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Januar

Eröffnungsrede von Minister Müller


bei der internationalen Süßwarenmesse am 31. Januar 2016 in Köln

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Frau Geslain-Lanéelle,
sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht fragen Sie sich: Was macht der Entwicklungsminister auf einer Süßwarenmesse? Die Antwort: In jeder Tafel Schokolade zeigt sich der Zustand der Welt! Franzosen mögen es bitter. Deutsche bevorzugen Milchschokolade. Und auch diese Süßwarenmesse zeigt: Unsere Welt ist heute ein globales Dorf. Hier finden sich 1.500 Unternehmen aus 70 Ländern. Das hier ist Welthandel "im Süßen". Dies ist die weltweit größte Fachmesse für Süßwaren und Snacks. Über 37.000 Fachbesucher.

Die Zahlen der Süßwarenindustrie in Deutschland beeindrucken: Fast 4 Millionen Tonnen Ware, 12,5 Milliarden Euro Umsatz und circa 50.000 Beschäftigte. Die deutsche Süßwarenindustrie trägt 10 Prozent zum Umsatz der Ernährungsindustrie bei. Die Deutschen konsumieren 32,48 Kilo Süß- und Knabberwaren pro Jahr, davon sind 10 Kilo Schokolade. Sie geben dafür 109 Euro pro Kopf aus. Die deutsche Süßwarenindustrie ist seit nunmehr 41 Jahren in Folge Exportweltmeister. Der Champion im globalen Dorf.

Der Genuss versüßt das Leben, sichert Arbeitsplätze bei uns und in den Entwicklungsländern. Aber der internationale Wettbewerb wird härter. Wie fair geht es in diesem "Weltdorf" zu? Wie bitter sind die Arbeitsbedingungen hinter all dem Süßen? Hinter jeder Tafel Schokolade sehe ich die Millionen Kleinbauern weltweit und deren Kinder und Familien. Sie stehen am Anfang der globalen Wertschöpfungskette. Sie produzieren den Kakao. Vor 30 Jahren ging es den Bauern noch besser. Heute arbeiten allein in Westafrika zwei Millionen Kinder auf den Kakaoplantagen. Das ist die bittere Seite der Schokolade.

Die 400.000 Tonnen in Deutschland verarbeiteten Kakao kommen jährlich aus Schwellen- und Entwicklungsländer. Deutschland ist nach den USA zweitwichtigster Importeur. 90 Prozent des Kakaos kommen aus der Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun und Nigeria. Das ist erst einmal positiv, weil es die Einkommensgrundlage für 40 bis 50 Millionen Menschen in Entwicklungsländern bildet.

Aber: der Großteil der Kakaobauern ist trotz harter Arbeit arm. Lebt von weniger als zwei US-Dollar pro Tag! In der Elfenbeinküste hat ein Kakaobauer im Durchschnitt ein tägliches Einkommen von nur 60 Cent – trotz der Preisanstiege. Der Kakaopreis stieg, die Löhne sind gefallen!

Eine der Folgen ist, dass Kinder arbeiten müssen, statt in die Schule gehen zu können. In der Elfenbeinküste und in Ghana müssen 10 bis 20 Prozent der Kinder im Schulalter arbeiten, zusammengerechnet 600.000 bis 1.000.000 Kinder in beiden Ländern.

Es darf nicht sein, dass Kindern Zukunft geraubt wird und dass diejenigen, die in den Entwicklungsländern die Rohstoffe liefern, bisher so wenig profitiert haben. Mehr vom Erlös muss bei den Menschen ankommen! Zwei Cent mehr pro Tafel Schokolade würde 150 Millionen Euro mehr für die Kakaobauern bedeuten. Wir können und dürfen unseren Genuss und Wohlstand nicht auf dem Rücken der Entwicklungsländer aufbauen.

Wir können, werden und müssen das ändern – und ich freue mich, dass die meisten hier das auch so sehen! Wir müssen vom freien zum fairen Handel kommen! Ein wichtiger Schlüssel dazu sind die Sozial- und Umweltstandards. Sie stehen aber oft nur auf dem Papier und müssen umgesetzt werden. Standards müssen Standard werden! Das geht nur gemeinsam mit allen Beteiligten. In der gesamten Lieferkette.

Das Forum Nachhaltiger Kakao macht vor, wie so eine globale Partnerschaft gelingt. Vertreter von Regierung (BMZ und BMEL), Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Entwicklungsländern arbeiten erfolgreich zusammen. Das Forum hat mittlerweile 70 Mitglieder – das sind sagenhafte 80 Prozent des deutschen Marktes!

Ich danke allen, die sich diesem Forum verpflichtet haben und ich hoffe, dass sich viele überzeugen lassen.

Das Forum hat beeindruckende Fortschritte gemacht:

  • 2011 lag der Anteil nachhaltigen Kakaos in deutschen Süßwaren noch bei 3 Prozent.
  • 2014 schon bei 27 Prozent – neunmal so viel in drei Jahren!
  • Bis 2020 hat das Forum anvisiert, 50 Prozent zu erreichen.

Aber ich meine, dass da sogar noch viel mehr drin ist: 100 Prozent müssten zu schaffen sein! Warum nicht? Dazu brauchen wir auch die Verbraucher. Nachhaltiger Konsum muss Standard werden. 100 Prozent fair ist das Ziel.

Das Kakaoforum ist eines der Leuchtturmprojekte für 2016 der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Es übernimmt eine wichtige Vorreiterrolle! Und es ist eine Blaupause für andere Produkte, Standards zum Standard zu machen.

Wir internationalisieren das Thema. Zum Beispiel auf dem G7-Gipfel in Deutschland im vergangenen Jahr in Elmau, in den G20 und innerhalb der EU (Gemeinsam mit Frankreich, dem diesjährigen Partnerland der Süßwarenmesse).

Verantwortung lohnt sich auch wirtschaftlich. Verantwortung kommt zunehmend in Mode (der faire Handel hat einen Rekord geknackt: über eine Milliarde Euro Umsatz). Und es steht viel auf dem Spiel! Wir müssen Globalisierung fair gestalten und faire Einkommen ermöglichen. Damit Kinder zur Schule gehen können und Chance auf Entwicklung haben. Und damit Menschen Perspektiven haben – und nicht ihr Glück woanders suchen.

Denn Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeit, Klimawandel und Umweltverschmutzung sind Auslöser für Krisen. Die treffen letztlich auch uns. Wir erleben das aktuell mit der Flüchtlingskrise. Wir dürfen nicht länger auf Kosten anderer billig konsumieren. Es gibt keine erste, zweite, dritte Welt. Es ist Eine Welt, ein globales Dorf! Das müssen wir gerechter machen. Süßwaren können die Welt nicht nur süßer, sondern besser machen.

Werden Sie auch Weltmeister in Fairness und Nachhaltigkeit. Ich zähle auf Sie!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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