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November

Amazon-Bonn: Nachhaltige Entwicklung Amazoniens


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn am 14. November 2017 im Kunstmuseum Bonn

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind stolz darauf, dass wir in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum unserer Zusammenarbeit für den Schutz der brasilianischen Regenwälder feiern können. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hatte sich im Kreise der G7-Staaten für ein gemeinsames Engagement der Industrieländer stark gemacht und großangelegte Kooperationsmaßnahmen zum Schutz der brasilianischen Tropenwälder angestoßen. Sie sind das historische Fundament für unser Engagement heute.

Viel wichtiger für die Weltgemeinschaft jedoch war der Weltgipfel, den Ihre Regierung in Rio de Janeiro vor 25 Jahren ausrichtete: "Rio 1992" legte den Grundstein für die Agenda 2030 und das Weltklimaabkommen von 2015. Nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz sind die Grundpfeiler für die Zukunft der Menschheit.

Das weltweite Klima schützen und nachhaltige Entwicklung in ihren drei Dimensionen – wirtschaftlich, sozial und ökologisch – fördern, das ist das Kernanliegen unseres entwicklungspolitischen Engagements, auch und besonders in und mit Brasilien. Unsere Regierungschefs haben 2015 eine strategische Partnerschaft für den Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung geschlossen, die genau das ins Zentrum stellt.

Wir alle wissen, Regenwälder sind die gigantischen Schwungräder für das globale Klima. Sie speichern die Hälfte des auf der Erde gebundenen Kohlenstoffs und sorgen für 15 Prozent der weltweiten Erneuerung von Wasser und Luft. Zudem beherbergen sie einen riesigen Artenreichtum und sind Lebensraum – unter anderem von indigenen Völkern – und gleichsam natürlich auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort.

Es ist schockierend, dass weltweit jedes Jahr etwa 7,6 Millionen Hektar Wald verloren gehen. Das ist eine Fläche so groß wie Bayern. Leider ist hier zuletzt ein stark ansteigender Trend zu verzeichnen. So geht Global Forest Watch davon aus, dass der globale Verlust an Waldfläche im letzten Jahr sogar um 50 Prozent angestiegen ist. Der Weltklimarat schätzt: 11 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen gehen auf den Verlust von Waldflächen zurück.

Diese Zahlen sind alarmierend. Sie machen deutlich: Waldschutz ist nicht etwa ein Luxus, den wir uns gönnen. Ganz im Gegenteil: Wir können es uns nicht leisten, Wälder zu verlieren!

Sehr geehrter Minister, Brasilien trägt für den Erhalt des brasilianischen Regenwalds wohl die größte Verantwortung. Wir begrüßen ausdrücklich, dass dies von der brasilianischen Regierung bis auf höchster Ebene an- und ernstgenommen wird. Brasilien hat in der Vergangenheit Erfolge in der Reduzierung der Entwaldung erzielt wie kein anderes Land zuvor.

Auch unter aktuell erschwerten Bedingungen haben Sie Beeindruckendes geleistet. Hand in Hand mit den politischen Entscheidungsträgern in den Bundesstaaten haben Sie solide Politiken – wie das Umweltregister – mutig fortgeführt und Schritt für Schritt – auch gegen Widerstände – umgesetzt. Dies verdient unseren höchsten Respekt und Anerkennung.

Der aktuelle Rückgang der Entwaldung in Amazonien ist ein großer Erfolg! Zugleich sollte er ein Ansporn sein, um Ihr Ziel, die Entwaldungsrate in Amazonien wie vorgesehen bis 2020 auf 80 Prozent gegenüber dem langjährigen Durchschnitt zu senken, zu erreichen. Wir ermutigen die brasilianische Regierung ausdrücklich, den beschrittenen Weg fortzusetzen und mit noch stärkerer Deutlichkeit für den Erhalt der Wälder auch als Lebensräume der vorrangig indigenen Bevölkerung einzutreten.

Wir sind überzeugt: Waldschutz und nachhaltige Entwicklung sind keine Gegensätze. Der Erhalt des Amazonasregenwalds als größter Wasserspeicher weltweit ist für die wirtschaftliche Entwicklung der Region Amazonien und Lateinamerika gleichermaßen essenziell. Sein Erhalt sollte im Zentrum eines nachhaltigen Entwicklungsmodells für Amazonien beziehungsweise für ganz Brasilien stehen.

Viele Unternehmen verpflichten sich heute schon freiwillig zu sogenannten "entwaldungsfreien Lieferketten". Das ist eine hervorragende Chance, Unternehmen aktiv in den Waldschutz einzubeziehen.

Ein ebenso großes wirtschaftliches wie ökologisches Potenzial hat die Wiederaufforstung von Wäldern. Wir begrüßen Brasiliens Ziel im Rahmen des "Bonn Challenge", 12 Millionen Hektar Wald bis 2030 wiederherzustellen. Aufforstung verbessert Bodenfruchtbarkeit und Wasserhaushalt und schützt vor Überschwemmungen und Erosion. Nicht zuletzt ist sie ein Wirtschaftsfaktor.

Auch der Handel mit nachhaltig gewonnenen Waldprodukten aus Amazonien stellt – wenn die Rahmenbedingungen stimmen – eine sichere Einkommensquelle für die Bewohner der Wälder dar und setzt die Region wirtschaftlich in Wert.

Das im kommenden Jahr in Brasilien ausgerichtete Weltwasserforum bietet Ihnen eine einmalige Gelegenheit, den Schulterschluss zwischen Schutz und Nutzung des Amazonasregenwalds auch auf internationaler Bühne zu demonstrieren.

Wir werden Sie dabei weiterhin unterstützen! Deutschland investiert jedes Jahr 500 Millionen Euro in den Erhalt von Ökosystemen, mehr als die Hälfte davon in Wälder. Damit vermeiden wir jedes Jahr mehr als 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Brasilien ist seit vielen Jahren der wichtigste Partner Deutschlands beim Schutz der Wälder. Wir blicken auf ein Vierteljahrhundert engster Zusammenarbeit zurück und gehen zusammen neue Wege.

Mit der Waldschutzinitiative REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) machen wir Klimaschutz gemeinsam attraktiv. Die Grundidee ist sehr einfach: Wald ist wertvoll. Wer ihn schützt, sollte dafür belohnt werden. Dabei stehen insbesondere indigene und traditionelle Bevölkerungsgruppen im Mittelpunkt.

Gemeinsam mit Norwegen und Großbritannien haben wir vor zwei Jahren in Paris zugesagt, Walderhalt im Zeitraum 2015 – 2020 mit fünf Milliarden US-Dollar zu unterstützen.

Wir freuen uns, dass die politischen Entscheidungsträger in den Bundesstaaten Amazoniens Waldschutz und nachhaltige Entwicklung bereits jetzt ins Zentrum ihrer Anstrengungen stellen. Dieser hohe politische Wille und die daraus resultierenden nachweisbaren Erfolge möchten wir ausdrücklich wertschätzen und finanziell unterstützen.

In diesem Sinne freue ich mich, dass wir gemeinsam mit unseren britischen Kollegen im Anschluss die weitere Zusammenarbeit im Rahmen des Programms REDD Early Movers mit den Landesregierungen in Mato Grosso und Acre weiter vorantreiben können.

Gemeinsam mit Norwegen unterstützen wir den Amazonasfonds (Fundo Amazonia). Ich freue mich, dass der Fonds am heutigen Nachmittag einige Projekte für den Schutz von Indigenen vorstellen wird und Indigene selbst zu Wort kommen werden.

Der Fonds ist äußerst innovativ. Die Mittelhöhe, die von internationalen Partnern zur Verfügung gestellt wird, richtet sich nach den Erfolgen beim Waldschutz. Zudem erhält Brasilien die Mittel zusätzlich zu den eigenen, national bereitgestellten Finanzierungen für Waldschutz.

Ich freue mich, dass ich heute weitere deutsche Unterstützung in Höhe von 35 Millionen Euro für Waldschutzerfolge in den kommenden Jahren ankündigen kann. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Projektmittel allein nicht ausreichen werden, um eine strukturelle Transformation für den Schutz der Wälder herbeizuführen. Wir müssen größer denken.

Und ich sage ganz offen: Wir Industrieländer müssen auch vor der eigenen Haustür kehren. 50 Prozent der Waldzerstörungen entstehen durch Rodungen für Agrarrohstoffe. Mit seiner hohen Nachfrage nach Pflanzenöl, nach Soja als Viehfutter oder auch nach Rindfleisch ist Europa Teil des Problems.

Wir Europäer haben deshalb eine doppelte Verantwortung: Klimaschutz weltweit unterstützen und unseren eigenen Konsum nachhaltig gestalten.

Paris und New York haben uns den Weg der Weltgemeinschaft vorgegeben. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass alle Menschen ein Leben in Würde führen können, ohne dass wir die ökologischen Grenzen unseres Planeten sprengen.

Brasilien und Deutschland gehen auf diesem Weg bereits heute mit gutem Beispiel voran. Möge diese Konferenz viele motivieren, den Weg mit uns weiterzugehen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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