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März

Katastrophenrisikomanagement für eine sicherere, widerstandsfähigere Welt


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn bei der UN-Weltkonferenz über die Verringerung des Katastrophenrisikos

am 16.03.2015 in Sendai/Japan

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
sehr geehrte Konferenzdelegierte,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielen Dank für den herzlichen Empfang zu dieser Arbeitssitzung. Ich bin sehr dankbar, dass ich eingeladen wurde und mich zu der wichtigen Frage einbringen kann, wie sich eine widerstandsfähige Tourismusbranche schaffen und fördern lässt.

I. Tourismus – Entwicklungsmotor in Gefahr

Der Tourismus zählt zu den wachstumsstärksten Branchen überhaupt. Hunderte Millionen Arbeitsplätze hängen direkt von ihm ab. Auch in anderen Sektoren entfaltet er eine große Beschäftigungswirkung. 9 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts werden durch den Tourismus erwirtschaftet, und 4,6 Prozent der globalen Kapitalinvestitionen fließen in diesen Sektor. In zahlreichen Ländern trägt der Tourismus maßgeblich zur Entwicklung bei und spielt auf lokaler, nationaler und übergreifender Ebene eine wesentliche volkswirtschaftliche Rolle.

Zugleich handelt es sich um eine der anfälligsten Branchen weltweit. Eine einzige Katastrophe kann riesigen Flurschaden anrichten und große wirtschaftliche Verwerfungen hervorrufen, die sich auf die privaten und öffentlichen Investitionen in Ferienorten auswirken. Zugleich bedeutet eine Katastrophe natürlich Gefahr für Leib und Leben von Touristen, Beschäftigten und Anwohnern. Aufgrund der wachsenden weltweiten Bedeutung des Tourismus kann jeder Einbruch der Gästezahlen die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und die nachhaltige Entwicklung ernsthaft schädigen, was dem Image des Landes schadet und seine Attraktivität für ausländische Investoren und Besucher herabsetzt.

II. Der deutsche Blickwinkel

In jüngerer Zeit hat sich gezeigt, dass auch hoch entwickelte Länder trotz ihrer Wirtschaftskraft anfällig sind – teils sogar gerade wegen ihrer raschen wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch aufgrund mangelhafter Handhabung von Katastrophenrisiken und mangelnder Anpassungs-fähigkeit. In Deutschland erlebte die Tourismusbranche im Mai 2013 deutliche Einbrüche wegen des Hochwassers. Dabei floriert das Reisegeschäft in dieser Zeit normalerweise. Sogar in Regionen, die von den Überschwemmungen nicht unbedingt betroffen waren oder wo die Lage sich schon wieder normalisiert hatte, hatten Hotel- und Gaststättenbesitzer Verluste zu verzeichnen. Im Süden gab es bei Passau einen starken Einbruch des Geschäfts, während Hotels an Donau und Elbe sogar Stornierungen von 80 bis 100 Prozent erleben mussten.

III. Die globale Perspektive

Der Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004 und der Taifun Hayan auf den Philippinen im Jahr 2013 haben gezeigt, wie anfällig der Tourismus in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sein kann, wenn eine Katastrophe eintritt. Durch den Taifun Hayan kam es monatelang zu Stornierungen, sogar für Landesteile, die von dem Sturm gar nicht betroffen waren. Auch sie hatten unter den Auswirkungen der Katastrophe zu leiden, die ausgerechnet in der Hochsaison Reisende vom Besuch der Philippinen abschreckte.

Wir müssen also massiv in Frühwarnsysteme und Katastrophenrisikomanagement investieren, um das Wachstum der Tourismusbranche der letzten zehn Jahre aufrechtzuerhalten. So gab es in der Region Asien-Pazifik vier Jahre hintereinander robustes Wachstum, und 2013 nahm die Zahl der Touristen erneut um 6 Prozent zu. Die Anzahl der Reisenden in Thailand wächst stetig, in manchen Jahren sogar sprunghaft. 2013 kamen 27 Millionen Touristen nach Thailand. Auch bei den kleineren Reisezielen wächst die Zahl der Besucher. So erlebte Myanmar 2013 einen außerordentlichen Zuwachs von 52 Prozent. Das stellt das Land vor beträchtliche Schwierigkeiten, denn die lokalen Behörden sind häufig nicht imstande, mit der hohen Zahl von Besuchern organisatorisch effektiv fertig zu werden.

Wenn es darum geht, auf nationaler Ebene Konzepte für den Katastrophenfall und zur Verringerung von Risiken zu entwickeln, gerät die Tourismusbranche oft aus dem Blick. Eine schlecht geplante und gesteuerte Entwicklung des Tourismussektors kann Gefährdungen leicht verstärken. Ich bin überzeugt, dass die Wichtigkeit und der Wert des Katastrophenrisikomanagements im Tourismusbereich inzwischen zunehmend in den Blick genommen werden. Hier ist ein systematischerer Ansatz erforderlich, mit dem sich langfristige Wettbewerbsfähigkeit und risikobewusste Nachhaltigkeit sicherstellen lassen. Dazu gehört auch ein umfassendes weltweites Rahmenwerk für die Zeit nach 2015, das auf bestehende Katastrophenrisiken eingeht, künftigen Risiken vorbeugt und die Widerstandsfähigkeit der Tourismusbranche stärkt.

Zur Umsetzung dieses Rahmenwerks kommt es auf risikosensible Investitionsplanung und öffentlich-private Partnerschaften an, wenn wirtschaftliche Verluste vermieden und das Leben und die Existenzgrundlagen der Menschen geschützt werden sollen. Ein wirksames integriertes Katastrophenrisikomanagement muss günstige Rahmenbedingungen für ein verstärktes Engagement der Privatwirtschaft sowie für eine risikobewusste Planung von Privatinvestitionen schaffen, wenn man bedenkt, dass 70 bis 85 Prozent aller Investitionen weltweit von privater Seite kommen. Daher müssen wir uns mit der Relevanz und Bedeutung der Beteiligung der Wirtschaft – einschließlich der Tourismusbranche – an jedweder Partnerschaft für ein wirksames Katastrophenrisikomanagement befassen.

IV. Die Globale Initiative Katastrophenrisikomanagement

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist sich bewusst, dass es darauf ankommt, die Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen durch starke Partnerschaften zu stärken. Daher hat es 2013 gemeinsam mit anderen Bundesministerien die Globale Initiative Katastrophenrisikomanagement (GIKRM) ins Leben gerufen. Diese Initiative vereinigt eine große Bandbreite von Akteuren aus Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern von staatlicher Seite sowie aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Privatsektor. Sie bietet ein Forum für neue und innovative Formen der Zusammenarbeit im Bereich Katastrophenrisikomanagement.

Die GIKRM kooperiert mit dem Büro der Vereinten Nationen für die Verringerung des Katastro-phenrisikos (UNISDR) und der Pacific Asia Travel Association (PATA), um Risiken in katastro-phengefährdeten Reisegegenden gemeinsam mit dem Hotelgewerbe angemessen zu diskutieren und anzugehen. Viele Hotels und Freizeitanlagen verfügen noch nicht über die notwendigen Strukturen und Verfahren, um Katastrophenrisiken zu verringern bezeihungsweise auf Katastrophen eingestellt zu sein, wenn sie denn eintreten. In Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, Tourismus- und Hotelverbänden und Hoteliers treiben wir die "Hotel Resilience Initiative" voran. Sie zielt darauf ab, international anerkannte Standards und Instrumente für Hotels und Hotelanlagen zu entwickeln, mit denen sich die Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen gegenüber Kunden und Gästen nachweisen lässt, und zugleich standardisierte Ansätze und Marktwert zu schaffen. Die Standards sollen den Hotels und Freizeitanlagen dabei helfen, Geschäftsrisiken sowie Gefahren für Touristen abzubauen, und sollen umliegende Gemeinden besser vor extremen Naturereignissen schützen.

Die Initiative richtet sich an kleine, mittlere und große Hotels, wobei deren unterschiedlichen Bedürfnissen und Kapazitäten Rechnung getragen wird. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind häufig besonders stark betroffen und haben Mühe, sich auf Katastrophen einzustellen oder nach einer Katastrophe wieder Fuß zu fassen. Aufgrund geringer ausgeprägten Risikobewusstseins und begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen für geeignete Konzepte und Technologien fällt es ihnen schwer, Risiken einzudämmen und sich an den Klimawandel anzupassen. Dennoch sind gerade die KMU oft Motor der Volkswirtschaft. Daher messen wir Investitionen in die Widerstandsfähigkeit von KMU und zur Förderung der Erkennung und Verringerung von Katastrophenrisiken große Bedeutung bei.

V. Zusammenfassung

Die Globale Initiative Katastrophenrisikomanagement ist ein vielversprechendes Beispiel und entspricht unserem Leitbild eines Paradigmenwechsels vom Krisenmanagement zu einer Kultur der Vorbeugung. Die heutige Arbeitssitzung gibt uns die Möglichkeit, entsprechende innovative Ansätze zu diskutieren und neue Partnerschaften zum gegenseitigen Nutzen von öffentlicher und privater Seite zu fördern.

Wenn wir unsere Welt mit Erfolg sicherer und widerstandsfähiger machen wollen, müssen wir einander die Hand reichen und unsere Kräfte bündeln. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an dieser Sitzung und wünsche uns eine fruchtbare und produktive Diskussion.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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