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Mai

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim Launch der PREVENT Abfall-Allianz


am 9. Mai 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor drei Tagen hat der Weltbiodiversitätsrat seinen ersten Bericht zur Artenvielfalt veröffentlicht. Es ist ein Weckruf an die Menschheit! Immer mehr Arten sterben immer schneller aus. Bis zu eine Million Arten könnten für immer verschwinden. Mit dramatischen Folgen etwa für die Ernährungssicherheit. Wir Menschen sind die Ursache. Auch und vor allem unser Umgang mit Ressourcen: 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen werden jährlich abgebaut – fast doppelt so viele wie 1980.

Wir stehen an einer Weggabelung: Nachhaltig wirtschaften und recyceln oder unsere Lebensgrundlagen zerstören? Machen wir so weiter, versinken wir im Müll. Jährlich entstehen global zwei Milliarden Tonnen Müll. Bis 2050 könnten es 70 Prozent mehr sein. Allein in Afrika könnte sich die Müllmenge verdreifachen, in Südasien verdoppeln. Dabei leben schon heute zwei Milliarden Menschen ohne Müllabfuhr, vor allem in Entwicklungsländern. Dort werden nur vier Prozent der Abfälle recycelt – gegenüber rund 30 Prozent in Hochlohn-Ländern.

Mancher Müll könnte uns Menschen überleben. Hunderte von Jahren braucht eine Plastiktüte zum Verrotten – und dann ist sie noch nicht weg, sondern nur Mikroplastik. Benutzt wurde sie für 20 Minuten. Bei Plastiktüten habe ich eine eindeutige Position. Ich weiß nicht, warum wir da in Deutschland nicht mehr Mut haben. Warum wir auf Europa warten, bis Plastikstrohhalme verboten werden. Verbieten wir doch heute oder morgen Plastiktüten in Deutschland. Warum machen wir das nicht?

Ich sage mit Papst Franziskus (Laudato sì): "Die Erde, unser Haus, scheint sich in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln." Und die Ärmsten leiden am meisten. In vielen Slums leben die Menschen inmitten von Plastikmüll. Er bedeckt Flüsse, Strände. Wilde Müllhalden sind Brutstätten für Moskitos und übertragbare Krankheiten. Zweimal war ich in Ghana, auf der größten Elektroschrotthalde der Welt, Agbogbloshie. Tausende leben hier im und vom Müll. Kinder brennen Plastik von Kabeln und Computergehäusen, für ein paar Kilo Kupfer. Die Folge sind giftige Dämpfe und verseuchte Böden.

Rund um den Globus muss die Maxime lauten: Abfall wo immer möglich vermeiden, wo immer möglich wiederverwerten – und was übrig bleibt, entsorgen, aber ohne Schaden für Mensch und Umwelt. Weg vom linearen Wirtschaften, hin zur Kreislaufwirtschaft: global, national, lokal. Abfall ist mehr als Müll – Abfall ist Rohstoff! Wir wollen hier gemeinsam handeln, damit das tatsächlich wahr wird. Hier im Raum sitzt die geballte Kompetenz aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Verbänden – und nicht zuletzt aus der deutschen Entsorgungswirtschaft. Deren internationaler Marktanteil liegt bei 25 Prozent.

Unser Know-how wird gebraucht: moderne Technik, Konzepte und Dienstleistungen. Deswegen gründen wir heute zusammen die PREVENT Waste Alliance. Schon mehr als 30 Organisationen sind dabei. Gut, dass wir die Entsorger- und Unternehmensverbände wie den Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE) und den Verband Kommunaler Unternehmen e.V. (VKU) als Partner gewonnen haben. Die Kräfte aus Zivilgesellschaft zum Beispiel der World Wide Fund for Nature (WWF) und Wissenschaft, zum Beispiel das Wuppertal-Institut.

Eine globale Aufgabe braucht globale Netzwerke: Gut, dass der indonesische Botschafter da ist, Vertreter von Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus Indonesien und Ghana. Wir werden das Netzwerk weiter ausbauen und einen Steuerungskreis wählen. Wir holen Weltbank, den Städteverband Local Governments for Sustainability (ICLEI), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und andere als Berater an Bord. Gemeinsam wollen wir den Know-how-Transfer fördern, uns international vernetzen und helfen, Strukturen zu verändern. In vier Arbeitsgruppen verfolgen wir die Ziele, Plastikmüll zu vermeiden und die Nutzung von recyceltem Kunststoff zu fördern, Verpackungskreisläufe zu schließen, den Umgang mit Elektroschrott zu verbessern und Rahmenbedingungen für Abfall- und Kreislaufwirtschaft in den Kommunen zu schaffen.

In vielen Bereichen ist die deutsche Entwicklungszusammenarbeit schon aktiv. Die "PREVENT Abfall-Allianz" ist Teil unseres "Aktionsprogramms Kreislaufwirtschaft". Konkret helfen wir in Ghana, die Arbeitsbedingungen auf der Elektroschrotthalde zu verbessern. Elektrokabel zum Beispiel sollen nicht mehr verbrannt werden, sondern abgeschält, um an das wertvolle Kupfer zu gelangen. Aus dem informellen Recycling soll Schritt für Schritt eine moderne Wirtschaft entstehen. In Algerien zum Beispiel unterstützen wir Kommunen in der Küstenstadt Annaba sowie den Gemeinden Sétif und Tlemcen. Und in Indonesien fördern wir unter anderem den Bau von Mülldeponien nach modernen Standards und die Errichtung von Sortier- und Kompostanlagen.

Die fünf Kern-Ziele unseres Aktionsprogramms sind erstens ein abfallfreies, gesundes Lebensumfeld, zweitens Jobs in der Abfall- und Kreislaufwirtschaft, drittens nachhaltige Wertschöpfungsketten, viertens Klimaschutz und fünftens die Vermeidung von Meeresmüll. Damit setzen wir nicht zuletzt den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag um, "durch (…) Entwicklungszusammenarbeit den Auf- und Ausbau von Kreislaufwirtschaftssystemen zu fördern". Das geht nur gemeinsam. Sie sind die Vorreiter! Danke für Ihr Engagement!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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