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Dezember

"Entwicklungspolitik ist nicht weit weg"


Interview des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn mit E&W, der Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW, erschienen in Ausgabe 12/2015.

Die Zeitschrift können Sie hier herunterladen (PDF 6,34 MB)

E&W: "Stellen Sie sich jeden Tag die Frage, wie sich Ihr Handeln auf unsere Welt auswirkt", appelliert Ihr Ministerium an die Menschen. Ziemlich viel verlangt!

Thomas Silberhorn: Ganz im Gegenteil. Noch nie waren wir auf unserem Planeten wechselseitig so eng verflochten. Auf denselben Containerschiffen, auf denen Millionen neuer Handys zu uns kommen, transportieren wir unseren Elektroschrott nach Afrika. Wir kaufen hier das T-Shirt oder die Jeans zum Schnäppchenpreis. In Bangladesch kann die Näherin vom Lohn ihrer Arbeit ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Das zeigt doch: Entwicklungspolitik ist nichts, was weit weg ist. Sie fängt bei jedem von uns selbst an. Darum geht es in unserer Zukunftscharta. Diese globalen Zusammenhänge müssen wir erklären.

E&W: Was erwarten Sie da vom Bildungswesen?

Thomas Silberhorn: Schulen sind der Ort, an dem Kinder und Jugendliche mehr über globale Wechselwirkungen erfahren können. Dieses Wissen gehört zu einer Erziehung zu verantwortungsbewusstem Handeln. Heute sind Kinder und Jugendliche international vernetzt. Sie lernen Fremdsprachen ganz selbstverständlich und sind nach meiner Erfahrung sehr an entwicklungspolitischen Themen interessiert. Wenn unser Zusammenleben auf der Erde auch künftig noch funktionieren soll, benötigen wir mehr Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen. Dafür müssen wir Verständnis entwickeln.

E&W: BMZ und Kultusministerkonferenz (KMK) haben 2007 einen "Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung" beschlossen und im Juni 2015 fortgeschrieben. Worum geht es da?

Thomas Silberhorn: Mit dem Orientierungsrahmen wollen wir den "Lernbereich Globale Entwicklung" in erster Linie über
die Unterrichtsfächer und damit die zugehörigen Fachdidaktiken im Zentrum der Schule verankern. So schließt sich eine Lücke in Konzept und Praxis der BNE und des globalen Lernens, soweit diese überwiegend auf außerschulische
Projekte und Aktivitäten zielen. Für Partner aus der Zivilgesellschaft ist der Orientierungsrahmen Leitlinie für die Zusammenarbeit mit Schulen. Er enthält auch Hinweise für ihre Profilbildung und macht Vorschläge, wie das Lernumfeld und das Schulleben im Sinne einer "nachhaltigen Schule" gestaltet werden könnte.

E&W: Was hat er bisher bewirkt?

Thomas Silberhorn: Globales Lernen, das wir als Teil der Bildung für nachhaltige Entwicklung verstehen, ist heute stärker in den Bildungsstrukturen verankert. Das geht aus einer Auswertung unseres Orientierungsrahmens hervor. Aber das ist natürlich alles noch ausbaufähig. Wir wollen etwa die Lehrkräfteausbildung noch stärker auf nachhaltige Entwicklung fokussieren. An den Schulen des ganzen Landes wird dieses Thema übrigens schon durch die vielen geflüchteten Kinder und Jugendlichen stärker in den Blick geraten. Durch sie werden globale Fragen ganz automatisch auf den Schulhof und in die Klassenzimmer getragen.

E&W: Welche Rolle spielt dabei Ihr Ministerium?

Thomas Silberhorn: Die primäre Zuständigkeit für schulische Bildung liegt bei den Bundesländern. Wir können diese im Rahmen unserer Aufgaben koordinierend unterstützen. Das tun wir in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, die wir gemeinsam mit den Ländern vor allem an den Schulen weiter ausweiten wollen. Wir fördern beispielsweise Begegnungen deutscher Schulen und Lehrerbildungseinrichtungen mit Partnern aus Entwicklungsländern. Wir unterstützen den Schulwettbewerb des Bundespräsidenten Joachim Gauck zur Entwicklungspolitik und den Wettbewerb "Dein Song für Eine Welt". Damit erreichen wir Tausende Jugendliche. Wir werden auch am "Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung" intensiv mitarbeiten und uns am "Nationalen Aktionsplan" beteiligen, gemeinsam mit gesellschaftlichen und staatlichen Partnern.

E&W: "Globales Lernen" trägt an Kinder und Jugendliche den Anspruch heran, sich zu Problemen zu verhalten, deren Dimension jeden individuellen Handlungsrahmen sprengt. Wie lässt sich vermeiden, dass daraus Frustrationen entstehen?

Thomas Silberhorn: Kein Mensch kann alleine handeln. Aber jeder kann etwas tun. Wir wissen nur noch zu wenig darüber, wie wir im Alltag auf globale Prozesse Einfluss nehmen können. Deshalb ist es uns auch so wichtig, dass wir die Zukunftscharta als Dialogprozess begreifen. Mit unserer "ZukunfsTour", die derzeit durch alle Bundesländer führt, gehen wir auf die Menschen zu. Wir möchten mit ihnen ins Gespräch kommen über fairen Konsum, faire Kleidung, Klimaschutz. Und selbstverständlich geht es immer wieder um die Frage: Was sind die Ursachen, warum 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind?

E&W: Haben Sie eine Idee, wie Deutschland im Sinne einer Zukunftscharta 2030 aussehen könnte?

Thomas Silberhorn: Es sollte ein Land sein, in dem wir bewusster einkaufen, um fairen Handel weltweit zu fördern. Dessen Bürgerinnen und Bürger die Erde nicht mehr in Erste, Zweite, Dritte Welt aufteilen, sondern sich bewusst sind, dass es nur eine Welt gibt, für die wir gemeinsam Verantwortung tragen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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