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November

Gleichberechtigung von Frauen weltweit umsetzen


Rede von Minister Müller bei der G7-Konferenz "Wirtschaftliche Stärkung von Frauen – Potenziale freisetzen"

am 10. November 2015 im dbb forum Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Ghani,

in dieser Konferenz geht es um die größte Ungerechtigkeit der Welt. Denn: Frauen stellen die Hälfte der Menschheit. Aber sie verrichten zwei Drittel der Arbeitsstunden. Und sie bekommen dafür nur ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen gerade einmal ein Prozent des Weltvermögens.

In vielen Entwicklungsländern produzieren Frauen bis zu 80 Prozent der Nahrungsmittel. Auf ihrem Rücken lastet die Wasserbeschaffung, oft ganz wörtlich. Zeit, die fehlt für Bildung, ein politisches Amt, für eine produktive Arbeit, für die Bildung der Kinder. Überall auf der Welt sind Frauen und Mädchen Gewalt ausgesetzt. Angst vor sexueller Gewalt ist für viele Frauen besonders im Nahen Osten und in Teilen Afrikas ein Hauptgrund für eine Flucht. Auf der Flucht und in Flüchtlingslagern sind Frauen häufig erst recht schutzlos. Das alles können wir nicht hinnehmen. All das ist zutiefst ungerecht, es destabilisiert Gesellschaften. Und welche weltweiten Folgen instabile Gesellschaften haben, erleben wir gerade vor unserer eigenen Haustüre, mit der Flüchtlingskrise. Und darum geht es heute auch um Antworten für eine stabilere, gerechtere, friedlichere Welt. "Die Menschheit kann nicht 100 Prozent ihrer Ziele erreichen, solange 50 Prozent der Menschen nicht ihr volles Potenzial entfalten können", hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu Recht gesagt.

Aber anders herum gesagt: In dieser größten Ungerechtigkeit der Welt steckt ein riesiges Entwicklungspotenzial. Wir sind hier, weil wir dieses Potenzial heben wollen. Bundeskanzlerin Merkel hat sich persönlich dafür eingesetzt, und die G7-Staaten sind ihr gefolgt. Wir werden die wirtschaftliche Stärkung von Frauen massiv unterstützen.

Mitte September hatte Angela Merkel zum "networken" ins Kanzleramt eingeladen. Großartige Frauen aus aller Welt. Ich konnte dabei sein. Und ich freue mich, heute bekannte Gesichter wiederzusehen. Allein hier in diesem Saal ist so viel Potenzial: Beste Voraussetzung für unsere Konferenz "Unlock the Potential".

Wir müssen in Gleichberechtigung und Chancen für Frauen investieren. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Und es ist eine der besten Investitionen, die man sich denken kann. Frauen stecken 90 Prozent ihrer Einkünfte in Essen, in Bildung und in bessere Gesundheit für ihre Familien. Die Männer nicht mal die Hälfte. Bildung für Frauen zahlt sich aus: 50 Prozent des Wachstums in OECD-Ländern der letzten 50 Jahre verdanken wir der Bildung von Frauen. McKinsey rechnet in einer Studie mit zwölf bis 28 Billionen US-Dollar zusätzlichem Bruttoinlandsprodukt in 2025, wenn die Geschlechterkluft geschlossen würde.

Die Wirklichkeit sieht noch ganz anders aus: Frauen haben oft keine Eigentumsrechte. Sie bestellen zwar die meisten Felder. Aber weniger als 20 Prozent des Landes gehört ihnen auch. Frauen haben noch lange keinen gleichberechtigten Zugang zu Krediten, Sparkonten oder Versicherungen. Und oft hängt das eine mit dem anderen zusammen: Erst wenn Frauen Landeigentümerinnen sind, bekommen sie Kredit und umgekehrt. Ein Teufelskreis. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Die Benachteiligung von Frauen und Mädchen muss überwunden werden. Sie gehört nicht ins 21. Jahrhundert!

Eines will ich klarstellen: Noch gibt es das Land nicht, in dem Frauen und Männer gleiche Chancen haben. Wir erteilen hier also keine Lektionen. Wir teilen Erfahrungen. Was müsste geschehen? Was müssen wir erreichen?

Ich will fünf Punkte nennen: Erstens: Frauen brauchen Rechte. Gleiche Rechte. Das heißt insbesondere, jegliche Form der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu unterbinden. Und noch immer gibt es in 155 Ländern diskriminierende Gesetzgebungen. Das sind über drei Viertel aller Länder der Welt. Ein Beispiel: In 32 Ländern können Frauen nur mit Einverständnis ihrer Ehemänner einen Pass beantragen. Der Rahmen für rechtliche Gleichstellung ist da. Das Übereinkommen der UN zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau etwa gilt international. Solche Übereinkommen müssen in nationales Recht umgesetzt werden.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit unterstützt Regierungen weltweit dabei. Vor allem aber muss Recht Wirklichkeit werden. Es muss das politische Handeln bestimmen. Und es muss in die Köpfe: von Männern und Frauen. Darum unterstützen wir etwa in Bangladesch 19 Frauen-Cafés für die Arbeiterinnen in der Textilindustrie. Sie erfahren dort von ihren Rechten, sie können sich organisieren. Mehr als 170.000 Textilarbeiterinnen erreichen wir inzwischen. Ich habe einige von ihnen kennengelernt. Und ich habe gesehen, wie wichtig das ist für ihr Selbstbewusstsein und damit für Fortschritt, gegen Ausbeutung, gegen Rechtlosigkeit.

Zweite Voraussetzung: Bildung und Ausbildung. Denn Bildung und Ausbildung sind Voraussetzungen für Teilhabe. Für Jobchancen. Für Innovationen. Für erfolgreiche Unternehmensgründungen. Für Frauen, die ihre Länder voranbringen. Darum ist es so wichtig, früh anzusetzen: Bei den Frauen von morgen, den Mädchen. Darum ist es so wichtig, dass unsere Entwicklungszusammenarbeit bei allen Bildungsprogrammen immer besonders die Frauen im Blick hat.

Beispiel Afghanistan: Allein im Jahr 2013 wurden in Afghanistan 15.000 Lehrerinnen ausgebildet. Ein Drittel der neu ausgebildeten Lehrkräfte für Berufsschulen sind Frauen. Multiplikatorinnen für eine gerechtere Zukunft.

Wie wichtig eine Berufsausbildung ist, um nicht ausgebeutet, erniedrigt zu werden, hat mir ein Besuch in Kolumbien gezeigt. Caritas unterstützt dort ein Projekt, in dem Nonnen ehemaligen Prostituierten neues Selbstbewusstsein und eine Zukunft geben: in der hauseigenen Nähfabrik.

Darum ist die Ausbildungsinitiative so wichtig, die wir mit der Afrikanischen Union starten werden.

Frau Zuma und ich haben viele Gespräche nicht nur darüber geführt. Sie selbst ist ein beeindruckendes Symbol für den Wandel: Vor drei Jahren wurde sie als erste Frau in der Geschichte der Afrikanischen Union Vorsitzende.

Damit sind wir bei Drittens: Es braucht mehr Vorbilder. Frauen wie Nkosazana Dlamini-Zuma; oder wie Königin Rania von Jordanien. Oder Frauen wie Sie, liebe Frau Ghani.
Eine solche First Lady macht vielen jungen Frauen in Afghanistan Hoffnung. Afghanistan hat 69 weibliche Abgeordnete im Parlament (28 Prozent) und vier Ministerinnen.

Eine davon sind Sie, Frau Ministerin Dr. Oryakhel. Sie haben zu Recht den "International Women of Courage Award" bekommen (2014). Nachher werden wir Sie hören. Und Ihre Kollegin, Frau Dr. Marai, Ministerin für Frauen, Familien und Jugend in Tunesien.

Viele starke Frauen sind heute unter uns. Und es gibt noch so viele andere, unbekanntere Frauen, die überall kämpfen: für ihre Töchter, für Mädchen, für Bildung, gegen Unterdrückung.

Viertens: Wir brauchen mehr Männer, die sich für Frauenrechte und -chancen einsetzen. Die UN-Women Kampagne "HeForShe" trifft den Nagel auf den Kopf.

Liebe Frau Ghani, auch Ihr Mann ist so ein "HeForShe". Nach seiner Vereidigung als neuer Präsident Afghanistans hat er sich offen bei Ihnen bedankt und angekündigt, Sie zu unterstützen in Ihrem Kampf für die Rechte von Frauen.

Wie bei jeder Ungerechtigkeit ist das Schwierige: Es gibt scheinbar Gewinner und Verlierer, wenn die Welt gerechter werden soll. Wenn die einen auf Macht verzichten sollen. Aber auf längere Sicht ist das falsch:

Es kann nur Gewinner geben, wenn wir neu teilen lernen.

Fünftens: Frauen brauchen internationalen Druck für eine der größten Revolutionen der Geschichte. Der neue Weltzukunftsvertrag – die Agenda 2030 – ist eine Chance: In allen Ländern, die sich zu ihm bekennen, können Frauen nun Druck machen. Denn Ziel Nummer 5 lautet: Gleichberechtigung. "50:50 by 2030", so heißt es in der Kampagne von UN Women.

Diese Konferenz zeigt: Die G7 stehen zu dem Ziel, Frauen wirtschaftlich zu befähigen. Und wir haben uns eigene Ziele gesetzt. Denn es fehlt nicht an internationalen Vereinbarungen. Aber an konkreten Fortschritten.

Wir werden bis zum Jahr 2030 ein Drittel mehr Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern beruflich qualifizieren. Wir unterstützen unsere Partner in Entwicklungsländern darin, rechtliche und soziale Barrieren abzubauen, die Frauen an wirtschaftlicher Teilhabe hindern. Und wir rufen Unternehmen dazu auf, die Women's Empowerment Principles der Vereinten Nationen zu unterzeichnen.

Mit dieser Konferenz wollen wir unterstützen, ermutigen, Partnerschaften stiften. Und wir wollen natürlich auch zeigen, wo die deutsche Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist. Einige Beispiele hatte ich schon genannt.

Konkret haben wir etwa in Afghanistan das Arbeitsministerium unterstützt und damit Sie, liebe Frau Ministerin Dr. Oryakhel, einen Nationalen Aktionsplan zum wirtschaftlichen Empowerment von Frauen aufzustellen. Ein Beispiel unter vielen, wie wir weltweit Partnerländer beraten.

Künftig wollen wir etwa den digitalen Trend nutzen: Denn die IT-Branche wächst rasant, weltweit, sie bietet gute Jobs und viel Entwicklungspotential, gerade für Frauen.

Grundsätzlich denken wir bei allen Programmen die Folgen für Mädchen und Frauen ("Gender-Mainstreaming").

Meine Damen und Herren, ich überlasse jetzt den Frauen das Podium: Frau Ghani, First Lady; Frau Dr. Furtwängler, Ärztin, Schauspielerin, Botschafterin, Stifterin.

Denn die Frauen stehen heute im Mittelpunkt. Und künftig sollen sie ganz selbstverständlich neben den Männern stehen, gleichberechtigt, mit den gleichen Chancen, ihre Talente für eine bessere Welt einzusetzen.

Darum jetzt uns allen eine gute Konferenz.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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