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März

Globale Energiewende – Made with Germany


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn beim Berlin Energy Transition Dialogue am 18. Januar 2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Minister,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,

ohne nachhaltige Energie keine nachhaltige Entwicklung und kein substanzieller Klimaschutz – da sind wir uns hier alle einig. Dennoch hat das Thema Energie bis vor kurzem auf der internationalen Entwicklungsagenda keine herausragende Rolle gespielt. Bei den Millenniumsentwicklungszielen kam es erst gar nicht vor.

Das hat sich endlich geändert, auch dank des unermüdlichen Einsatzes von vielen von Ihnen hier! Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und das Pariser Klimaabkommen stecken einen neuen und umfassenden Handlungsrahmen für die Energie-, Klima- und Entwicklungspolitik. Das universell verbindliche Entwicklungsziel für nachhaltige Energie gibt eine klare Richtung und ehrgeizige Ziele vor:

  • Wir wollen den Zugang zu bezahlbarer, moderner Energie für alle sicherstellen.
  • Wir wollen die Rate, mit der sich jährlich die Energieeffizienz erhöht, verdoppeln.
  • Wir wollen den Anteil erneuerbarer Energie am globalen Energiemix signifikant erhöhen.

Mit diesem politischen Rückhalt gewinnt die globale Energiewende maßgeblich an Fahrt. Wir müssen diesen Rückenwind jetzt in greifbare Ergebnisse umsetzen. Einen wichtigen Beitrag müssen hier die Klimaschutzbeiträge leisten, die fast 190 Länder im Rahmen des Pariser Klimaabkommens eingereicht haben. Wir nehmen die nationalen Klimaschutzbeiträge als Referenzrahmen für unsere Entwicklungszusammenarbeit. Und wir unterstützen Entwicklungsländer gezielt bei der Umsetzung.

Die globale Energiewende ist ein zentrales Anliegen der deutschen Entwicklungspolitik. Wir haben hier in Deutschland ja selbst schon einige Erfahrungen gesammelt, wie eine Energiewende gelingen kann. Die globale Energiewende ist noch deutlich vielschichtiger und anspruchsvoller, als wir das von der deutschen Energiewende kennen.

Einfache Antworten gibt es nicht. Die Herausforderungen sind in jedem Land sehr unterschiedlich.

Das wird schon an wenigen Zahlen deutlich:

  • 1,3 Milliarden Menschen – ein Fünftel der Weltbevölkerung – haben keinen Stromanschluss.
  • 2,9 Milliarden sind beim Kochen und Heizen abhängig von Feuerholz, Kohle, Dung und pflanzlichen Überresten – mit allen Folgen sowohl für die Umwelt als auch für die Menschen.
  • Der weltweite Energiebedarf wird weiter steigen - um 40 Prozent bis 2035. Davon entfallen 90 Prozent auf die Schwellen- und Entwicklungsländer.

Diese Zahlen zeigen: Der Entwicklungsbedarf ist gigantisch. Aber es geht nicht nur darum, dass wir den Bedarf decken. Eine der großen Zukunftsfragen der Menschheit ist, wie wir den steigenden Energiebedarf decken. Nur durch den massiven Ausbau regenerativer Energieerzeugung kann dieser Energiehunger klimaverträglich bedient werden.

In Paris haben wir uns verpflichtet, die Erderwärmung unter 2° C zu halten. Dafür ist die Dekarbonisierung des Energiesektors unumgänglich. Deshalb müssen wir weltweit in die richtige Infrastruktur investieren und zwar ab sofort. Viele Entwicklungsländer haben die Chance, direkt einen kohlenstoffarmen, nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschlagen – ohne alte, fossile Strukturen umbauen zu müssen. Sie können viele der schmerzlichen Lernprozesse überspringen, die andere Länder bei ihrer Industrialisierung gemacht haben. Dieses Leap Frogging wird deutlich kostengünstiger sein.

Vor diesem Hintergrund haben wir als G7 in 2015 unter deutscher Präsidentschaft beschlossen, die Africa Renewable Energy Initiative zu unterstützen. Sie hat zum Ziel, bis 2020 zusätzliche 10 Gigawatt an regenerativen Erzeugungskapazitäten in Afrika zu installieren. Damit soll neben dem Klimaschutz auch der Zugang zu bezahlbarer Energie verbessert werden. Bundesminister Dr. Gerd Müller hat in Paris einen deutschen Beitrag für AREI in Höhe von 3 Milliarden Euro zwischen 2015 und 2020 angekündigt. Damit sind wir der größte Unterstützer der Initiative! Insgesamt haben die G7 sowie die EU-Kommission, Schweden und die Niederlande in Paris über 10 Milliarden US-Dollar zugesagt.

Deutschland unterstützt als Gründungsmitglied auch das erfolgreiche Multi-Geber-Programm Energizing Development. In Indonesien hat Energizing Development seit 2005 30.000 Haushalten, 1.200 sozialen Institutionen und 2.100 Kleinst- und Kleinunternehmen den Zugang zu nachhaltiger und sicherer Energie ermöglicht. Energising Development hat zudem weltweit 11 Millionen Haushalte mit sauberer und effizienter Kochtechnologie ausgestattet.

