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September

"Zukunft made in Germany: unsere Chancen, unsere Verantwortung"


Rede von Bun­desentwicklungs­mi­nis­ter Dr. Gerd Müller beim Wirtschaftspolitischen Frühstück der IHK Berlin am 9. September 2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Dr. Eric Schweitzer,
sehr geehrter Herr Jan Eder,

ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einladung zu diesem Wirtschaftspolitischen Frühstück.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor allem freue ich mich, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich mit Ihnen über Zukunft "Made in Germany" austauschen: Über die globalen He­raus­for­de­run­gen, für die wir gemeinsam Ver­ant­wor­tung übernehmen müssen. Aber ebenso über die Chancen, die diese Zu­sam­men­ar­beit bietet.

Denn die Arbeitsfelder der Ent­wick­lungs­po­li­tik betreffen uns alle: unsere und die nachfolgenden Generationen, hier in Deutsch­land und überall auf der Erde.

  • ​Absolute Armut und Hunger sind eine Schande für die ganze Welt, egal wo die Menschen darunter leiden.
  • ​Krieg geht uns alle an, spätestens wenn Menschen vor ihm fliehen und uns irgendwann die Instabilität in scheinbar fernen Ländern einholt.
  • ​Umweltzerstörung und Klimawandel machen nicht an Grenzen halt.

Das sind die Überlebensfragen der Menschheit. Und Ent­wick­lungs­po­li­tik ist ein wichtiger Teil unserer Antwort. ​Ein Leben in Würde ermöglichen, die Welt sicherer und gerechter machen und die Schöpfung bewahren. Das ist der Kern unserer Arbeit.

Den Ärmsten zu helfen ist für mich zuerst eine ethisch-moralische Verpflichtung. Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit liegt aber auch in unserem wohlverstandenen eigenen Interesse. Sie sichert Leben und schafft Chancen.

Unsere Ent­wick­lungs­po­li­tik "Made in Germany" setzt auf starke Partner und starke Werte. Wir wollen passende Lösungen in hoher Qualität anbieten, sowohl in armen und fragilen Staaten als auch in den Schwellen­ländern. Dafür wollen wir die Stärken Deutsch­lands nutzen. Und dazu gehören ganz besonders unsere kraftvolle Wirtschaft und die vielen innovativen Unternehmen.

Deutsche Unternehmen tragen auch im Ausland Ver­ant­wor­tung. Oft spielen sie gerade in Ent­wick­lungs­ländern eine wichtige Rolle bei der Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards. Die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Unternehmen können damit die Produktivität und Qualität erhöhen und Risiken in ihren Lieferketten minimieren. Viele erfüllen sogar deutlich höhere Standards, als vor Ort gesetzlich vorgeschrieben sind. Deshalb ist die Privat­wirt­schaft ein zentraler Partner für das BMZ.

Wir haben eine Servicestelle für die Wirtschaft, die allen interessierten Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Unsere Zu­sam­men­ar­beit feiert dieses Jahr ein besonderes Jubiläum: Seit 15 Jahren fördert die deutsche Bun­des­re­gie­rung Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft. Im Rahmen unseres develoPPP-Programms fördern wir wirtschaftliches En­gage­ment ganz konkret dort, wo unternehmerische Chancen und entwicklungspolitischer Handlungsbedarf zusammentreffen. Dafür gab's vom BMZ über 250 Millionen Euro. Und von den Unternehmen kamen fast 400 Millionen Euro dazu – eine stolze Hebelleistung, die auch den deutschen Steuerzahler entlastet.

Den Unternehmen eröffnet das ganz neue Chancen auf neuen Märkten. Auf Sansibar zum Beispiel haben die Firma Mörk Water Solutions aus Leonberg in Baden-Württemberg und die GIZ eine Meerwasserentsalzungsanlage konstruiert, die die ländlichen Gemeinden selber betreiben können. Die Anlage funktioniert mit Solar- und Windenergie. Und die Menschen erhalten sauberes Trinkwasser für 3 statt 20 Cent pro Liter. In den nächsten 20 Jahren will Mörk dazu beitragen, dass eine Million Menschen in Afrika sauberes Trinkwasser erhalten.

Wenn auch Sie bei develoPPP dabei sein wollen: Viermal im Jahr suchen wir in einem Ideenwettbewerb die besten Projekte, die wir dann fördern. Die aktuelle Runde läuft noch bis zum 30. September.

Unter www.develoPPP.de finden Sie alle Informationen.

In diesem Programm bündeln Ent­wick­lungs­po­li­tik und Unternehmen ihre Kräfte und ihr Know-How, um gemeinsam Lösungen für globale He­raus­for­de­run­gen zu finden. Gemeinsam stärken wir die berufliche Bildung und Beschäftigung, schaffen menschenwürdige Produktions- und Arbeitsbedingungen und schützen Klima, Umwelt und Ressourcen. Und die Unternehmen erschließen sich gleichzeitig neue Märkte.

Mehr als 1.500 solcher Kooperationen in über 70 Ent­wick­lungs- und Schwellen­ländern haben wir seit 1999 auf den Weg gebracht. ​Allein Unternehmen aus der Region Berlin haben bisher von 60 dieser Partnerschaften profitiert.

Doch ich will, dass noch mehr Unternehmen mitmachen. Deshalb unterstützen wir auch weiterhin Wirtschaftskammern und Verbände mit Entwicklungsexperten, so genannten EZ-Scouts. Und mit unseren Experten der GIZ, den AHK's und unseren WZ-Referenten haben wir ein beeindruckendes Netzwerk vor Ort, das auch Sie nutzen sollten.

Unsere Experten bieten:

  • ​hohen Sachverstand;
  • ​präzise Ortskenntnis;
  • ​vertrauensvollen Zugang zu Staat, Regierung und Verwaltung;
  • ​direkten Praxisbezug;
  • ​und sind Anlaufstelle, Transmissionsriemen und Ansprechpartner für die deutsche Wirtschaft und die Politik.

Gerade die Expertise der deutschen Wirtschaft im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung will ich aber noch stärker nutzen. ​So werden wir zum Beispiel neue Berufsbildungspartnerschaften mit der deutschen Wirtschaft in Afrika aufbauen.

​Eine Berufsbildungspartnerschaft planen wir mit Tunesien. Die Bevölkerung in Nordafrika und Nahost ist sehr jung. Eine Sonderinitiative soll die Region stabilisieren und entwickeln, damit die jungen Menschen nicht radikalisiert werden, sondern eine Lebensperspektive haben. Berufsbildung ist dafür ein wichtiges Puzzlestück.

​In Ghana, Kenia, Nigeria und Südafrika unterstützen wir den Aufbau von Kompetenzzentren zu Erneuerbaren Energien und Ener­gie­ef­fi­zienz. Zehn spezielle Innovationszentren wollen wir auch für Er­näh­rungs­siche­rung und ländliche Ent­wick­lung aufbauen. Ich habe im Rahmen einer Sonderinitiative die Mittel für "Eine Welt ohne Hunger" auf eine Milliarde Euro pro Jahr aufgestockt.

Wir haben das landwirtschaftliche Know-how, damit in den Ent­wick­lungs­ländern vom Acker bis zum Teller mehr Wertschöpfung stattfindet. Da ich selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, liegt mir das besonders am Herzen.

Außerdem unterstützen wir Ent­wick­lungs- und Schwellen­länder beim Aufbau ihrer Qualitätsinfrastruktur wie beispielsweise Zertifizierungsstellen oder Prüflabore. So können die Länder in­ter­natio­nale Normen und Gesetze in Zukunft besser einhalten. Das verbessert die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität des Privatsektors und trägt zu Umwelt- und Verbraucherschutz bei. In Indien und Marokko unterstützen wir zum Beispiel Umweltprüflabore.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Themen der Ent­wick­lungs­po­li­tik sind aber nicht nur in fernen Ländern wichtig. Auch hier in Deutsch­land müssen Wirtschaft und Verbraucher Ver­ant­wor­tung übernehmen, damit wir die globalen He­raus­for­de­run­gen lösen können.

Wir können nicht dauerhaft ignorieren, dass unser Planet Grenzen hat. Wir können nicht unbegrenzt seine begrenzten Rohstoffe ausbeuten und ihn weiter verschmutzen, bis kein Platz mehr zum Leben übrig bleibt. Und wir können auch nicht länger auf Kosten anderer billig konsumieren. Wir brauchen ein neues Denken und ein neues Handeln, und zwar vom Staat, von der Privat­wirt­schaft und von jedem Einzelnen.

Nach­hal­tig­keit muss das Prinzip aller Ent­wick­lung, ja allen Tuns sein. Nach­hal­tig­keit heißt, schon heute an die nächste Generation zu denken. Bereit sein, Wohlstand auf der Grundlage unserer Werte neu zu definieren. Wir brauchen qualitatives Wachstum statt immer mehr Ressourcenverbrauch. Fairness und Gerechtigkeit statt bedenkenlosen Konsums.

Ein Beispiel dafür, wie ich mir das vorstelle, ist das Bündnis für nach­hal­tige Textilien. Die Katastrophe in Bangladesch vor einem Jahr mit weit über 1.000 Toten beim Einsturz eines Fabrikgebäudes zeigt, wie dringend das ist.

Kleidung ist etwas, was die Menschen ständig kaufen, genauso wie Lebensmittel. Und so wie die Menschen mittlerweile bei den Lebensmitteln wissen wollen, ob die "bio" oder "fair trade" sind, so soll das auch bei der Kleidung möglich werden. Wenn die Textilbranche gebündelt auf eine ökologisch und sozial nach­hal­tige Produktion besteht, hat sie enorme Macht gegenüber den Zulieferern. Erste Fortschritte bei Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch zeigen das eindrücklich.

Im Frühjahr habe ich zu einem Runden Tisch ins Ministerium eingeladen, um ein Bündnis für nach­hal­tige Textilien auf den Weg zu bringen. Gemeinsam mit Wirtschaft, Verbänden, Gewerkschaften, Nicht­re­gierungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Interessengruppen haben wir uns darauf verständigt, die gesamte textile Lieferkette nachhaltiger zu gestalten. Wir wollen im Oktober einen Fahrplan vorlegen, wie das konkret aussehen soll. Ich zähle darauf, dass die deutsche Textilbranche geschlossen hinter diesen Plänen steht.

Meine Damen und Herren, wir müssen gemeinsam die Ver­ant­wor­tung für unsere Zukunft übernehmen und für die Chancen zukünftiger Generationen. Dafür brauchen wir auch gemeinsame Ziele!

Damit die Menschen in Deutsch­land mitentscheiden können, entwerfen wir gerade unsere Zukunftscharta "EineWelt – Unsere Ver­ant­wor­tung". Gemeinsam mit Vereinen und Kirchen, mit Stiftungen, der Wissenschaft und natürlich der Wirtschaft wollen wir die Leitlinien unserer Arbeit weiterentwickeln.

Ich hoffe, dass von unserer heutigen Veranstaltung weitere Impulse für eine noch intensivere Zu­sam­men­ar­beit ausgehen. Wir wollen die Grundlage legen für eine gerechte und sichere Welt – eine Welt mit menschenwürdigen Lebensperspektiven für alle. Wir wollen unserer Ver­ant­wor­tung gerecht werden und neue Chancen entwickeln. Das kann der Staat aber natürlich nicht alleine bewirken. Dafür brauche ich Ihre Un­ter­stüt­zung.

Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat gesagt: "Kraft macht keinen Lärm, sie ist da und wirkt."

Eine kraftvolle Wirtschaft wirkt ebenfalls, meistens ohne große Töne zu spucken. Und die Menschen spüren die positiven Wirkungen in Form von Arbeitsplätzen und Einkommen im Alltag.

Auch Sie möchte ich dazu ermutigen, die Kraft Ihrer Unternehmen auch außerhalb von Europa einzusetzen.

Mein Ministerium, das BMZ, steht Ihnen dabei gerne zur Seite.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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