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Oktober

Aktionsplan Bündnis für nachhaltige Textilien: Ziele – Standards – Strategien


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn bei der Veranstaltung "Global nachhaltige Textilien" am 30. Oktober 2015 in Düsseldorf

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Dr. Annette Niederfranke,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, hier auf dieser führenden Messe für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zu sein. Arbeitskleidung spielt dafür eine große Rolle. Sie muss bequem sein, belastbar, und sie muss Schutz bieten.

Doch wie steht es eigentlich um die Sicherheit im Produktionsprozess? Wir stellen in Deutschland zu Recht hohe Maßstäbe an Arbeitssicherheit. Dies muss jedoch auch für die Länder gelten, in denen unsere Kleidung produziert wird. Alles andere wäre zynisch: Arbeitskleidung, die dem Arbeitsschutz von Arbeitern in Deutschland gilt, dann aber von Arbeitern in Entwicklungsländern ohne jeglichen Schutz produziert wird!

Dieser Kongress greift genau das auf. Denn er schlägt die Brücke zu "Global nachhaltigen Textilien". Und bringt Hersteller, Anbieter, Beschaffer von Berufskleidung und Organisationen und Akteure des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zusammen. Vielen Dank für Ihre Einladung!

Meine Botschaft heute an Sie:

  • Faire Beschaffung ist möglich!
  • Übernehmen auch Sie Verantwortung für faire Beschaffung!

Warum engagiert sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz BMZ, gerade in der Textil- und Bekleidungsbranche? Die Antwort ist einfach: Weil sie in vielen Ländern eine Schlüsselindustrie auf dem Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung ist. Auch für uns hier in Deutschland war die Textilproduktion ja eine Brücke zur Industrialisierung.

Gerade für arme Länder bietet sie die Möglichkeit, von der Globalisierung zu profitieren. Sie kann vielen Menschen die Chance auf ein besseres Leben bieten, auf Arbeit, auf Einkommen, auf ein ordentliches Dach über dem Kopf, auf Bildung und Zukunft für die Kinder.

Wir wollen, dass diese Chance Wirklichkeit wird: In Bangladesch, in Pakistan, in allen Ländern der textilen Produktion. Gleichzeitig wissen wir alle, wie viel zu oft noch die traurige Realität aussieht. Unsichere Gebäude, schlechter Brandschutz, giftige Chemikalien, Löhne, die kaum zum Überleben reichen. Produktion, die auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt basiert.

Es gibt aber auch Ansätze, die Arbeits- und Umweltbedingungen in der Textilbranche zu verbessern. Bereits in den 90er Jahren gingen einzelne deutsche und europäische Unternehmen voran, bei ihren Zulieferbetrieben in Entwicklungs- und Schwellenländern etwas zu ändern. Die Gründe dafür sind vielfältig: Druck der Öffentlichkeit, vielfach aber auch aus eigenem Antrieb. Zum Beispiel, um neue Kunden zu gewinnen oder potentielle Risiken zu minimieren.

Später schlossen sich Unternehmen zusammen, um gemeinsam aktiv zu werden. Sie kooperierten dabei vielfach eng mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele von Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft. Mit unserem so genannten developpp.de-Programm führen BMZ und Unternehmen zusammen Projekte durch, die nachhaltige Entwicklung fördern.

  • Mit der Firma Otto und der Nichtregierungsorganisation Care International verbessern wir derzeit die Sanitär- und Hygienebedingungen sowie den Zugang zu sauberem Trinkwasser für Baumwollfarmer in Mosambik.
  • Mit der Firma NKD haben wir in Bangladesch mit einer lokalen Universität und dem nationalen Textilverband ausgewählte Zulieferbetriebe geschult, um die Produktionsbedingungen zu verbessern.
  • Mit der Firma Puma bilden wir in Bangladesch, Kambodscha, Indonesien und China Lieferanten im Umweltmanagement fort, um den Energie- und Wasserverbrauch sowie die Abfallmengen und den CO2-Ausstoß zu verringern.

Das sind einzelne Projekte mit überschaubarerer Reichweite. Aber: viele solcher Projekte können die Welt verändern! Und sie zeigen, was mit ausreichendem Willen möglich ist. Darum unterstützt mein Ministerium in den nächsten Jahren Entwicklungspartnerschaften im Textilbereich noch stärker. Mehr als 20 Entwicklungspartnerschaften im Textilbereich sind in Planung. Gerne können Sie hier auch selbst aktiv werden und ein Projekt vorschlagen. Unsere "Servicestelle für die Wirtschaft" berät Sie gerne!

Diese Projekte zeigen: Deutsche Textilunternehmen übernehmen bereits Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt. Und diese Verantwortung endet nicht an den Grenzen Deutschlands, sondern reicht bis in die globalen Lieferketten. Oft sind deutsche und europäische Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern Vorreiter, wenn es darum geht Sozial- und Umweltstandards einzuhalten. Viele verpflichten sich freiwillig und erfüllen deutlich höhere Standards als vor Ort gesetzlich vorgeschrieben. Und es zeigt sich: Davon profitieren Unternehmen und die Menschen vor Ort, also eine klassische "win-win" Situation.

So haben wir zum Beispiel Zulieferbetriebe eines multinationalen Modeunternehmens in Sozialstandards ausgebildet. Nach nicht einmal einem Jahr haben die Investitionen zu einem niedrigeren Krankenstand, geringerer Fluktuation der Mitarbeiter und damit zu höherer Produktivität geführt. Aufgrund des Erfolgs möchte das Unternehmen diesen Ansatz nun auf weitere Zulieferer ausweiten. Also werden noch mehr Beschäftigte davon profitieren.

All diese vielversprechenden Ansätze für eine verantwortungsvolle Textilproduktion wollen wir jetzt in einen größeren Rahmen einbetten. Dafür hat Bundesminister Dr. Gerd Müller vor rund einem Jahr das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und die Bundesregierung: Gemeinsam setzen wir uns für bessere soziale und ökologische Standards in der Textilbranche ein, vom Baumwollfeld bis zum Bügel.

Was heißt das konkret?

  • Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), unter anderem keine Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit.
  • Sichere Fabriken und besserer Brandschutz, um die Gesundheit der Beschäftigten nicht zu gefährden.
  • Weniger Einsatz von gefährlichen Chemikalien, auf dem Baumwollfeld genauso wie in den Färbereien.
  • Löhne und Einkommen, die zum Leben reichen.

Das sind einige unserer Ziele. Daran wollen wir uns messen lassen.

Erreichen können wir sie nur, wenn wir zusammenarbeiten. Es geht darum:

  • Marktmacht, Erfahrung und Wissen zu bündeln und
  • alle Akteure an einen Tisch zu bringen, die Verantwortung tragen.

Wir haben als gemeinsame Arbeitsgrundlage einen Aktionsplan entwickelt. Dieser beinhaltet vier Elemente:

Erstens: Definition von Bündnis-Zielen und Umsetzungsschritten.

Wir erfinden das Rad nicht neu. Die Ziele des Aktionsplans orientieren sich an internationalen Leitlinien, den relevanten Konventionen der Vereinten Nationen und den Kernarbeitsnormen der ILO. Um international erfolgreich zu sein, bauen wir auf bereits existierenden und akzeptierten Standards und Initiativen auf.

Die Einigung auf gemeinsame Ziele ist auch wichtig, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Denn mehr Verantwortung darf nicht zu schlechteren Wettbewerbschancen führen. Das Gegenteil muss der Fall sein!

Aber wir haben uns nicht nur auf hehre Ziele geeinigt. Im Aktionsplan haben wir konkrete Schritte samt Zeitplan festgelegt, um die Ziele zu erreichen. Das Vorgehen hier unterscheidet sich je nach Themenbereich und nach Land. Denn natürlich sind die Ausgangsvoraussetzungen sehr unterschiedlich. Dem tragen wir Rechnung, um wirkliche Verbesserungen zu erreichen.

Zweitens: Wir wollen konkret die Rahmenbedingungen in den Produktionsländern verbessern, jedoch ohne die Produktionsbedingungen zu diktieren. Wir müssen mit viel Fingerspitzengefühl, aber genauso viel Beharrlichkeit unsere Partner überzeugen: Veränderungen sind notwendig. Dafür beziehen wir die Zulieferbetriebe und weitere lokale Akteure wie Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen eng in unsere Maßnahmen ein.

Außerdem entwerfen wir gemeinsame Handlungsempfehlungen für die Politik auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Wir wollen erreichen, dass die öffentliche Hand zum Beispiel durch handelspolitische Instrumente oder durch die Beschaffung von nachhaltig hergestellten Textilien Anreize für eine nachhaltige Textilproduktion setzt.

Drittens: Transparente Kommunikation nach innen und nach außen. Verbraucher sollen nachhaltige Textilien gleich erkennen. Denn nur wenn die Verbraucher genug Informationen haben, können sie sich auch bewusst entscheiden und ihre Marktmacht für Verbesserungen einsetzen.

Es ist aber auch entscheidend, die Fortschritte des Bündnisses zu vermitteln. Damit alle sehen: Das Bündnis wirkt! Und sich noch mehr Unternehmen anschließen.

Viertens: Das Bündnis vereint die Kräfte aller relevanten Akteure. Es ermöglicht einen besseren Austausch von Lernerfahrungen und innovativen Lösungen. Ein weiterer Vorteil der Plattform ist es, ein transparentes und wirksames Monitoringsystem aufzubauen. Damit spornt es die Mitglieder an, die Ziele wirklich umzusetzen.

Dass wir auf einem sehr guten Weg sind, kann man schon an der Mitgliederzahl des Textilbündnisses ablesen. Die hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verfünffacht. Inzwischen umfasst das Textilbündnis über 170 Organisationen. Zu den Mitgliedern gehören unter anderem

  • Unternehmen der Textilindustrie und des Handels (wie H&M, Adidas, Hugo Boss, Tchibo und Lidl),
  • Verbände (Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels, der Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie, der Handelsverband Deutschland und der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie),
  • Gewerkschaftsorganisationen,
  • Nichtregierungsorganisationen und
  • wissenschaftliche Institutionen.

Ich freue mich, dass der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie heute auch die Veranstaltung mitgestaltet. Danke für Ihr Vertrauen und Ihr Engagement!

Mittlerweile vereint das Textilbündnis knapp 50 Prozent des deutschen Einzelhandelsmarkts – ein beachtlicher Etappensieg! Wir würden uns natürlich freuen, wenn noch mehr von Ihnen Verantwortung für nachhaltige Textilien übernähmen! Unser nächstes Ziel: 75 Prozent. Das ist ambitioniert. Aber wer eine Vision hat, sollte alles daran setzen, sie umzusetzen! Denn mehr Marktmacht bedeutet: gemeinsam Dinge durchsetzen zu können, die einer allein nicht hätte schaffen können.

Das tun wir. Wir haben mehrere Arbeitsgruppen eingerichtet, die in ihren Bereichen nun konkrete Aktivitäten anstoßen. Über 160 Personen möchten in den Arbeitsgruppen mitarbeiten. Sie sehen: Verantwortung kommt in Mode! Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse.

Vor ein paar Tagen haben die ersten Sitzungen der Arbeitsgruppen "Chemikalien", "Sozialstandards und existenzsichernde Löhne" sowie "Review-Prozess" stattgefunden.

Die meisten von Ihnen hier sind ausgewiesene Experten, was Arbeits- und Gesundheitsschutz angeht. Bringen Sie sich mit dieser Fachkompetenz ein!

Gleichzeitig heben wir das Textilbündnis auf die internationale Bühne. Denn auch hier ist "Marktmacht" das entscheidende Stichwort. Nur wenn alle sich an die gleichen Spielregeln halten, die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden, ist fairer Wettbewerb möglich.

Dafür haben wir das Thema nachhaltige Lieferketten erfolgreich auf die Agenda des G7-Gipfels in Deutschland gesetzt. Wir haben uns als G7 verpflichtet, die Produktionsländer bei der Umsetzung von Umwelt- und Sozialstandards zu unterstützen. Am 12. und 13. Oktober fand zudem ein Treffen der G7-Arbeits- und Entwicklungsminister in Berlin statt. Da haben wir mit der Erklärung "Action for Fair Production" die ersten konkreten Schritte getan, um unsere Verpflichtung umzusetzen.

Auch mit der Europäischen Kommission arbeiten wir eng zu diesem Thema zusammen. Die EU plant derzeit den Start einer EU-weiten Initiative für nachhaltige Bekleidung. Sie sehen, der Rückenwind des Textilbündnisses hat Europa erfasst!

Meine Damen und Herren,

nationale Regierungen stehen in der Verantwortung, international anerkannte Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards umzusetzen. So müssen sie zum Beispiel die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation in ihr nationales Recht umsetzen. Und diese Normen dann mit Kontrollen sowie Sanktionen durchsetzen.

Das BMZ setzt sich bei den Partnerregierungen dafür ein, dass sie diese Verantwortung wahrnehmen. Mit vielfältigen Maßnahmen unterstützen wir staatliche Stellen, aber auch Unternehmen, Verbände, Initiativen und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dabei, dass Arbeits- und Sozialbedingungen verbessert werden.

Beispiel: Bangladesch

  • Seit 2010 haben wir über 100.000 Arbeiter, Manager und Fabrikbesitzer in der bangladeschischen Textilindustrie bei der Umsetzung von Umwelt- und Sozialstandards beraten. Und wir haben gemeinsam mit der ILO circa 300 Arbeitsinspektoren ausgebildet.
  • Wir haben mehr als 130 Textilfabriken dabei unterstützt, den Umgang mit Chemikalien und Industrieabwässern zu verbessern.
  • Zudem haben wir mehr als 1.000 Frauen aus armen ländlichen Gebieten als Näherinnen ausgebildet. Diese konnten danach als qualifizierte Fachkraft in den Textil- und Bekleidungssektor einsteigen.

Wenn wir die Globalisierung sozial und ökologisch nachhaltig gestalten wollen, dann müssen wir auch bei uns Verantwortung übernehmen, nicht nur in scheinbar fernen Ländern.

Wir als Regierung fangen deshalb bei uns selbst an. Schließlich ist die öffentliche Hand eine wichtige Konsumentin! Für mindestens 260 Milliarden Euro im Jahr kauft sie in Deutschland jährlich ein: von Kaffee, Kakao, Bleistiften über Büromöbel bis hin zu Bussen für den Nahverkehr.

Als "faire Behörde" will das BMZ bei allen Beschaffungen Nachhaltigkeitsaspekte und Sozialkriterien berücksichtigen. Das gelingt uns zum Beispiel gut bei der Bewirtung. Aber auch bei Möbeln oder IT-Ausstattung werden wir hier ansetzen.

Und – passend zum Thema unserer heutigen Veranstaltung: Im Frühjahr hat die Bundesregierung beschlossen, bis 2020 die Hälfte aller Textilien nach ökologischen und sozialen Kriterien zu beschaffen. Ein wichtiger Schritt, den ich sehr begrüße.

Wenn Sie wissen möchten, wie sich die öffentliche Hand für nachhaltige Produktion von Arbeitsbekleidung engagieren kann, dann gehen Sie zum Stand der Servicestelle von Engagement Global und Partnern in Halle 10/J 70. Dort erwartet Sie ein Messestand mit Bühnenprogramm und eine Präsentation zum Thema innovative und nachhaltige Gewebe. Und es gibt zahlreiche Fachforen zur öffentlichen Beschaffung. Unternehmen erläutern Ihnen ihre nachhaltige Produktionsweise und präsentieren eine Auswahl am Markt verfügbarer Arbeitsbekleidung.

Dort finden Sie auch die Fotoausstellung "Ich mache deine Kleidung" von FEMNET e.V. Sie zeigt berührende Porträts von Näherinnen aus Produktionsländern in Afrika, Lateinamerika und Asien. Sie geben dem ein Gesicht, wofür wir uns einsetzen. Denn bessere Standards in der weltweiten Textilindustrie sind kein abstraktes Konzept. Es geht darum, Menschen ein menschenwürdiges Leben und eine anständige Arbeit zu ermöglichen.

Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Sie sind unsere Partner für eine nachhaltige globale Textilindustrie. Standards müssen Standard werden. Lassen Sie uns daran gemeinsam arbeiten.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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