Den Aufbau nachhaltiger, auf erneuerbaren Energien basierender Energiesysteme unterstützen wir auch durch unsere bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit 35 Ländern. Denn die globale Energiewende braucht erst einmal viele lokale Energiewenden. Nachhaltige Energie und Klima-freundliche Entwicklungspfade sind deshalb der Bereich, in den die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit am meisten investiert (ca. 3 Milliarden Euro in 2014). Das kann je nach Bedarf ganz unterschiedlich aussehen, von effizienten Kochherden bis hin zum weltweit größten solarthermischen Kraftwerk in Marokko.

Unser Konzept dafür heißt "Globale Energiewende – Made with Germany". Wir bieten unseren Partnern ausgezeichnete Expertise zur Transformation der Energiesysteme, basierend auf unseren ganz eigenen Erfahrungen hier in Deutschland, aber auch aus jahrelanger Entwicklungszusammenarbeit weltweit. Wir stärken zum Beispiel den Erfahrungs- und Wissensaustausch zu erfolgreichen Geschäftsmodellen, zu Fördersystemen wie der Einspeisevergütung oder zu institutionellem und personellem Kapazitätsausbau. Dabei nutzen wir natürlich gleichzeitig die langjährigen Erfahrungen aus der Entwicklungszusammenarbeit mit unseren Partnern. Dadurch können wir bedarfsorientierte Lösungen bereitstellen, die passgenau auf die verschiedenen Ausbauphasen der jeweiligen nationalen Energiesysteme zugeschnitten sind.

Ich will Ihnen die Erfolge dieses Erfahrungsaustauschs gerne an zwei Beispielen verdeutlichen:

In Ghana leiden vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen unter den Engpässen in der Stromversorgung, die zu eingeschränkter Produktivität führen. Mit deutscher Unterstützung entwickelt Ghana passgenaue Ausschreibungsverfahren, um die Integration großer Solarparks zu ermöglichen. Gleichzeitig wird die dezentrale Stromerzeugung unterstützt durch die Entwicklung von "Net-Metering"-Tarifen.

Deutschland schafft zudem Energiezugang für kleine und mittelständische Unternehmen über das Multi-Geber Programm "Energizing Development". In fünf Regionen in Ghana arbeitet das Programm mit der Lokalregierung zusammen, um Industriezonen aufzubauen. In diesen Industriezonen haben nun mehr als 400 Unternehmen Zugang zu Strom. Tischlereibetriebe, Schweißereien und viele andere Unternehmen haben sich dort angesiedelt und haben bereits über 3.000 Arbeitsplätze geschaffen.

In Indien bringen wir Erfahrungen in der Planung des Netzausbaus und dem Bau von Stromleitungen ein. Damit unterstützen wir den Ausbau und die Stärkung des nationalen Stromübertragungsnetzes. Denn erst dadurch wird es überhaupt möglich, variable erneuerbare Energien zu integrieren.

Die globale Energiewende muss natürlich lokal und regional unterschiedlich umgesetzt werden. Dennoch werden auch unsere eigenen Erfahrungen mit der Energiewende in Deutschland für andere interessant sein – und sind es bereits. Viele unserer Partnerländer verfolgen mit großer Aufmerksamkeit, was wir tun. Auch wenn wir selbst die Erfolge oft klein reden und lieber die noch bestehenden Herausforderungen betonen: Die deutsche Energiewende ist weltweit zu einem Vorbild geworden. Sie wird als das gesehen, was sie ist: Das ambitionierteste Projekt weltweit, das versucht, eine hoch industrialisierte Volkswirtschaft weg von den fossilen und nuklearen auf den Pfad der regenerativen Energien zu führen.

Wenn wir als die viertgrößte Volkswirtschaften der Erde zeigen, dass dieser Wandel möglich ist, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, hat das eine starke Signalwirkung für die globale Energiewende. Schon jetzt hat das im Jahr 2000 in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Gesetz viele Schwellen- und Entwicklungsländer inspiriert. Ähnliche Gesetze wurden inzwischen in mehr als 50 Ländern eingeführt. Diese Länder profitieren natürlich auch von der Erfahrung, die Deutschland mit der Reform des Gesetzes in 2014 gemacht hat.

Überhaupt hat die deutsche Energiewende den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nur in Deutschland, sondern global rasant beschleunigt. Denn dass die Weltmarktpreise für Photovoltaik und Windenergie sinken, ist auch auf den Erfolg der deutschen Energiewende zurückzuführen.

Meine Damen und Herren,
wenn wir das Überleben der Menschheit sichern wollen, brauchen wir die globale Energiewende. Dafür müssen wir weltweit unser Wissen austauschen und voneinander lernen. Der Berlin Energy Transition Dialogue bietet dazu auch in diesem Jahr eine hervorragende Gelegenheit. Die globale Energiewende darf keinen Menschen zurückzulassen – im Gegenteil, sie kann und muss allen nützen.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür arbeiten.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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