Hauptinhalt

März

Festrede zum 70. Jubiläum der Katholischen Landjugendbewegung


am 4. März 2017 im Kloster Roggenburg

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Weihbischof Bentz,
sehr geehrte Bundesvorsitzende Frau Rothermel, Herr Barthelme und Herr Müller,
sehr geehrte Damen und Herren
und vor allem: liebe Landjugend!

Ihr seid jung, katholisch und lebt gerne auf dem Land. Da haben wir schon zweierlei gemeinsam… Und als ich so jung war wie Ihr, war ich natürlich auch dabei. Darum feiere ich heute sehr gern mit Euch in diesem fast 900 Jahre alten Gemäuer!

Siebzig Jahre Katholische Landjugendbewegung – das ist ein langes Stück Geschichte.
1947 lag Deutschland in Trümmern. Hunger herrschte. Ein Landwirt konnte damals gerade mal zehn Menschen ernähren. Heute ernährt ein Landwirt hierzulande im Schnitt 150 Menschen!

Bis heute ist Eure Bewegung einer der größten Jugendverbände Deutschlands: 70.000 Mitglieder in 1.900 Ortsgruppen. Und von Anfang an hat die Katholische Landjugendbewegung weit über Deutschland hinaus gewirkt. "Du sollst die Welt verändern" war 1955 die Jahresparole. Das ist bis heute Euer Antrieb!

Darum will ich weniger über Vergangenes reden als vielmehr über die Zukunft. Ich will über das reden, was Euch bewegt und auch für meine Arbeit grundlegend ist: über Jugend, über Werte und über das Land!

Erstes Stichwort: Jugend!

Noch nie lebten so viele junge Menschen auf unserer Erde und Ihr seid ein Teil davon. Die meisten aber leben in Entwicklungsländern. In den letzten fünf Jahren ist dort die Bevölkerung achtmal mal so schnell gewachsen wie bei uns. Der Anteil der 10- bis 24-Jährigen an der Bevölkerung (also Eurer Generation) ist fast doppelt so groß wie bei uns.

Aber viel zu viele dieser jungen Leute haben keine Zukunft, keine Perspektiven auf Bildung, Ausbildung oder einen Job. Es fehlt an Vereinen und Verbänden, die jungen Menschen beibringen, ihre Interessen zu vertreten – so wie Ihr das gelernt habt.

Aber ohne Bildung und Engagement kann niemand seine Zukunft gestalten! Wer mit jungen Leuten spricht, egal ob in Burkina Faso oder in Indien, merkt schnell: Die wissen viel besser, wie wir hier leben, als wir umgekehrt über sie. Per Smartphone und Satellitenfernsehen sehen sie die Möglichkeiten, die es hier gibt. Und was ihnen fehlt.

Diese jungen Leute müssen – egal wo sie leben – die Chance bekommen, ein würdiges Leben zu leben. Davon hängt auch unsere Zukunft ab. Denn sie werden bald in vielen Ländern die Mehrheit der Gesellschaft stellen. Das heißt: Ihre Bildungschancen müssen ebenso schnell wachsen wie die Bevölkerung.

Wir müssen uns noch mehr für Bildung und Austausch engagieren! Darum hat das BMZ die deutsch-afrikanische Jugendinitiative gestartet. Für tausendfache Begegnungen durch Schulaustausche, Stipendien, Studienpraktika und Freiwilligendienste. Ich würde Euch gern mit ins Boot holen! Denn die Katholische Landjugendbewegung hat schon ein starkes europäisches Netzwerk. Knüpft auch eines mit Afrika. Ich unterstütze Euch dabei.

Denn Ihr seid Vorbilder! Ihr mischt Euch ein, stellt Forderungen, bezieht Position: für fairen und ökologischen Handel, für erneuerbare Energien, für Vielfalt, für Perspektiven auf dem Land. Viele Eurer Positionspapiere würde ich sofort unterschreiben.

Macht weiter so! Ihr seid die Zukunft!

Zweites Stichwort: Werte!

Ihr von der Landjugend habt begriffen, was viele noch nicht verstanden haben: Die Welt ist ein Dorf. Und uns wird es auf Dauer nicht gut gehen, wenn es anderen nicht gut geht. Unsere Welt braucht ein Miteinander und Füreinander, nicht neue Mauern! Ihr lebt diese Werte jeden Tag vor: Solidarität, Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung, Beistand für die Schwächeren.

Für Euch, für mich gründen diese Werte in unserem christlichen Glauben. Ich zitiere Ihre Worte, Herr Bischof: "Der Christ ist Zeuge. Und aus der Überzeugung des Evangeliums heraus wirkt er an der Gestaltung der Gesellschaft mit."

Es ist die Kirche, die noch im entlegensten Dorf Hungernde versorgt, wenn die staatliche Entwicklungshilfe nicht mehr vor Ort sein kann oder darf. Wir wissen dieses Engagement und dieses Netzwerk sehr zu schätzen. Die katholische Kirche ist einer unserer wichtigsten Partner. Mit niemandem arbeiten wir schon so lange so eng zusammen: Nächstes Jahr werden es 60 Jahre sein!

Die katholische Kirche war auch unter den ersten, die dem Textilbündnis beigetreten sind. Die frühe Unterstützung durch die katholische Kirche war sehr wichtig! Heute steht das Bündnis für 55 Prozent des deutschen Textilumsatzes. Mitglieder des Bündnisses vereinbaren bessere, überprüfbare Arbeitsbedingungen für Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter – vor allem in Entwicklungsländern.

Denn dass andere leiden, damit wir billig Kleidung kaufen können – das gehört nicht zu unseren Werten. Die Katholische Landjugend hat das schon vor fast zwanzig Jahren klargemacht. Mit der Kampagne "öko-fair-tragen" hat sie damals sogar eine Kleidermarke gegründet (LamuLamu), die fair in Ostafrika produziert.

Es ist gut, dass Ihr Euch weiter engagiert. Denn die Bekleidungsindustrie zielt mit ihren Billigangeboten vor allem auf Euch, auf die jungen Leute. Aber unsere Hemden, Hosen, T-Shirts werden von Menschen genäht. Oft in 12-Stunden-Schichten für Hungerlöhne. Nächstenliebe bedeutet auch, daran zu denken, dass hinter jedem Produkt ein Mensch und seine Arbeitskraft stehen. Die Globalisierung muss zu einer Chance für alle werden!

Drittes wichtiges Stichwort: Land!

Es mag das Jahrhundert der Städte sein. Aber trotz Urbanisierung, Digitalisierung: Auf dem Land entscheidet sich die Zukunft der Menschheit!

Die ländlichen Räume sichern die Überlebensgrundlagen der Menschheit. Auf dem Land entscheidet sich, ob alle Menschen dieser Erde satt werden. In meiner Kindheit bedeutete eine schlechte Ernte, dass man im Winter die Kartoffeln abzählen musste.

Heute ist das Dank der modernen Landwirtschaft unvorstellbar. Bei uns! Anderswo sterben noch immer Kinder an den Folgen von Hunger: 8.500 Kinder sind es pro Tag! Meist, weil ihre Eltern arm sind. Weil sie kein Saatgut haben, kein eigenes Land, wenig Wissen und kaum Chancen, etwas zu verkaufen.

In vielen Ländern der Erde ist Armut ländlich. Drei Viertel der armen und hungernden Menschen leben auf dem Land. Sie arbeiten zumeist in der Landwirtschaft – und haben trotzdem zu wenig zu essen. Ein Skandal!

Kein Wunder, dass viele junge Leute vom Land, wenn sie irgend können, in den Städten nach Perspektiven suchen. Nur wenn wir es schaffen, ländlichen Räumen Zukunft zu geben, können wir Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit überwinden.

Nur dann wird es gelingen, bald vielleicht zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Und ich bin sicher, es kann gelingen! Eine Welt ohne Hunger ist möglich! Aber nur mit einer nachhaltig ausgerichteten Landwirtschaft. Und die wird vieles anders machen müssen als bisher. Sowohl bei uns im globalen Norden wie auch im globalen Süden.

Der ländliche Raum braucht Innovationen. Solche, die Landwirtschaft vom Teil des Problems zum Teil der Lösung machen. Denn Produktionssteigerung um jeden Preis kann nicht mehr die Lösung sein. Wir dürfen nicht weiter Böden auslaugen und fruchtbaren Mutterboden vernichten! Wir dürfen nicht weiter die Wälder abholzen, die dann für die Umwandlung und Speicherung von CO2 fehlen. Wir dürfen nicht exzessiv Pflanzenschutzmittel einsetzen, weil das das Grundwasser verunreinigt.

Nachhaltige Landwirtschaft bedeutet – das muss ich hier kaum betonen: Haus und Hof so zu führen, dass die Enkel noch was davon haben.

Dieses Wissen teilen wir in den ländlichen Regionen Afrikas. Gerade habe ich mir das in Burkina Faso angeschaut. In Grünen Innovationszentren schulen wir in ökologischem Anbau, zeigen technische Innovationen, schaffen Perspektiven vor allem für die junge Landbevölkerung, durch neue Jobs. So, wie Ihr das mit Eurem Projekt in Kenia für den Anbau von Biobaumwolle macht. Ihr unterstützt die Kleinbauerfamilien und schont das Klima. Das fördern wir gerne!

Zum Schluss Euch allen noch eine große Ermutigung und Ermunterung: In siebzig Jahren haben Eure Vorgängerinnen und Vorgänger wirklich viel bewegt. Ich bitte Euch: Arbeitet weiter so! Für die Bedürfnisse einer jungen Generation auf dem Land. Für unsere Werte, für unsere Verantwortung für Mensch und Natur. Für eine Zukunft des ländlichen Raums. Das Land braucht heute starke Fürsprecher. Wer könnte das besser sein als Ihr?

Daher lade ich Euch zu unserer G20-Konferenz für ländliche Entwicklung ein. Dort werden junge Leute aus Deutschland und aus Afrika zu Wort kommen. Sie findet Ende April in Berlin statt. Denn Deutschland nutzt seinen G20-Vorsitz, um die Zukunft des ländlichen Raums weltweit auf die Agenda zu setzen. Ich bin mir sicher, Ihr habt eine Menge Ideen zu der Fragestellung, wie junge Leute Chancen im ländlichen Raum bekommen können.

Bis dahin: Teilt weiter Euer Wissen. Bleibt solidarisch, erfinderisch und engagiert. Ich freue mich, Euch bald wiederzusehen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen