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März

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller zur Eröffnung der Konferenz EINEWELT ohne Hunger – Unsere Verantwortung


am 24.03.2015 in der Kalkscheune, Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Wie die Menschheit gelernt hat, ihr täglich Brot zu sichern – das ist eine Geschichte von großartigen Innovationen: von der Erfindung des Pfluges, der künstlichen Bewässerung, der Dreifelderwirtschaft über die grüne Landwirtschaftsrevolution mit Maschinen, Pestiziden, Kunstdüngern bis zur computergestützten Präzisionslandwirtschaft.

Immer mehr Menschen können ernährt werden – von immer weniger Land und immer weniger Bauern. Vor 50 Jahren hatten zweieinhalb Milliarden Menschen ausreichend zu essen. Heute über sechs Milliarden. Die Zahl der Hungernden ist weltweit seit 1990 um knapp 40 Prozent gesunken.

Es gibt viele gute Beispiele, natürlich auch in Afrika, aber bestes Beispiel ist China: In keinem anderen Land der Erde haben jemals so viele Menschen in so kurzer Zeit den Weg aus dem Hunger geschafft. Das Land hat eine Entwicklungsorientierung, die Landwirtschaft ist ehrgeizig und innovationsfreudig, die allgemeine Wirtschaftsentwicklung schafft Arbeit und Einkommen.

Die Welt könnte schon heute alle Menschen satt machen. Es wächst genug Nahrung.

Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. Der andere ist ein Drama und ein Armutszeugnis für die Menschheit:

Noch immer hungern über 800 Millionen Menschen. Drei Viertel davon leben auf dem Land. Viele der Länder, in denen Hunger und Mangelernährung am schlimmsten sind, liegen in Afrika – Burundi, Eritrea, Sudan/Südsudan, Tschad oder Äthiopien –, aber auch in Asien. Diese Länder kämpfen mit vielen Problemen gleichzeitig: Konflikte, Klimawandel oder Bodendegradierung. In einigen Regionen Afrikas wächst die Zahl der Hungernden – gegen den weltweiten Trend.

Zwei Milliarden Menschen sind unterernährt. Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen. Zugleich gibt es – auch in den Entwicklungsländern – immer mehr Fettleibige. Mit allen Problemen – auf die gerade die armen Länder kaum vorbereitet sind. Bis 2050 muss die Nahrungsmittelproduktion um mindestens 60 Prozent steigen, um alle Menschen zu ernähren. In Teilen Afrikas drohen durch den Klimawandel die Erträge in den nächsten anderthalb Jahrzehnten um ein Drittel zu sinken. Regenzeiten kommen nicht mehr verlässlich, fruchtbare Böden schwinden.

So darf es nicht weitergehen. Denn eine Welt ohne Hunger ist möglich!

Wir haben so viel Wissen, so viele Werkzeuge, so großen Wohlstand!

Nun müssen wir noch den Willen aufbringen, ein zukunftsfähiges und menschenwürdiges Ernährungssystem, eine soziale Landwirtschaft, wie es der Papst unlängst formuliert hat, zu schaffen, weltweit.

Ein Ernährungssystem, das allen Menschen ihr Recht auf gute Ernährung gibt und ihnen aus der Armut heraushilft; das Ressourcen und Energiequellen um ein Vielfaches effizienter nutzt und Ökosysteme schont – Beispiel Wasser: 70 Prozent werden allein in der Landwirtschaft verbraucht – meist versprüht! Und ein Ernährungssystem, das sich auf den Klimawandel einstellt und ihn zugleich nicht weiter befeuert.

Eine Welt ohne Hunger ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Darum diese Konferenz: Wir müssen Kräfte vereinen. Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verbände, Wirtschaft, Politik – jeder muss an Lösungen arbeiten, jeder auf seinem Feld. Wir, das BMZ, tragen unseren Teil bei mit der Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger".

Ländliche Entwicklung, Ernährungssicherung und Landwirtschaft sind von der Politik in den letzten Jahren weltweit vernachlässigt worden. Ein großer Fehler. Wir werden jetzt jährlich deutlich mehr als 1 Milliarde Euro bereitstellen, dieses Jahr schon 1,5 Milliarden Euro – doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren; ein Fünftel meines gesamten Haushaltes.

Besser können wir das Geld kaum einsetzen: Jeder Euro für Hungerbekämpfung und für eine ausgewogene Ernährung – vor allem von Müttern und Kleinkindern – sichert Leben und ist Investition in Wohlstand, in Frieden!

In den Krisengebieten sind Sofortmaßnahmen wichtig: Die Not zum Beispiel im Südsudan, Syrien oder in Ost-Kongo ist dramatisch.

Ebenso wichtig sind aber die sogenannten strukturellen Verbesserungen. Wachstum in der Landwirtschaft vermindert Armut mehr als doppelt so stark wie Wachstum in anderen Sektoren. In Subsahara-Afrika sogar 11-mal stärker.

Wir konzentrieren uns vor allem auf Partnerländer in Asien und Afrika. Vor fünfzig Jahren hat Afrika noch Nahrungsmittel exportiert. Heute zahlt Afrika jährlich 35 Milliarden Euro für Importe. Afrika muss sich wieder selbst ernähren können!

Wie ist eine Welt ohne Hunger zu schaffen? Ich will bei der Grundlage beginnen, im wahrsten Sinne des Wortes: Eine Welt ohne Hunger braucht fruchtbare Böden.

Jährlich gehen 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Böden verloren: Er wird versiegelt, verdichtet, vergiftet, versalzen oder schlicht übernutzt. Es braucht tausende von Jahren, bis er sich bildet. Und manchmal nur eine Stunde Starkregen, dann ist er weg.

Es ist Irrsinn: Die Menschheit betreibt einen riesigen Aufwand, um Kilo für Kilo auf den Feldern mehr zu produzieren, und gleichzeitig geht die wichtigste Produktionsgrundlage in unvorstellbarem Maß verloren. Dieses Problem wurde lange völlig vernachlässigt!

Wir helfen ganz konkret, in den am meisten von Bodenerosion betroffenen Ländern unfruchtbare Böden wieder fruchtbar zu machen. Zum Beispiel in Äthiopien: Dort halten kleine Schwellen den Boden bei Starkregen fest und stauen Wasser für Trockenzeiten.

Wir müssen Böden erhalten, um das Klima zu schützen.

55 Milliarden Tonnen Kohlenstoff wurden bisher allein durch Degradierung des Bodens freigesetzt. Und je mehr Boden unfruchtbar wird, umso mehr weicht Landwirtschaft in andere Gebiete aus, umso mehr Wälder werden gerodet. Ein Teufelskreis.

17 Prozent aller Treibhausgasemissionen gehen allein auf das Konto des wachsenden Flächenbedarfs!

Landwirtschaft ist der größte Waldkiller. Entwaldung stoppen heißt also auch: Ackerboden erhalten.

Umgekehrt ist die Landwirtschaft das größte Opfer des Klimawandels, gerade in den meisten unserer Partnerländer. Anpassung ist oberstes Gebot. In Togo zum Beispiel helfen wir bei der Einführung von neuen Soja-Sorten, die robuster und dürreresistenter sind.

In der Landwirtschaft dürfen Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sein. Nur nachhaltiges Wirtschaften hat eine Zukunft.

Landwirtschaft muss klimatauglich sein. Und sie muss – gerade in Entwicklungsländern – deutlich mehr pro Hektar erwirtschaften als heute.

Wie kann das gelingen? Früher hieß Fortschritt: mehr Fläche. Dann: mehr Dünger, mehr Maschinen, mehr Pestizide, mehr fossile Ressourcen.

Heute muss es heißen: Weniger von alledem – und dafür besser! Besseres Saatgut, gezieltere Bewässerung, sparsamere Düngung, weniger Pestizide. Bessere Lagerung, bessere Vertriebswege, informiertere Landwirte. Mehr Forschung und Innovation.

Die Potenziale sind riesig. Sie sind kaum erkannt, geschweige denn erschlossen.

Mit Innovationen meine ich nicht europäische High-Tech-Landwirtschaft. Im Gegenteil.

Erfolgreiche Innovationen müssen einfach, finanzierbar, nachhaltig und standortangepasst sein.
Ein ganz simples Beispiel: Reihenaussaat etwa ist in vielen Gegenden Afrikas noch kein Standard, bringt aber oft höhere Erträge. Auch Tröpfchenbewässerung ist ein Beispiel.

Innovationen müssen bei unseren wichtigsten Partnern ankommen: den Kleinbäuerinnen und -bauern dieser Welt. Und sie müssen aufs Feld gelangen. Das wollen wir im Rahmen der Sonderinitiative mit "Grünen Innovationszentren" unterstützen.

Wir wollen nicht Gebäude errichten, sondern Ideen verbreiten. Ein Innovationszentrum kann auch ein Netzwerk von Institutionen sein, die schon bestehen – und die wir stärken und verbinden. Es wird nicht das Rad beziehungsweise der Traktor neu erfunden. Wir bauen auf das Wissen, die Strategien und die Anstrengungen unserer Partner vor Ort.

Wir wollen helfen, alle zu verbinden, die beitragen können und müssen: globale Institutionen und lokale Akteure. Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Universitäten, Verbände – und natürlich die Bauern.

Ein paar konkrete Beispiele: In Äthiopien werden Maschinenringe gefördert: Kleine Unternehmen vermieten etwa Mähdrescher und schulen die Bauern im Umgang damit. In Sambia tourt künftig ein Saatgutbus. An Bord: neben Saatgut auch Berater, die Auskunft geben über den besten Zeitpunkt der Ernte oder über den richtigen Einsatz von Düngern.

Aber eine Welt ohne Hunger braucht auch soziale, politische, gesellschaftliche, rechtliche Innovationen.

Und gerechtere Strukturen – lokal und weltweit!

Denn Hunger entsteht nicht allein durch zu wenig Nahrungsmittel. Manche Bauernfamilie hungert neben Feldern, auf denen Soja für unsere Kühe wächst. Unglaubliche 30 bis 50 Prozent der erzeugten Nahrung gehen in Entwicklungsländern verloren – weil sie nach der Ernte schlecht behandelt wurden, durch Schädlinge, aus Mangel an Lager- und Transportmöglichkeit.

Einkommensmöglichkeiten, Interessenvertretung, Verarbeitung, Landrechte, Gleichberechtigung der Frauen – auch das sind wichtige Bausteine für eine Welt ohne Hunger.

Wir müssen vom Acker bis zum Teller denken – und vom Acker bis zum Markt! Ländliche Räume müssen in lokale, regionale und internationale Wirtschaftskreisläufe hinein, auf dem Land muss dauerhaft Geld zu verdienen sein! Nur dann kann extreme Armut verschwinden, nur dann bleiben junge Leute, nur dann gibt es auf dem Land eine Zukunft!

In Kamerun habe ich letzte Woche mit unseren Partnern vereinbart, dass wir zentrale Sammel- und Fermentierungsstellen für Kakaobohnen einrichten. Die Qualität wird besser, und die Bäuerinnen und Bauern bekommen einen besseren Preis. In Ghana fördern wir zum Beispiel die Trocknung von Ananasstücken. Das macht das Lagern leichter und eröffnet neue Vermarktungsmöglichkeiten.

Auch die Digitalisierung bietet gerade in Afrika viele Chancen. Mobiltelefone können Entwicklungsmotoren sein:

Beispiel Togo: Dort sammelt ein Agribusiness-Informationssystem auf allen Märkten der Umgebung die aktuellen Preise und trägt sie dann via Internet, Radio und Smartphone zu den Bauern. Die können die besten Preise für ihre Produkte ermitteln. Oder erfahren: Wie wird das Wetter? Wann wird am besten ausgesät, wann geerntet?

Kleinbauern sollen keine Hochrisikounternehmer mehr sein müssen! Dazu müssen sie auch gemeinsam stark werden, ihre Interessen gemeinsam vertreten.

Vor nicht so langer Zeit gab es in Deutschland noch Hungervereine. Später die Raiffeisenbanken, Genossenschaften. Es ist ein wichtiges Ziel unserer Sonderinitiative, Selbsthilfe auf dem Land zu fördern und Bauern zu mehr Handelsmacht zu verhelfen. In Indien unterstützen wir unter anderem zusammen mit dem deutschen Bauernverband die Selbstorganisation der dortigen Bauern. Und ohne Rechte, ohne sicheren Zugang zu Land keine nachhaltige ländliche Entwicklung!

Die Sonderinitiative unterstützt deshalb unter anderem den Aufbau eines Afrikanischen Exzellenzzentrums Landpolitik in Addis Abeba, gemeinsam mit der Weltbank.

Eine der wirksamsten kulturellen beziehungsweise gesellschaftlichen Innovationen gegen Hunger ist: Gleichberechtigung. Frauen brauchen den gleichen Zugang zu Saatgut, Krediten und Grundbesitz wie Männer, dieselben Rechte! So hat ein Projekt unserer Sonderinitiative ein besonderes Augenmerk auf den Zugang zu Landrechten für Frauen.

Kulturelle Faktoren wie mangelnde Rechte sind schwerer zu ändern als ein Bewässerungssystem. Aber sie sind extrem wichtig für eine zukunftsfähige Entwicklung.

Hunger und Mangelernährung überwinden, überall auf der Welt und in allen Formen: Das ist ein Gebot der Menschlichkeit.

Und es ist in unserem ureigenen Interesse. Wir werden alle betroffen sein, wenn wir versagen.
Denn eine Welt mit Hunger ist keine friedliche Welt. Sie verursacht unsägliches Leid. Sie ist Nährboden für Terror und Unsicherheit. Sie treibt Menschen aus ihrer Heimat. Und sie hemmt Entwicklung, weil Menschen mit Überleben beschäftigt sind statt damit, ihre Lebensumstände zu verbessern.

Und eine Welt ohne nachhaltige Landwirtschaft ist keine zukunftsfähige Welt, weil sie auf lange Sicht ihre eigenen Grundlagen zerstört.

Ob der Hunger in der Welt nachhaltig besiegt werden kann – das entscheidet sich auch hier, in unseren industrialisierten Wohlstandsnationen.

Ein Europäer braucht im Durchschnitt jährlich 1,3 Hektar für all das, was er konsumiert. Sechsmal so viel wie ein Mensch in Bangladesch! Über die Hälfte der von uns genutzten Flächen liegen nicht in der EU – unser Konsum basiert also auf den Ressourcen anderer Länder.

Würde die Weltbevölkerung auf dem Niveau der Deutschen konsumieren, bräuchten wir 40 bis 50 Prozent mehr Ackerflächen. Haben wir aber nicht!

30 Prozent aller Lebensmittel landen bei uns im Müll. Nein, ganz direkt könnte davon kein Kind in Afrika satt werden. Aber wie viel weniger müssten wir von anderswo importieren, wie viel weniger würden wir das Klima schädigen! Auch unsere Konsummuster und unsere Wegwerfmentalität müssen auf den Prüfstand.

Wo liegt unsere Verantwortung? Was kann ich tun, allein oder mit anderen? Diese Konferenz ist ein wichtiger Beitrag.

Ab Frühsommer werden in allen Bundesländern Zukunftscharta-Veranstaltungen stattfinden. Heute und morgen geht es um das ganz konkrete Ziel "Eine Welt ohne Hunger". Bis 2030, spätestens!

Für dieses Ziel werden wir uns sowohl beim G7-Gipfel als auch in den Verhandlungen zu den UN-Nachhaltigkeitszielen stark machen.

Wir sind Teil des Problems. Wir müssen Teil der Lösung werden!

Wir können den Hunger besiegen. Wir sind verpflichtet es zu wollen, es ist zynisch, dafür nicht alles zu tun!

Wir brauchen einen Weltzukunftsvertrag, der Menschenwürde und den Erhalt der Schöpfung gleichermaßen sichert.

Nur dann werden unsere Kinder und Enkel eine neue Geschichte erzählen – von der Erfüllung eines Menschheitstraums:

Einer Welt ohne Hunger!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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