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Juli

"Wild, schön und gefährdet"


Rede von Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, beim 24. NABUsalon

am 5. Juli 2016 in der NABU-Bundesgeschäftsstelle Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Rustamov,
sehr geehrter Herr Tschimpke,

die Schöpfung bewahren: das ist kein Hobby für Gutmenschen. Das ist zentrale Zukunftsaufgabe der Menschheit, ja eine Überlebensfrage.

Sie, lieber Herr Tschimpke, sind ein wichtiger Berater der Bundesregierung. Und der NABU ist seit langem ein unverzichtbarer Partner des Entwicklungsministeriums. Denn: "Bewahren" und "Entwickeln" dürfen keine Gegensätze sein. Wir müssen Wege finden, sie zu verbinden!

Bevölkerungswachstum, Druck auf Ressourcen, Industrialisierung, Globalisierung des Handels, Armut und Gier: All das sind Gründe für Ausrottung und Umweltzerstörung.

UNEP und Interpol haben vor einem Monat schockierende Zahlen veröffentlicht: Die Umweltkriminalität ist in nur einem Jahr um 26 Prozent gestiegen! Die Schäden durch Umweltverbrechen belaufen sich auf bis zu 250 Milliarden US-Dollar (doppelt so viel wie die weltweite ODA).

Der illegale Handel mit Wildtierprodukten steht dabei auf Platz vier der lukrativsten Verbrechen. Bis zu 23 Milliarden Dollar verdienen Kriminelle und Terrorgruppen allein mit dem Verkauf von Elfenbein, Nashorn und Schuppentieren.

Für Nashorn wird auf dem Schwarzmarkt mehr gezahlt als für Gold oder Diamanten. Für das Fell eines Schneeleoparden 500 US-Dollar. Für ein vollständiges Skelett bis zu 10.000 US-Dollar: Das Achtfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Kirgistan.

Wie diese Verbrechen den Schneeleoparden gefährden, haben wir bereits gehört. Nun ist das Entwicklungsministerium in erster Linie für Menschen zuständig. Aber auch die leiden massiv, wenn Tiere und Umwelt leiden!

Lebensgrundlagen schwinden und Einkommen geht verloren. In Subsahara-Afrika etwa hängt jeder zehnte Job am Tourismus. Und der an der Natur.

Das BMZ geht diese Herausforderungen an:

  1. durch Bekämpfung der Wilderei
  2. durch Unterstützung von Schutzgebieten und innovative Landnutzungskonzepte

Bei der Bekämpfung der Wilderei sind wir in über 30 Ländern mit über 200 Millionen Euro engagiert. Vor drei Monaten war ich etwa in Tansania. Dort fördert das BMZ mit knapp 35 Millionen Euro den Schutz des Serengeti National Park und der Selous Game Reserve.

Im Selous wurden in nur fünf Jahren zwei Drittel der Elefanten getötet. Jetzt haben wir drei Überwachungsflugzeuge finanziert. Eines davon konnte ich persönlich übergeben.

Überall gilt: Man kann die Tiere nur schützen, wenn auch die Menschen etwas davon haben. Das zeigen wir auch mit Projekten in der Heimat des Schneeleoparden, Zentralasien.

Das Ziel ist: die lokale Bevölkerung einbinden und alternative Einkommensquellen zeigen. Wir erreichen dies durch geführte Wanderungen, Wildbeobachtung und durch streng begrenzte Trophäenjagd auf bestimmte Tiere. 40 Prozent der Jagdgebühren gehen an die lokalen Gemeinden.

Eine Schraubenziege etwa kostet 35.000 Euro. Für die Gemeinde bleibt also eine Gebühr von circa 14.000 Euro.

Mittlerweile gibt es wieder 30 Prozent mehr Ziegen. Die Gemeinden konnten wieder mehr Wildhüter und Touristen-Führer bezahlen. Dadurch gibt es auch wieder mehr Schneeleoparden!

Wir unterstützen zweitens 350 Schutzgebiete in mehr als 40 Ländern mit rund 600 Millionen Euro. Zusammengerechnet ergeben die einzelnen Gebiete eine Fläche größer als Deutschland und Frankreich zusammen.

Darunter sind auch 24 UNESCO Biosphärenreservate in 16 Ländern: etwa in Kirgistan das Biosphärenreservat Issyk Kul. Mit seiner Fläche von 43.000 Quadratkilometern ist es größer als die Niederlande! Es wurde vor 20 Jahren mit deutscher Unterstützung eingerichtet.

Der NABU ist dabei ein wichtiger Partner. Wir entwickeln zum Beispiel neue Biosphärenreservate in Afrika und unterstützen ein Schutzgebiet in Madagaskar. Und in Zentralasien fördern wir gemeinsam das grenzübergreifende Management des Schutzgebietes in der Region Tian Shan. Dort geht es um die Braunbären, das Argaliwildschaf – aber vor allem um das "Phantom der Berge": den Schneeleoparden!

Überall ist die große Herausforderung: Wer Schutz will, muss Nutzen stiften.

Das BMZ stärkt spannende neue Konzepte. Zum Beispiel den "Sparbuchansatz", erprobt in Zentralasien: Dorfbewohner forsten Brachland auf, schützen und pflegen es und werden am Ertrag beteiligt.

Wir brauchen auch global neue Ansätze.  Die Natur ist unser wichtigstes Kapital. Wir müssen lernen, sie wertzuschätzen. Wir dürfen Wachstum und Wohlstand nicht mehr allein mit dem Bruttoinlandsprodukt messen. Die Natur in ihrer ganzen Vielfalt ist ein zentraler Faktor.

Wie Mensch und Umwelt zusammenhängen, hat Tschingis Aitmatow in seinem Roman "Der Schneeleopard" eindringlich beschrieben. Im Roman hört niemand auf die Warnungen des Schamanen:

"Seht ihr nicht / Die Berge stürzen ein /                
Seht ihr nicht / Die Bäume liegen herum /
Sehr ihr nicht / Der Fluss strömt zurück / ..."

Wir dürfen die Warnungen nicht überhören. Wir schaufeln unser eigenes Grab, wenn wir weiter die Natur ausbeuten und unseren Planeten weiter verschmutzen, bis kein Platz mehr zum Leben übrig bleibt.

Nachhaltigkeit muss Handlungsprinzip werden, in all unserem Tun. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass es nicht die letzten Tage des Schneeleoparden sind. Und nicht wir Menschen sein Schicksal teilen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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