fund" in Berlin am 11. Oktober 2017

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Harvey, Irma, Maria: Diese Wirbelstürme haben in den letzten Wochen und Monaten Hunderttausende die Existenzgrundlage geraubt. Schwerste Monsunregen haben allein in Bangladesch die Ernte von 1,5 Millionen Bäuerinnen und Bauern vernichtet und damit ihre Lebensgrundlage. Die Tendenz ist klar, Statistiken zeigen: Heute gibt es doppelt so viele Naturkatastrophen wie noch 1980.

Und ausgerechnet da, wo der Klimawandel am spürbarsten zuschlägt, sind die Menschen meist am wenigsten geschützt und haben sie die wenigsten Ressourcen, um nach einer Dürre, einer Überschwemmung oder einem Wirbelsturm ihre Häuser, Felder und Geschäfte wieder aufzubauen. In ein paar Jahren werden drei Viertel der Weltbevölkerung in solchen Gegenden leben! Was für uns in den reichen Ländern eine Frage des Lebensstils ist, ist für die Menschen in diesen Ländern eine Überlebensfrage.

Wir müssen darum nicht nur 1. den Klimawandel bremsen. Wir müssen nicht nur 2. massiv in Anpassung investieren und damit Schäden vorbeugen. Wir müssen 3. auch Lösungen dafür entwickeln, wie möglichst viele Menschen im Schadensfall möglichst rasch und wirksam Hilfe und Unterstützung bekommen. Denn nur, wenn Hilfe nach einer Naturkatastrophe schnell, zuverlässig und gezielt kommt, bleiben die Auswirkungen für die Betroffenen beherrschbar.

Klimaversicherungen wirken schnell, zuverlässig und da, wo es nötig ist. Wir haben dafür – leider! – gerade ein aktuelles Beispiel in der Karibik: Die karibische Klimaversicherung CCRIF hat nach den Tropenstürmen Irma und Maria an die betroffenen Länder 55 Millionen US-Dollar ausgezahlt. Damit werden Medikamente gekauft, Notunterkünfte gebaut und Schulen und Straßen instandgesetzt.

Vor zwei Jahren bekamen in Niger, Senegal und Mauretanien insgesamt 1,3 Millionen Menschen Hilfe. 26 Millionen US-Dollar wurden ausgezahlt. 500.000 Nutztiere konnten gerettet werden, Kinder konnten weiter zur Schule gehen, Saatgut musste nicht angebrochen werden. Das hat Existenzgrundlagen gesichert!

Dieses Erfolgsmodell entwickeln wir jetzt weiter. Gemeinsam mit Ihnen, unseren Partnern in der Versicherungswirtschaft! Wir wollen die Risiken und Kosten des Klimawandels mit Hilfe von Versicherungen auf möglichst viele Schultern verteilen. In Entwicklungs- und Schwellenländern waren 2015 nur 100 Millionen Menschen gegen Überschwemmungen, Stürme oder Dürren abgesichert. Bis 2020 sollen es 500 Millionen sein!

Die Grundlagen haben wir 2015 gelegt: Gemeinsam mit unseren Partnern von den G7: Großbritannien, Frankreich, Japan, Kanada, Italien und den USA. Auf den Klimagipfeln in Paris und Marrakesch haben die G7-Partner und die Niederlande bereits mehr als 550 Millionen Euro für die Umsetzung von InsuResilience zugesagt. Das ist gut angelegtes Geld: Ein Euro Vorsorge spart 4 Euro nach Katastrophen!

Mit unseren G20-Partnern haben wir deshalb in diesem Jahr beschlossen: Wir wollen eine Globale Partnerschaft für Finanzierungs- und Versicherungslösungen für Klima- und Katastrophenrisiken aufbauen! "Globale Partnerschaft" – das bedeutet: Alle wichtigen Akteure sollen gemeinsam Lösungen zur Absicherung von Klimarisiken erarbeiten: Entwicklungs- und Industrieländer, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und vor allem die Versicherungswirtschaft. Diese Partnerschaft wollen wir beim Klimagipfel in Bonn im November starten. Wir arbeiten eng mit der fidschianischen Präsidentschaft, den UN, der Weltbank und natürlich mit Entwicklungsländern zusammen.

Der InsuResilience Solutions Fund, den wir heute vorstellen, wird ein erster konkreter Beitrag dazu sein. Er will einen Mangel beheben: Denn damit Versicherungslösungen speziell für Entwicklungsländer entstehen, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen, die passende Expertise – und Finanzierung. Wir haben den neuen Fonds in den letzten Monaten gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft entwickelt. Wir wollen damit das enorme Know-How und die Ideen der Versicherungswirtschaft fruchtbar machen für Lösungen, die Menschen in den verletzlichen Ländern helfen.

Es sollen marktreife Versicherungsprodukte entwickelt und in den Markt eingeführt werden. Eine win-win-Situation auch für die Versicherungswirtschaft! Lösungen werden zusammen entwickelt: mit lokalen und internationalen Versicherern, mit den lokalen Regierungen und NGOs und das ist mir besonders wichtig – mit den Betroffenen vor Ort. Das Ziel sind nicht allein Versicherungsprodukte für Staaten. Auch Städte, Unternehmen, Dorfgemeinschaften oder einzelne Haushalte sollen sich versichern können. Versicherungen werden damit für mehr Menschen erreichbar.

Das BMZ stellt für den neuen Fonds 15 Millionen Euro zur Verfügung, in bewährter Form gemeinsam mit der KfW. Den gleichen Beitrag will die Versicherungswirtschaft leisten. Dafür meinen herzlichen Dank!

Erste Pläne für die Umsetzung unseres neuen Fonds diskutieren wir zurzeit mit Sri Lanka, Pakistan, Bangladesch und der ASEAN-Staatengemeinschaft. In den ASEAN-Ländern wollen wir bestehende Katastrophenfonds durch Versicherungslösungen ergänzen. Im Katastrophenfall sind dann erheblich mehr arme Menschen geschützt! In Sri Lanka wollen wir Versicherungen besser auf den Bedarf abstimmen. So können zum Beispiel Fischer nach einem Sturm schneller entschädigt werden und ihre Lebensgrundlage wieder aufbauen. Natürlich muss bei all diesen Lösungen darauf geachtet werden, dass sie ökologisch und sozial sinnvoll konzipiert sind: zum Beispiel, indem Versicherungen im Agrarbereich den Anbau verschiedener Pflanzen fördern, statt Monokulturen und Pestizide. Überhaupt ist klar: Klimarisikoversicherungen sind kein Allheilmittel. Sie ersetzen weder Anpassung noch Entwicklung noch humanitäre Hilfe. Sie entbinden nicht von der Verantwortung, soziale Sicherungssysteme einzuführen, die Landwirtschaft klimafest zu machen oder den Menschen ein verlässliches Einkommen zu ermöglichen. Schon gar nicht lassen sie uns aus der Pflicht, den Klimawandel zu bremsen. Das Pariser Abkommen muss unumkehrbar sein! Der Wandel in Richtung Dekarbonisierung muss schneller gehen.

Deutschland übernimmt weltweit Verantwortung. 2016 haben wir als BMZ rund 2,8 Milliarden Euro in Klimaschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert. Damit wurden weitere 5,2 Milliarden Euro Kapitalmarktmittel und private Investitionen gehebelt.

Das BMZ ist das Ministerium für die Finanzierung des internationalen Klimaschutzes. Unsere Klimaschutzprogramme sparen 200 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein – so viel wie 100 Kohlekraftwerke ausstoßen!

Mit unserer Entwicklungszusammenarbeit helfen wir unseren Partnerländern, von Anfang an in "saubere" Entwicklung einzusteigen. Und wir unterstützen sie bei der Anpassung. Mit dürreresistentem Saatgut, nachhaltiger Bewässerung, mit Küstenschutz oder dem Bau von überflutungssicheren Gebäuden. Rund die Hälfte unserer Klimamittel fließt in Anpassung; wir erreichen damit über eine halbe Milliarde Menschen.

Klimapolitik ist Verantwortung für die Ärmsten. Und Klimarisikoversicherungen können ein wichtiger Baustein dieser Verantwortung sein. Zugleich ist Klimapolitik in unserem ureigenen Interesse. Denn die nötige Entwicklung für Milliarden Menschen mit großem Nachholbedarf darf nicht jegliche planetarischen Grenzen sprengen. Der neue InsuResilience Solutions Fund ist ein Beitrag dazu.

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen