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Juni

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der Rotary International Convention


am 4. Juni 2019 in Hamburg

Es gilt das gesprochene Wort!

Welcome here in Hamburg in this very interesting city of Germany. I am a German Minister for Economic Cooperation and will welcome you here on behalf of our government in Germany.

Ladies and Gentlemen, 1,2 Millionen Rotarier in 34 000 Rotary-Clubs in der Welt: Sie alle stehen für Frieden, Gerechtigkeit und Völkerverständigung. Und deshalb nenne ich die Rotarierbewegung in der Welt eine der größten Bewegungen für Entwicklung und Frieden.

Dafür gilt Ihnen unser Dank, der Dank der deutschen Bundesregierung, auch der unserer Bundeskanzlerin. Es ist uns, der deutschen Bundesregierung und mir als deutscher Entwicklungsminister eine große Ehre, Ihnen hier die Grüße und Wertschätzung der Bundesregierung zu überbringen.

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Rotarier,

wir freuen uns, dass Sie in Hamburg diese Welt-Convention durchführen, und wir freuen uns, mit Ihnen weltweit in Kooperation zu stehen. Die jungen Menschen hier haben einen Einblick gegeben, wie groß und reichhaltig und breit das Engagement Ihrer Clubs, Ihrer Mitglieder in der Welt ist. Das sind auch unsere Themen, beispielsweise die Frage, wie überleben 70 Millionen Flüchtlinge in der Welt. Ich habe viel Elend und Leiden in meiner Aufgabe gesehen, ob im kenianischen Flüchtlingscamp Dadaab oder rund um Syrien.

Meine Damen und Herren, wir dürfen diese Menschen nicht vergessen. Diese Nacht fielen wieder Bomben auf Idlib. Es ist skandalös, dass ganz gezielt Bombenangriffe in dieser Region auf Gesundheitszentren, auf Krankenhäuser, auf Schulen verübt werden. Das ist nicht nur ein Bruch des internationalen Völkerrechts, das dürfen wir nicht akzeptieren! Die Menschen dort, sie bauen und sie hoffen auf uns, sie alle, wir sind Hoffnung für die Menschen in den Krisenregionen der Welt. Und die Rotarier setzen sich in vielfältiger Weise für Menschen in Not ein. Ihr Gedanke, Ihre Gemeinschaft und Ihr Helfen tragen auch in diese Länder. Rotarier leisten ihre Beiträge mit hoher Kompetenz, sie haben starke Netzwerke und ein hohes ehrenamtliches Engagement.

Meine Damen und Herren, ich freue mich auch, dass Sie einen deutschen Rotarier als Kandidat für den zukünftigen Weltpräsidenten nominiert haben. Das motiviert und verpflichtet natürlich auch die deutsche Bundesregierung, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen und auszubauen. Und Sie liegen vollkommen richtig mit den sechs Themen, die Sie als Schwerpunkte für weltweite Herausforderungen setzen. Ich möchte sie jetzt nicht aufzählen, aber wichtig ist uns die volle Gleichberechtigung der Frauen, die Durchsetzung der Menschenrechte in all ihren Ländern. Dazu gehört auch, eine Welt ohne Hunger zu schaffen. Und dazu brauchen wir Wissenstransfer, Technologietransfer, eine neue Partnerschaft mit der Industrie und mit den Schwellenländern.

Aber das ist nur eine Herausforderung. Für mich ist die Bevölkerungsthematik besonders wichtig. Rotary arbeitet, wie auch unser Ministerium, an der Enttabuisierung dieses Themas. Ich sage es deutlich: Das Weltbevölkerungswachstum muss sich nicht in dieser explosiven Weise entwickeln. Und dazu sind zwei entscheidende Pfeiler notwendig, die wir weltweit stärken müssen: Der erste Pfeiler ist Bildung, Bildung, Bildung und der zweite Pfeiler ist die volle Gleichberechtigung beim Zugang zu Bildung und Rechten der Frauen auf der Welt. Frauen müssen selbstbestimmt entscheiden können über Kinder und Familienplanung. Und das muss auch die Botschaft sein an alle Staats- und Regierungschefs.

Und damit zusammenhängend ist das große Thema der Familienplanung, das Sie zu einem Schwerpunkt gemacht haben. Meine Damen und Herren, Familienplanung heißt in erster Linie Stärkung der Selbstbestimmung der Frauen in der Welt und auch Zugang zu Verhütungsmitteln. Deshalb stehen wir an Ihrer Seite, die Maßnahmen zur Aufklärung von Frauen, Männern und Familien, insbesondere von Jugendlichen gemeinsam zu einem Schwerpunktthema zu machen. Wir wollen in den nächsten Jahren verstärkt gemeinsame Maßnahmen zur Senkung der Mütter-, Säuglings- und Kindersterblichkeit und die Unterstützung von Familienplanungsdiensten voranbringen.

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, das Weltbevölkerungswachstum ist eine der größten Herausforderungen, mit denen wir in den verschiedenen Ländern und Regionen konfrontiert sind. Am heutigen Tag werden 450.000 Babys zusätzlich auf den Planeten geboren. Es sterben 220.000 Menschen. Und es bleibt somit jeden Tag ein Zuwachs der Weltbevölkerung von 230.000 Menschen. 80 Millionen Menschen jedes Jahr, einmal die Bevölkerung Deutschlands, zusätzlich auf dem Planeten. Zwei Drittel des Bevölkerungszuwachses passiert in den Entwicklungsländern. Afrika wird sich bis 2050, so sich dieser Trend fortsetzt, verdoppeln. Liebe Rotarier, das heißt, bis 2050 werden in Afrika zwei Milliarden Babys geboren, zwei Milliarden Babys! Diese Bevölkerungsexplosionen gab es in der Geschichte der Menschheit so noch nie. Und sie stellt uns, die Politiker der Welt, alle Verantwortlichen vor die Frage: Können all diese Menschen, zehn Milliarden Menschen, in Zukunft ernährt werden? Und wie? Meine Botschaft ist: Eine Welt ohne Hunger ist möglich, schon heute. Dafür arbeite ich nun seit sechs Jahren in Deutschland mit den Kollegen in Europa.

Wir haben kein Erkenntnisproblem. Entscheidend sind der Aufbau und die Stärkung grundlegender Gesundheitsstrukturen, Geburtsstationen, Krankenhäuser. Frauen, Mütter und Familien müssen Sicherheit haben, dass ihre Babys auch das fünfte Lebensjahr erreichen. Diese zwei Faktoren sind entscheidend, ob wir in der Frage der Bevölkerungsdynamik eine andere Entwicklung erreichen. Ich nenne Ihnen ein Positivbeispiel: Bangladesch. Bangladesch hatte vor vierzig Jahren eine durchschnittliche Geburtenrate von sieben Kindern pro Frau und liegt heute unter zwei Kindern. Frauen dort sind gleichberechtigt, die Gesundheitsstrukturen sind ausgebaut.

Lieber Herr Präsident und zukünftiger Weltpräsident, liebe Rotarier, ich möchte ganz konkret ein gemeinsames Projekt aus Nigeria in diesem Bereich benennen. Dort arbeiten Sie sehr erfolgreich mit der nigerianischen Regierung. Und wir werden dort, in Nigeria, die Finanzierung der wertvollen Arbeit der Rotarier vor Ort im Bereich der Familienplanung und des Aufbaus von Gesundheitsstrukturen mit einer erheblichen Mittelverstärkung für die kommenden Jahre ausbauen. 1,5 Millionen Euro sind zugesagt für die Rotarier vor Ort. Und ich werde dieses Projekt in diesem Jahr in Nigeria selber besuchen und eine weitere Förderung und Ausbau gemeinsam beschließen.

Die Rotarier sind ein starker Partner in der Welt bei Bildung und Ausbildung. Ich möchte das unterstreichen. Das größte Projekt in der Geschichte der Rotarier ist die Bekämpfung von Polio weltweit. Wir haben das hier gehört. Auch in Deutschland war Polio noch vor dreißig, vierzig Jahren ein Problem. Mit Ihnen und durch Sie ist es gelungen, zwei Milliarden US-Dollar in die Bekämpfung von Polio weltweit zu investieren. Sie sind damit der drittgrößte Geber in der Welt. Und was viel wichtiger ist, wir, Sie haben erreicht, dass Polio nahezu besiegt ist. Herzlichen Dank, ein großartiger Erfolg.

Die wachsende Weltbevölkerung stellt uns aber nicht nur vor Herausforderungen im Bereich Ernährung und Gesundheit, sondern auch in der Frage Energie, Klima und Umwelt. Wie viel Menschen erträgt der Planet? Das ist die entscheidende Frage. Und Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit. Klimaschutz ist eine weltweite Herausforderung. Wir müssen weltweit reagieren. Der CO2-Ausstoß hat im vergangenen Jahr noch einmal zugenommen und ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Aber Sie fragen zu Recht, "was tut die Politik?". Die Politik konnte einen wesentlichen Durchbruch erzielen, ein großer Erfolg der Weltstaatengemeinschaft 2015. Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen und dem New-York-Zukunftsvertrag. Meine Damen und Herren, wir wissen, was die Weltgemeinschaft an Maßnahmen auf den Weg zu bringen hat. Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Problem zu handeln und in den Staaten der Welt diese Maßnahmen umzusetzen.

Und beim Klimaschutz ist entscheidend die Energiefrage. Wir brauchen nicht nur in Deutschland und in Europa, wir brauchen weltweit eine Energiewende, eine Weltenergiewende hin zu erneuerbaren Energien. Der Klimawandel ist auch eine Gerechtigkeitsfrage, denn die zehn Prozent der Reichen der Weltbevölkerung in den Industrieländern verursachen fünfzig Prozent der CO2-Emissionen. Das sage ich auch der Bewegung "Fridays for Future", meine Damen und Herren. Auf die Straße gehen ist das Eine, bei sich selber beginnen ist das Andere. Jeder von uns, Sie, ich, wir, müssen bei uns beginnen, und nicht nur auf politische Vorgaben und Gesetze warten. Und wir haben gehandelt. Ich gebe jedem mit, den Rotariern in der Welt, sich mit diesem Thema in Ihren Clubs zu beschäftigen.

Mein Ministerium hat eine Allianz für Entwicklung und Klima auf den Weg gebracht. Diese Allianz mobilisiert ein Bündnis aus der Privatwirtschaft, Behörden, NGOs – aber auch jede Privatperson kann mitmachen. Ziel ist: Wir stellen uns in unserem Leben und Konsum klimaneutral. Jeder von Ihnen stößt zehn bis zwölf Tonnen pro Kopf und Jahr an Klimatreibhausgasen aus. Wir können unseren Lebensstil verändern, unseren Konsumstil, Müllreduzierung, Plastik und vieles mehr. Und wir können unseren eigenen Klimafußabdruck reduzieren. Aber es wird nicht auf null gehen. Und deshalb bieten wir Ihnen mit dieser Initiative Kompensation an – Kompensation der Rest-Emissionen in Klimaschutzprogrammen in Entwicklungsländern. Wir reinvestieren in die Landwirtschaft, in Aufforstungsprogramme, in Erhaltung und Schutz der tropischen Regenwälder. Jeder von Ihnen persönlich und jeder Rotarierclub in der Welt ist eingeladen, mitzumachen, selbst zu handeln und diese Initiative zu unterstützen.

Ich bedanke mich ganz besonders bei allen, die in vielen Ländern verdienstvolle Arbeit mit den Flüchtlingen geleistet haben. Nicht nur in Deutschland, als eine Million Flüchtlinge hier nach Deutschland kamen und viele Rotarier sie willkommen geheißen haben und bei der Integration mithelfen. Aber Ihr müsst auch hier in Deutschland, in Europa, unseren politischen Freunden in der Öffentlichkeit sagen: Neunzig Prozent der siebzig Millionen Flüchtlinge sind nicht nach Europa oder in die USA gekommen. Nein, neunzig Prozent der Flüchtlinge sind aufgenommen worden von den Nachbarländern, von den Ärmsten der Armen, die ihre Türen aufgemacht haben und das Herz. Uganda steht als Beispiel. Eine Million Südsudanesen, die Zuflucht und Überleben gefunden haben in Uganda. Ja und diesen Ländern gebührt unsere besondere Unterstützung.

Rotary hilft, Rotary übernimmt Verantwortung, Rotary steht, wie nie zuvor auch in der Zukunft für Humanität, für Frieden, für Gerechtigkeit. Die Rotarier der Welt haben verstanden, was viele Politiker noch nicht verstanden haben. Wir sitzen in einem Boot. Dieser Planet, diese eine Welt, heißt eine Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht mehr sagen, wir Deutsche, wir Amerikaner, wir bauen Mauern, wir lassen sie nicht herein, wir haben keine Probleme. Wir tragen Verantwortung für diesen Planeten und für die Menschen. Und deshalb haben wir einen Marshallplan mit Afrika entwickelt. Wir lassen die Armen, die Schwachen nicht alleine. Der Starke übernimmt Verantwortung für den Schwachen. Das muss auch unter den Nationen der Welt gelten. Wir alle sitzen in einem Boot.

Die globalen Güter – das Klima, die Meere, das Wasser, die tropischen Regenwälder, die Böden – sind die Existenzgrundlage menschlichen Lebens. Sie bedürfen globalgültiger Schutzstandards, die wir weltweit verbindlich umsetzen und durchsetzen müssen. Die Industrieländer müssen sich verpflichten zu einer neuen globalen Verantwortungspartnerschaft mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Und das heißt: weltweite Umsetzung von Mindeststandards von Menschenrechten, zur Einhaltung sozialer und ökologischer Grundstandards. Wenn ich Ihre Kleidung anschaue, dann ist die produziert in Bangladesch, in Äthiopien, in Vietnam, und meistens zu Bedingungen, die sklavenähnlich sind. Und das darf, und kann von uns nicht akzeptiert werden. Wir werden dies ändern. Stichwort "fairer Welthandel, faire Globalisierung". Wir kämpfen nicht für einen freien Markt, ja wir sind für Märkte, aber für faire Märkte. Und deshalb bedarf es ökonomisch und ökologisch einer doppelten Umsteuerung. Die Industrieländer müssen ihren hohen Ressourcenverbrauch beschränken und ihre Ressourcenproduktivität steigern.

Wir brauchen eine Partnerschaft der Gerechtigkeit und des Ausgleichs mit den Schwellen- und Entwicklungsländern. Dafür stehen wir gemeinsam. Und dafür stehen Sie. Übernehmen Sie weiter Verantwortung, nicht nur in der Gesellschaft, auch in der Politik. Lassen Sie uns nicht allein. Allein schaffen wir diese Wende hin zu einem neuen verantwortungsethischen Umgang mit Mensch und Natur nicht. Zukunft braucht Werte, Achtung der Erde, des Lebens, Wahrung der Würde. Zukunft braucht Rotarier in der Welt. Sie sind ein starker Partner für uns für Frieden und Gerechtigkeit. Herzlichen Dank!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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