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Mai

"Eine Welt ohne Hunger ist möglich"


Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der World Food Convention am 7. Mai 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Beasley vom Welternährungsprogramm!

We have a common message. A world without hunger is possible. Now. Let’s do it!

Meine Damen und Herren, wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Handlungsproblem! Von dieser Veranstaltung soll und muss ein Signal ausgehen. Ich sage als deutscher Entwicklungsminister: Ich brauche Sie! Wir müssen hörbarer werden. Liebe Kollegen aus dem deutschen Bundestag, die hier sind, wir müssen hörbarer werden, so dass uns auch die Abgeordneten drüben im Plenarsaal hören. Die Verantwortungs-, die Entscheidungsträger, die uns die Möglichkeiten geben müssen, eine Welt ohne Hunger zu schaffen. Es ist möglich! Wir müssen handeln!

Am Wochenende war Erdüberlastungstag. Seit gestern leben wir auf Kosten anderer. Gestern wurde außerdem ein dramatischer Bericht des Weltbiodiversitätsrats vorgestellt. Seit es Menschen auf der Erde gibt, sind noch nie so viele Tiere und Pflanzen ausgestorben. Das hat auch Auswirkung auf Eine Welt ohne Hunger: Ohne Pflanzen, ohne Tiere gibt es kein globales Leben, das eine Welt ohne Hunger für die Menschen möglich macht.

Hunger ist ein Skandal! Hunger ist Mord! Das hat schon Gandhi gesagt. Warum ist es Mord? Weil wir es ändern können. Weil es möglich ist! Lieber David Beasley, Sie haben einige Punkte aufgezählt. Die Ausgangslage ist ernüchternd. Das darf nicht sein. Das müsste nicht sein. Die Ernährungsfrage ist die Überlebensfrage der Menschheit, für jeden von uns. Aber bei uns ist es kein virulentes Problem. Aber David Beasley hat dargestellt, für Millionen von Kinder und Erwachsenen ist es das. Und die Lage spitzt sich weiter zu.

Denn gestern wurde nicht nur Herzogin Meghans Baby geboren, sondern es wurden 480.000 Babys geboren. 250.000 Menschen sind gestorben, und so bleiben 230.000 zusätzliche Menschen. Die brauchen Wasser, sie wollen leben, müssen essen. So wächst die Weltbevölkerung jedes Jahr um 80 Millionen Menschen. Und die Frage stellt sich, gewinnt der Storch, der die Babys bringt oder gewinnt der Pflug? Die Frage ist: Kann uns Mutter Erde, der Boden, das Wasser so viel an Nahrung geben, dass wir diese 80 Millionen zusätzlich jedes Jahr ernähren?

Ich war vor kurzem in Mexiko beim Weltagrarforschungsinstitut CIMMYT. Ich habe im Vorfeld gesagt, ich komme nur, wenn ihr mir auf eine Frage eine Antwort gebt: Ist eine Welt ohne Hunger möglich? Die Wissenschaftler haben mir eine Antwort gegeben: Es ist möglich!

Meine Damen und Herren, wir haben in Zukunft weniger Boden. Wir haben heute pro Kopf nur noch die Hälfte des Bodens, auf dem Nahrungsmittel produziert werden, wie vor 50 Jahren. Wir haben den großen Engpass Wasser. Die Kriege der Zukunft, die diesen Planeten erschüttern werden, sind Kriege um die drei Prozent an Süßwasserressourcen, die es auf der Erde gibt. Und wir haben den Klimawandel. Klimawandel führt dazu, dass in vielen Regionen, nicht nur in Afrika, die Erträge zurückgehen.

Wir sind nicht zu viele auf dem Planeten. Aber wir tun zu wenig! Die Produktion von Lebensmitteln von heute würde ausreichen. Die Produktion würde heute schon ausreichen, um zehn bis zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Wie ist das zu erklären?

Ein Drittel aller Lebensmittel gehen heute schon zwischen Feld und Teller verloren. Bei Getreide in Afrika oder in Indien sind es häufig bis zu 50 Prozent. Dabei geht es um ganz einfache Techniken, wie Reis gelagert wird, getrocknet und verarbeitet wird. Techniken, die wir hier in Europa seit den 1950er und 60er Jahren beherrschen. Warum lassen wir diese Länder und Kontinente nicht teilhaben an unserem Wissen, an unseren Technologien? Das ist einer der Schlüssel, um eine Welt ohne Hunger zu schaffen!

Ein erheblicher Teil der Nahrungsmittel weltweit wird weggeworfen, landet in der Tonne, nicht im Topf! Allein hier in Deutschland 60-80 Kilo pro Kopf. Von jedem von uns 60 Kilo! Es gibt also viele Ebenen, an denen wir ansetzen müssen.

Ich möchte ganz bewusst auch das Thema der Mangelernährung nennen.  Wir sehen das in den Flüchtlings- und Krisenregionen der Welt: Millionen Kinder sind mangelernährt. Ich war in Sambia und Malawi, da bekommen die Kinder nur Maisbrei, jeden Tag, jede Mahlzeit. Das führt zu einer Mangelernährung, die auch dramatische Auswirkungen hat.

Was sind die Hauptursachen von Hunger? Ich möchte nicht zu weit ausholen. Aber denken sie immer an meine Aussage: Eine Welt ohne Hunger ist möglich! Wir müssen die Ursachen bekämpfen. Die Hauptursache dafür, dass Menschen in Hunger und Not Leben, sind Kriege. Derzeit 500 Millionen Menschen in Syrien, Südsudan, Nigeria, in anderen Ländern.

Die zweite Ursache und Verbindung ist Armut. Armut und Hunger. Paradoxerweise hungern am meisten Menschen auf dem Land, direkt neben den Feldern, weil sie sich die Lebensmittel nicht leisten können, oder sie hungern in den Slums der Megastädte.

Die dritte Ursache für Hunger sind Naturkatastrophen, wie kürzlich in Mosambik. Die Lage weltweit wird sich weiter dramatisch zuspitzen, wenn wir nicht handeln. Liebe NGO-Vertreter, Sie, wir müssen hörbarer werden in unseren Botschaften!

Ich möchte einige Faktoren nennen, die Ernährung in der Zukunft beeinflussen. Faktor 1 ist die wachsende Weltbevölkerung. Darauf muss reagiert werden durch eine Verdopplung der landwirtschaftlichen Produktion in den nächsten 50 Jahren. Das ist möglich. Aber die Frage der Familienplanung in den Entwicklungsländern darf kein Tabu sein. Wir haben hier große, auch ermutigende Entwicklungen. In Bangladesch etwa lag die Geburtenrate pro Frau vor 50 Jahren bei sieben Kindern. Heute ist sie bei unter zwei. In Bangladesch ist auch eine Frau Staatspräsidentin.

Was sind die entschiedenen Faktoren in der Familienplanung in Afrika, Indien, in Bangladesch? Das sind Bildung, Selbstbestimmung der Frau und grundlegende Strukturen in der Gesundheitsversorgung. Dann sinken auch die Kinderzahlen pro Frau. Das können Sie auch in Afrika sehen. Deshalb ist einer unserer Schwerpunkte in der Entwicklungszusammenarbeit: Familienplanung und Stärkung der Frau, volle Gleichberechtigung  und Chancen für die Frau. Und da liegt enormes Potenzial!

Faktor 2 ist ein verändertes Ernährungsverhalten. Ich predige jetzt nicht an Sie, sondern ich habe die weltweite Situation im Blick. In den 40 Jahren von 1970 bis 2010 verdreifachte sich die weltweite Fleischproduktion von 100 auf 300 Millionen Tonnen. 30 Prozent der globalen Agrarfläche werden derzeit nicht für die Nahrungsmittelproduktionen eingesetzt, sondern für die Futtermittelproduktion, für Bioenergie und stoffliche Verwertung. Also es gibt enorme Potenziale. Aber das Thema ist verändertes Ernährungsverhalten.

Da bin ich bei Faktor 3. Die Produktion zum Beispiel von Fleisch löst sich in der Welt, in China, aber auch in Europa von den vorhandenen Flächenpotenzialen. 13 Millionen Hektar Land nimmt die europäische Union heute außerhalb ihrer Grenzen in Anspruch, damit wir so leben können, wie wir leben. In China ist die Fleischproduktion nur möglich, weil die Sojaproduktion in Argentinien und Brasilien stattfindet. Hier fliegt man drei Stunden mit dem Flugzeug über die riesigen Sojafelder – Monokultur, Dünger, Pestizide. Diese Produktionskultur kann nicht die Zukunft der Fleischproduktion in China sein. Das führt zu gewaltigen Problemen in der Balance der Nährstoffkreisläufe. In Argentinien und Brasilien werden Nährstoffe entzogen und in China wissen sie nicht, wohin mit der Gülle.

In Südamerika werden Regenwälder gerodet, auch das ist eine dramatische Aussage des Biodiversitätsgerichts. Einhundert Millionen Hektar Tropenwald, die seit 1980 gerodet wurden. Das ist die dreifache Landesfläche Deutschlands. In den Regenwäldern  in Brasilien, Argentinien, im Kongo, da ist die Artenvielfalt, die Biodiversität zu Hause, die Zukunft der Menschheit! Diese Regenwälder werden für die Sojaproduktion gerodet. Um Sojaplantagen in die Wälder zu treiben, um Land zu gewinnen und um die riesige Sojanachfrage in der Welt zu lösen. Das ist ein Skandal!

Ich war vor einiger Zeit in Mosambik. Dort treten Investoren auf, um mit riesigen Sojainvestitionen das auszugleichen, was die Zölle auf den Ex- und Import zwischen USA und China auslösen. Kleinbauern werden vertrieben, in Indonesien brennt der Urwald auch für Ihr Shampoo, meine Damen und Herren. Wir müssen mit der Landwirtschaftsministerin, mit dem Wirtschaftsminister darüber übereinkommen, dass wir nur noch zertifiziertes Soja und Palmöl in die Europäische Union importieren.

Wenn die Regenwälder in Indonesien oder in Brasilien brennen, tragen wir ein Vielfaches zum CO2-Ausstoß bei, den wir hier in Europa diskutieren. Ich möchte außerdem ein Thema zumindest markieren: den industriellen Fischfang vor den Küsten Afrikas. Die Situation besorgt mich. In Mauretanien habe ich gesehen, wie draußen auf dem Meer die Fischtrawler die Meere leerfischen. Und die Menschen vor Ort wissen nicht wie sie überleben sollen. Damit zerstören auch wir Existenzen. Das sind keine Zukunftsabkommen für die Zukunft der Menschen in Afrika!

Meine Damen und Herren, ich brauche Sie, um in der Wissenschaft, in der Politik und in der Wirtschaft etwas zu bewegen, ein Umdenken auszulösen. Ich habe noch 2,5 Jahre in diesem Amt, die will ich nutzen.

Ich möchte noch einen weiteren Punkt ansprechen: Großinvestoren, Shareholder betreiben Land-Grabbing. Zocker an den Agrarbörsen bestimmen die Preise. Ich empfehle den heutigen Tagespiegelartikel von der Chefin vom Oxfam Marion Lieser. Sie beschreibt eine der zentralen Antworten, wie wir eine Welt ohne Hunger schaffen können: Fairness gegen Ausbeutung.

Wenn auf den Kaffeeplantagen Westafrikas für ein Kilo, das sie hier für zehn Euro kaufen, 50 Cent für die Bohnen bezahlt wird, dann ist das kein existenzsichernder Lohn. Die Menschen können davon nicht leben. Und Armut bedeutet auch in vielen Fällen Hunger. Das ist genauso in der Textilproduktion, in vielen internationalen Lieferketten.

Wir müssen das Thema Lieferketten fair gestalten in der globalen Welt. Damit können wir die größten Entwicklungssprünge und auch die größten Erfolge gegen Hunger schaffen. Ich kämpfe hier manchmal gegen Windmühlen, wenn ich das Thema Textil anspreche. Es geht mir um eine Lieferkette, wo wir beispielhaft zeigen können, dass wir die Frauen in Bangladesch, Millionen von Frauen weltweit, die unsere Jeans nähen, nicht mit 15 Cent abspeisen können. Die Jeans für fünf Dollar einkaufen und in den Läden für über 100 Dollar verkaufen, aber nicht bereit zu sein einen fairen Lohn den Frauen zu zahlen, damit sie sich für ihre Kinder Essen und die Schule leisten können. – Das können und müssen wir ändern!

Faktor 4 ist der institutionelle Rahmen. Das ist zentral für die Politik. Die globale Welt, die globalen Märkte schaffen sich ihre Regeln, aber wir regieren lokal, regional, provinzial. Wir finden nicht einmal eine europäische Antwort zur Regulierung einer unregulierten Globalisierung. Aber die ist notwendig!

Globale Märkte und gerade Agrarmärkte brauchen Regeln! Konzerne im Bereich der Landwirtschaft und darüber hinaus müssen auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet werden, keine Kinderarbeit, existenzsichernde Löhne, Stopp der Nahrungsmittelspekulation. Wertschöpfung muss stärker vor Ort stattfinden.

Wir brauchen mehr Engagement für den Erhalt der natürlichen Ressourcen, Erhalt und Schutz des Regenwaldes, Erhalt lokaler Pflanzenvielfalt und Stärkung der Menschen und der Bäuerinnen und Bauern vor Ort. Die Zukunft heißt nachhaltige Landwirtschaft. Es ist möglich!

Es ist möglich, die Nahrungsmittelproduktion um 50 Prozent zu steigern, auch und gerade auf der Basis endemischer, nachhaltiger und regionaler Strukturen. Wir können in Afrika und Indien nicht 500, 600, 800 Millionen Kleinbauern durch Großinvestoren und Großstrukturen ersetzen. Die Entwicklung muss von unten, in der Breite erfolgen. Dazu gehören Investitionen in die Landwirtschaft. Bäuerinnen und Bauern sind die wichtigsten Berufe der Zukunft und der Erde. Dafür braucht es die Gleichstellung der Frauen. Allein dort, sagen Wissenschaftler, liegt ein Produktivitätspotenzial von 30-40 Prozent. Dazu gehören Landreformen, Landeigentum für Bäuerinnen und Bauern, Innovations- und Technologietransfer, bei Saatgut und im Viehbereich.

Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung steigert die Produktivität! Dazu die Förderung von Genossenschaften, so wie bei uns in Deutschland, in Europa vor 130 Jahren.

Ziel muss sein, insbesondere in Richtung Afrika: Aufbau der Ernährungssouveränität. Dort liegen enorme Produktivitäts- und Landpotenziale. Das heißt aber auch, dass wir die europäischen Märkte öffnen. Derzeitig erhalten Europas Landwirte 60 Milliarden Euro Unterstützung. Wie sollen afrikanische Produkte, Landwirte auf europäischen Märkten konkurrenzfähig werden, bei dieser Ausgangsituation? Umgekehrt dürfen europäische Exporte den afrikanischen Keimling in der Landwirtschaft nicht ersticken.

Wir müssen Afrikas Landwirtschaft entwickeln und nicht übernehmen!

Das sind enorme Herausforderungen. Das sind Überlebensfragen der Menschheit. Glauben Sie nicht, dass wir Menschen in der Welt überleben werden, wenn wir diese Fragen, in dieser Dynamik, in der sie auf uns zukommen, nicht gemeinsam angehen und lösen.

Wir haben die Möglichkeiten dazu. Der Planet Erde hat enorme Ressourcen, alle satt zu machen. Aber wir brauchen eine soziale – das Thema Gerechtigkeit – und eine ökologische Wende und eine Begrenzung der Globalisierung.

Wir brauchen eine Ethik des Anthropozän und ein neues Denken. Jeder von uns, in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft aber auch bei den Medien. Wir haben nur einen Planeten. Unser Wirtschaften und unser Konsumverhalten brauchen einen Generationensprung. Jetzt und nicht morgen!

Ich danke dem Tagesspiegel, dieses neue Denken wird von Ihnen hinausgetragen und gestärkt. Das heißt auch, dass jeder von uns mit seiner täglichen Entscheidung dazu beitragen kann: Kaufe und lebe und konsumiere nachhaltig! Jeder kann und muss umdenken.

Die Sicherung der Welternährung ist Überlebungsfrage der Menschheit. Eine Welt ohne Hunger ist möglich. – Aber nur dann, wenn wir aufstehen und handeln, uns auch bemerkbar machen und unsere Strukturen neu legen.


Lexikon der Entwicklungspolitik

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