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Juni

Welt im Wandel – Wirtschaft und Entwicklung


Rede von Bundesminister Gerd Müller beim 5. Außenwirtschaftstag von DGVN und Bundesforum Mittelstand am 13. Juni 2017 im Stadhaus Cottbus

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Mittelstand begeistert" – das ist Ihr Motto. Und das erlebe ich auf meinen Reisen! Wo auch immer ich in der Welt hinkomme, treffe ich auf deutsche Mittelständler – auch in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Wo immer ich hinkomme, wird geschwärmt: von der Qualität Ihrer Produkte, von Ihrer Ausbildungsleistung und von den Umweltstandards und den Arbeitsbedingungen, die Sie mitbringen. Und wo immer ich hinkomme, ist der Mittelstand der Motor für die Wirtschaft.

Aber Sie leisten noch viel mehr, Sie sind auch Motor für Entwicklung. Software aus der Lausitz sorgt zum Beispiel in zentralamerikanischen Großküchen dafür, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden. Mit Technik aus der Region wurden in Zentralamerika biologische Kläranlagen errichtet.

Die Entwicklungsherausforderungen sind riesig. Milliarden Menschen weltweit leben heute noch in Armut und ohne Perspektiven. Milliarden arbeiten in Entwicklungsländern noch immer zu Bedingungen wie bei uns im 19. Jahrhundert. Selbst wenn Rohstoffe exportiert werden, können die Menschen davon nicht leben. Armut, Not, Elend ist Nährboden für Krisen, Kriege, Fluchtbewegungen.

Für uns bedeutet das: Wenn wir Probleme nicht lösen helfen, werden es auch unsere Probleme. Darum muss Globalisierung nachhaltig und gerecht gestaltet werden.

Wir brauchen eine neue Dimension der Zusammenarbeit. Knapp 10 Milliarden Menschen werden wir um 2050 auf unserem Planeten sein. Und alle brauchen, Nahrung, Energie, Wasser, Zukunftsperspektiven, Jobs. Allein die Bevölkerung Afrikas wird sich bis 2050 auf über zwei Milliarden verdoppeln.

90 Billionen Dollar müssten allein bis 2030 in Energieversorgung, Krankenhäuser, Straßen, Schulen und Nahverkehr investiert werden, schätzt ein UN-Bericht. Das ist  doppelt so viel Infrastruktur wie heute schon existiert. Mit öffentlichen Geldern alleine können wir diese Entwicklungsaufgaben nicht stemmen. 

Aber jede dieser Herausforderungen kann auch eine große Chance für Ihr Unternehmen sein. Wir werden deshalb Entwicklungspolitik noch konsequenter als bisher auch darauf ausrichten, private Investitionen zu fördern.

Sie, die Unternehmen, sind unsere Partner. Viele unsere Partnerländer fragen längst nach mehr wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Ein afrikanischer Minister hat mir gesagt: Bringen Sie lieber 10 deutsche Unternehmen, als uns 10 Prozent mehr Entwicklungshilfe zu geben.

Das ist ein Weckruf an die deutsche Wirtschaft: Überlasst gerade Afrika, diesen riesigen Markt, nicht allein Chinesen, Türken und Russen! Deutsche Unternehmen und Investoren könnten in Afrika eine wichtige Rolle spielen. Bisher sind aber keine 1.000 Unternehmen in Afrika engagiert. Das muss sich ändern, denn Afrika ist Wachstumskontinent. Afrika ist jung und dynamisch. Das Durchschnittsalter liegt heute bei 17 Jahren, während es in Deutschland bei 46 Jahren liegt.

Afrikas Wirtschaftsleistung hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht. Jedes zweite afrikanische Land (23 von 54 Ländern) ist inzwischen ein "middle income country". Mittelschichten wachsen. Skylines ebenso. Afrika wird schon 2035 das größte Arbeitskräfte-Potenzial der Welt haben. Allerdings hält bisher das Wirtschaftswachstum nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt. Bis 2050 wird sich die Einwohnerzahl auf 2,4 Milliarden Menschen verdoppeln. Das bedeutet, dass jedes Jahr 20 Millionen junge Leute neu auf den Arbeitsmarkt kommen, auf der Suche nach Jobs und Beschäftigung.

Afrika bietet gerade den innovativen Unternehmen große Chancen. Denn dank neuer Technologien werden dort Entwicklungsstufen übersprungen. Noch haben 600 Millionen Afrikaner keinen sicheren Zugang zu Energie. Aber die Bedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren Energien sind einmalig für Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme.

Afrika ist der am schnellsten wachsende Markt für Internet und neue Technologien. Mit unserer Entwicklungspolitik wollen wir Hürden für Investitionen beseitigen helfen.

An fünf Stellschrauben setzen wir an: erstens Rahmenbedingungen verbessern, zweitens Außenwirtschaft fördern, drittens Handel stärken und Kosten senken, viertens mehr Ausbildung ermöglichen und fünftens internationale Partner einbinden.

1. Wir verbessern die Rahmenbedingungen für Investitionen in Entwicklungsländern:

Niemand investiert, wo Korruption und Willkür herrschen, wo Bürokratie ewig dauert und Verwaltungen nicht funktionieren. Gute Regierungsführung und effiziente Verwaltungen haben darum Priorität. Wir helfen zum Beispiel ganz konkret beim Aufbau von Rechnungshöfen in Ruanda, Ghana und Mosambik. Wir unterstützen den Kampf gegen Korruption, Steuervermeidung und illegale Finanzströme. Denn Afrika entgehen jährlich rund 100 Milliarden Dollar – doppelt so viel wie alle jährlichen Entwicklungsgelder. Dieses Geld fehlt für Investitionen in Bildung, Infrastruktur, Gesundheit, Sicherheit.

2. Wir entwickeln Instrumente speziell für den deutschen Mittelstand:

Wir finanzieren Machbarkeitsstudien,  stellen Expertise zur Verfügung: für Projektentwicklung in den lokalen Märkten. Das spart Zeit und Geld.

Wir sichern Ihr Engagement ab mit Exportgarantien und Investitionsschutz. 20 Prozent der Hermes-Deckungssumme ging letztes Jahr ins Afrika-Geschäft. Der Selbstbehalt bei den Hermes-Versicherungen wird von 10 Prozent auf 5 Prozent abgesenkt. Erst bei den Compact-Staaten, in Einzelfällen aber auch bei anderen Staaten.

Und ich setze mich für Steuererleichterungen bei nachhaltigen Investitionen ein. Wir fördern auch den Mittelstand vor Ort. Kleine und mittlere Unternehmen in Afrika beschäftigen 80 Prozent aller Erwerbstätigen. Wir ermöglichen Kredite in der lokalen Währung.

3. Wir helfen, Handelskosten zu senken:

Noch sind die Handelskosten in Afrika hoch. Die Märkte sind zu klein, Standards der Welthandelsorganisation können oft nicht erfüllt werden. Ein Hemmschuh! Darum ist Aid for Trade wichtig, damit Produkte aus Afrika auch tatsächlich auf andere Märkte finden.

Wir wollen Handel vereinfachen, als Mitglied der Globalen Allianz für Handelserleichterungen. Wir helfen zum Beispiel, Zoll-Systeme zu stärken und damit den Warenverkehr an den Grenzen zu beschleunigen.

Unser Ziel ist, die Wertschöpfung vor Ort zu steigern. Afrikas Weltanteil an der Bevölkerung beträgt 17 Prozent, am Welthandel und in der Fertigung beträgt er aber gerade einmal 2 Prozent. Das muss sich ändern!

4. Wir unterstützen Berufsbildung:

Deutsche Unternehmer fragen mich: Gibt es denn in den afrikanischen Ländern genug gut ausgebildete Leute? Ich sage: Viele sind motiviert. Aber zu oft fehlt die praxisnahe Ausbildung. Darum haben wir gemeinsam mit der AU die "Skills Initiative for Africa" entwickelt. Mit dem Ziel, eine verbesserte Berufsausbildung insbesondere für Mädchen und Frauen zu ermöglichen. Zunächst in Kenia, Tunesien, Nigeria, Kamerun und Südafrika.

Oft gibt es Win-win-Situationen. Die Firma UST Umwelt-Systemtechnik GmbH ist in Tansania in einem Wasser-Projekt aktiv. Dort werden Fachkräfte im Wassersektor ausgebildet: wertvolles Fachpersonal für die Firma. Und Know-how für die Region.

5. Wir binden international Partner ein:

Denn echte Wirkung werden wir nur erzielen, wenn wir international und strukturell ansetzen. Afrika ist regionaler Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft. Mit den Investitionspartnerschaften binden wir andere Staaten, wie beispielsweise Frankreich, England und Japan mit ein. In Brüssel steht der EU-Afrika-Gipfel im November 2017 bevor. Wir setzen uns auf allen Ebenen für eine neue Partnerschaft mit Afrika ein. Denn wir brauchen alle als Partner für mehr Entwicklung.

Sie – der Mittelstand – können viel bewegen in der Welt: Mit Ihrem Know-how und mit Ihren Erfahrungen. Ich zähle auf Sie alle! Investieren wir in unsere gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten. Lassen Sie uns die Globalisierung gemeinsam gerecht gestalten!


Lexikon der Entwicklungspolitik

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