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März

Rede von Minister Gerd Müller beim ITB-Tourismus-Tag für nachhaltige Entwicklung


BMZ-Konferenz im Rahmen der Internationalen Tourismusbörse
am 9. März 2017 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

warum kommt der Entwicklungsminister zur weltgrößten Reisemesse? Weil Sie alle hier großartige Entwicklungshelfer sein können! Lassen Sie mich einige Zahlen nennen: Rund 420 Milliarden Dollar haben Touristen zuletzt jährlich im Schnitt allein in Entwicklungsländern ausgegeben. Das heißt: Dreimal so viel wie diese Länder an offizieller Entwicklungshilfe bekamen!

Von den ärmsten Ländern erwirtschaftet jedes zweite mehr als 40 Prozent seines BIP mit dem Tourismus. Für jedes dritte Entwicklungsland ist Tourismus der Haupt-Devisenbringer. Tourismus ist ein enormer Wirtschaftsfaktor! Gerade afrikanische Länder brauchen dringend Arbeitsplätze, Wertschöpfung vor Ort und Steuereinnahmen.

Tourismus kann Fluch und Segen sein: Er kann gute, faire Arbeit schaffen. Allein in Afrika könnten in den nächsten zehn Jahren fünf Millionen Jobs entstehen. Tourismus kann aber auch Lebensgrundlagen vernichten. Denken Sie nur an Hotelburgen am Fischerstrand, Vertreibung und Enteignung von Ackerland, Kinderarbeit oder Prostitution. Tourismus kann Natur und Tierwelt schützen, ihretwegen kommen Touristen ja meist. Das Problem: Schon heute hinterlassen Touristen 35 Millionen Tonnen Müll – bis 2050 könnte es drei Mal so viel sein! Und Tourismus ist schlecht für den Klimawandel. Schon heute entstehen fünf Prozent der Klimagase allein durch den Tourismus. 2050 könnte es das Doppelte sein. Die Folgen tragen vor allem die Ärmsten. Auch der Ressourcenbedarf wird steigen: an Energie um 100 Prozent, an Wasser um 150 Prozent.

Die Zukunft vieler Länder hängt also davon ab, wie sich Tourismus künftig entwickelt. Darum ist es gut, dass die Tourismusorganisation der Vereinten Nationen 2017 zum "Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung" ausgerufen hat. Darum ist das BMZ hier mit seinem Stand und seinem Konzept präsent. Wir wollen den Tourismus, gemeinsam mit Ihnen allen, zum Motor für nachhaltige Entwicklung machen. Dafür liefern wir mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit wertvolle Expertise und Unterstützung.

Entwicklungspolitik heißt aber nicht allein: Projekte in Entwicklungsländern anstoßen. Wir wollen auch hier bei uns alle wichtigen Kräfte als Bündnispartner gewinnen. Denn wir tragen alle Verantwortung: Als Touristen und Reiseveranstalter. Nur nachhaltiger Tourismus schafft nachhaltig Entwicklung! Aus meiner Sicht müssen dafür vier Voraussetzungen erfüllt sein:

Erstens, Reisen muss Schutz durch Nutzen stiften! Wilde Tiere, Korallenriffe, Strände, Kultur: darum kommen Touristen. Eine Safari ist nur interessant, wenn es Elefanten oder Nashörner zu sehen gibt. Aber das Horn eines Nashorns bringt mehr ein als Gold oder Diamanten. Ein Vielfaches des normalen Jahreseinkommens. Wilderei boomt deshalb und bedroht nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch das touristische Entwicklungspotenzial. Botswana zeigt, wie Nutzen und Schutz gleichzeitig gelingen kann. Es ist das erste südafrikanische Partnerland der ITB. Botswana ist Vorreiter! Mit Bestnoten für Korruptionsfreiheit, 40 Prozent der Landesfläche sind Nationalparks oder Wildreservate, 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen aus dem Tourismus.

Wir als BMZ unterstützen andere dabei, nachzuziehen. Wir sind beispielsweise größter Geber beim bald weltgrößten Naturpark Kavango-Zambezi. Dort befinden sich 36 Schutzgebiete in fünf Ländern Südafrikas, auf insgesamt einer Fläche wie Schweden. Wir beraten dabei, wie die Bevölkerung eingebunden werden kann oder wie Camps gestaltet werden können, ohne die Tierwelt zu stören. Allerdings reichen Entwicklungszusammenarbeit und staatliche Mittel bei Weitem nicht aus für effektiven Schutz. Hier sind auch Tourismusanbieter gefragt! Rund die Hälfte aller Safarianbieter beteiligt sich schon an Naturschutzprojekten oder am Kampf gegen Wilderei. Daran sollten sich alle ein Beispiel nehmen!

Und die Regierungen selber sind gefragt: Indem sie Schutzgebiete einrichten und effektiv überwachen, Korruption bekämpfen, auf langfristige Einnahmen setzen, statt auf kurzfristige Gewinne! Indem sie Tourismus-Abgaben erheben und sie dann auch zum Schutz ihrer Naturschätze und ihres kulturellen Erbes nutzen. Diese Tourismusabgabe gibt es auch in Deutschland.

Die zweite Voraussetzung, dafür dass Tourismus nachhaltige Entwicklung bringt, ist: Reisen muss gute Arbeit vor Ort schaffen! Tourismus als größte Dienstleistungsbranche der Welt bietet große Chancen für kleinste Unternehmen, für Frauen, für gering Qualifizierte, Handwerker, für die örtliche Landwirtschaft. Für lokale Kultur und lokale Produkte. Nicht immer bekommen sie die Chance: Beim Standard "all inclusive"-Urlaub zum Beispiel bleiben nur 20 Prozent der Einkünfte im Land! Die lokale Bevölkerung darf nicht nur Zaungast am Luxusresort sein!

Wir brauchen mehr lokale Wertschöpfung, faire Löhne, Teilhabe und gute Jobs! Das fördern wir auch mit unserer Entwicklungszusammenarbeit. Durch Qualifizierung, Beratung, Einbindung der Bevölkerung, Vermittlung bei Konflikten zwischen verschiedenen Interessen. Ein Beispiel: die "Peaks of the Balkans", ein grenzüberschreitender Wanderweg in Albanien, Kosovo und Montenegro. Hier haben wir lokale Händler integriert, in Service geschult. Die Zahl der Besucher hat sich in vier Jahren verdreißigfacht! Und wer vor Ort gute Arbeit hat, muss auch nicht übers Auswandern nachdenken!

Im südlichen Afrika können acht zusätzliche Touristen einen neuen Arbeitsplatz schaffen. Wenn es den Verantwortlichen dann noch gelingt, Standards für Arbeitsschutz und Menschenrechte durchzusetzen, werden Reisende zu Entwicklungshelfern!

Mein dritter Punkt: Reisen muss klima- und umweltfreundlicher werden! 75 Prozent der CO2-Emissionen entstehen bei der An- und Abreise! Schon allein ein Hinflug in die Karibik übersteigt unser CO2-Pro-Kopf-Budget. Nur zehn Prozent aller Flugpassagiere nutzen Angebote wie "atmosfair" und kompensieren ihre Emissionen. Warum, liebe Reiseveranstalter, ist das eigentlich nicht gleich eingepreist?

Und auch beim Ressourcenverbrauch müssen wir umsteuern. Denken Sie nur an die Wasserverschwendung im Swimmingpool, Hotelpark, Golfplatz, der Wasserbedarf im Tourismus ist riesig! Mexiko zum Beispiel nutzt in manchen Regionen 70 Prozent seiner Wasserressourcen für den Tourismus!

Einige Unternehmen und Reiseveranstalter handeln bereits: Die Branchen-Initiative Futouris zum Beispiel kümmert sich gemeinsam mit Thomas Cook um nachhaltige Wassernutzung. Auch das BMZ unterstützt mit Initiativen. Wir haben gemeinsam mit TUI Hotels in Ägypten nachhaltiger gemacht: 57 Hotels haben ihren Wasser- und Energieverbrauch reduziert und tragen jetzt das "Green Star Label". Nachhaltigkeit muss aber im Tourismus flächendeckend Strategie werden. Selbst in Deutschland sind nicht einmal fünf Prozent aller Hotels als nachhaltig ausgezeichnet. Das ist nicht zu glauben!

Denken Sie an den Meeresschutz: 80 Prozent aller Reiseziele liegen am Meer. Hier setzt unser 10-Punkte-Aktionsplan Meeresschutz an. Insbesondere die Kreuzschifffahrt trägt hier Verantwortung: zwei Millionen Passagiere allein aus Deutschland (2015), mit drei Milliarden Euro Umsatz. 550 Kreuzfahrtschiffe sind zurzeit weltweit auf den Ozeanen unterwegs. Allein in der Karibik produzieren die Schiffe 70.000 Tonnen Abwasser pro Jahr. Sie fahren mit Schweröl – und emittieren so 3.500 Mal mehr Schwefel als Autodiesel. Dabei gibt es moderne Filtertechnik! Der NABU hat eine Rangliste erstellt: nur drei Schiffe schneiden gut ab. Da besteht dringender Handlungsbedarf! Das heißt, der Rest der Branche hat noch eine lange Fahrt vor sich!

Das Fazit aus alledem, und damit die letzte Voraussetzung, damit Tourismus nachhaltigen Nutzen bringt: Er muss alle Partner ins Boot holen. Letztes Jahr auf der ITB haben wir den Branchendialog mit der deutschen Tourismusindustrie begonnen. Jetzt werden wir hoffentlich erste Ergebnisse sehen! Wir brauchen strategische Bündnisse und gemeinsame Ziele. Das ist auch ein wesentliches Instrument einer modernen Entwicklungspolitik.

Machen wir uns klar: Wir leben auf der Sonnenseite! Wir tragen Verantwortung!

Wir reisen munter im Flugzeug in den Süden, während sich unten auf dem Mittelmeer Verzweifelte im Schlauchboot nach Norden kämpfen. Wenn wir nicht beitragen, wirtschaftliche Entwicklung etwa nach Afrika zu bringen, werden auch wir die Folgen spüren.

Liebe Reiseveranstalter, liebe Touristen, unsere Bundeskanzlerin hat es Ihnen letztes Jahr beim Tourismusgipfel so gesagt: "Sie können Entwicklungshelfer sein!" Wir wollen Ihnen hier von der ITB mehr mitgeben als Reiseziele. Wir wollen, dass Sie aus Ihrem Urlaub echte Entwicklungschancen machen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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