Hauptinhalt

Oktober

"Eine Region – ein Konzept: Deutschland als Partner für eine sichere Wasserzukunft"


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn beim 2. German Water Partnership Day am 15.10.2014 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Gäste aus dem In- und Ausland,
meine Damen und Herren!

Die Berliner Wasserbetriebe haben gerade eine Öffentlichkeitskampagne mit dem Motto: "Ohne uns läuft nix". Ich bin überzeugt: Auch mit der German Water Partnership bringen wir weltweit sehr viel zum Laufen. Deshalb freue ich mich sehr auf den Austausch mit Ihnen allen. Herzlichen Dank für die Einladung zum 2. German Water Partnership Day hier bei den Berliner Wasserbetrieben.

Das Jahr 2013 hatten die Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Wasserkooperation ausgerufen. Das heißt aber natürlich nicht, dass das Thema jetzt abgehakt ist. Wasserkooperation wird für die deutsche Entwicklungspolitik auch in den kommenden Jahren eine zentrale Aufgabe bleiben. Wir haben zwar schon viel erreicht: In den letzten 25 Jahren haben 2,3 Milliarden Menschen erstmals Zugang zu einer verbesserten Trinkwasserquelle erhalten. Darauf können wir ein bisschen stolz sein. Aber wir können uns nicht zurücklehnen. Denn in vielen Ländern der Welt bleibt die Versorgung mit sauberem Trinkwasser nach wie vor eine große Herausforderung.

Noch immer entnehmen 800 Millionen Menschen ihr Wasser aus unsicheren Quellen, also aus Flüssen und Seen. Eine weitere Milliarde holt das Wasser aus ganz einfachen Brunnenbauten oder Zapfstellen. Auch deren Wasser ist unzureichend geschützt, oder es wird noch vor der Verwendung wieder verunreinigt. Daher müssen wir tatsächlich davon ausgehen, dass die Gesundheit jedes vierten Menschen durch mangelhafte Trinkwasserversorgung gefährdet ist.

Bei der Sanitärversorgung und Abwasserbehandlung sieht es noch schlechter aus. Weltweit sind 2,5 Milliarden Menschen ohne ordentliche Sanitärversorgung, also mehr als jeder Dritte.

Meine Damen und Herren,

Wasser ist auch jenseits von Trinken und Hygiene zentral für praktisch alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Wasser ist die Grundlage allen Lebens und unserer Ökosysteme. Wasser brauchen wir für die Bewässerung in der Landwirtschaft. Wasser ist zudem wichtig für die Energieerzeugung und für die industrielle Produktion. Diese Zusammenhänge müssen wir immer mitdenken, denn Wasser wird in vielen Ländern immer knapper. Sehr bald wird der Bedarf die verfügbare Menge erheblich überschreiten. Schon heute gibt es in 40 Ländern akuten Wassermangel. Und es wird erwartet, dass der Wasserbedarf weltweit bis 2030 um 50 Prozent steigen wird.

Dies liegt auch an den globalen Handelsströmen. Deutschland importiert zum Beispiel über Agrarprodukte, Elektronik und Textilien indirekt 15 Mal mehr Wasser, als wir in den Haushalten verbrauchen. So viel Wasser wurde für die Herstellung dieser Produkte benötigt, und zwar gerade auch in wasserknappen Regionen wie in weiten Teilen Pakistans oder Indiens. Ein einfaches T-Shirt herzustellen, kostet 2.500 Liter Wasser.

Umso wichtiger ist eine ganzheitliche Betrachtung von Wasser für Industrie- und Entwicklungsländer. Umso wichtiger sind ein weltweit schonender Umgang mit Wasser und seine Aufbereitung und Wiederverwertung, nicht nur in Deutschland.

Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen müssten in den Entwicklungsländern jedes Jahr circa 100 Milliarden US-Dollar für Wasser- und Sanitärversorgung investiert werden. Die Entwicklungszusammenarbeit kann dazu nur einen kleinen Teil beitragen. Das meiste muss aus Quellen vor Ort kommen. Die Entwicklungszusammenarbeit kann Impulse geben, damit die Partner Lösungen aus eigener Kraft verwirklichen können.

Deutschland ist im Wasserbereich der zweitgrößte bilaterale Geber weltweit. Das BMZ finanziert jährlich Programme mit einem Gesamtvolumen von durchschnittlich 350 Millionen Euro in über 50 Ländern, insbesondere in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten. Damit erreichen wir weltweit etwa 100 Millionen Menschen. Deutschland genießt international hohes Vertrauen für umweltgerechte Lösungsansätze.

Neben der Bereitstellung von Finanzmitteln für konkrete Investitionen ist die Vermittlung von technischem und organisatorischem Fachwissen ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit – auch in Kooperation mit der Wirtschaft. Capacity Development eben, wie es ja auch im Titel der heutigen Veranstaltung steht. Dazu gehören der Export von Standardsetzung, Zertifizierung und beruflicher Qualifikation. Im zweiten Block des heutigen Capacity Development-Tags greifen Sie da wichtige Erfolgsfaktoren auf.

Die deutsche Wasserwirtschaft hat viel anzubieten: Hervorragende Technologien und innovative Konzepte, die über den Wassersektor hinaus reichen. Deshalb sind Sie ein entscheidender Partner für die Entwicklungszusammenarbeit.

Die German Water Partnership übernimmt hier eine wichtige Bündelungsfunktion. Um dieses Potenzial noch besser zu nutzen, haben wir eine Entwicklungsexpertin in die German Water Partnership entsandt. Frau Svea Wragge steht Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite. Auch unsere Durchführungsorganisationen wie die GIZ wirken in diversen Länderforen und Arbeitskreisen der German Water Partnership mit.

Die Zusammenarbeit von Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die wir weiter ausbauen wollen. Ein Beispiel ist die im Rahmen des develoPPP.de-Programms vom BMZ geförderte strategische Allianz der VAG-Armaturen GmbH, der Hermann Sewerin GmbH, des kommunalen Wasserbetriebs Hamburg Wasser und der GIZ. Zusammen mit Partnern aus der Forschung wie dem Karlsruher Institut für Technologie und der Fachhochschule Nordwest-Schweiz verfolgen sie das Ziel, Wasserverluste beispielsweise durch Lecks in Leitungen zu reduzieren. Dafür arbeiten sie in so unterschiedlichen Ländern wie Bolivien, Libanon und Uganda. Weltweit gehen jedes Jahr über 32 Milliarden Kubikmeter sauberen Trinkwassers allein durch fehlerhafte Leitungen verloren. Mit dieser Menge könnten mehr als 700 Millionen Menschen mit Wasser versorgt werden.

Die strategische Allianz richtet sich in erster Linie an Wasserversorger in unseren Partnerländern. Sie werden mit Verfahren und Techniken eines modernen Wassermanagements vertraut gemacht. Die beteiligten Unternehmen profitieren gleichzeitig von der Entwicklung angepasster, konkret nachgefragter Technologien und Dienstleistungen. Denn häufig mangelt es gar nicht an der technischen Lösung. Eine zentrale Herausforderung ist vielmehr die Anpassung an die Situation vor Ort.

Deshalb begrüße ich außerordentlich den Ansatz der German Water Partnership: Eine Region – ein Konzept. Dadurch wird die deutsche Unterstützung auch besser wahrnehmbar, und das Vertrauen in die deutsche Expertise steigt.

Die Entwicklungspolitik und unsere Durchführungsorganisationen können hier viel Erfahrung einbringen. Denn die Herausforderungen an den Wassersektor sind ja von Region zu Region verschieden: In regenreichen Gebieten zum Beispiel liegt die Herausforderung vor allem in der Verschmutzung des Grundwassers. Bessere Sanitäranlagen, ein sicherer Umgang mit Schadstoffen und Hochwasserschutz sind hier die Stichworte. In trockenen Gebieten liegt das Problem meist darin, dass zu viel nicht erneuerbares Grundwasser entnommen wird. Hier ist es wichtig, die lebenswichtige Ressource Grundwasser vor unkontrollierter Ausbeutung zu schützen. Integriertes Grundwassermanagement heißt: Trinkwasser, Landwirtschaft und Energieerzeugung miteinander in Einklang zu bringen und dabei Ressourcen zu schonen.

Ein Beispiel dafür ist Jordanien, eines der wasserärmsten Länder der Welt. Die Wasservorkommen dort werden derzeit so stark übernutzt, dass eine nachhaltige Versorgung von Bevölkerung, Industrie und Landwirtschaft ernsthaft gefährdet ist. Die hohe Zahl an Flüchtlingen aus angrenzenden Konfliktgebieten verschlechtert die Lage zunehmend. Daher ist es für eine sichere Wasserversorgung in der Zukunft nötig, die Wasserressourcen sehr effizient und nachhaltig zu verwalten.

Die deutsche Entwicklungs­zusammenarbeit ist in Jordanien stark engagiert und arbeitet dabei auch gut mit Firmen der German Water Partnership zusammen. Wir unterstützen das Land beispielsweise dabei, die Verteilung von Frischwasser auf die verschiedenen Nutzungsbereiche neu zu gestalten. Zum Beispiel wird statt Frischwasser nun zunehmend behandeltes Abwasser zur Bewässerung genutzt. Außerdem wird die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal im Wassersektor gefördert. Das verringert auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Bereits heute zeigt sich der Erfolg der Maßnahmen: Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung hat sich merklich verbessert. Auch die Wassernutzung in der Landwirtschaft ist effektiver organisiert und hilft, die Erträge zu steigern und den Druck auf die gefährdeten Frischwasserressourcen zu verringern.

Grundlage dieser Erfolge ist ein intensives Capacity Development. Vor allem für die Nachhaltigkeit dieser Erfolge ist das unerlässlich. Nur so kann sichergestellt werden, dass Systeme und Anlagen optimal betrieben und gewartet werden, dass effektive Abläufe dauerhaft angewandt werden. Die Entwicklung einer gemeinsamen Capacity Development-Strategie der German Water Partnership war deshalb ein wichtiger Schritt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die sichere Versorgung mit sauberem Trinkwasser und hygienischen Sanitäranlagen ist eine zentrale Voraussetzung für menschliche Entwicklung. "Wasser ist Leben", wie es so prägnant heißt. Die soziale und umweltgerechte Lösung von Wasserfragen steht daher dauerhaft oben auf der Agenda der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.  

Wir brauchen die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Kreativität und den Unternehmergeist der Privatwirtschaft. Ihre effizienten Lösungsansätze sind hier besonders gefragt. Für die deutsche Wasserwirtschaft ergeben sich daraus große Chancen. Lassen Sie uns diese Chancen gemeinsam nutzen, für eine bessere Wasserversorgung weltweit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen erkenntnisreichen und gewinnbringenden Austausch im Rahmen der German Water Partnership. Und ich freue mich auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit Ihnen, hier in Deutschland und in unseren Partnerländern.

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen