Hauptinhalt

Mai

"Das Überleben der Ärmsten versichern – Entwicklung ermöglichen"


Eröffnungsrede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der G7-Stakeholder-Konferenz am 7. Mai 2015 im Gasometer Schöneberg in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Die Bilder vom Erdbeben in Nepal beherrschen die Presse. Wir sehen die zerstörten Häuser, die Not. Wir sehen: Naturkatastrophen machen mit einem Schlag Entwicklungserfolge zunichte und stürzen Menschen in neue Armut. Was wir oft nicht sehen und darum vergessen: Der Klimawandel ruft immer mehr Naturkatastrophen hervor, große und kleine: Überschwemmungen, Dürren. Von den meisten Katastrophen aber erfahren wir hierzulande nichts. Sie gelten uns als zu regional, zu weit weg und sind deshalb nicht auf unserem Radar. Die Trockenheit in Kalifornien sehen wir noch in der Tagesschau. Aber wer weiß von den Dürren im Senegal und in Mauretanien?

Dabei sagen Wissenschaftler voraus: Das Extreme wird zunehmend das Normale. Und neun der zehn am stärksten betroffenen Staaten sind Entwicklungsländer! 310 Millionen Menschen waren dort in den vergangenen vier Jahren von Naturkatastrophen betroffen – Tendenz steigend. Allein der wirtschaftliche Schaden betrug von 1994-2013 laut "Klimaindex 2015" fast 2,2 Billionen US-Dollar. Vom menschlichen Leid zu schweigen. Diese Zahlen zeigen: Wir müssen über Klimaziele verhandeln – und den Klimawandel begrenzen. Aber wir brauchen auch konkrete Lösungen für die, die schon heute unter ihm leiden.

Gerade die Ärmsten tragen am wenigsten zum Klimawandel bei, aber sie leiden am meisten und können am wenigsten vorsorgen. Der Präsident von Kiribati, Anote Tong, ist heute bei uns. Ihr Land, Herr Präsident, ist im Wortsinne vom Untergang bedroht, wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt. Sie werden uns nachher darüber berichten. Es ist für Menschen in unseren Breitengraden schwer vorstellbar, mit wie viel Risiko Menschen gerade in den ärmsten Ländern täglich leben: Wir als G7 müssen Verantwortung übernehmen: Wir lassen Sie nicht allein! Wir sorgen mit dafür, dass Naturkatastrophen nicht immer wieder zu humanitären Katastrophen werden. Und wir geben eine neue, innovative Antwort auf die Frage, die bei den Klima-Verhandlungen in Paris sicherlich aufkommen wird: Wie kann die Weltgemeinschaft solidarisch mit Schäden und Verlusten durch den Klimawandel umgehen?

Klimarisikoversicherungen schaffen die Möglichkeit, sich gegen Restrisiken von extremen Wetterereignissen zu versichern. Denn was für den einzelnen Menschen oder den einzelnen Staat eine unberechenbares Drama ist, kann für eine Gemeinschaft von Versicherten ein kalkulierbares Risiko werden. Ausgestattet werden diese Versicherungen mit Kapital von Gebern wie Deutschland. Das Ziel ist, nicht weiter Katastrophen zu managen, sondern die Risiken in den Griff bekommen!

Erste Erfolge gibt es schon: Zusammen mit Großbritannien haben wir im vergangenen Jahr der "African Risk Capacity" ins Leben verholfen, mit 100 Millionen US-Dollar. Diese afrikanische Dürreversicherung konnte sofort zeigen, wie sie funktioniert, denn der Versicherungsfall trat ein. Vor etwas über zwei Monaten wurden erstmals Gelder ausgezahlt: 26 Millionen US-Dollar, in Niger, Senegal und Mauretanien. 1,3 Millionen Menschen bekamen Hilfe. Die Vorteile waren hier sofort zu sehen: Das Geld fließt gezielter als normale Nothilfe; denn es gibt vorher genehmigte Nothilfeprogramme. Das Geld fließt schneller als die übliche Nothilfe. Die Betroffenen müssen nicht lange auf Entschädigung warten. Das rettet Leben – und mindert Folgeschäden! Kein Bauer muss sein Vieh schlachten, weil er das Futter selbst zum Essen braucht. Niemand muss die Kinder aus der Schule nehmen, weil alles Einkommen wegbricht. Auch Staaten gewinnen, weil sie nicht plötzlich einen Teil ihres Haushalts für Nothilfe aufbringen müssen. Sie müssen nicht auf Spenden und Unterstützung hoffen. Sie erwerben klare Ansprüche!

Und je mehr ein Staat in Vorsorge investiert, desto geringer das Risiko von Dürreschäden – und desto günstiger die Versicherungsprämie. Ein wichtiger Anreiz ist, etwa dürreresistentes Saatgut zu verwenden oder die Wasserversorgung klimafester zu machen. Ich freue mich sehr, dass die Vorsitzende des Verwaltungsrates der African Risk Capacity hier ist! Liebe Frau Ngozi Okonjo-Iweala, Sie werden uns nachher noch mehr berichten.

Klimarisikoversicherungen zielen nicht allein auf die Absicherung von Staaten, sondern auch auf einzelne Menschen und Unternehmen. Klimarisikoversicherungen sind ein Teil von Überlebensversicherung! Sie befreien aus einem Teufelskreis, denn wer kann und will in Fortschritt investieren, wenn jederzeit alles fortgerissen werden kann? So aktivieren diese Versicherungen langfristige Entwicklungsperspektiven statt kurzfristige Überlebensstrategien. Und sie stärken die Möglichkeit der Regierungen der Länder, eigenverantwortlich vorzusorgen, anstatt im Katastrophenfall auf Hilfe zu warten.

Gemeinsam können wir viel bewegen – das ist auch ein wichtiger Grund für diese Konferenz! Wir wollen und brauchen Ihre Unterstützung! Und wir haben sie auch schon erhalten: Insbesondere danke ich der Munich Climate Insurance Initiative. Versicherungsunternehmen, Zivilgesellschaft und Forschung arbeiten dort sehr innovativ zusammen. Mit öffentlichen Mitteln private Investitionen mobilisieren – Wirkungen vervielfachen – das ist das Ziel! Denn mit Entwicklungsgeldern allein werden die Folgen des Klimawandels nicht aufzufangen sein.

Wir, die sieben großen Industrienationen könnten in gemeinsamer Anstrengung in den kommenden fünf Jahren weiteren 400 Millionen Betroffenen Zugang zu solchen Klimarisikoversicherungen verschaffen. Das wären fünfmal so viele Menschen wie heute! Eine halbe Milliarde insgesamt! Wir würden damit zeigen: Wir werden unserer Verantwortung gerecht, den Menschen dort zur Seite zu stehen, wo der Klimawandel Entwicklung bremst!

Unsere Vision ist eine globale Partnerschaft, mit den G7, mit Entwicklungsländern und anderen Geberländern, mit internationalen Organisationen, mit den betroffenen Regierungen und mit den Menschen. Deshalb wollen wir 150 Millionen Euro bis 2016 für den Aufbau von Klimarisiko-Versicherungen zur Verfügung stellen. Wir hoffen, auch Gelder der G7 Partner, anderer Geber und aus dem Privatsektor zu mobilisieren.

Fast zwei Milliarden Euro stellt Deutschland pro Jahr für den globalen Klimaschutz bereit. Und wir wollen dieses Engagement bis 2020 ausbauen. Ein wichtiger Baustein ist dabei auch der Green Climate Fund, für den wir Ende des vergangenen Jahres bei uns im Entwicklungsministerium die finanzielle Ausstattung eingeworben und gestartet haben. Die Klimarisiko-Versicherung ist jetzt ein weiterer wichtiger Meilenstein.

Ich freue mich, Ihnen jetzt eine Grußbotschaft von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ankündigen zu dürfen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen