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Mai

"Wir ar­bei­ten weiter und beten für die Mädchen"


Welt­bank­präsident Jim Yong Kim und Entwicklungsminister Gerd Müller im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 17.05.2014:

Fundamentalisten wüten in Nordnigeria. Zugleich predigen Ökonomen: Glauben beflügelt Wachstum. Welt­bank­präsident Jim Yong Kim und Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Müller über Religion und Ent­wick­lung.

Islamisten der Boko Haram entführen in Nordnigeria mehr als 200 Schulmädchen. Die menschliche Tragödie zeigt, wie unsicher das Leben dort geworden ist. Kann man in solchen Ländern überhaupt Entwicklungsarbeit leisten?

Jim Yong Kim : Es ist eine enorme Tragödie. Die Situation in Nordnigeria ist sehr schwierig. Doch das darf uns nicht davon abhalten, unsere Arbeit weiterzuführen. Im Gegenteil. Als multilaterale Orga­ni­sa­tion ist es unsere Aufgabe, dorthin zu gehen, wo es besonders schwierig ist. Wir haben daher verabredet, unser En­gage­ment in konflikt­trächtigen und fragilen Staaten um 50 Prozent zu erhöhen. Wenn andere ein Land verlassen, müssen wir hingehen. Wir arbeiten weiter und beten für die Mädchen.

Nicht nur in Nordnigeria herrscht Gewalt, in Mali, der Zentralafrikanischen Republik und in Südsudan sieht es nicht viel besser aus. Ziehen sich die deutschen Helfer von dort zurück?

Gerd Müller: Unsere Hilfe wendet sich direkt an die Menschen. Wir haben in diesen Krisen­regionen die Zu­sam­men­ar­beit im Gegenteil wieder begonnen und ausgebaut. Deutsch­land engagiert sich jetzt wieder in der Zentral­afri­ka­nischen Republik nach meinem Besuch im März dort. Auch nach Südsudan sind nach meiner Reise die Experten zurück­gekehrt. Wir dürfen uns von Terroristen nicht beeindrucken lassen.

Häufig sind religiöse Motive in diesen Konflikten nur vorgeschoben, tatsächlich handelt es sich um Machtkämpfe. Das sollte nicht von der grund­sätz­lichen Bedeutung der Religion für die Ent­wick­lung von Ländern ablenken. Wissen­schaftler wie Robert Barro und Rachel McCleary sagen, dass damit verbundene Verhaltens­gebote das Wachstum beflügeln. Glauben sie auch an die Kraft solcher Werte?

Jim Yong Kim : Ich bin nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Anthropologe. Ich habe also viel Zeit damit verbracht, die Rolle der Religion auf das Verhalten der Menschen in verschiedenen Kulturen rund um die Erde zu studieren. Max Weber schrieb mit seinem Buch "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" eine großartige Analyse. Gleichwohl ist es sehr gefährlich, zu sehr zu ver­all­ge­mei­nern. Viele Ent­wick­lungs­ökonomen sagten vor einigen Jahrzehnten, dass Südkorea – das Land, in dem ich geboren bin – niemals den Sprung zum Industrie­land schaffen wird. Als Grund nannten sie den Konfuzianismus. Ohne den Geist des Kapitalismus, ohne den Pro­tes­tan­tis­mus oder Katholizismus werde sich das Land nicht entwickeln. Es kam bekanntlich anders. Verschiedene Religionen führen je nach Umständen zu ganz unter­schied­lichen wirt­schaft­lich erfolgreichen Ergebnissen.

Gerd Müller: Religion gibt den Menschen ein Grundvertrauen: Es gibt ein Leben danach. Daraus entsteht ein Verantwortungsgefühl. Man kann sich mit seinem Tun auf Erden nicht absolut setzen, sondern muss anerkennen, dass es ein Danach und ein Darüber gibt. Daraus leitet sich ein Stück Demut im Handeln ab – für Unternehmerinnen und Unternehmer, für Politiker, für jeden Einzelnen von uns. Das gibt Stabilität, auch in den persönlichen Lebens­beziehungen, und damit eine gewisse Grundlage für Erfolg im Leben.

Auffallend ist, dass sich christliche Regionen früher wirtschaftlich entwickelt haben als islamische. Ist das nur Zufall, oder liegt es am Zinsverbot, das die Christenheit schneller beiseitegeschoben hat? Schließlich sorgt der Zins dafür, dass Geld möglichst effizient eingesetzt wird.

Jim Yong Kim : Wir arbeiten eng mit der Islamischen Entwicklungsbank zusammen. Die Leute dort sind sehr kreativ. Sie haben Wege gefunden, wie sie ihre Arbeit ohne einen echten Zins machen können. Sie werden wie Ko-Investoren behandelt. Auch dort weiß man also, dass der Zugang zu Kapital entscheidend für den schnellen Ausbau der Infra­struk­tur und Wachstum ist.

Der Westen glaubt an die Kraft der Demokratie und die segensreiche Wirkung einer offenen, pluralistischen Ge­sell­schaft. Peking legt mit seinem autoritären Politikstil einen bisher recht erfolgreichen Gegenentwurf vor. Sehen Sie Grenzen des gesteuerten Wachstums in China?

Jim Yong Kim : Selbst in der kurzen Zeit, in der ich Chinas Weg beobachte, hat es fundamentale Änderungen in der Art und Weise gegeben, wie China bestimmte Gruppen sieht. Denken Sie nur an HIV und Aids, Menschen mit dem Virus waren stigmatisiert. Unter Präsident Xi hat sich das geändert. Zweifellos wandeln sich dort die Ge­sell­schaft und das wirt­schaft­liche Umfeld sehr schnell. In einer rasant wachsenden Volkswirtschaft ist es sehr schwer, den Zugang zu Informationen zu begrenzen. Die Änderungen, die ich dort sehe, sind ermutigend. Man sollte den Wandel in China nicht unterschätzen, auch wenn er seine Zeit braucht.

Gerd Müller: Ob in China oder andernorts – es gibt verbindende menschliche Grund­werte. Die Würde des Einzelnen ist unantastbar. Zu den ver­bin­den­den Werten gehört auch ein Gerech­tig­keits­emp­fin­den oder die soziale Ver­ant­wor­tung in der Familie zwischen Kindern, Eltern und Großeltern. Diese grund­le­gen­den Werte verbinden die Menschen rund um den Globus. Daraus ergibt sich so etwas wie ein Welt­ethos. Un­ab­hän­gig von politischen oder gesell­schaft­lichen Systemen oder der Religion ist das der Kitt des mensch­lichen Zusammenlebens.

Nun hat China dank der markt­wirt­schaft­lichen Reformen einen Sprung nach vorn gemacht. Braucht so ein Land, das mehr als 3,8 Billionen Dollar Währungs­reserven angehäuft hat, noch Un­ter­stüt­zung?

Jim Yong Kim : Die Weltbank hat sehr klare Regeln. Länder, die unter einem bestimmten Einkommensniveau pro Kopf liegen, sind grundsätzlich berechtigt, Kredite von uns zu bekommen. China liegt noch darunter, deswegen ist die Sache eindeutig. Für die Weltbank ist die Zu­sam­men­ar­beit wertvoll, und wir haben sehr enge Beziehungen. Wir lernen aus den Projekten. Was in China funktioniert, können wir woanders anwenden. Beispielsweise hat China mit großem Erfolg die Boden­erosion bekämpft. Diese Praxis haben wir dann auf Afrika übertragen können. Die Fähigkeit der Chinesen, eine Idee umzusetzen, bringt uns oft weiter. Ein weiteres Beispiel ist eine hochaktuelle Analyse, die wir gerade durchgeführt haben, wie in China sauberere und lebenswertere Städte entwickelt werden können.

Gerd Müller: China hat in den vergangenen Jahrzehnten 300 Millionen Menschen aus der Armut geführt. Hunger ist dort kein Thema mehr. Es bildet sich eine Mittelschicht. Eine medizinische Grundversorgung ist gesichert. Das alles muss man anerkennen. Zugleich steht China noch vor großen He­raus­for­de­run­gen. Deshalb stellen wir unsere Zu­sam­men­ar­beit um. Die Projekthilfe, also dass wir etwas mit deutschem Geld fördern, läuft aus. Stattdessen entwickeln wir strategische Partnerschaften zur Lösung großer Zukunftsbereiche. Dabei geht es um Umwelt- und Klimatechnologien, Mobilität oder Stadtentwicklung. Wir wollen Wissen austauschen. Das stößt auf große Offenheit in China.

Präsident Kim, sie sollen ein gigantisches Riesenstaudammprojekt im Kongo befürworten. Haben Sie keine Angst vor einem weißen Elefanten, wie Monumente des Scheiterns in Afrika genannt werden?

Jim Yong Kim : Das ist kein einfaches Projekt. Aber um die Dimension zu verstehen, nenne ich Ihnen ein paar Zahlen: Ganz Subsahara-Afrika kann momentan 80 Gigawatt Strom produzieren. Allein durch diesen Damm kommen 40 bis 45 Gigawatt hinzu. Die Kapazität wird also um 50 Prozent erhöht. Wenn wir das schaffen, muss Afrika nicht auf Kohle zurückgreifen. Es ist die beste aller Möglichkeiten, wenn wir die Stromversorgung Afrikas sichern und das Klima schützen wollen. An keinem anderen Ort der Welt haben Sie eine solche Landschaftsformation, die ein solches Projekt mit einer so großen Stromleistung erlauben würde. Es gab auch früher Großprojekte, die am Ende bestens funktioniert haben. Denken sie nur an den Suezkanal.

Man hört manchmal, dass Projekte in Afrika scheitern, weil sich die Fachleute aus dem reichen Norden nicht um religiöse Tabus kümmern. Nehmen Sie solche Probleme ernst und führen entsprechende Studien durch?

Jim Yong Kim : Wir haben die robustesten Sozial- und Umweltstandards und achten sorgsam auf die lokalen Bewohner. Wir haben noch nicht alle Studien vorliegen, aber wir werden sie auf jeden Fall durchführen. Der Staudamm dürfte, gemessen an seiner Größe, relativ geringe Folgen für die unmittelbare Umgebung haben.

Gibt es Aufgaben, bei denen Deutsch­land und die Weltbank mehr zusammenarbeiten wollen?

Gerd Müller: Präsident Kim hat das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 eine Welt ohne extreme Armut zu schaffen. Ich habe mit "Eine Welt ohne Hunger" eine Initiative genau zu diesem Ziel gestartet. Dieser Planet kann 10 Milliarden Menschen ernähren. Es ist eine Schande, wenn wir heute Menschen verhungern lassen, obwohl wir die Möglichkeit hätten, ihnen durch Innovationen und In­ves­ti­tio­nen in den ländlichen Raum zu helfen. Ich freue mich, dass wir gemeinsam ein Projekt in Afrika durchführen wollen. Damit können wir vorbildhaft aufzeigen, wie man auf dem Land nach­hal­tig wirtschaftet. Diese Überlebens­frage der Menschheit ist unser erster Schwerpunkt. Der zweite ist der Schutz von Umwelt und Klima. Wir wollen gemeinsam in das Energie­management und die Ressourcen­partner­schaft investieren. Wir machen das nicht nur in Afrika, sondern auch in den Schwellen­ländern China, Indonesien und Indien.

Jim Yong Kim : Ich bin sicher, dass unsere gemeinsame Expertise zu einer starken Zu­sam­men­ar­beit führen wird.

Das Gespräch führte Manfred Schäfers.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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