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Oktober

"Klimawandel: Zwei Grad mehr – Was geht mich das an?"


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn bei der ZukunftsTour am 27.10.2015 in Stuttgart

Einen Audiomitschnitt der Rede finden Sie hier.

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler,

wir stehen hier in einem ehemaligen Lokschuppen. Hier wurden bis vor nicht allzu langer Zeit Eisenbahnen repariert und gewartet. Dieses Gebäude ist ein Stein gewordenes Sinnbild für die Industrialisierung.

Die mit Holz oder Kohle betriebene Dampfmaschine hat einen unglaublichen technischen Fortschritt möglich gemacht. Dann sind wir zu Öl und Gas übergegangen. Doch irgendwann haben wir bemerkt: Die Ressourcen der Erde sind endlich! Nicht so sehr, weil Öl und Kohle aufgebraucht sind. Sondern weil die CO2-Deponien der Atmosphäre bald voll sind. Wenn wir weiter verbrennen, als gäbe es kein Morgen, dann gibt es irgendwann kein Morgen mehr. Dann zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage.

Wir haben die Wahl: Nutzen wir unser Wissen zur weltweiten nachhaltigen Entwicklung? Oder schaffen wir uns ab?

Vor wenigen Wochen haben die Staaten der Welt bei den Vereinten Nationen in New York die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung beschlossen. Die dort vereinbarten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung behandeln die Überlebensfragen der Menschheit. Und sie gelten für alle Länder. Es geht um sichere und gute Ernährung für die 800 Millionen Menschen, die heute noch hungern. Es geht um Klimaschutz und um Menschenrechte. Es geht um Wohlstand für alle, aber nicht auf Kosten anderer Menschen, nicht auf Kosten der Umwelt, nicht auf Kosten unser aller Zukunft.

Ein Umdenken ist dringend notwendig. Die Menschheit verbraucht heute doppelt so viele Ressourcen wie noch vor 30 Jahren. Jeden Tag wächst die Weltbevölkerung um weitere 230.000 Menschen. Im Jahr 2050 werden wir fast 10 Milliarden Menschen auf der Erde sein. Gleichzeitig geht fruchtbares Ackerland verloren, weil es erodiert oder zugebaut wird. Das heißt: immer mehr Menschen brauchen immer mehr Ressourcen. Aber es gibt immer weniger Fläche, auf der sie ihre Nahrung anbauen können. Jeder Europäer nutzt drei Mal so viele Ressourcen wie die Menschen in Asien und vier Mal so viele wie in Afrika.

Der Klimawandel macht dieses Ungleichgewicht besonders deutlich: Die Menschen in den Industrie- und Schwellenländern verursachen die meisten Emissionen. Doch die Auswirkungen treffen die Ärmsten der Armen! Sie leiden am stärksten unter Naturkatastrophen, ihre Lebensgrundlagen gehen als erste verloren. Was passiert, wenn die Menschen in Krieg, Hunger und Elend leben müssen, ohne Perspektive, sehen wir aktuell an der Flüchtlingskrise. Der Klimawandel könnte weitere 150 oder gar 300 Millionen Menschen in die Flucht treiben. Wenn der Meeresspiegel um einen Meter ansteigt, werden zum Beispiel allein in Bangladesch 15 Millionen Menschen heimatlos.

Für die Weltgemeinschaft heißt das: Wir müssen jetzt handeln, damit diese Menschen nicht zu Klimaflüchtlingen werden. Wir hier in Deutschland, in Europa, den USA, aber auch in China, Brasilien oder Indien haben ein Interesse und eine Verantwortung, den Klimawandel zu begrenzen. Das ist auch der Titel der Zukunftscharta: EINE Welt – UNSERE Verantwortung. Denn nachhaltige Entwicklung weltweit braucht das Engagement von allen.

Die Bundesregierung unterstützt ihre Partner in den Entwicklungsländern dabei, Wälder, Flüsse und Böden zu schützen und nachhaltig zu bewirtschaften. Oder schmutzige Energiequellen zu überspringen und gleich bei erneuerbaren Energien einzusteigen. Moderne Klima- und Umwelttechnik dürfen auch in diesen Ländern kein Luxus sein. Sie sind eine Notwendigkeit für das globale Überleben.

Die Potenziale zum Beispiel in Afrika sind riesig. Mit der G7-Initiative zu erneuerbaren Energien wollen wir gemeinsam mit unseren afrikanischen Partnern 10 Giga-Watt aus erneuerbaren Quellen gewinnen – an Stelle von 10 großen Kohlekraftwerken. Bundesminister Dr. Müller wird in Kürze in Marokko das modernste Solarkraftwerk der Welt einweihen, von Deutschland mitfinanziert. Mit Indien haben wir gerade vereinbart, im Bereich Sonnenenergie zusammenzuarbeiten.

Das BMZ setzt sich außerdem intensiv für den Waldschutz ein. Bis 2030 wollen wir es mit unseren Partnern schaffen, die Entwaldung zu stoppen. Über 60 Millionen Hektar Wald wurden so bereits unter Schutz gestellt, das ist 40-mal so viel, wie es Naturschutzgebiete in Deutschland gibt.

Und mit innovativen Klimarisikoversicherungen helfen wir Ländern, sich gegen Verluste durch extreme Wetterereignisse zu versichern, damit Wirbelstürme und Überschwemmungen keine Existenzen vernichten. Bei der ersten Auszahlung nach Dürren in Niger, Senegal und Mauretanien bekamen 1,3 Millionen Menschen Hilfe, 500.000 Nutztiere wurden gerettet. Die G7 haben sich unter deutscher Präsidentschaft das Ziel gesetzt, bis 2020 weitere 400 Millionen Menschen abzusichern.

Die Weltgemeinschaft arbeitet an einem neuen Klimaabkommen. In wenigen Wochen wollen wir es in Paris verabschieden. Da müssen die Industrieländer Flagge zeigen! Denn was antworten wir, wenn die Entwicklungsländer uns sagen: Ihr könnt uns nicht verbieten, so leben zu wollen wie ihr?

Unsere Botschaft muss sein: Entwicklung und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Wir unterstützen Euch dabei. Und es ist in Eurem eigenen Interesse, unsere Fehler nicht zu wiederholen. Denn Entwicklung auf Kosten der Umwelt rächt sich.

Die Menschen in den Megastädten der Welt sehen das jeden Tag. Oder sie sehen fast gar nichts, wie in Peking, wo der Smog nur an wenigen Tagen im Jahr erträglich ist. Auch die Schwellenländer müssen zum Klimaschutz beitragen. Ohne sie wird es nicht gehen. China beispielsweise ist inzwischen mit Abstand der größte CO2-Emittent der Welt.

Die Weltgemeinschaft muss anerkennen: Klimawandel und Ressourcenverbrauch machen nicht an Landesgrenzen halt. Deshalb muss auch unser Engagement global sein. Deutschland übernimmt hier Verantwortung: Die Bundeskanzlerin hat angekündigt, den finanziellen Beitrag der Bundesregierung zum Klimaschutz bis 2020 zu verdoppeln – auf dann vier Milliarden Euro pro Jahr. Den Löwenanteil davon, nämlich 90 Prozent, setzt das BMZ um.

Jedes Land muss beitragen, was es kann. Für Sie hier in Baden-Württemberg sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit kein Neuland. Baden-Württemberg ist eines der aktivsten Bundesländer in der Entwicklungszusammenarbeit, beispielsweise in einer Partnerschaft mit dem afrikanischen Land Burundi. In diesem Zusammenhang möchte ich dem Land Baden-Württemberg und dem Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit bei dieser ZukunftsTour-Veranstaltung danken.

Auch zahlreiche Kommunen in Baden-Württemberg engagieren sich und sind Klimapartnerschaften mit Städten in aller Welt eingegangen. Die Stadt Ludwigsburg zum Beispiel hat ihre Partnerschaft mit der burundischen Stadt Kongoussi gerade weiter ausgebaut. Unter anderem um ein Wiederaufforstungsprojekt gegen die Bodenerosion.

Ich bin schon gespannt auf die Projekte, die hier heute in den Stationen der Werkstatt Zukunft vorgestellt werden. Ihr Engagement hier in Baden-Württemberg, in Städten und Gemeinden und von jedem und jeder Einzelnen, ist entscheidend!

Deshalb bin ich hier bei Ihnen auf dieser ZukunftsTour. Wir im BMZ haben einen intensiven Dialog geführt: mit Bürgerinnen und Bürgern, in Schulen, mit Nichtregierungs-Organisationen, Kirchen, der Wirtschaft. Wir haben gefragt: Wie gehen wir mit globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Hunger, Armut, Flucht und Migration um? Und welche Rolle können wir in Deutschland bei der Lösung globaler Fragen spielen?

Das Ergebnis ist die Zukunftscharta. Mit unserer Tour durch die Bundesländer möchten wir darüber mit möglichst vielen Engagierten in ganz Deutschland ins Gespräch kommen. Denn wir haben festgestellt: Für eine Entwicklung auf der ganzen Welt, die zukunftsfähig ist, die die Schöpfung auch für zukünftige Generationen bewahrt, müssen auch wir hier in Deutschland uns verändern: Nachhaltige Entwicklung beginnt bei uns!

Und jeder einzelne Beitrag zählt! Ob Sie mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit oder zur Schule fahren, Produkte aus der Region kaufen oder fair und umweltfreundlich produzierte Kleidung.

Was wir hier in Deutschland tun, bestimmt auch die Zukunft der Menschen anderswo. Und was in anderen Teilen der Welt passiert, betrifft auch uns. Wir leben in Einer Welt. Und für diese Welt tragen wir gemeinsam Verantwortung. Lassen Sie uns dieser Verantwortung gerecht werden.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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