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Februar

Partner für den Wandel: Religionen und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung


Eröffnungsrede von Minister Müller

am 17. Februar 2016 in der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie bringen einen ganz besonderen Geist in diese Stadt, in die Akademie, in diesen Saal! Dieser Saal ist benannt nach Gottfried Wilhelm Leibniz: einem der Gründerväter der Akademie, Mathematiker, Philosoph, Universalgelehrter.

Leibniz hat vor rund 300 Jahren den Satz geprägt: "Ohne Gott ist nichts". Und da er Mathematiker war, gab er Gott in seinem Zahlensystem die "eins" als Zahl.

Gott ist für die meisten Menschen auf unserer Erde das höchste Gut. Der Glaube an ihn prägt für Milliarden von Menschen zutiefst das Leben. Nach ihm richten sich die Lebensgewohnheiten aus.

80 Prozent der Menschen auf diesem Planeten glauben an einen Gott. Und dieser Gott gibt den Menschen Kraft, Orientierung, Sinn für ihr Leben. Religion vermittelt Werte und Maßstäbe, nach denen wir auf dieser Welt unser Leben gestalten. Werte, die uns verbinden, weil sie immer die Würde jedes Einzelnen, Toleranz, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Frieden zwischen den Menschen zu Hause und zwischen Völkern und Kulturen im Blick haben.

Die Würde jedes einzelnen Menschen ist unantastbar – weltweit.

Wir tragen für diesen Planeten, für die Zukunft und für unsere Mitmenschen Verantwortung. Das große Bekenntnis zur Mitmenschlichkeit, zum Einsatz für den Nächsten, für die Armen und Schwachen verbindet Entwicklungspolitik und Religion.

Die Kraft der Religionen kann zusammenführen. Sie kann das Bewusstsein der Einzelnen für das Ganze unserer Einen Welt schärfen. Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung haben hier ihren Sitz im Leben.

Auch das Potenzial der Religionen, Versöhnung zu leben ist immer wieder beeindruckend und hilft häufig aus politischen Sackgassen heraus.

Erst vor ein paar Tagen: Kuba – eine große Umarmung. Nach rund 1000 Jahren treffen sich der Papst, als das Oberhaupt der katholischen Kirche, und der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche zum ersten Mal. Franziskus und Kirill zeigen uns exemplarisch, dass wir uns nicht trennen lassen dürfen – wir müssen den entscheidenden Schritt aufeinander zugehen, Verbindendes stärken, Trennendes überwinden.

Dieses Treffen in Kuba war nicht nur ein Brückenschlag zwischen zwei seit dem Jahr 1054 getrennten Kirchen. Dieses Treffen ist der Appell an uns alle, die Welt nicht noch einmal politisch und menschlich auseinanderdriften zu lassen. Wir leben in Einer Welt!

Und der Dialog zwischen den Religionen ist eine wesentliche Dimension, um ein neues Bewusstsein für den Frieden auf der Welt zu erlangen. Deshalb sind die Religionen für mich Partner für den Wandel in der Welt. Die positiven Kräfte der Religionen sind so viel stärker als ihre zerstörerischen Kräfte. Wir haben eben im Film Beispiele dafür gesehen.

Wir wollen die entwicklungspolitischen Kräfte der Religionen stärken. Leitprinzip unserer Entwicklungspolitik sind die allgemeinen Menschenrechte. Unsere Politik ist weltanschaulich neutral – aber sie ist nicht werte-neutral: Wir akzeptieren keine Diskriminierung. Wir bevorzugen keine Religionsgemeinschaft.

Ich rufe Sie zum gemeinsamen Handeln auf, ich appelliere an all diejenigen, die guten Willens sind: Lassen Sie uns gemeinsam einen Weg gehen, der unserer Welt Frieden und Freiheit ermöglicht!

Globale Partnerschaft war noch nie so wichtig wie heute. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war das Leben so unterschiedlicher Menschen so verschiedenen Religionen und Herkunft derart eng miteinander verknüpft: Bevölkerungswachstum, Krisen, Flüchtlingsströme, Klimawandel, Terror: Wir haben so viele Themen, die uns verbinden. Wir haben so viele Probleme, die wir gemeinsam lösen müssen. Und wir können sie lösen.

Mit der Agenda 2030 haben wir uns auf den richtigen Weg gemacht. Die Menschheit muss mehr werden als eine "Weltgesellschaft der Zwangssolidarisierten" - so hat es Ex-Bundespräsident Köhler zu Recht gesagt. Diese Welt braucht gemeinsame Werte.

Darum brauchen wir den Dialog über Werte und das Erkennen gemeinsamer Werte wie des Respekts vor dem Leben, der Toleranz, der Gleichberechtigung. "Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu". Das sagt ein deutsches Sprichwort. Wir alle wissen, dass es sich aus der goldenen Regel ableitet.

Diese "goldene Regel" der Gegenseitigkeit findet man in den Hadithen des Islam wie in der Thora, im Neuen Testament wie in den Schriften des Hinduismus oder des Buddhismus. Und in den meisten Religionen gibt es die Hinwendung zu den Ausgestoßenen, den Armen – ich nenne Papst Franziskus: Seine erste Reise galt Lampedusa.

Religion ist Quelle für eine Ethik des "Genug", für ein Verständnis von Entwicklung, das nicht nur ökonomischen oder technischen Fortschritt meint. Der Mensch ist mit einer unveräußerlichen Würde versehen. Diese Würde gilt es zu schützen. Unsere Entwicklungspolitik orientiert sich deshalb daran, dass die Würde des Menschen nicht mit Füßen getreten wird. Auch das verbindet uns.

Als Vertreterinnen und Vertreter der Religionen der Welt haben Sie Gestaltungskraft. Man hört auf Sie. Lassen Sie Ihre Botschaften des Friedens und der Versöhnung laut hören.

Wir sind dankbar, dass Sie mit Ihren Religionsgemeinschaften an vielen Orten der Welt die soziale Grundversorgung übernehmen: Bildung, Krankenversorgung, Armenspeisung. Gerade wo der Staat schwach ist, sind Ihre religiösen Institutionen überlebensnotwendig. Sie arbeiten bis ins entlegenste Dorf. Ihre Einrichtungen genießen großes Vertrauen: Sie können darum nötige Veränderungen glaubwürdig und wirksam anstoßen. Und gemeinsam mit Ihnen kann Versöhnung und damit Frieden gelingen.

Wir setzen auf Zusammenarbeit: Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten schöpft aus der Kraft der Religionen für ein gemeinsames Wertefundament. Nur gemeinsam mit den Religionen gelingt es uns, die Agenda 2030, den Weltzukunftsvertrag, umzusetzen.

Die heutige Konferenz ist der vorläufige Höhepunkt von zwei Jahren Arbeit: Heute nun – erstmals in der Geschichte des BMZ – stellen wir eine Strategie zur Rolle der Religion in der Entwicklungspolitik vor!

Wir wollen – gemeinsam mit anderen internationalen Gebern – neue Wege gehen. Heute Mittag haben wir deshalb die "International Partnership on Religion and Sustainable Development" gegründet.

Wir wollen die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ausbauen.

Wir setzen uns im politischen Dialog mit Partnerländern für Religionsfreiheit ein. Wir werden den Dialog der Religionen fördern.

"Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen." (Hans Küng)

Leider gibt es unter religiösen Autoritäten auch solche, die spalten statt zusammenzubringen. Das ist ein falscher Weg. Wir fördern deshalb vor allem die, die sich im religiösen Kontext für die Menschenrechte stark machen. Wir wollen durch Dialog und Förderung der moderaten Kräfte langfristig den Extremisten den Boden entziehen.

Wo Religion als Teil des Problems erscheint, muss sie Teil der Lösung werden. Gemeinsam müssen wir die tieferen Gründe von oft nur vordergründig religiösen Konflikten angehen: Armut, Ungerechtigkeit, Perspektivlosigkeit. Kampf um Macht, Einfluss, Ressourcen.

Die Religionen der Welt sind Teil des Weltzukunftsvertrags – der Agenda 2030! Machen Sie mit! Wie? Das wollen wir heute und morgen diskutieren.

Ich bin mir sicher: Der wertorientierte Dialog mit den Religionen und zwischen den Religionen kann neue entwicklungspolitische Dimensionen des menschlichen Miteinanders auf dieser Welt eröffnen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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