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Mai

Der Not ein Ende machen – Wie verringern wir weltweit und wirksam die Armut?


Rede von Minister Gerd Müller bei einer Gesprächsrunde auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag am 25. Mai 2017 in Berlin

mit Melinda Gates, Co-Vorsitzende der Bill & Melinda Gates Stiftung, William MacAskill, Philosoph aus Oxford, und Klaus Seitz, Leiter der Abteilung Politik von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst.

Die Audio-Datei der Rede finden Sie hier (MP3, 12 MB)

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Gäste des Kirchentages,

die Botschaft muss sein: Frieden, Gerechtigkeit und eine Welt ohne Hunger zu schaffen – das ist möglich!

Ich komme eben vom Brandenburger Tor und möchte Ihnen, der Gemeinschaft der evangelischen Christinnen und Christen, der Christen überhaupt, sagen: Wir brauchen eine bekennende und eine mutige Kirche, so wie sie sich dieser Tage hier zeigt.

Wir brauchen mehr Mut, liebe Jugend hier im Saal, mehr Mut der jungen Generation. Einen Mut, wie Martin Luther ihn hatte, der die Welt verändert hat. Wir brauchen weniger Gleichmut und Gleichgültigkeit. Deshalb danke ich als erstes Ihnen allen hier und den Kirchen insgesamt für das großartige Engagement bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. Als deutscher Entwicklungsminister sage ich Ihnen: Ohne die Kirche, ohne die vielen Ehrenamtlichen hier in Deutschland, aber auch weltweit, hätten wir diese humanitäre Herausforderung nicht bewältigen können. Dafür meinen herzlichen Dank.

Die Menschheit steht an einer Weggabelung. So hat es auch Präsident Obama eben am Brandenburger Tor gesagt. Gehen wir den Weg so weiter, dann führen wir den Planeten mit unserem Konsum und dem Wirtschaftsstil, den wir in den Industrieländern praktizieren, an den Rand der Apokalypse.

Ein Paradigmenwechsel muss kommen. Halten wir ein und bewahren die Schöpfung für kommende Generationen! Als Christen stehen wir dazu in der Verantwortung, vor Gott und vor unseren Kindern und kommenden Generationen. Die Schöpfung bewahren, das ist die Aufgabe, und dafür bedarf es dieses Paradigmenwechsels.

Wir müssen unseren Lebens- und Konsumstil ändern, wir müssen bei uns beginnen. Die SDG-Agenda, der New-York-Vertrag nimmt nicht die Entwicklungsländer allein, sondern uns alle in die Verpflichtung: Industrieländer, Schwellenländer, Sie, uns, mich.

Wir leben über unsere Verhältnisse. Mit unserem Konsum und diesem Wirtschaftsstil verbrauchen wir schon heute so viele Ressourcen, als hätten wir 1,5 Planeten zur Verfügung. Wollten alle – in Afrika, Indien, überall auf der Welt – so leben wie wir, dann bräuchten wir drei Planeten.

Aber die Antwort kann nicht sein, dass wir die Afrikanerinnen und Afrikaner, die Menschen in Indien ausschließen und in Armut und in Dunkelheit zurücklassen. Nur ein Drittel der Menschen in Afrika hat Energie, hat Strom.

Wir müssen neu teilen lernen, das ist die Antwort! Es ist doch allen klar: wir haben ein Gerechtigkeits- und ein Verteilungsproblem. Wenn zehn Prozent der Weltbevölkerung neunzig Prozent des Vermögens besitzen, wie Oxfam dies dargestellt hat, und wenn zehn Menschen auf der Welt so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich 3,5 Milliarden Menschen – dann läuft etwas schief auf diesem Planeten.

Globalisierung, wie sie im Augenblick läuft, schafft auf der einen Seite Gewinner. Wir haben große Sprünge gemacht. Hunderte von Millionen von Menschen konnten sich in den letzten Jahren aus der Armut befreien, durch Handel, durch Zusammenarbeit, insbesondere in Asien. Aber es gibt auch viele, viele Millionen Verlierer. Und deshalb ist meine Botschaft, auch für meine Arbeit im Ministerium in diesen vier Jahren: Lasst uns Globalisierung gerecht gestalten für alle!

Das ist möglich. Dazu ist es notwendig, dass der freie Markt Regeln bekommt. Ein globaler Markt ohne Regeln führt zu Ausbeutung von Mensch und Natur, in Afrika, in Indien. Deshalb brauchen wir weltweit verbindliche ökologische und soziale Mindeststandards für global gehandelte Güter.

Sie wissen: Ich habe das deutsche Textilbündnis beispielhaft auf den Weg gebracht, weil mir überall in der Wirtschaft gesagt wird, "Das geht nicht!", "Das ist Idealismus, aber in einer globalen Welt Globalisierung gerecht zu gestalten, das geht nicht." – Aber ich sage: es ist möglich.

Eine Jeans, die in Bangladesch genäht wird, geht für fünf Dollar in Bangladesch aus der Fabrik raus, und sie hängt für hundert Dollar in Berlin in den Kaufhäusern. Wo bleiben die 95 Dollar? Nicht bei den Näherinnen – die Näherinnen bekommen 15 Cent für 15 Stunden am Tag, in einer Sechs-Tage-Woche, und haben am Ende des Monats fünfzig, sechzig Dollar in der Tasche. Sie können ihre Kinder nicht zur Schule schicken, keine Medikamente kaufen, nur damit der Handel die Jeans für fünf Euro ein- und für 100 Euro verkaufen kann. Das kann und das muss geändert werden! Ein oder zwei Dollar mehr in Bangladesch bei den Näherinnen, heißt existenzsichernde Löhne für die Menschen, die vor Ort für uns arbeiten.

Das gilt für alle Wertschöpfungsketten. Zum Beispiel bei Handys. Ein Handy funktioniert nur, weil Coltan drin ist, aus den Minen des Kongo. Apple verkauft dieses Handy für 800 Dollar. Dann muss auch Fairness in den Minen im Kongo für die Kinder und die Arbeiter dort gewährleistet sein.

Wenn einer sagt, Globalisierung gerecht gestalten, "das geht nicht", dann müssen wir aufstehen, dann müssen wir vorausgehen und sagen: "Es geht, wir müssen es nur wollen." Denn das ist die Grundlage, um die Ursachen von Hunger, Armut und Not, und damit auch die Ursachen des Flüchtlingselends zu bekämpfen.

Lassen Sie mich zum Schluss auf die christlichen Gebote kommen. Eine der zentralen Aussagen ist doch: Wir stehen für das Leben. Da sind wir uns alle einig, katholische und evangelische Christinnen und Christen, alle Religionen der Welt. Deshalb kämpfe ich für den Dialog der Religionen. Denn es gibt ein weltweites Ethos, das uns verbindet. Ein Recht auf Leben, auf Nahrung, "Du sollst nicht töten". Heute Nacht sind 7.000 Kinder gestorben, an Hunger, an Unterernährung. Ich war selbst in Ostafrika vor wenigen Wochen. Es ist beschämend, dass es der Welt nicht gelingt, vier Millionen Euro aufzubringen, die nötig wären, um zehn Millionen Menschen vor dem Hungertod zu retten.

Die USA und danach Deutschland sind die größten Geber der Welt im humanitären Bereich. Ich hätte mir gewünscht, dass US-Präsident Trump gesagt hätte: "Wir Amerikaner setzen ein Zeichen mit einem Zehn-Milliarden-Fonds für Afrika, für die Beseitigung der Armut in der Welt." Stattdessen ein 100-Milliarden-Deal um Waffen. 1.700 Milliarden Dollar gibt die Welt jedes Jahr für Rüstung aus, 160 Milliarden für Entwicklungszusammenarbeit. Aber die Welt muss verstehen: Mehr Panzer schaffen nicht mehr Frieden!

Eine Umkehr, ein Paradigmenwechsel ist notwendig. Wem gehört das Klima, die Atmosphäre, die Ozeane, das Wasser, der Boden, die globalen Güter in der Schöpfung? Sie gehören keinem Einzelnen, keinem Spekulanten, nicht der Wall Street und nicht den multinationalen Konzernen. Es ist unser aller Schöpfung. Jeder Mensch auf dem Planeten, ob Afrikaner, Europäer oder Amerikaner, hat ein Recht auf ein Leben in Würde.

Wir müssen Verantwortung übernehmen. Deshalb lassen Sie mich zum Schluss sagen: Lasst uns gemeinsam mutig vorausgehen, die Welt ein Stück gerechter gestalten, im Geiste von Martin Luther und von Papst Franziskus. Herzlichen Dank.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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