Hauptinhalt

Juni

Rede von Bundesminister Gerd Müller bei der Industrie- und Handelskammer Chemnitz


am 16. Juni 2017

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Unternehmer nach Afrika zu gehen, ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance! Viele Unternehmen hier aus Chemnitz sind sich der Chancen bewusst und haben bereits investiert.

Viele sind da tätig, wo in Afrika die größten Herausforderungen liegen – und damit zugleich die größten Potenziale: bei Wasser und Abwasser, bei erneuerbaren Energien, im Maschinenbau oder der Rohstoffverarbeitung. Und einige verbinden das mit Innovation und neuen Technologien. Die IHK bringt alle zusammen: Unternehmen, Netzwerke und Expertise. Und mit unserem EZ-Scout, Herrn Dr. Konstantin Kotsas, steht Ihren Mitgliedsunternehmen hier eine hervorragende Beratung zur Seite.

Zum vierten Mal steht Afrika im Mittelpunkt Ihrer Veranstaltung – nach dem Motto "Business trifft Afrika". Richtig so! Denn Afrika ist Wachstums- und Chancenkontinent.

Chancen gibt es etwa bei erneuerbaren Energien: Noch haben 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu Energie. Dabei sind die Bedingungen einmalig: Wind, Sonne, Biomasse, Erdwärme. Afrika ist der erste Kontinent, der sich komplett mit erneuerbaren Energien entwickeln könnte.

Chancen gibt es auch durch Innovation: Afrika ist der größte Markt der Welt für Internet und neue Technologien. Viele Erfindungen kommen heute aus "Silicon Savannah": zum Beispiel das Bezahlen per Handy, kleinste Internet-Server für entlegene Gebiete, oder Smartphone-Apps zur Gesundheitsvorsorge.

Afrika ist jung, dynamisch, kreativ. Das Durchschnittsalter liegt heute bei 17 Jahren – in Deutschland sind es 46 Jahre.

Aber es gibt auch Herausforderungen: ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut, jeder Fünfte leidet an Hunger.

Afrikas Anteil an der Weltbevölkerung liegt bei 17 Prozent, Tendenz stark steigend. Afrikas Anteil am Welthandel und in der Fertigung ist dagegen gerade einmal bei zwei Prozent!

Afrikas Wirtschaft wächst zwar rasant: elf der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt liegen in Afrika. – Aber sie schafft noch nicht genügend Arbeitsplätze. 20 Millionen  Menschen drängen in Afrika jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt.

Deshalb brauchen wir eine neue Dimension der Zusammenarbeit. Eine echte Partnerschaft mit Afrika.

Afrika braucht afrikanische Lösungen! Wir orientieren uns an Ihren eigenen Visionen, liebe afrikanische Freunde. Vor allem an der Agenda 2063 der Afrikanischen Union.

Unsere Eckpunkte für einen Marshallplan mit Afrika nehmen Ihre Ziele auf: Perspektiven schaffen für die Jugend, indem wir private Investitionen mobilisieren. Dafür braucht es den richtigen Rahmen und faire Handelsbedingungen.

Und auch Sie, unsere afrikanischen Partner, müssen mehr tun. Wir fordern mehr und fördern anders!

Ich will drei Punkte nennen:

Erstens: Wir wollen Investitionen in nachhaltige Entwicklung vervielfachen. Ein afrikanischer Minister hat mir gesagt: "Bringen Sie lieber zehn deutsche Unternehmen in unser Land, als uns zehn Prozent mehr Entwicklungshilfe zu geben." Denn Unternehmen schaffen Jobs, Wertschöpfung, Perspektiven.

Deutsche Unternehmen sind gefragt! Es spricht sich herum, dass deutsche Firmen die beste Qualität liefern. Ihr Know-how und ihre hohen Standards, zum Beispiel bei der Ausbildung werden sehr geschätzt. Nutzen Sie das! Für Ihr Unternehmen und für die Menschen in Afrika.

Von 3,5 Millionen  deutschen Unternehmen sind erst 1.000 in Afrika aktiv. Das wollen wir ändern! Wir sichern Ihr Engagement ab! Die Bundesregierung unterstützt Sie dabei, in Afrika aktiv zu werden. Mit Exportgarantien und Investitionsschutz.

Ganz neu: der Selbstbehalt bei den Hermesversicherungen wird von 10 auf 5  Prozent abgesenkt.  Erst bei unseren Reformpartnern, den Compact-Staaten, in Einzelfällen auch bei anderen afrikanischen Staaten. Ich setze mich weiterhin dafür ein, dass es für nachhaltige Investitionen Steuererleichterungen gibt.

Häufig fehlt es Unternehmen an qualifizierten Fachkräften vor Ort. Gemeinsam mit der AU haben wir die "Skills Initiative for Africa" entwickelt, praxisnah und arbeitsmarktorientiert. Das Ziel: bessere Berufsausbildung, besonders für Mädchen und Frauen.

Wir entwickeln Instrumente speziell für den deutschen Mittelstand. Wir finanzieren Machbarkeitsstudien, bieten Expertise zur Projektentwicklung in lokalen Märkten. Und wir fördern 460 Öffentlich-Private Partnerschaften in Afrika!

Unsere Initiative "Make-IT" bringt deutsche IT-Firmen und afrikanische IT-Start-Ups zusammen. Die deutsche Seite profitiert vom Markt-Nischen-Wissen der Afrikaner. Der lokale Markt profitiert im Schnitt von drei Jobs pro Start-Up.

Wir fördern auch den Mittelstand vor Ort. Denn kleine und mittlere Unternehmen in Afrika beschäftigen 80 Prozent aller Erwerbstätigen. Für sie schaffen wir Zugang zu Finanzdienstleistungen, wie Krediten in lokaler Währung oder Risikoabsicherung. In Kammer- oder Verbandspartnerschaften beraten wir die verfasste Wirtschaft.

Zweite große Baustelle: Wir müssen auch vor unserer eigenen Haustür kehren. Indem wir einen gerechten globalen Ordnungsrahmen schaffen, vor allem der Handelspolitik. Entwicklungsländer brauchen besseren Zugang zu unseren Märkten. Beispiel Tomaten: 300 Millionen  Euro könnten tunesische Bauern in Europa verdienen, wenn sie freien Zugang zu unserem Markt hätten. Und damit ihre eigene Binnenwirtschaft ankurbeln! Der handelspolitische Rahmen entscheidet mit darüber, ob die Menschen vor Ort von ihrer Arbeit auch leben können.

Wir brauchen nicht nur mehr Handel, sondern mehr fairen Handel. Hohe Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards müssen in der WTO und in bilateralen Handelsabkommen verankert werden. Standards müssen endlich Standard werden – und zwar weltweit!

Wir stärken auch innerafrikanischen Handel. Noch sind die Handelskosten in Afrika hoch, die Märkte sind klein, WTO-Standards oft nicht erfüllt. – Ein Hemmschuh!

Darum ist mir Aid for Trade wichtig: Das hilft, Qualität zu sichern: durch Normen, Akkreditieren, Zertifizieren. Damit Waren aus Afrika die Anforderungen der Zielmärkte erfüllen können. Wir wollen Handel vereinfachen.  Zum Beispiel helfen wir Zoll-Systeme zu stärken und damit den Warenverkehr an den Grenzen zu beschleunigen.

Das alles schafft Voraussetzungen für mehr Wertschöpfung in Afrika!

Drittens: Wir nehmen unsere Partner mehr in die Pflicht. Für ein gutes Investitionsklima braucht es einen Rechtsstaat, funktionierende Verwaltungen, Effizienz, Transparenz, Kampf gegen Vetternwirtschaft und Korruption. Und es braucht den offenen Austausch zwischen Staat, Bürgern und Wirtschaft. Das ist Verantwortung der Regierungen vor Ort!

Wir unterstützen sie ganz konkret. Zum Beispiel beim Aufbau von Rechnungshöfen in Ruanda, Ghana oder Mosambik. Und wir tragen dazu bei, dass Staaten selbst mehr Geld einnehmen. Wir unterstützen die Ausbildung von Steuerbeamten in Kenia, oder beraten zu moderner Haushaltsplanung in Sambia.

Im Rahmen unserer G20-Präsidentschaft haben wir Investitionspartnerschaften aufgebaut. Damit wollen wir die Regierungen besonders unterstützen, die Reformen in ihren Ländern angehen. 

Deutschland hat Afrika in den Mittelpunkt gerückt. Gute wirtschaftliche Entwicklung für Afrika ist unser aller Ziel. Dafür brauchen wir Partner mit Geschäftssinn und mit Gemeinsinn. So wie Sie hier an der IHK, die Unternehmen hier in Chemnitz! Seien Sie dabei, verändern Sie die Welt – mit einem nachhaltigen Investment in Afrika!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen