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November

Perspektiven schaffen durch Bildung und digitale Teilhabe


Gastbeitrag von Bundes­ent­wick­lungs­mi­nister Dr. Gerd Müller in der Ausgabe 3/16 des Magazins dis.kurs des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Der Beitrag ist online auch hier abrufbar.

Bei meinem Besuch in einer muslimischen Mädchenschule in Nigeria hatte ich ein eindrucksvolles Erlebnis: Die interessierten, bildungshungrigen Schülerinnen haben sich von mir vor allem eines gewünscht: einen Computer – und damit Zugang zu Wissen und die Möglichkeit, mit dem Rest der Welt in Kontakt zu treten.

Wie den Mädchen in Nigeria geht es vielen Menschen in Entwicklungsländern: Sie wollen die Zukunft ihres Landes aus eigener Kraft gestalten. Bildung, Wissen und der Zugang zur digitalen Welt sind für sie entscheidende Schlüssel. Was in den Entwicklungsländern durch digitale Technik bewegt werden kann, war unter anderem auf der diesjährigen CeBIT zu sehen: Start-up-Unternehmen aus Uganda, Kamerun, Kenia, Ruanda und Myanmar stellten ihre innovativen, digitalen Geschäftsideen vor. Beispielsweise in Kenia, wo sich Menschen in abgeschiedenen Regionen mittels einer stabilen, backsteinähnlichen IT-Box und unabhängig von einer zuverlässigen Energieversorgung mit dem Internet verbinden können. Oder in Kamerun, wo sich Frauen per Mobilfunk und Internet rund um das Thema Schwangerschaft informieren können und ein Nachrichtenservice sie an Impfungen und Vorsorgetermine erinnert.

Digitale Technik – Motor für Entwicklung

"Digitale Teilhabe für alle" – das Motto des diesjährigen Volkshochschultages – ist auch für mich als Bundesentwicklungsminister ein wichtiges Thema. Telemedizin, E-Learning, Mobile-Banking, elektronischer Handel oder E-Government sind wertvolle Instrumente in der Zusammenarbeit mit unseren Partnerländern. Sie bieten den Menschen Chancen, ihre Lebenssituation zu verbessern, Familien gut zu versorgen, am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen.

In Kenia ermöglicht das digitale Bezahlsystem M-Pesa auch Menschen ohne Bankkonto einen bargeldlosen Zahlungsverkehr. In Ghana erhalten Kakao-Kleinbauern landwirtschaftliche Beratung per SMS. Sie erfahren, wann der beste Zeitpunkt ist, die Felder zu bestellen. Auch Daten zur Vermarktung ihrer Ernte können sie abrufen. "Smart Cities", etwa in Bangladesch, versorgen ihre Bürger per Mobiltelefon und Internet mit kommunalen Dienstleistungen.

Dies sind nur einige Beispiele, die deutlich machen, dass digitale Technik und der damit verbundene Zugang und Austausch von Wissen den Menschen in Entwicklungsländern Zukunftsperspektiven bietet.

Bildungs- und Wissenschancen ermöglichen

Den Menschen in unseren Partnerländern Zugang zu hochwertiger Bildung und Wissen zu ermöglichen – das ist ein Kernbereich deutscher Entwicklungspolitik. Denn wer keinen Zugang zu Bildung hat, dem wird ein elementares Menschenrecht vorenthalten und dem werden die Chancen auf ein besseres Leben geraubt. Kinder brauchen Schulen, Jugendliche eine Ausbildung, Erwachsene Arbeit und Einkommen.

Neben unserer langfristigen Zusammenarbeit im Aufbau von Strukturen der Erwachsenenbildung ist uns die Bildungsarbeit im Kontext der aktuellen Flüchtlingskrise wichtig. Einen Schwerpunkt unserer Arbeit in diesem Bereich haben wir auf die Region rund um Syrien gelegt: Dort sorgen wir dafür, dass Kinder, die vor dem Krieg in Syrien fliehen mussten, nun in Jordanien, im Libanon, in der Türkei und im Irak zur Schule gehen können. Wir dürfen nicht zulassen, dass hier eine Generation ohne Bildung und Hoffnung, eine "verlorene Generation", heranwächst.

Erfolgreiche Zusammenarbeit: DVV und BMZ

Bei unserem Engagement für mehr Bildung welt- weit arbeiten wir in zahlreichen Projekten über DVV International eng mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband zusammen.

Mit großem Interesse habe ich deswegen den Volkshochschultag 2016 in Berlin besucht. Der Austausch mit vielen "Gleichgesinnten", die wie ich von der immensen Bedeutung von Bildung überzeugt sind, war für mich sehr bereichernd – und das nicht nur, weil ich selbst Pädagoge bin. Ich bin dankbar, dass sich der DVV mit seiner umfassenden Expertise und Erfahrung nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland so stark engagiert.

In Deutschland sind die Volkshochschulen unverzichtbar, wenn es darum geht, geflüchteten Menschen zu helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Im Ausland schaffen DVV International und seine Partner Bleibe- und Zukunftsperspektiven für viele Menschen, sei es durch Alphabetisierungs- und Sprachkurse, durch Angebote zur beruflichen Bildung oder zur Existenzgründung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein besonders erfolgreiches Beispiel unserer Zusammenarbeit ist ein Bildungsprojekt in Afghanistan. Unter schwierigsten Bedingungen sind dort Bildungszentren für Erwachsene entstanden. Hier werden vor allem junge Menschen bei ihrem Einstieg ins Erwerbsleben unterstützt, beispielsweise durch Schulungen im IT-Bereich, mit Englisch- oder Buchhaltungskursen. Allein im vergangenen Jahr haben rund 200.000 Menschen, davon etwa ein Drittel Frauen, daran teilgenommen.

DVV International engagiert sich heute in mehr als 30 Ländern und ist für das BMZ zu einem unverzichtbaren Partner geworden. Was vor mehr als 50 Jahren mit einem ersten gemeinsamen Projekt in Costa Rica begann, hat sich zu einer stabilen und erfolgreichen Zusammenarbeit entwickelt.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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