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September

EINE WELT – unsere Verantwortung


Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim 3. Internationalen Strategie-Symposium der Hanns-Seidel-Stiftung

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Frau Professor Männle,
meine Damen und Herren,

versetzen wir uns einen Moment lang in die Zeit vor 25 Jahren, Ende September 1989.

Hätten wir zu diesem Zeitpunkt vorauszusagen gewagt, dass nur wenige Wochen später die Mauer fallen und das SED-Regime implodieren würde?

Hätten wir für möglich gehalten, dass nicht mal ein Jahr später die Deutsche Einheit folgen und kurze Zeit später die Sowjetunion auseinanderbrechen sollte, und dass in unserer Nachbarschaft, auf unserem Kontinent wieder Kriege ausbrechen würden?

Hätten wir uns ausmalen können, dass deutsche Soldaten auf dem Balkan an einem Luftkrieg beteiligt sein würden?

Die Bundeswehr im Dauereinsatz am Hindukusch – über ein Jahrzehnt mittlerweile; heute fast schon selbstverständlich "out-of-area"?

Grundlegende Veränderungen.

Dabei ist das Stichwort Nine-Eleven noch gar nicht gefallen. Selbst wenn wir uns nur um vier Jahre zurückversetzen, [in den Oktober 2010] als hier in der Hanns-Seidel-Stiftung das erste Internationale Strategiesymposium stattfand – rasanter Wandel, schwindende Gewissheiten:

Proteste, Aufstände, Rebellionen erschüttern die arabische Welt [seit Dezember 2010] – von einem "Frühling" spricht heute allerdings kaum mehr einer.

Ein stabil erscheinendes Land wie Syrien versinkt in Krieg und Gewalt [Anfang 2011].

EU-Mitgliedstaaten rufen den Internationalen Währungsfonds zur Hilfe, ein EU-Mitglied wird von Akteuren am Finanzmarkt als "Schwellenland" eingestuft.

China steigt – vielleicht noch in diesem Jahr – zur größten Wirtschaftsmacht auf.

Vor neun Monaten haben – ein paar Straßen weiter, im Hotel Bayerischer Hof – der Bundespräsident, der Außenminister und die Verteidigungsministerin bei der Münchner Sicherheitskonferenz über die Herausforderungen der Zukunft gesprochen.

Allein in Frank-Walter Steinmeiers Rede kam seinerzeit das Wort "Ukraine" vor.

Keine vier Wochen später wurden in Europa wieder Grenzen verschoben.

Wer hätte vorhergesehen, dass wir Waffen an die Kurden im Nordirak liefern würden?

Hatte jemand eine Terrormiliz namens "IS" auf dem Schirm, die mit brutalen Mitteln eine ganze Region beherrscht – und auch Europa in Angst versetzt?

Auch Ebola, inzwischen zur "Gefahr für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit" erklärt, war noch kein Thema.

Über künftige außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen sollte man also mit Vorsicht und Bescheidenheit sprechen.

Paradox formuliert: Wir müssen uns auf unvorhersehbare Entwicklungen einstellen und vorausschauend mit Unsicherheit umgehen.

Welche Krisen uns in fünf, in zehn Jahren beschäftigen werden, wissen wir nicht.

Aber wir kennen einige der grundsätzlichen Entwicklungen, die hinter den heutigen Krisen stehen und die unsere Reaktionsmöglichkeiten verändern.

Die Aufzählung ist stichwortartig, die Reihenfolge keine Gewichtung. Denn vieles bedingt oder verstärkt sich gegenseitig:

  • ​Klimawandel und Ernährungskrisen,
  • ​Erosion und Kampf um Wasser,
  • ​Rohstoffverknappung, Bevölkerungswachstum und Megastädte,
  • ​fragile oder zerfallende Staaten,
  • ​asymmetrische und innerstaatliche Kriege
  • ​Ungleichheit von Lebenschancen und weltweite Schulden- und Finanzmarktkrisen,
  • ​Terrorismus und organisierte Kriminalität,
  • ​Flüchtlingswellen, Krankheiten und Epidemien,
  • ​Ideologische Aufladung von Konflikten durch politisch-religiöse Identitäten
  • ​Globale Wertschöpfungsketten und transnational agierende Unternehmen,
  • ​global vernetzte Zivilgesellschaft und neue Kommunikationsformen.

Anderthalb Milliarden Menschen sind derzeit in Afrika, in der europäischen Nachbarschaft und im Nahen Osten von Konflikten betroffen.

Sie leiden unter Bürgerkriegen, Gewalt, über 50 Millionen sind Flüchtlinge, so viele wie seit 50 Jahren nicht mehr.

Unsere Möglichkeiten, diesen Konflikten zu begegnen, verändern sich, weil sich die politischen – vor allem geopolitischen – Kräfte verschieben.

Die G7/G8 haben Konkurrenz bekommen, spätestens seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Neue wichtige Abstimmungsforen wie die G20 treten hinzu, das politische Gewicht der Schwellenländer nimmt zu, neue Allianzen bilden sich.

Eine wie auch immer geartete Weltregierung ist nicht in Sicht, die unsere globalen Probleme lösen könnte.

Die Vereinten Nationen haben nach wie vor Reformbedarf.

Die USA ziehen sich tendenziell aus militärischen Einsätzen zurück, übernehmen nicht mehr automatisch die Führungsrolle und wenden sich nach Asien.

Zugleich steigt der Bedarf an globalen politischen Ordnungsleistungen, gerade bei langanhaltenden Krisen und globalen Gefahren (wer spricht eigentlich noch von Nordkorea, von den weltweiten Gefahren der nuklearen Proliferation?)

Die Umbrüche in der arabischen Welt und im Nahen Osten haben einen Krisenbogen geschaffen, von dem Europa direkt betroffen ist.

Die Krisen in der Welt rücken näher an Europa, an Deutschland heran:

Gefühlt, weil wir im Zeitalter von Internet und sozialen Medien schneller, direkter und umfassender denn je von ihnen erfahren.

Aber auch tatsächlich:

Bis vor kurzem konnten wir uns noch in der Sicherheit wiegen, dass territoriale Konflikte in unserer Nähe Vergangenheit sind.

Mit der Ukraine ist nun der Nachbar eines guten Nachbarn betroffen.

Bislang haben uns Kriege, Staatszerfall, Verschlechterungen der Lebensgrundlagen aufgrund des Klimawandels in weiter entfernteren Regionen wenig tangiert.

Aber die Flüchtlinge, die nun in immer größerer Zahl Zuflucht und Zukunft in Deutschland suchen, stammen zu einem guten Teil aus eben jenen Regionen.

Und auch vor unserer Haustür kann islamistische Gewalt explodieren.

Ich will hinzufügen: Nicht alles ist düster.

Es gibt auch Länder, die Fortschritte machen in Richtung nachhaltiger Entwicklung, sicherer Lebensumfelder, demokratischer Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit – übrigens auch dank kontinuierlicher deutscher Entwicklungspolitik.

Aber das Gefühl, in der Komfortzone zu leben, schwindet. Dahinter steckt, so zynisch es klingt, möglicherweise auch eine Chance.

Indem globale Krisen spürbarer für jeden Einzelnen von uns werden, wächst auch die Einsicht, dass wir uns an ihrer Lösung mehr als bisher beteiligen müssen.

Bundespräsident Gauck, Außenminister Steinmeier und Verteidigungsministerin von der Leyen haben bei der Münchner Sicherheitskonferenz – mit unterschiedlichen, aber immer eindringlichen Worten – mehr außen- und weltpolitische Verantwortungsübernahme Deutschlands angemahnt.

Die darauf folgende Debatte wurde oft verkürzt auf die Frage, ob wir uns mehr als bisher an militärischen Einsätzen beteiligen sollten. Das aber wird den Rednern nicht gerecht und auch nicht der Tragweite dessen, was wir zu diskutieren haben.

Die eigentlichen Fragen sind die des heutigen Strategiesymposiums:

  • Wo liegen die Möglichkeiten, wo die Grenzen unseres Handelns in Krisenregionen?
  • Mit welchen Mitteln kann Gewalt eingedämmt und Entwicklung ermöglicht werden?

Es wird Sie nicht erstaunen, dass ich – wenn ich nach Antworten suche – vor allem durch die Brille des Entwicklungspolitikers schaue.

"Entwicklungspolitik ist internationale Stabilitätspolitik" – dieses Motto der Diskussion hier auf dem Symposium kann ich nur unterstreichen. Entwicklungspolitik hat reiche Erfahrungen bei der Vorbeugung vor Konflikten, bei der Stabilisierung von Gesellschaften in Krisen und nach Krisen.

Aber allzu oft bleibt ihr Beitrag zur Eindämmung oder Verhinderung von Krisen unbeachtet. Das liegt in der Natur der Sache: Sichtbar werden Krisen, nicht aber verhinderte Krisen. Sichtbar wird also nur das Versagen von vorbeugendem Handeln, nicht aber dessen Erfolge.

Hilfe zum Aufbau von Verwaltungen, Krankenhäusern oder sozialer Sicherung zu leisten, Korruption zu überwinden, eine tragfähige lokale Wirtschaft aufzubauen, Versöhnung zwischen Konfliktparteien zu ermöglichen – dieses tägliche Brot von Entwicklungspolitik ist mühsam und oft mit Rückschlägen verbunden.

Ungeduldige Geister fragen: Was macht Ihr da? Was bringt das? Aber Erfahrungen zeigen: Fragile Länder brauchen zwischen 15 und 30 Jahren, also den Zeitraum einer ganzen Generation, um wieder ein solides Gemeinwesen zu entwickeln und funktionierende Strukturen – wenn es denn gelingt.

Wir müssen realistisch bleiben. Und dürfen unsere Einflussmöglichkeiten als externe Akteure nicht überschätzen. Aber wir sollten auch auf Erfolge hinweisen.

"Nichts ist gut in Afghanistan", heißt es ja oft. Doch wenn ich mit dem örtlichen Direktor der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit spreche, dann berichtet er auch von ermutigenden Fortschritten:

Vor dreizehn Jahren hatte noch nicht einmal jeder zehnte dort Zugang zu medizinischer Grundversorgung – heute mehr als vier fünftel der Bevölkerung.

2001 gingen rund eine Million Jungen zur Schule, Mädchen so gut wie gar nicht. Heute sind es über neun Millionen Schüler, davon fast die Hälfte Mädchen.

Hunderttausende haben wieder Zugang zu Trinkwasser. Nicht allein, weil Brunnen gebohrt oder Leitungen verlegt wurden. Vor allem, weil einheimische Techniker trainiert und Behörden in die Lage versetzt werden, sich selbst um den Aufbau zu kümmern.

Früher, entschiedener und substanzieller solle sich unser Land einbringen, so hat es der Bundespräsident formuliert; so wird es nun immer wieder zitiert.

Entwicklungspolitisch engagiert sich die Bundesrepublik seit vielen Jahrzehnten global für die Überwindung von Armut und ein Leben in Würde, für langfristige Stabilität und Sicherheit in der Welt.

Die drei Stichworte früher, entschiedener und substanzieller sind aber wichtige Wegweiser, was besser werden kann, was besser werden muss, gerade mit Blick auf die aktuellen Krisen.

Stichwort "früher": Entwicklungsexperten sind meist schon da, bevor es zu Krisen oder Kriegen kommt. Sie registrieren sehr sensibel, wenn sich Situationen zuspitzen, und können frühzeitig warnen.

Wenn ihre Warnungen denn gehört werden. Oft nämlich ist die Lücke zwischen "early warning" und "action" groß.

So gehört zur Forderung nach dem früheren Engagement für mich auch die Aufgabe, bessere Frühwarnmechanismen zu organisieren und dabei auch die Erfahrungen von Entwicklungsexperten vor Ort zu nutzen.

In Liberia beispielsweise könnte die Ebola-Epidemie ein Jahrzehnt mühsamer Aufbauhilfe zunichte machen, weil Unterstützung zu spät kam. "Entschiedener" heißt für mich: Entscheidungsfindungsprozesse und Zuständigkeiten müssen klarer geregelt sein, damit wir als Europäer in Krisensituationen gemeinsam schneller handlungsfähig sind.

Die Schnelligkeit einer Reaktion darf nicht an komplizierter "Feinabstimmung" scheitern. Und sie darf auch nicht davon abhängen, ob gerade ein Mitglied eine innenpolitische Krise zu lösen hat oder ein anderes sich für ein paar Monate im Wahlkampf oder in der Regierungsbildung befindet.

Ebola ist hierfür wiederum ein drastisches Beispiel. Und auch die Flüchtlingskatastrophe vor den Grenzen Europas. Inzwischen sind fast zehn Millionen Menschen schutz- und hilfsbedürftig, es ist das größte Flüchtlingsdrama seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Bundesrepublik engagiert sich so stark wie kein anderes europäisches Land. Aber angesichts der Zahl von Hilfebedürftigen brauchen wir dringend ein koordiniertes Vorgehen innerhalb der EU. Momentan sind die Zuständigkeiten für die Flüchtlingspolitik auf fünf Generaldirektionen aufgeteilt.

Darüber hinaus werde ich mich weiterhin dafür einsetzen, dass die EU ein Sonderprogramm zur Flüchtlingshilfe in Höhe von einer Milliarde Euro auflegt, um unseren Nachbarn an den Grenzen Europas zu helfen.

Europa hat das Geld. Es müsste von der neuen Kommission gebündelt und die Hilfe koordiniert werden. Das erwarte ich jetzt nach Monaten des Stillstands. Im Europaparlament wird mein Vorschlag schon unterstützt.

Deutschland solle sich substanzieller einbringen – hier sind wir bei den Kernfragen angelangt:

  • Wie viel sind uns Freiheit, Frieden und Stabilität wert? Welche Mittel und welche Infrastruktur stellen wir für unser Engagement in Krisenregionen zur Verfügung?
  • Was kann Deutschlands Beitrag sein, in Europa, innerhalb der NATO – mit einer Bundeswehr, die den Übergang zu einer Berufsarmee zu meistern hat und in vielen Bereichen die Grenze der Belastbarkeit erreicht hat?

Wir werden, davon bin ich überzeugt, die operative Komponente der EU stärken müssen – gerade auch für humanitäre Einsätze.

Wir haben – unter Helmut Kohl gegründet – eine deutsch-französische Brigade; wir haben ein Deutsch-Niederländisches Korps. Könnte nicht – auf diesen Erfahrungen aufbauend – eine europäische Eingreiftruppe für internationale Einsätze entstehen?

Um es klar zu sagen: Ich halte es für richtig, dass Deutschland bei militärischen Einsätzen sehr zurückhaltend ist, sich vorwiegend an humanitären oder Ausbildungsmissionen beteiligt.

Es mag Situationen geben, in denen militärisches Eingreifen sinnvoll und wichtig ist.
Denn Entwicklung braucht ein Mindestmaß an Sicherheit.

Kein Bauer wird sein Feld bestellen, wenn er damit rechnen muss, dass es bald wieder abgebrannt wird.

Kein Kind wird zur Schule gehen können, wenn es Angst haben muss, auf dem Schulweg entführt oder gar ermordet zu werden.

Auch unsere Entwicklungsexperten brauchen ein Mindestmaß an Sicherheit, um arbeiten zu können.

Dauerhaft aber können Soldaten keine friedliche Entwicklung schaffen.

Sie schützen Räume, in denen politische Lösungen verhandelt werden können – und die eigentlichen Zukunftsgestalter arbeiten können: Ärztinnen und Lehrer, Ingenieure und Juristinnen, Landwirte und Unternehmerinnen.

Und das Beispiel Ebola zeigt: Es gibt auch Krisen, in denen es gar keine Gewaltakteure gibt, die man zum Waffenstillstand zwingen oder entwaffnen könnte.

Auch ein Virus kann eine Katastrophe hervorrufen, es kann sich in ganzen Regionen und über die Kontinente hinweg verbreiten, und es kann gerade fragile Gesellschaften wieder um Jahre zurückwerfen.

Ernten können nicht eingefahren werden, Investitionen in diese Länder werden gestoppt, internationale Unternehmen ziehen ihre Mitarbeiter ab. Betriebe und Schulen müssen schließen.

Niemanden, der sich vor Ort auskennt, wundert es, dass sich das Ebola-Virus ausgerechnet in krisengeschüttelten Ländern wie Liberia und Guinea ausgebreitet hat.

Stabile Gesundheitssysteme fehlen dort, und die Menschen haben in jahrzehntelangen Bürgerkriegen das Vertrauen in staatliche Strukturen verloren.

Die Bundesrepublik hat reagiert und in einem ersten Schritt 17 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung gestellt. Gebraucht werden aber vor allem Kapazitäten:

  • mobile Krankenstationen und Labore.
  • Medikamente und Transportmöglichkeiten.
  • Und Menschen: Krankenpflegerinnen, Logistiker, Ingenieurinnen, Seuchenexperten.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich:

Wir haben ein stehendes Heer – warum haben wir nicht auch eine zivile Eingreiftruppe, die in solch einer Krisensituationen parat steht und schnell entsandt werden kann?

Wir sprechen seit mindestens einem Jahrzehnt offiziell über Zivile Krisenprävention. Wir sind uns einig, dass gerade militärische Mandate eingebettet sein müssen in umfassende humanitäre Hilfe, technischen Wiederaufbau, in Maßnahmen zur Stabilisierung von staatlichen Strukturen.

Und doch hat die zivile Komponente bei der Krisenbewältigung von den Mitteln her noch lange nicht den gleichen Rang wie die militärische.

Gute Fundamente besitzen wir, mit Institutionen und Programmen wie dem Zentrum für Internationale Friedenseinsätze oder dem Zivilen Friedensdienst.

Nun sollten wir, gemeinsam mit unseren Partnern in Europa, darauf aufbauen und ein europäisches Krisenreaktionskonzept aufstellen. Es muss Polizei und Ordnungskräfte umfassen, einen Pool von Zivilexperten, die jederzeit abrufbereit sind – und nicht erst einmal auf Widerstand bei ihren obersten Dienstherren stoßen.

Wir brauchen mehr Anstrengung für Prävention. Wir wollen Krisen vermeiden, statt immer wieder aufs Neue Krisen bewältigen zu müssen.

Darum setze ich dem Begriff der "Vernetzten Sicherheit" die "Vernetzte Entwicklung" entgegen. Und darum habe ich – gleich zu Beginn meiner Amtszeit – drei neue Sonderinitiativen gestartet:

  • Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Davon bin ich überzeugt. Und es macht mich wütend zu wissen, dass 800 Millionen Menschen hungern.
  • Zweitens wollen wir Fluchtursachen bekämpfen und Flüchtlinge re-integrieren.
  • Drittens wollen wir zur Stabilisierung in Nordafrika beitragen. Auch in der Ukraine helfen wir mit fast 50 Millionen Euro, der Winter steht schon bald bevor.

Ich weiß, manche mögen es nicht, wenn Entwicklungspolitik allzu sehr in Verbindung mit Außen- und Sicherheitspolitik diskutiert wird. Sie fürchten die Instrumentalisierung.

Aber ich glaube, umgekehrt droht Entwicklungspolitik Bedeutungsverlust gerade dann, wenn sie sich offenen strategischen Debatten verweigert. Sie hat viele wertvolle Erfahrungen einzubringen, gerade in die Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen externer Akteure.

Es wird derzeit viel über Interventionen diskutiert. Nun, auf dem Feld der Entwicklungspolitik finden sozusagen permanent Eingriffe, also Interventionen statt, mit dem Ziel, Situationen zu beeinflussen.

Entwicklungspolitik hat dabei einiges gelernt, was sich weiterzugeben lohnt:

  • dass wir lokale Partner brauchen, wenn eine Intervention langfristig erfolgreich sein soll,
  • dass wir uns mit globalen Partnern abstimmen müssen, um nicht gegeneinander oder nebeneinander zu arbeiten,
  • dass Interventionen mit langfristiger Verantwortung einhergehen.

Die außenpolitischen Debatten, so scheint mir, drehen momentan ganz ähnliche Schleifen, wie sie die Entwicklungspolitik schon seit Jahrzehnten gemacht hat:

Wo sind die Grenzen unseres Handelns?
Was tun, wenn gar keine Partner da sind?
Wenn kurzfristige Erfolge ausbleiben?

Es wird vielfach Desillusionierung geben: der arabische Frühling hat das gezeigt. Der Irak. Liberale Demokratien westlichen Vorbilds entstehen nicht über Nacht. Viele Dilemmata werden bleiben und manche unangenehmen Kompromisse:

Um Frieden, Entwicklung, Stabilität zu ermöglichen, müssen wir auch mit Staaten zusammenarbeiten, mit denen wir nicht übereinstimmen, etwa mit dem Iran. Wichtig sind: eine ehrliche Debatte, Lernfähigkeit. Und immer wieder die kritische Prüfung:

Wo können Stabilisierung erreicht und Menschen geschützt werden? Wo würde eine Intervention eine Situation nur verschlimmern?

Vor allem brauchen wir eine breitere Debatte über die Auslöser von Krisen, Gewalt und Terror.

Sehr oft lautet die Antwort, wenn man sie genauer hinterfragt:

Rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen und Nahrungsquellen, Auseinandersetzungen um den Zugang zu natürlichen Ressourcen, Umweltdegradierung durch den Klimawandel.

Die Mutter in der Sahel-Zone, deren Säugling in ihren Armen verhungert; der Minenarbeiter, der aus Mangel an Alternativen seine heimische Landschaft und seine Gesundheit ruiniert; der junge Fischer aus Westafrika, der sein Leben einem kleinen Boot anvertraut, um nach Europa zu gelangen – sie haben viel direkter mit uns zu tun, als die meisten von uns wissen.

Ziehen wir die Bilder weiter auf: Die seltenen Erden, die der Minenarbeiter zutage gefördert hat, stecken in dem Windrad, das uns hierzulande – sogenannten "sauberen" – Strom liefert.

Fischer können von ihrer Arbeit nicht mehr leben, weil ausländische Fabrikschiffe die Fanggründe leerfischen.

Und die zunehmenden Dürren in Sub-Sahara-Afrika sind auch Folge eines Klimawandels, der von den Emissionen unserer Industrien und unseres Lebensstils befeuert wurde und wird.

Wir haben also auch einen unmittelbaren Anteil an Gefahren und Krisen, die weltweit für Instabilität sorgen und das Leben vieler Menschen beeinflussen.

Und damit auch eine unmittelbare Verantwortung. Nun kennt die Entwicklungspolitik das "Do-no-harm"-Prinzip: Eingriffe sollen nicht ungewollt Konflikte verschärfen.

Weiter ausgelegt, würde es bedeuten: Unseren Lebensstil so zu gestalten, dass wir nicht ungewollt Menschen in anderen Weltgegenden Schaden zufügen. Auch wir müssen uns entwickeln, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Wie kann das geschehen?

Können wir mit unserem Handeln Einfluss darauf nehmen, dass an Produkten, die wir importieren und konsumieren, nicht noch ein zusätzliches, unsichtbares Preisschild klebt: mit den Kosten für menschliche und ökologische Dramen, den Kosten künftiger Krisen?

Ein Beispiel dafür ist das Bündnis für nachhaltige Textilien, das ich im Frühjahr auf den Weg gebracht und das wir im nächsten Monaten schließen wollen. Gemeinsam mit Unternehmen, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und anderen Interessengruppen wollen wir die gesamte Lieferkette durchleuchten.

Vom Baumwollfeld bis zum Bügel wollen wir nachhaltige Produktionsmethoden als Standard. Das sollen die Kunden auch überprüfen können. Ich weiß, das ist nicht einfach. Und dennoch: Wir sind es den anderen schuldig. Wir müssen mit unserer Verhandlungs- und Nachfragemacht verantwortlich umgehen. An der Größe unseres ökologischen Rucksacks zeigt sich doch:

Wir leben noch lange nicht so, dass unser Lebensstil von allen anderen Menschen auf diesem Planeten übernommen werden könnte. Hier sollte dann auch unser Ehrgeiz ansetzen, unser berechtigter Stolz auf deutsche Energieeffizienz, auf technische Innovationen und Umweltstandards: Unser Land hat das Zeug, eine globale Führungsrolle übernehmen: beim Wandel hin zu einer Wirtschaftsweise, die Ressourcen und Regenerationsfähigkeit unseres Planeten nicht übersteigt.

Auch hier kann Deutschland zeigen, dass es bereit ist, sich entschiedener und substanzieller einzubringen!

Das kommende Jahr wird viele Gelegenheiten dazu bieten:

  • Deutschland übernimmt den G7-Vorsitz.
  • In Paris wird – hoffentlich – ein verbindliches weltweites Klima-Abkommen beschlossen,
  • Und die Weltgemeinschaft formuliert – im Rahmen der Vereinten Nationen – neue Entwicklungsziele für die Zeit nach 2015. Entwicklung und Nachhaltigkeit stehen darin gleichberechtigt: als Verantwortung der Menschen untereinander und gegenüber ihren Nachkommen.

Entwicklungspolitik als zukunftsfähige Weltordnungspolitik beginnt also in unserem eigenen Land, vor unserer Haustür, ja gewissermaßen in unseren vier Wänden. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass sich auch bei uns vieles verändern, ja – entwickeln muss. Das ist vielen klar. Mich hat es sehr gefreut zu sehen, wie viele Frauen und Männer, jüngere und ältere, aus allen Bereichen der Zivilgesellschaft sich an der Formulierung der "Zukunftscharta" beteiligt haben, die das BMZ angestoßen hat.

Denn das zeigt: Es lässt viele nicht kalt, dass anderthalb Milliarden unter ihnen in Konfliktregionen leben, in permanenter Unsicherheit. Es ist ihnen nicht gleichgültig, dass die heute lebende Generation – die erste, die den Klimawandel direkt zu spüren bekommt – womöglich auch die letzte ist, die noch umsteuern kann.

Wir werden die Ergebnisse am 24. November im Beisein der Bundeskanzlerin vorstellen – und hoffen auf breite Wirkung. Das Papier trägt die Überschrift "EINEWELT – unsere Verantwortung". Deshalb lassen Sie mich enden mit einem Zitat des amerikanischen Öko-Pionier Lester Brown, damit wir angesichts der schieren Größe der Herausforderungen unseren Optimismus nicht verlieren:

"If You Like Challenges, There's No Greater Time to be Alive." Nun bin ich gespannt auf unsere Diskussion.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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