Hauptinhalt

November

Stärkere Frauen, weniger Gewalt, bessere Welt – Gewalt gegen Frauen und Mädchen erfolgreich verhindern


Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der Konferenz "Gewalt gegen Frauen und Mädchen erfolgreich verhindern: Prävention im internationalen Kontext"

23.11.2017, BMZ Berlin, Konferenzsaal

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

die schlimmste Form von Gewalt, von Unrecht und Unfrieden in der Welt ist die Gleichgültigkeit.

Aber Sie sind hier, Sie schauen nicht weg! Wir schauen nicht weg!

Und das nicht nur heute, aus Anlass des internationalen Tages zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen. Dieser Tage gibt es wieder fürchterliche Bilder und Ereignisse, wenn Sie an die dramatische Situation der 550.000 Rohingyas auf der Flucht denken und an die Berichte darüber, was Frauen auf der Flucht dort im Augenblick erleiden müssen. Aber – das möchte ich zumindest eingangs sagen – Gewalt betrifft auch Jungen und Männer. Hier denke ich an die dramatischen Bilder von den Sklavenmärkten in Libyen, die CNN vor kurzem ausgestrahlt hat.

Wir schauen nicht weg! Meine Damen und Herren, Sie, wir, handeln in großartigen Projekten und mit großartigen Idealismus und Initiativen. Vielen von Ihnen, die ich begrüßen darf, setzen Prävention und Hilfe für Frauen und Mädchen in die Tat um.

Ich danke Frau Dr. Furtwängler ganz herzlich. Sie sind eine der prominentesten und profiliertesten Frauen in Deutschland, mit Ihrer Stiftung Malisa und mit German Doctors gehen Sie voraus. Mit Ihrem Mut und mit Ihrer Klarheit setzen Sie Zeichen gegen Gewalt und für eine Stärkung von Mädchen und Frauen. Es ist großartig, dass Frauen wie Sie sich für das Thema einsetzen.

Sie sind eine Frau der Medien und Sie werden gleich selbst näher auf die wissenschaftliche und die gesellschaftliche Diskussion eingehen, die Sie zur Frage der Rolle der Frau in den Medien angestoßen haben. Ich möchte kurz nur einen Aspekt ansprechen, den wir in Zukunft vertiefen müssen, nämlich die Rolle der Medien weltweit in der Darstellung und manchmal der Überschreitung der Grenze zur Verherrlichung von Gewalt und deren Wirkung auf Kinder, auf Jugendliche und auf uns alle.

Frau Dr. Furtwängler und ich haben vorhin im Vorgespräch kurz darüber gesprochen, dass ich vor Jahrzehnten während meiner Studienzeit in Pädagogik einmal eine Hauptseminar-Arbeit zu dem Thema geschrieben habe. Schon damals war die erschütternde Zahl, dass ein Kind zwischen fünf und fünfzehn bereits 15.000 Morde und Vergewaltigungen gesehen hat. Ich kenne die aktuelle Zahl nicht. Ich weiß nicht, wie sie sich verändert hat in einer Zeit, in der Kinder mit dem Computer, über Youtube, vier Stunden und länger Medien konsumieren. Ich schätze, die Zahl wird heute ein Vielfaches höher sein. Ein Vielfaches mehr an Morden, Vergewaltigungen, mit denen ein Kind in unserer Mediengesellschaft aufwächst. Und das nicht nur bei uns, sondern weltweit. Dies führt zu Verrohung, zur Herabsetzung der Hemmschwelle und letztendlich zu Verhaltensänderungen. Ein Thema, dem wir uns in Wissenschaft und Politik annehmen müssen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Frau Dr. Ackermann, es ist mir eine ganz besondere Freude, auch Sie begrüßen zu dürfen. Sie haben ihr ganzes Leben gegen Gewalt und Zwangsprostitution und für die wirksame Hilfe für Frauen in Not gekämpft. SOLWODI steht beispielhaft dafür. Großartig, dass Sie hier sind! Herzlich willkommen! "Nicht wegschauen, helfen und handeln", das ist Ihr Motto. Seit Ihrer Jugend sind Sie aktiv, führen ein Leben mit vielen, vielen Initiativen. Ich begrüße natürlich auch unsere großartigen Podiumsteilnehmerinnen aus der ganzen Welt.

Weltweit ist Gewalt gegen Frauen ein dramatisches Problem! Es sind erschütternde Fakten, wenn weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt erfährt. Und in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern herrschen noch dramatischere Zustände durch strukturelle Gewalt gegen Frauen.

Ein Thema, das wir in den Entwicklungsländern und mit unseren Partnern schwerpunktmäßig bearbeiten, ist das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung. Über 200 Millionen Frauen müssen heute mit den Folgen der Genitalverstümmlung leben. Auch dieses Thema sollte wieder stärker in den Fokus gerückt werden. 250 Millionen Mädchen sind zurzeit zwangsverheiratet; viele wurden als Kinder mit zehn, zwölf Jahren verheiratet. Ich erinnere mich an eine Indien-Reise mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Er hat dieses Thema dort ganz explizit mit der indischen Regierung angesprochen. Denn das eine ist es, Gesetze zur Gleichberechtigung und zur Gleichstellung der Frau zu erlassen – die gibt es in Indien auch. Doch das andere ist es, diese Gesetze auch durchzusetzen: Täter zu verfolgen, Strafgerichte einzusetzen. Und hier ist noch sehr, sehr viel zu tun.

Ein weiteres großes Thema ist das Thema Vergewaltigung als Kriegswaffe. Vergewaltigung als Kriegswaffe muss als Kriegsverbrechen geächtet werden! Das ist für uns hier selbstverständlich. Aber häufig passiert es nicht. Für mich bleibt unvergessen, wie mir drei junge Jesidinnen in Dohuk persönlich berichtet haben, was ihnen in den Vergewaltigungslagern des sogenannten "IS" angetan wurde. Ähnliches passiert am heutigen Tag Hundertausenden anderen – insbesondere in den Kriegsgebieten und in den Flüchtlingslagern. Und unter den Jesidinnen werden noch immer Tausende verschleppt, verkauft, versklavt, versteigert. Die drei jungen Frauen haben mir erzählt, welchen Preis ein junges Mädchen erzielt, welchen eine ältere Frau und welches Schicksal sie erleiden müssen, mit welchen Folgen. Wir sehen das jetzt wieder in Myanmar, im Zuge der Katastrophe, die dort abläuft.

Ich sage darum noch einmal: Wir dürfen nicht wegsehen, wir müssen diese Themen benennen.

Ebenfalls unvergessen bleibt das Schicksal vieler verschleppter Zwangsprostituierter – auch hier in Deutschland, oft kommen sie aus dem Ausland. Frau Dr. Ackermann, Sie werden darauf näher eingehen, da SOLWODI sich ganz besonders um diese Frauen kümmert. Klar ist: Diese Problematik existiert nicht nur fernab in Indien oder Afrika, sondern auch mitten unter uns, wenn Sie durch Berlin gehen. Die Bundesregierung hat gehandelt und viele Initiativen auf den Weg gebracht. Selbstverständlich auch in anderen Ressorts.

Wir, das Entwicklungsministerium, engagieren uns besonders in Entwicklungsländern. Und hier legen wir den Fokus auf diese Thematik.

Und da sage ich: Es muss ganz oben anfangen! Ganz oben – im Kopf: Wir brauchen einen Bewusstseinswandel, und wir brauchen ihn auch und gerade bei den Eliten, bei den Regierenden in unseren Partnerländern. In den afrikanischen Ländern sehen wir nach den Wahlen in Liberia – mit zwei Ausnahmen – zum Beispiel überall nur Männer an der Macht und Männersysteme in den Regierungen. Ähnlich in Indien und anderen asiatischen Ländern. Der Bewusstseinswandel muss ganz oben anfangen! Und es muss allen klar werden, dass jeder einzelne Mensch ein Recht auf ein Leben in Würde hat, dass Mädchen und Frauen, Jungen und Männer gleichberechtigt sind!

Eingangs in dem Film haben wir unser entwicklungspolitisches Engagement dargestellt. Wir stärken Frauenrechte und Gleichberechtigung, indem wir Mädchen und Frauen stark machen. Indem wir ihnen gleichberechtigt Zugang zur Schule, zur Bildung ermöglichen. Zugang zu Arbeit, zu Lebenschancen. Das ist ein Schlüssel zu einem selbstbestimmteren Leben. Deshalb stärken wir Frauenrechte, klären auf, klagen an und helfen. Helfen mit vielen von Ihnen. Mit Hunderten, mit Tausenden von NROs, mit Engagierten und all jenen, mit denen wir zusammenarbeiten. Mit dem deutsche Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 etwa oder, um das exemplarisch zu nennen, mit der neuen EU/UN-Gender-Spotlight-Initiative.

Und heute gebe ich zusätzlich den Startschuss für ein neues Vorhaben in Südafrika, Lesotho und Sambia. Wir bringen dort mit 10 Millionen Euro ein Programm mit den örtlichen Institutionen und Organisationen auf den Weg, um Gewalt durch Prävention zu verhindern, bevor sie geschieht! Wichtig ist dabei, dass wir von oben beginnen, mit einem Bewusstseinswandel in diesen Ländern. Wir arbeiten deshalb zusammen mit den staatlichen Institutionen, mit Schulen, mit Medien, mit den NROs, aber auch mit Unternehmen, um an Breite zu gewinnen in diesen Ländern.

Unser Fokus richtet sich dabei nicht nur auf Mädchen und Frauen. Warum? Weil die Gewalt, der Mädchen und Frauen ausgesetzt sind, von Männern ausgeübt wird. Jungen und Männer sind deshalb wesentlich für Veränderungen. Gerade in Entwicklungsländern muss sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ändern, damit sich für Mädchen und Frauen etwas ändert.

Deshalb, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, lassen Sie uns arbeiten und kämpfen für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen! Für die Stärkung von Frieden und Gerechtigkeit!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen