Hauptinhalt

Oktober

Food for the Future: Ernährungssicherheit und Klimawandel


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn anlässlich der Jahrestagung von Weltbank und IWF am 10.10.2014 in Washington

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Minister Adesina,
meine Damen und Herren,

obwohl in den letzten Jahren große Erfolge bei der Ernährungssicherung erzielt wurden, schätzt die FAO, dass immer noch 800 Millionen Menschen hungern. Eine weitere Milliarde Menschen leidet an Mangelernährung. Dabei verfügt die Erde über die natürlichen Ressourcen, alle Menschen zu ernähren. Wir sind daher überzeugt, dass wir den Hunger überwinden können – wenn Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam verstärkt auf dieses Ziel hinarbeiten.

Als Vertreter einer der größten Gebernationen sind wir dazu bereit. Wir werden in den nächsten drei Jahren die Mittel für den Bereich Ernährungssicherung und Landwirtschaft substanziell erhöhen, und zwar auf über eine Milliarde Euro pro Jahr.

Mein Kollege aus Nigeria, Minister Adesina, steht vor ähnlichen Herausforderungen. Viele der afrikanischen Länder werden ihre Ausgaben erhöhen müssen, wenn sie ihr selbst gestecktes ehrgeiziges Ziel erreichen wollen, 10 Prozent ihres Budgets für die Landwirtschaft auszugeben. Ich begrüße sehr, dass diese Zielsetzung auf dem jüngsten Gipfel der Afrikanischen Union in Malabo erneut bestätigt wurde.

Aber alle diese zusätzlichen Mittel werden ins Leere laufen, wenn wir nicht auch grundlegend an unseren Konzepten und Ansätzen arbeiten. Denn ein 'Weiter wie bisher' wird zukünftig nicht mehr funktionieren. Die Klimakonferenz in New York hat die dramatischen Rahmenbedingungen umrissen - insbesondere für Afrika:

Auf keinem anderen Kontinent wird die Temperatur noch in diesem Jahrhundert so stark ansteigen, nämlich um bis zu vier Grad Celsius. Die in den vergangenen Jahren erzielten Erfolge im Kampf gegen den Hunger sind in höchster Gefahr: Fachleute rechnen mit einem weltweiten dramatischen Ernterückgang, wenn es nicht gelingt, die Landwirtschaft an die Umweltveränderungen anzupassen.

In vielen Teilen Afrikas wird sich die Bodendegradation aufgrund des Klimawandels beschleunigen, Süßwasservorkommen werden sich reduzieren und trockene Gebiete weiter ausdehnen. Extreme Wetterereignisse nehmen zu. Die Weltbank schätzt, dass die Anbaufläche für Mais und Hirse in Subsahara-Afrika bei einer Klimaerwärmung von mehr als drei Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 90 Prozent zurückgehen wird.

Der Klimawandel droht die Ernährungssicherung von Millionen von Menschen zu gefährden. Das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik hat errechnet, dass die Zahl der unterernährten Kinder alleine aufgrund des Klimawandels in Subsahara-Afrika um zusätzliche 10 Millionen steigen wird. Damit verschärft sich der ohnehin schon beunruhigende Trend einer wachsenden Zahl hungernder Kinder in Subsahara-Afrika.

Gleichzeitig ist die Landwirtschaft aber auch Mitversursacher des Klimawandels: Etwa 14 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen stammen aus der Landwirtschaft, weitere 17 Prozent kommen aus Landnutzungsänderungen, die durch die Landwirtschaft mitverursacht werden, wie zum Beispiel Entwaldung.

Und die Bevölkerung wächst weiter. Ernährungsgewohnheiten wandeln sich und werden anspruchsvoller: Bis 2050 brauchen wir mindestens 50 Prozent mehr Nahrungsmittel, um geschätzte 9 Milliarden Menschen zu ernähren.

Wenn also ein 'Weiter wie bisher' nicht mehr funktioniert, was müssen wir dann tun? Vier Handlungsfelder möchte ich nennen:

Erstens: Wir dürfen nicht akzeptieren, dass die Risiken des Klimawandels Realität werden. Wir müssen weiterhin auf unser ehrgeiziges Ziel, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, hinarbeiten. Deutschland ist hier mit der "Energiewende" Vorreiter: Bis 2020 wollen wir unsere CO2-Emissionen um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 verringern. Bis 2022 steigen wir aus der Kernkraft aus. Und bis 2025 steigern wir den Anteil der erneuerbaren Energie auf mindestens 40 Prozent! Wir stehen somit zu unserer Verantwortung als Industrienation.

Zweitens: Das Konzept des dreifachen Nutzens von Climate Smart Agriculture besticht: Ernährungssicherung verbessern, Klimaanpassung erhöhen und Treibhausgasemissionen mindern – niemand kann etwas dagegen haben. Aber wir müssen fair bleiben: Ernährungssicherung bleibt in der Praxis für die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern das prioritäre Ziel. Dennoch kann ein Mehr an gebundenem Kohlenstoff in Boden und Biomasse sowohl Produktivität als auch Resilienz der Anbausysteme verbessern. Diese Synergien wollen wir nutzen.

Drittens: Um die Resilienz kleinbäuerlicher Produzentinnen und Produzenten zu stärken, sind nicht nur technische Verbesserungen notwendig, sondern auch institutionelle Veränderungen. Dies fängt beim gesicherten Zugang zu Land und Krediten an und geht bis zu kooperativen Produktionsformen (Genossenschaften) und Ernteausfallversicherungen.

Viertens: Innovation ist inzwischen zum Haupttreiber von Produktivitätssteigerungen geworden, es sind nicht mehr wie früher mehr Dünger, mehr Land oder mehr Maschinen. Und Innovation wird auch entscheidend dazu beitragen, Anpassungsstrategien für den Klimawandel zu entwickeln. Innovation gezielt und verstärkt zu fördern, kann einen wichtigen Beitrag für klima-angepasste Landwirtschaft leisten. Das werden wir mit dem Aufbau von Grünen Innovationszentren auf dem afrikanischen Kontinent tun.

Ziel dieser Innovationszentren ist eine umfassende Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette in der Agrar- und Ernährungswirtschaft – vom Acker bis zum Teller, und das unter Berücksichtung der Herausforderungen des Klimawandels.

Der Klimawandel führt uns wie kaum ein anderes Thema vor Augen, was wir alle schon längst verstanden haben sollten: Jeder muss seine Fähigkeiten entsprechend seiner Möglichkeiten einbringen, wenn wir substanzielle Fortschritte erzielen wollen – das gilt für Individuen wie für Staaten sowie für die Zivilgesellschaft und die Privatwirtschaft.

Und deshalb ist die Globale Allianz für Climate Smart Agriculture die richtige Antwort auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf den Austausch mit Ihnen zu diesem zentralen Thema.

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen