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Februar

Afrika-Strategie – neue Chancen für die deutsche Wirtschaft


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn bei der IHK Oberfranken am 6. Februar 2017 in Bayreuth

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin mir sicher: Es gibt hier im Raum ebenso viele Einschätzungen zu unserem Nachbarkontinent Afrika wie Personen. Afrika, das ist oft Ansichtssache – und eine Frage der Erfahrung.

Jahr für Jahr stellt die Beratungsfirma Ernst & Young in ihrem Africa Attractiveness Survey das gleiche, einfache wie verblüffende Ergebnis ihrer Untersuchungen fest: Für Unternehmen, die schon in Afrika aktiv sind, ist der Kontinent der attraktivste Investitionsstandort überhaupt. Für Unternehmen, die Afrika bisher nur von außen betrachtet haben, ist das genaue Gegenteil der Fall.

Knapp 100 Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth haben Handelsverbindungen nach Afrika. Damit liegt Oberfranken bundesweit in der Spitzengruppe. Denn von 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland sind nur rund 1.000 in Afrika aktiv. Dabei bietet der afrikanische Kontinent für die deutsche Wirtschaft noch viele ungenutzte Potenziale.

2017 ist das Afrikajahr in Deutschland. Die deutsche G20-Präsidentschaft hat Afrika zu ihrem Schwerpunktthema gemacht. Wir stehen noch am Anfang dieses Afrikajahres, daher ist es ein guter Zeitpunkt, um intensiver über Afrika ins Gespräch zu kommen.

Auf meinen Reisen durch afrikanische Länder konnte ich sehen, dass Afrika ein junger Kontinent ist. Das Durchschnittsalter liegt bei 18 Jahren; zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Diese junge afrikanische Generation ist ein unglaubliches Potenzial für den Kontinent.

Ich habe gesehen, dass Afrika ein dynamischer Kontinent ist. Seit Jahren hat Afrika ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, aktuell weltweit das zweitgrößte nach Ostasien. Seit dem Jahr 2000 hat Afrika seine Wirtschaftsleistung verdreifacht!

Jedes zweite afrikanische Land gehört inzwischen zu "Ländern mittleren Einkommens" – so wie in Asien Indien oder Indonesien. Wachsende Mittelschichten sowie zunehmende Stabilität machen Afrika mehr und mehr zu einem  attraktiven Partner für deutsche Unternehmen. Vieles deutet darauf hin, dass Afrikas Aufschwung von einem Strukturwandel getrieben wird: Weg von der Landwirtschaft, hin zur produzierenden Industrie.

Afrika ist auch ein Kontinent voller Energie und Ideenreichtum. In vielen Ländern des Kontinents findet eine digitale Revolution statt. Das mobile Bezahlsystem m-Pesa wurde in Kenia erfunden. Das ermöglicht einen bargeldlosen Zahlungstransfer ohne Bankkonto. Für viele Afrikaner eine Riesenerleichterung, die heute den geschäftlichen Alltag prägt. Monatlich werden mehr als 4,6 Milliarden US-Dollar über mobile Bezahlung innerhalb Afrikas transferiert. Das ist mehr als die monatliche Transfersumme von PayPal!

Afrika gehört zu den am stärksten wachsenden Märkten für Mobiltelefone, Tablets und Laptops. Südlich der Sahara wird es in einigen Jahren eine Milliarde Handybesitzer geben! Der afrikanische Kontinent boomt an allen Ecken und Enden. Und sucht starke Partner!

Gleichzeitig steht der Kontinent vor riesigen Herausforderungen, die wir uns verdeutlichen müssen. Die Bevölkerung Afrikas wird sich bis 2050 verdoppeln, auf voraussichtlich über 2,4 Milliarden Menschen. Das sind mehr als 2 Milliarden Menschen, die Nahrung, Zugang zu Energie und Gesundheitssystemen benötigen. Millionen junger Menschen brauchen Schulen, Ausbildungsplätze und Universitäten.

