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Mai

Landwirtschaft – Impulse für den Strukturwandel


Artikel von Bundes­ent­wick­lungs­mi­nister Dr. Gerd Müller in der Zeitschrift E+Z .

Innovation und Wissens­management sind die treibenden Kräfte für eine leistungs­fähige bäuer­liche Land­wirt­schaft in Ent­wick­lungs­ländern. Das schreibt der Bundes­minister für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung.

 Was wir bei der Gründung unseres ersten grünen Zen­trums in Mali im März erlebt haben, hat unsere ganze Delegation zuversicht­lich gestimmt. Das land­wirtschaft­liche Forschungs­zentrum in Katibougou hat bereits beste Voraus­setzungen, zu einer der Innovations­stätten für land­wirtschaft­liche Erzeugung und Ver­marktung zu werden. Denn darum geht es: Wissenstransfer und Aufbau einer modernen Wertschöpfungskette: von der Nutzung der Böden über die Lagerung der Ernte, über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung an die Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir werden hierzu die bestehenden Ausbildungs- und Forschungs­einrichtungen in Mali gut miteinander vernetzen und das hier gewonnene Wissen im ganzen Land verbreiten.

Damit dieses Wissen aber auch angewandt wird, werden wir es in die vorhandenen Programme und Projekte unserer Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit mit Mali einbetten. Beispiel Bewässerung: Hier besteht ein großes Potenzial, durch innovative Ansätze die Erträge der kleinbäuerlichen Betriebe nach­hal­tig zu steigern und die gesamte Wertschöpfung in der Region – vom Acker bis zum Teller – zu erhöhen. Damit können wir in Mali einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von Armut, Hunger und Mangel­ernährung leisten.

Zehn grüne Zentren

Mein Ziel ist es, in den kommenden Jahren die Ent­wick­lung von mindestens zehn solcher "grünen Zentren" voran­zutreiben, haupt­sächlich in Afrika. Diese Zentren sollen maßgeblich dazu beitragen, die Land­wirt­schaft in diesen Ländern zu moder­nisieren, die Agrar­produktion sozial- und umwelt­verträglich zu steigern, eine dyna­mische länd­liche Wirt­schaft zu fördern und die Bevöl­kerung auf dem Land und in der Stadt mit aus­reichender und gesunder Nahrung zu versorgen. Der Aufbau dieser Innovations­zentren ist ein wichtiger Bestand­teil meiner Sonder­initiative "Eine Welt ohne Hunger". Unter dem Dach dieser Initiative werde ich die deutsche Ent­wick­lungs­po­li­tik stärker als zuvor auf die Bereiche ländliche Ent­wick­lung, Land­wirt­schaft und Er­näh­rungs­siche­rung ausrichten.

Die Hoffnungen, dass sich alleine durch offene Grenzen und in­ter­na­ti­o­nalen Handel der Hunger auf der Welt besei­tigen ließe, wurden ent­täuscht. Im Vertrauen auf die Illusion ewig niedriger Agrar­preise auf dem Welt­markt vernach­lässigten viele Ent­wick­lungs­länder jahrzehnte­lang ihre eigene Land­wirt­schaft und verließen sich auf die preis­werte Einfuhr von Nahrungs­mitteln. Auch die Ent­wick­lungs­po­li­tik hat diesen Bereich vernach­lässigt. Nicht wenige Länder wurden in dieser Zeit von Netto­exporteuren zu Netto­importeuren von Agrar­produkten. Dass dies ein Irrweg war, spürten diese Länder spätestens, als die Welt­markt­preise drastisch stiegen.

Viele Regionen auf der Welt, die heute nicht aus­reichend Nahrungs­mittel produzieren, haben enorme land­wirtschaft­liche Potenziale und bleiben sehr weit hinter ihren Möglich­keiten zurück. Als Minister für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung sehe ich eine meiner Haupt­aufgaben darin, dazu beizu­tragen, diese Potenziale zu erschließen und die Chancen zu nutzen, die in der Ent­wick­lung einer heimischen Agrar- und Ernäh­rungs­wirtschaft zur Über­windung von Armut und Hunger liegen.

In­ves­ti­tio­nen in die Land­wirt­schaft haben laut Welt­bank einen deutlich höheren Effekt auf Armuts­minderung als In­ves­ti­tio­nen in andere Sektoren. Land­wirt­schaft kann der entscheidende Aus­gangs­punkt für umfassende Ent­wicklungs­prozesse in einem Land sein. Aber um diese Wirkung zu erzielen, reicht es nicht aus, lediglich höhere Hektar­erträge zu erbringen. Die Pro­duktivitäts­steigerungen müssen nach­hal­tig sein: Land­wirt­schaft muss Boden­frucht­barkeit, natürliche Wasser­vor­kommen und Arten­vielfalt erhalten, damit auch nachfolgende Generationen sich ausreichend ernähren können. Moderne Anbau­methoden tragen dazu bei, die Folgen des Klima­wandels abzu­mildern. Außerdem zählt letztlich nicht allein die Produktion, sondern es kommt darauf an, voll­ständige "Wert­schöpfungs­ketten" aufzu­bauen. Nur durch eine umfassende Ent­wick­lung von Produktion und Ernte, Lagerung, Weiter­verar­beitung, Transport und Ver­marktung wird sicher­gestellt, dass die Gaben der Natur auch wirklich als Nahrungs­mittel beim Verbraucher ankommen.

Innovation als Triebkraft

Zum Aufbau einer produktiven Agrar- und Ernäh­rungs­wirtschaft in Ent­wick­lungs­ländern, die in der Lage ist, die genannten Chancen zu nutzen, halte ich es für un­verzicht­bar, Inno­vationen zu fördern. Inno­vation ist im Laufe der Zeit zur treiben­den Kraft in der Land­wirt­schaft geworden. Noch in den Jahr­zehnten nach dem Zweiten Welt­krieg war Pro­duktions­steigerung haupt­sächlich eine Sache von mehr Fläche, mehr Wasser, mehr Dünger.

Dies hat sich völlig geändert. Längst ist es nicht mehr der wachsende Einsatz von "Inputs", der den ent­scheiden­den Fort­schritt bringt, sondern das Wissen um deren effi­zienten und effek­tiven Einsatz. Produk­tivitäts­fort­schritt ist dort, wo ange­wandte Züchtungs­forschung betrieben wird, wo Forschungs­ergebnisse im Feld erprobt und über Aus- und Weiter­bildung breit vermittelt werden. Innovation hat dabei nicht nur eine technische Seite. Eine ebenso große Rolle wie die Vermittlung von agrar­wissenschaft­lichem und technischem Wissen spielt die Verbreitung von betriebs­wirtschaft­lichem und organisa­torischem Know-how: Es geht beispiels­weise um die Bildung von Erzeuger- und Vertriebs­gemein­schaften, um Markt­anbindung – und nicht zuletzt auch die Möglichkeit der Selbst­organisation von Land­wirten in Verbänden, die ihnen eine an­gemessene politische Stimme ver­schaffen.

Technische und organisa­torisch-institu­tionelle Inno­vationen begründen gemein­sam eine völlig neue Form von "Grüner Revolution", die den Über­gang vom Leitbild des "producing more" zum Nachhaltig­keits­paradig­ma des "producing more with less" ermöglichen. Und sie schaffen gemeinsam die Voraus­setzung, begrenzte isolierte Fortschritte in einzelnen Teilbereichen der landwirtschaft­lichen Wertschöpfung durch eine um­fassende Ent­wick­lung der gesamten agrarischen Wert­schöpfungs­kette abzulösen.

Das Phänomen des Fortschritts durch Innovation war bislang in den Industriestaaten ausgeprägter als in den Ent­wick­lungs­ländern. Aber auch dort ist unverkennbar, dass die Verbreitung und Anwendung von modernem Wissen und moderner Technik zur wichtigsten Triebkraft und zum bestimmenden Merkmal in Land- und Ernährungswirtschaft geworden sind. Ich sehe es als wichtige Aufgabe für die Ent­wick­lungs­po­li­tik, diesen Trend tatkräftig und konse­quent zu unterstützen. Die bereits genannten Inno­vations­zentren sollen hierbei eine tragende Rolle spielen.

Impulsgeber für Strukturwandel

In den geplanten Innovations­zentren zur Steigerung agra­rischer Wert­schöpfung geht es darum, Forschung, Erprobung, Demon­stration, Bildung, Aus­bildung und Beratung zusammen­zubringen. Idealer­weise bilden diese Zentren ein um­fassendes Cluster von verschiedenen Einrich­tungen der Wissens­gene­rierung und -vermitt­lung, bestehend aus einer Forschungs­einrichtung, verschiedenen Demon­strations- und Ver­suchs­betrieben, einer Land­wirtschafts­schule, dezentralen Aus- und Weiter­bildungs­ange­boten sowie breiten­wirk­samen Beratungs­diensten. Die Zentren sollen entscheidende Impulse liefern für Ertrags­steigerung, Nachernte­schutz, Markt­integration und Erhöhung der Wert­schöpfung vor Ort sowie die nach­hal­tige Nutzung der natür­lichen Ressourcen.

Die Zentren stehen nicht für "Hoch­techno­logie". Vielmehr geht es um die Ver­breitung von praktischem Wissen und Tech­niken, die den lokalen Gegeben­heiten an­gepasst sind, sowie um die Ent­wick­lung eines mo­dernen Berufs­bildes in der Land­wirt­schaft. Auch geht es hier um den gezielten Auf­bau von Be­ratungs­leistungen, um die Lücke zu schließen, die der rigorose Ab­bau von Be­ratungs­diensten in den letzten Jahr­zehnten in vielen Ländern gerissen hat. Die Aus­bildungs- und Beratungs­angebote der Inno­vations­zentren werden auch der – viel zu wenig beachteten – Tatsache Rech­nung tragen, dass Frauen in der Land­wirt­schaft der Ent­wick­lungs­länder eine enorm wichtige Rolle spielen und in der Regel die Haupt­verant­wortung für die Er­näh­rungs­siche­rung in der Familie und der lokalen Gemein­schaft tragen.

Die geplanten Zentren werden keine isolierten Einzel­maßnahmen der Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit sein. Vielmehr bilden sie den Kern eines erweiterten, durch die Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit gestützten Reform­ansatzes zur För­derung länd­licher Ent­wick­lung insgesamt. Auf der einen Seite werden wir die unter­nehmerischen Möglich­keiten der bäuerlichen Familien­betriebe verbessern. Hierzu gehören etwa die Förderung von Erzeuger­gemeinschaften (etwa Genossen­schaften), der Aufbau von Maschinen­ringen und die Erleich­terung des Zugangs zu Agrar­finanzierung und moderner Infor­mations- und Kom­munikations­technologie (etwa Smartphone-basierter Markt­information – siehe E+Z/D+C 2014/02 Seite 67 ff.). Auf der anderen Seite werden wir die Ver­bes­se­rung der Rah­men­be­din­gun­gen für die land­wirtschaft­lichen Betriebe unter­stützen, etwa durch agrar­politische und agrar­handels­politische Regierungs­beratung, Institutionen­förderung, länd­liche Infra­struk­tur und regionales Ressourcen­manage­ment.

Wesent­liche Voraus­setzung für den dauerhaften Erfolg der Inno­vations­zentren und deren ent­wick­lungs­po­litische Wirkung sind der politische Wille und die Eigen­verantwortung der Partner­regierungen. Ähnlich wie in Mali werden wir nun schritt­weise auf weitere Länder zugehen und Vorschläge für eine innovations­getriebene Ent­wick­lung des ländlichen Raumes erörtern.

Dort, wo wir auf Interesse stoßen, werden wir die Inno­vations­zentren gemeinsam mit den Partnern konzipieren und auf­bauen. Die Zentren werden wir nach Möglich­keit aus existie­renden Forschungs-, Bildungs- und Beratungs­strukturen im Land heraus ent­wickeln und in existierende nationale Ent­wicklungs­pro­gramme und Projekte der deutschen Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit einbetten. Wir werden weitere in­ter­natio­nale und deutsche Akteure dazu einladen, gemein­sam mit uns die Agrar- und Ernährungs­wirtschaft in Ent­wick­lungs­ländern durch Innovationen und Wissens­management zu stärken.

Den Beitrag finden Sie auch hier auf der Website der Zeitschrift E+Z.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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