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Juni

Ackern für gute Ernährung: Welche Nahrungsmittelsysteme brauchen wir?


Rede von Minister Müller bei der Konferenz Politik gegen Hunger XII am 23. Juni 2016 im Auswärtigen Amt in Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Bundesminister,
lieber Christian Schmidt,
sehr geehrte Frau Flor,
sehr geehrte Damen und Herren, 

Hunger ist nicht Schicksal! Hunger ist der größte denkbare Skandal der Welt. Wir brauchen mehr Anstrengungen, wir brauchen "Politik gegen Hunger"! Darum bin ich froh über diese Konferenz – wir haben 360 Gäste aus 38 Ländern!

Die Sicherung der Welternährung ist eine Überlebensfrage der Menschheit. Das habe ich als Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium vertreten – auch auf Vorgänger-Konferenzen. Und das habe ich als Entwicklungsminister ins Zentrum meiner Arbeit gestellt mit der Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger". 2015 ging jeder fünfte Euro aus unserem Budget in ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung. 1,5 Milliarden Euro jährlich.

Wir wissen, es gibt ermutigende Zahlen: Der Anteil der Hungerleidenden an der Weltbevölkerung ist gesunken, von 23 Prozent im Jahr 1991 auf heute 13 Prozent. Aber 13 Prozent – das sind immer noch 800 Millionen hungernde Menschen. Ich habe gerade einen neuen Bericht von Save the Children bekommen: Bis zu 20.000 Kinder sterben täglich, viele von ihnen an den Folgen von Mangelernährung. Zwei Milliarden Mangelernährte werden nie ihre vollen Potenziale entfalten können.

Und die Herausforderungen werden größer: Doppelt so viele Menschen wie noch vor 45 Jahren müssen heute ernährt werden. 60 Prozent mehr Erträge bis 2050 sind nötig! Zugleich werden jährlich 12 Millionen Hektar fruchtbarer Boden vernichtet. Und der Klimawandel verstärkt den Druck. Die einen werfen Lebensmittel achtlos weg. Bei den anderen erreicht ein Drittel der Ernte gar nicht die Verbraucher. Und viele sind mangelernährt, obwohl sie genügend Kalorien zu sich nehmen.

Wir brauchen also umfassende Ansätze: Vom Acker über die Lagerung und die Märkte bis zum Teller. Für ertragreichere und nachhaltigere Landwirtschaft. Für mehr Wertschöpfung in Partnerländern, gerechten Handel.

Darum hat das BMZ ein nationales und internationales Bündnis geschmiedet. Und wir setzen in sechs Bereichen breit an.

Erstens: Wissen ist die entscheidende Triebkraft! Das größte Gut, das wir geben können, sind Wissen und Innovation.

Denn heute darf Produktivitätsfortschritt nicht mehr heißen: Mehr Fläche, mehr Wasser, mehr Dünger. Sondern: Mehr Wissen und breite Umsetzung von Innovationen: technisch, organisatorisch, politisch.

Das fördern wir konsequent, und zwar da, wo der Nachholbedarf am größten ist. In zwölf afrikanischen Ländern und in Indien zeigen wir gemeinsam in Grünen Innovationszentren, wie es besser geht: Saatgut, Erntemethoden, Bewässerung, Bodenschutz, Lagerung, Verarbeitung, Transport und Vermarktung. Wir helfen dabei, regionale Märkte aufzubauen und die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.

Die Innovationszentren geben so Impulse in verschiedenen wichtigen Bereichen. Beispiel Kenia: Im Innovationszentrum am Landwirtschafts-College in Bukura geht es nicht nur darum, wie die orange Süßkartoffel optimal angebaut wird. Es geht auch um die Weiterverarbeitung zu Mehl und dann zu Brot und damit um mehr Einkommen für Familienbetriebe. Um neue Arbeitsplätze. Um gesunde, weil betacarotin-reiche Ernährung.

Es geht also um all das, was diese Konferenz in den Mittelpunkt stellt: Vielfalt, Ernährungswissen, Verarbeitung, Stärkung der Frauen.

Wir wollen zweitens – ebenso breit angelegt – gute Ernährung gerade für die Verletzlichsten sichern.

Hunger ist weiblich. 70 Prozent aller Hungernden sind Frauen und Kinder (vor allem Mädchen). Weil die ersten 1.000 Tage entscheidend sind fürs Leben, zielen die Programme vor allem auf Mütter und Kinder: Zum Bespiel mit Stillberatung, Kochkursen, Gemüsegärten anlegen.

In Malawi etwa lernen Frauen, was es neben traditionellem Maisbrei noch an nährstoffreichen Gerichten gibt. In Indien schafft neuste Technologie per Smartcard für die Ärmsten der Armen Zugang zur Nahrungsmittelverteilung.

Unsere dritte große Antwort: Natürliche Ressourcen schützen!

Landwirtschaft muss ja nicht nur heute immer mehr Menschen ernähren. Sie soll auch morgen satt machen. In den letzten 25 Jahren ist ein Viertel aller landwirtschaftlichen Böden degradiert. Landwirtschaft verursacht bereits heute 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs und fast 80 Prozent der Entwaldung.

So entzieht Landwirtschaft sich selbst den Boden! Die Kriege der Zukunft werden um Nahrungsmittelgrundlagen geführt werden. Mit weniger Ressourcen mehr produzieren – das muss Leitbild werden. Wir wollen zeigen, dass das geht, auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen. Ein Beispiel: Wir rehabilitieren 200.000 Hektar Boden, in Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Kenia und Indien.

Und nicht nur die Böden liefern Nahrung, sondern auch die Meere. Deshalb habe ich ein Meeresschutzprogramm aufgelegt.

Viertens: Eine Welt ohne Hunger braucht Landrechte!

Sichere Landrechte sind eine Frage der Gerechtigkeit. Und zentrale Voraussetzung für Fortschritt. 70 Prozent der Investitionen in die Landwirtschaft kommen von Kleinbauern. Aber wer investiert, wenn ihm das Land einfach weggenommen werden kann?

Wir unterstützen weltweit Partner, die den politischen Willen haben, dieses heiße Eisen anzupacken. Zum Beispiel bilden wir gemeinsam mit der Afrikanischen Union Landrechtsexperten aus.

Fünftens: Zukunft schaffen auf dem Land!

Denn 80 Prozent der Hungernden leben in ländlichen Regionen. Da, wo die Nahrung produziert wird. Aber sie sind oft arm. Gerade die jungen Menschen brauchen Perspektiven in und außerhalb der Landwirtschaft. Hier muss zum Beispiel auch Verarbeitung stattfinden, damit die Menschen Geld verdienen können.

Wir unterstützen dabei, die Voraussetzungen zu schaffen, zum Beispiel Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Straßen zur Anbindung an Märkte, Stromversorgung zur Kühlung, Trocknung und Verarbeitung von Agrarprodukten. Nur dann verschwindet extreme Armut, nur dann bleiben junge Leute, nur dann gibt es auf dem Land eine Zukunft – und damit auch für die Städte!

Sechstens: Nachhaltig konsumieren!

Dass alle Menschen genug zu essen bekommen, hängt auch von uns hier ab. Ein Europäer braucht jährlich 1,3 Hektar für alles, was er konsumiert. In Bangladesch ist es ein Sechstel davon. Sechsmal so viel wie in Bangladesch! Über die Hälfte der von uns genutzten Flächen liegen nicht in der EU. Wir konsumieren auf Kosten anderer Länder.

Die Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, müssen faire Preise für ihre Produkte bekommen. Das ist leider immer noch ein Nischenthema. Es ist uns noch nicht gelungen, faire Produkte in die Kantinen zu bringen, auch in der Bundesregierung noch nicht. Warum eigentlich nicht?

Die deutsche Entwicklungspolitik setzt auf eine gerechte Gestaltung der Globalisierung – auf fairen Handel, nicht nur Freihandel. Gemeinsam mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft haben wir deshalb Bündnisse wie das Kakaoforum oder das Bündnis für nachhaltige Textilien gestartet.

Meine Damen und Herren,

Wir brauchen alle Kräfte: In den betroffenen Ländern und in der internationalen Gemeinschaft; in Politik und Zivilgesellschaft – nicht zu vergessen die Wissenschaft!

Und wir brauchen Kohärenz der verschiedenen Politikbereiche: Agrarpolitik, Handels-, Bildungs-, Gesundheits-, Forschungs- und Infrastrukturpolitik.

Darum bin ich froh über diese Konferenz und wünsche ihr viel Erfolg! Setzen wir gemeinsam den Rahmen für EINEWELT ohne Hunger!

Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir müssen es wollen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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