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November

50 Jahre Internationales Bildungszentrum Feldafing


Eröffnungsrede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn zum Festakt

am 20.11.2014 in Feldafing

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, an diesem besonderen Tag zu Ihnen zu sprechen. Denn mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungszentrum Feldafing feiern wir eine der ersten deutschen "EZ-Institutionen" – und eine Erfolgsgeschichte der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands. Hier bündelt sich vieles, was unsere Entwicklungszusammenarbeit ausmacht:

"Feldafing" steht für gemeinsames Lernen und Vernetzung. Experten aus aller Welt kommen hier zusammen und tauschen ihre Erfahrungen zu ländlicher Entwicklung und Ernährung aus.

Feldafing steht für eine vorbildliche Bund-Land-Kooperation. Ohne die großzügige Bereitstellung der Liegenschaft, ohne die finanziellen Mittel des Freistaats Bayern, ohne die besonderen Erfahrungen und Kompetenzen "Made in Bavaria" wäre diese großartige Idee nie Wirklichkeit geworden.

Und schließlich steht Feldafing besonders auch für seine lange Tradition im Bereich ländlicher Entwicklung.

Meine Damen und Herren,

Ländliche Entwicklung ist wieder ins Zentrum einer zukunftsorientierten Entwicklungspolitik gerückt. Denn ob die Menschheit das große Wort "Nachhaltigkeit" auch glaubhaft in die Praxis umsetzen wird, das wird sich vor allem im ländlichen Raum entscheiden.

Mitte der sechziger Jahre, vor fünfzig Jahren also, brauchten etwas über drei Milliarden Menschen ausreichend Nahrung. Heute sind es über sieben Milliarden. Diese Zahlen machen klar: Es hat eine unglaubliche Entwicklung stattgefunden in den vergangenen fünf Jahrzehnten. Es hat Erfolge gegeben. Und es bleiben große Herausforderungen – 800 Millionen Menschen leiden an Hunger, eine Milliarde an Mangelernährung.

Die Versorgung der rasant wachsenden Weltbevölkerung mit Nahrung, der Aufbau einer umfassenden verantwortungsvollen Bioökonomie, die nachhaltige Nutzung der Wälder, der Erhalt der Artenvielfalt, die sorgsame Verwendung der Wasserressourcen, der Erhalt von Bodenfruchtbarkeit – all dies muss im ländlichen Raum geschehen.

Zentren des Wissens wie dieses hier sind dabei sehr wichtig. In Feldafing lernen, heißt: Innovationen vorantreiben. Zehntausende Stipendiaten aus mehr als 100 Ländern haben in den letzten 50 Jahren ihre Erfahrungen in die Welt getragen. Und das wird hoffentlich auch in der Zukunft weiter geschehen. Denn Multiplikatoren des Wandels werden dringend gebraucht.

Eine unserer drängendsten Zukunftsaufgaben ist klar: Wir wollen Armut und Hunger beseitigen und bessere Lebenschancen für alle schaffen – auch für die zukünftigen Generationen einer immer größer werdenden Weltbevölkerung. Dieses Ziel ist nur erreichbar, wenn wir die Lebensgrundlagen der Menschheit bewahren – ich könnte auch sagen: die Schöpfung!

Bundesminister Dr. Gerd Müller hat die Sonderinitiative "EineWelt ohne Hunger" ins Leben gerufen und die Mittel für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährungssicherung deutlich erhöht: 1,4 Milliarden Euro werden es nächstes Jahr sein. Das sind etwa 20 Prozen des gesamten BMZ-Haushalts.

"Eine Welt ohne Hunger" – das ist ein ehrgeiziges Ziel. Aber wir wollen es innerhalb der nächsten 15 Jahre erreichen. Denn das Potenzial in der Landwirtschaft ist riesig. In Afrika liegen die durchschnittlichen Erträge bei nur 0,5 bis 1,5 Tonnen Getreide pro Hektar; in Deutschland werden 5 bis 8 Tonnen pro Hektar geerntet – bis zu zehn Mal so viel. Erhebliche Ertragssteigerungen sind also möglich; sie sind auch dringend notwendig, um Armut und Hunger wirksam zu bekämpfen.

Allerdings: Mehr Ertrag darf nicht weniger Natur und Umwelt bedeuten. Ein "Weiter so wie bisher" geht nicht. Wir müssen endliche Ressourcen erhalten, wir müssen mit weniger Ressourceneinsatz mehr produzieren. Sonst entziehen wir uns die eigenen Produktionsgrundlagen.

Deshalb sind Innovationen im gesamten Agrar- und Ernährungssektor so wichtig. Wasser, Fläche, Dünger und Maschinen effizient und effektiv einsetzen – "Producing more with less" – das ist es, was für unsere Zukunft entscheidend sein wird.

In vielen Teilen der Welt, vor allem in Afrika, wird modernes landwirtschaftliches Wissen noch nicht ausreichend in die Praxis umgesetzt. Daher ist die Förderung von Innovation ein Kernelement der Sonderinitiative EineWelt ohne Hunger.

Gemeinsam mit unseren Partnern in Afrika werden wir mindestens zehn grüne Innovationszentren aufbauen. Diese Zentren sollen maßgeblich dazu beitragen:

  • die Landwirtschaft in Afrika zu modernisieren;
  • die Agrarproduktion sozial- und umweltverträglich zu steigern;
  • eine dynamische ländliche Wirtschaft zu fördern;
  • und die Bevölkerung mit ausreichender und gesunder Nahrung zu versorgen.

Der Aufbau der Innovationszentren geht weit über ein normales Projekt der Entwicklungszusammenarbeit hinaus. Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, bei dem wir auch Wirtschaft, Verbände, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zur Mitwirkung eingeladen haben.

Wir möchten uns auch nicht darauf beschränken, in Afrika Forschung, Bildung, Ausbildung zu unterstützen. Wir möchten unsere afrikanischen Partner zu uns nach Deutschland einladen und Ihnen hier unsere ländliche Entwicklung an Praxisbeispielen näherbringen. Feldafing wird für diese Aufgabe des "vernetzten Lernens und Erfahrens" eine wichtige Adresse sein.

Meine Damen und Herren,

Wasser – Nahrung – Energie – diese Existenzgrundlagen der Menschheit hängen eng miteinander zusammen. Und in einer globalisierten Welt wird der Zusammenhang von Landwirtschaft und Energiewirtschaft immer enger und immer komplexer. Steigen auf dem Weltmarkt die Energiepreise, steigen auch die Preise für Nahrungsmittel. Steigende Energiepreise erhöhen auch den Anreiz, Energie statt Nahrung auf dem Acker "anzupflanzen". Wenn wir eine Welt ohne Hunger wollen, darf nicht im Tank landen, was auf dem Teller fehlt.

Wir müssen also sicherstellen, dass unsere Anstrengungen auf dem einen Feld nicht durch Politiken in einem anderen Gebiet zunichte gemacht werden. Kurz: Wir müssen Politikkohärenz sicherstellen.

Energiepflanzen und Biogas bieten als erneuerbare Energiequellen natürlich Chancen für den ländlichen Raum, nicht nur hier bei uns, sondern gerade auch in den Entwicklungsländern. Wir sollten aber nicht alles auf diese Karte setzen. Denn global kann ein Energiesystem, das vor allem auf Energiepflanzen und Biokraftstoff baut, nicht funktionieren. So viele Anbauflächen stellt die Erde nicht zur Verfügung.

Aber der ländliche Raum bietet in energetischer Hinsicht ja weitaus mehr Möglichkeiten als Biogas. Sonne und Wind sind nachhaltige Energien gerade für den ländlichen Raum, und darüber hinaus auch noch nahezu unbegrenzt. Eine große Chance für Entwicklungsländer, und eine große Chance für den dortigen ländlichen Raum. Denn ausreichend Energie, nachhaltig und umweltschonend erzeugt, ist unverzichtbar, um Armut und Hunger zu überwinden.

Der Energieaufwand für eine leistungsfähige Nahrungsproduktion darf nicht unterschätzt werden. Ein Drittel der weltweit verbrauchten Energie geht in die agrarische Wertschöpfung vom Acker bis zum Teller. In vielen energiearmen Regionen der Welt fehlen jedoch jegliche Voraussetzungen für produktiveren Anbau und für angemessene Lagerung, Verarbeitung, Transport und Zubereitung von Nahrung. 20 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu Elektrizität, die meisten davon leben im ländlichen Raum.

Auch hier brauchen wir also Innovation. Das heißt aber nicht allein angepasste Technologie. Sondern wir müssen die Menschen fit machen, damit sie diese neuen Technologien auch anwenden.

Notwendig ist gegenseitiges Lernen, Verstehen, Zusammenarbeiten. In dem speziellen Vorhaben "Powering Agriculture – Nachhaltige Energie für Ernährung" widmen wir uns genau diesem Thema. Das BMZ finanziert das mit derzeit 5 Millionen Euro.

Meine Damen und Herren:

Mehr Nahrung, mehr Energie, mehr Wertschöpfung und mehr Beschäftigung im ländlichen Raum – und damit weniger Armut und weniger Hunger auf dem Land: Diese Ziele verfolgen wir! Und genauso, wie ich sage: "Eine Welt ohne Hunger ist möglich.", sage ich: "Eine Welt ohne Energiearmut ist möglich."

Aber nicht nur in der Landwirtschaft, nicht nur in der Energiewirtschaft – auch in allen anderen Bereichen brauchen wir Wachstumspfade, die zugleich den Schutz der Umwelt gewährleisten. Die beispielsweise Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln. Wir können nicht dauerhaft ignorieren, dass unser Planet Grenzen hat.

Nachhaltigkeit ist das große Ziel unserer werteorientierten Entwicklungspolitik. Denn sie ist die unverzichtbare Grundlage für eine gerechtere Verteilung von Lebenschancen weltweit. Sie ist die Bedingung dafür, die Lebenschancen kommender Generationen zu wahren. Oder wie es Bundespräsident Köhler als einen Kern der Post-2015-Ziele ausgedrückt hat: Wir müssen "den Kampf gegen die Armut und den Kampf gegen den Klimawandel gemeinsam kämpfen."

Entwicklungspolitik ist immer auch Überlebenspolitik – für uns alle. Und ich bin mir sicher: hier im Internationalen Bildungs- und Begegnungszentrum Feldafing werden noch viele gute Ideen diskutiert und in die Welt hinaus getragen werden.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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