Afrikas Wirtschaft wächst rasant, aber sie ist weit davon entfernt, die jährlich notwendigen 20 Millionen Jobs zu schaffen, die junge Menschen für eine Bleibeperspektive brauchen.

Durch illegale Finanzströme gehen den Ländern Afrikas jährlich geschätzte 50 Milliarden US-Dollar verloren. Das ist genauso viel, wie 2015 an staatlichen Entwicklungsgeldern nach Afrika floss. Diese illegal abgeflossenen Gelder fehlen für dringend notwendige Investitionen.

Viele afrikanische Staaten haben eine Steuerquote von unter 20 Prozent. Und trotz des Verkaufs von Rohstoffen sind ihre Bildungshaushalte unterfinanziert.

Diese Herausforderungen sind exemplarisch. Doch sie zeigen: Um sie anzugehen, reicht klassische Entwicklungszusammenarbeit nicht aus. Wir sind überzeugt, dass wir eine neue Dimension der Zusammenarbeit brauchen; und dazu auch neue Instrumente.

Aus diesem Grund ist eine Partnerschaft mit Afrika ein Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft. Und aus diesem Grund hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Eckpunktepapier entworfen – einen Marshallplan mit Afrika.

Wir haben es Marshallplan mit Afrika genannt, um die notwendigen Kraftanstrengungen zu verdeutlichen. Statt eines Wirtschaftsfinanzierungsplans, wie es der ursprüngliche Marshallplan war, soll dieser Marshallplan aber vor allem ein Wirtschaftsmobilisierungsplan sein.

Wir wollen durch verbesserte Rahmenbedingungen mehr private Investitionen möglich machen. Sie wissen es am besten: Ohne wirtschaftliche Kraft keine langfristigen Jobs und kein nachhaltiges Wachstum! Wir wollen mehr Investition statt Subvention; mehr Unternehmertum statt Staatshilfe.

Mit diesem Marshallplan nehmen wir Afrika beim Wort. Die Afrikanische Union hat mit der Agenda 2063 eigene Reformziele für Afrikas Zukunft formuliert. Wir sind bereit, diese Reformziele als Partner zu unterstützen.  

Wir wollen daher nicht Geld mit der Gießkanne verteilen, sondern "Reformchampions" fördern. Das heißt, Korruptionsbekämpfung und gute Regierungsführung werden in Zukunft noch stärker über Entwicklungsfinanzierung entscheiden.

Wir werden im aktuellen Haushalt dafür eine Reformtranche bereithalten. Für reformorientierte Länder bedeutet das "more for more": Die Anstrengungen sollen sich lohnen.

Zu den notwendigen afrikanischen Reformanstrengungen gehört auch der verantwortungsvolle Umgang mit Staatsmitteln – und damit die Erhöhung der afrikanischen Steuerquoten. Daher unterstützen wir die Bekämpfung von illegalen Finanzströmen und Steuerbetrug. Es geht aber auch um den Aufbau von effizienteren und schnelleren Verwaltungen.

Wir legen einen starken Fokus auf die junge afrikanische Generation. Mit der Afrikanischen Union starten wir eine Ausbildungsinitiative für neue Perspektiven. Wir fördern den Ausbau von Ausbildungszentren, die konkreten Lernmöglichkeiten in Unternehmen und die Berufsbildungslehrgänge.  Wir bieten spezielle Angebote für Frauen und junge Menschen in der Landwirtschaft an.

Der Zusammenarbeit mit dem Privatsektor kommt hier eine besonders wichtige Rolle zu. Und ich kann die Unternehmer unter Ihnen nur ermuntern,  mit an Bord zu kommen.

Bessere Rahmenbedingungen, effektivere Mittelverwendung, Stärkung der Berufsbildung: Mit all dem wollen wir ein besseres Investitionsklima schaffen.

Der Marshallplan steht für eine zukunftsfähige Zusammenarbeit mit Afrika, in der private Investitionen ebenso wichtig sind wie Entwicklungsgelder. Denn es lohnt sich, Afrika als unternehmerisches Ziel stärker wahrzunehmen!

In zehn Jahren werden afrikanische Ökonomien noch stärker sein. Sie werden dann im Weltmarkt nicht mehr nur Rohstofflieferant und Absatzmarkt für billige Produkte sein. Sie werden aktive Player, Produktionsstandorte und enorme Absatzmärkte sein.

Länder wie Frankreich und die USA sind bereits seit Jahrzehnten stark in Afrika vertreten. Und seit über einem Jahrzehnt sind auch Länder wie China, Indien und Brasilien zunehmend präsent.

Deutsche Unternehmen haben die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Engagement auf dem afrikanischen Markt! Sie gelten als sehr zuverlässig und Produkte "Made in Germany" sind hoch angesehen.

Doch viele deutsche Unternehmen sind bisher noch zu zurückhaltend.  Aktuell sind vor allem Unternehmensbranchen im Bereich Kraftfahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse in Afrika vertreten. Doch zukünftig werden Infrastruktur, erneuerbare Energien, Logistik und Gesundheit eine große Rolle spielen.

Wir wollen die deutsche Wirtschaft mit unseren Instrumenten noch stärker dabei unterstützen, in Afrika zu investieren:

  • Wir bieten mehr Service: Wir haben die "Agentur für Wirtschaft und Entwicklung" mit mehr Personal und mehr Ressourcen ausgestattet. In Berlin, direkt im Haus der Verbände, ist sie Ihr Kontakt zur Entwicklungszusammenarbeit.
  • Wir sorgen für mehr Beratung: Wir unterstützen deutsche Unternehmen durch Expertinnen und Experten in den Auslandshandelskammern – sogenannten ExperTS, die vor Ort Ihr direkter Ansprechpartner sind. Unsere sogenannten "EZ-Scouts" stehen Ihnen in Kammern und Verbänden mit Rat und Tat zur Seite.
  • Wir stellen mehr Geld zur Verfügung: Zurzeit laufen in Afrika mehr als 100 Entwicklungspartnerschaften als gemeinsame Projekte von Entwicklungspolitik und Privatwirtschaft. Das BMZ hat bisher über 325 Millionen Euro für dieses Programm bereitgestellt. Für das Jahr 2017 haben wir die Mittel für die Entwicklungspartnerschaften der Wirtschaft auf 126 Millionen Euro erhöht! Für die beteiligten Unternehmen sind diese Partnerschaften oft Türöffner zu neuen Märkten.
  • Wir haben mehr Hermes für Afrika bereitgestellt: Lieferungen und Leistungen an öffentliche Auftraggeber in Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nigeria, Tansania, Kenia, Senegal und Uganda können durch staatliche Exportkreditgarantien abgesichert werden. Das ist ein wichtiges Signal für das Afrika-Engagement deutscher Unternehmen.
  • Wir arbeiten derzeit an einem Gesetzesvorhaben, das besondere Risiken bei Investitionen in Entwicklungsländern durch steuerliche Anreize abfedert und damit die Investitionsfähigkeit deutscher Unternehmen stärkt.

Unsere Förderprogramme richten sich vor allem an den Mittelstand – zum beiderseitigen Vorteil. Der deutsche Mittelstand wird in die Lage versetzt, neue Märkte zu erschließen. Afrikanische Länder gewinnen wertvolles Know-how.

Meine Damen und Herren,

Afrika und Europa sind Nachbarn. Partnerschaftlich wollen wir die Herausforderungen der Zukunft angehen. Dabei braucht die Politik die Wirtschaft ebenso als Partner wie andere Staaten. Wir möchten Sie motivieren, die wirtschaftlichen Chancen Afrikas zu nutzen. Denn wir alle profitieren, wenn dies gelingt!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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